Psalm 78 - "Doch sie versuchten ihn und trotzten Gott, dem Höchsten"Der Psalter als Buch des Messias

Geschichte wiederholt sich nicht, aber bei bestimmten Entwicklungen hat man doch den Eindruck eines Déjà-vu - und man fühlt sich aufgefordert, alte Fehler nicht zu wiederholen. Dazu mahnt der Dichter von Ps 78 Gottes Volk.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Psalm 78 ist nach Ps 119 der längste Psalm im Psalter, inhaltlich ein Geschichtspsalm, der die Geschichte Gottes mit Israel meditiert, kein Gebet im Du, sondern ein Lehrgedicht für Israel. Die Überschrift fügt den Psalm bei den Asaf-Psalmen ein (Ps 50, 73-83). Ps 77 hatte geendet mit der Hirtenführung von Mose und Aaron, Ps 78 endet auf das Hirtenamt Davids.

Das Gedicht beginnt mit einer Anrede in V. 1 (Du/Ihr) und spricht in der 1. Person (Ich/Wir: V. 1-5). Der Dichter kündigt in V. 1 sein Gedicht als Tora ("Weisung") an, als Belehrung, die von Gottes Tora (V. 5, 10) handeln würde. "Tora" in V. 1, 5, 10 ist das tragende Stichwort. Der Prolog endet mit V. 11. Er gibt zugleich die Stichwörter "Wunder" (V. 4, 11), "Jakob/Israel" (V. 5) und "JHWH" (V. 4), "Gott" (V. 7,8,10) als tragende Pfeiler an – sie werden das Gedicht strukturieren. Achtmal Elohim, siebenmal El, dreimal Eljon ("Höchster"), zweimal JHWH und einmal "Herr" (V. 65) sowie "der Heilige Israels" (V. 41) sind genau 22 Gottesnennungen nach der Zahl des hebräischen Alphabets. Hier wird Gottes Geschichte mit Israel durchbuchstabiert.

Wunder und Belobigungen

Inhaltlich fällt auf, dass die Geschichtsbetrachtung in V. 12-31 in Ägypten ansetzt und bis zur Wüstenwanderung geht, dann aber in V. 40-72 zurückgeht und erneut in Ägypten ansetzt, um bis zur Landnahme und zu Davids Königtum voranzuschreiten. Dazwischen sind die V. 32-39 eine Grundsatzreflexion, keine konkrete Geschichtsbetrachtung. Das auffällig doppelte Ansetzen in Ägypten wird formal markiert durch die zweimalige Nennung der ägyptischen Stadt "Zoan" in V. 12 und 43. Das "Gefilde Zoans" ist ein Ausdruck für das Land Ägypten, der das Gedicht strukturieren will: Von Zoan (V. 12) und neu ansetzend noch einmal von Zoan (V. 43) nach Zion (V. 68), das ist die Gedankenführung des Psalms in zwei Hälften nach dem Prolog.

Die Stichwörter "Wunder" in V. 12 und 32 und "Jakob"/"Israel" in V. 21 und 31 gliedern die erste Hälfte in drei Strophen: V. 12-20; V. 21-31, V. 32-39. nach der Grundsatzreflexion V. 32-39 folgen erneut zwei Strophen: V. 40-55 ("Israel" in V. 41 und 55) und V. 56-72 ("Israel" in V. 59 und 71). Die Verteilung der Gottesbezeichnungen ist gewöhnlich so, dass neben mehrfachem "Gott" (El und Elohim) pro Strophe meist noch eine andere Bezeichnung hinzutritt: im Prolog war es JHWH (V. 4), in Strophe I "der Höchste" (V. 17), II JHWH (V. 21), III "der Höchste" (V. 35), IV "der Heilige Israels" (V. 41), V "der Höchste" (V. 56) und "Herr" (V. 65).

P: 1-11 Jakob/Israel, Wunder, Lob/Zeugnis
III Reflexion: 32-39 Wunder

I: 12-20 Wunder, Zoan
IV: 40-55 Israel Zoan

II: 21-31 Jakob/Israel
V: 56-72 Jakob/Israel Zion Zeugnis/Lob

Die Stichworte "Lob" und "Zeugnis" in V. 4f. und 56.63 (Prolog/letzte Strophe) rahmen das Gedicht chiastisch, denn mehr als Anklage Israels ist der Psalm ein Zeugnis und Lob Gottes durch die Geschichte.

Der Prolog spricht Gottes Volk an und kündigt das Gedicht als "Weisung" an, als "Tora". Vielleicht folgen deswegen noch fünf Strophen nach der Zahl der Bücher der Tora des Mose. Die Mosetora wird in V. 5 und 10 erwähnt. "Sprichwort" kündigt die poetische Form in Versen statt einer Prosaerzählung an, "Rätsel" vielleicht den Inhalt, das unerklärliche Missverhältnis von Gottes Wundertaten zu Israels Rebellionen gegen Gott. Der Dichter macht mit dem permanenten Wechsel der Stichwörter "Väter" (oder "Eltern") und "Kinder" in V. 4-9 klar, dass es ihm um eine generationenübergreifende Lehre geht, die aus der Geschichte zu ziehen sei. Die Erwähnung der Unzuverlässigkeit Efraims in V. 9 kündigt die schließliche Verwerfung des Nordreichs in V. 67. an.

Von den Gefilden von Zoan zum Zion

Die erste Strophe nimmt in V. 12 aus V. 11 die Rede vom "Wunder" auf und beginnt mit den Wundern, die Gott in Ägypten getan hat. Neben dem Landesnamen "Ägypten", der hier in V. 12 fällt und erneut beim Neueinsatz in V. 43, steht der Name der Stadt Zoan. Zweimal setzt der Dichter im "Gefilde von Zoan" an (V. 12 und 43), um zum "Zion" hinzuführen (V. 68). Für die Wahl der Stadt Zoan war der Gleichklang mit "Zion" entscheidend. Zoan lag im östlichen Nildelta nicht weit von Memphis (Jes 19,11.13; 30,4), der Hauptstadt des Alten Reiches. Dort tat Mose seine Wunder vor Pharao.

Die erste Strophe fasst die Wasserwunder zusammen: die Spaltung des Roten Meeres für den Durchzug Israels und die Vernichtung des ägyptischen Heeres (Ex 14-15) und die beiden Erzählungen vom Trinkwasser, das Mose aus dem Felsen beim Wüstendurchzug schlug (Ex 17 und Num 20). Der Psalm setzt die Felsen in den Plural und sagt in V. 15 "Felsen" (wie Ex 17,7) und in V. 16 "Gestein" (wie Num 20,8.10). Alle drei Wunder waren mit Murren Israels verbunden (Ex 14,11.12; 17,2-3; Num 20,2-5). Anknüpfend an die Wasserwunder, provozieren sie das Manna- und Wachtelwunder, an das sie nicht glauben wollen (V. 18-20; Ex 16; Num 11).

Die zweite Strophe ist umgrenzt von "Jakob/Israel" in V. 21 und "Israel" in V. 31 und "JHWH/Gott" in V. 21-22 und "Gott" in V. 31. Ihr Inhalt sind die in der vorangehenden Strophe geforderten Wunder der Fleisch- und Brotversorgung in der Wüste (Ex 16; Num 11). Mit dem "Brot von Starken" (V. 25) ist durchaus so etwas wie das Brot der Engel gemeint (so die altgriechische Übersetzung Septuaginta und die lateinische Vulgata). Beim ersten Brot- und Fleischwunder in Ex 16 folgte noch kein göttlicher Zorn. Als sie aber in Num 11 schon wieder an Gottes Fürsorge zweifelten, beantwortete Gott die Versorgung mit Manna und Wachteln mit einem Aufbrausen seines Zorns gegen die Ungläubigen:

Sie hatten aber das Fleisch noch zwischen den Zähnen, es war noch nicht gegessen, da entbrannte der Zorn des Herrn über das Volk, und der Herr schlug das Volk mit einer bösen Plage. (Num 11,33)

Selbst die Wohlgenährtesten ("Feisten") und Jugendkräftigsten ("Jungmänner") wurden trotz Ernährung hingerafft.

Göttlicher Zorn wider den Götzendienst

Die dritte Strophe setzt in V. 32 wieder mit dem Begriff "Wunder" ein und erstreckt sich bis V. 39. Sie reflektiert über das rätselhafte Hin- und Her zwischen den Wundertaten Gottes und Israels Unglauben. Gott musste die Auszugsgeneration in der Wüste sterben lassen (V. 33; vgl. Num 14,22f). Seine wunderbare Fürsorge schaffte es nicht, sie zum Bund Ex 24 stehen zu lassen (V. 37). Wenn er dagegen mit Katastrophen dreinschlug, kehrten sie scheinbar reumütig um (V. 34, "Not lehrt Beten"). Das war aber weder echt noch anhaltend (V. 36-37). Er jedoch, der schon nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb sich selbst als erbarmungsvoll definiert hatte (Ex 34,6), hat öfter seinen Zorn zurückgehalten als gezeigt (V. 38). Nicht ihre angebliche Reue war der Grund, sondern sein Mitleid mit ihrer Hinfälligkeit ("Fleisch") und Unbeständigkeit ("Geisthauch").

Die vierte Strophe (V. 40-55) ist wieder vom Namen "Israel" umgrenzt (V. 41, 55) und nennt zu Beginn "Gott" und den "Heiligen Israels". Sie setzt erneut in "Ägypten" und "im Gefilde Zoan" an (V. 43). Ihr Inhalt sind die Plagen gegen Ägypten in Ex 7-12. Die Reihenfolge folgt nicht der Tora. V. 44 beginnt mit der ersten Plage, der Verwandlung von Wasser in Blut, die alles untrinkbar machte (Ex 7,15-24). V. 45 schließt die vierte und zweite an: Ungeziefer (Ex 8,17ff) und Frösche (Ex 8,1ff), die dritte Plage, Stechmücken (Ex 8,12-15) fällt aus oder wird mit dem Ungeziefer zusammengefasst. V. 46 nennt die Heuschreckenplage (Ex 10,4ff), die achte, V. 47 mit dem Hagel die siebte (Ex 9,18ff). V. 50 nennt die "Seuche", damit ist zunächst die Viehseuche in Ex 9,3 bezeichnet, die fünfte Plage, vielleicht aber auch die Geschwüre an Mensch und Vieh, die sechste in Ex 9,8ff gleich mit. V. 51 schließlich handelt von der Erschlagung der Erstgeburt Ägyptens in Ex 12, der zehnten Plage.

So sind mit den acht genannten vielleicht auch zwei weitere impliziert. Der Anfang mit der ersten und das Ende mit der zehnten sind gewahrt. Gott hätte seinen Zorn immer nur gegen Israels Feinde wenden wollen (V. 49f), aber leider ging das nicht. V. 52 spricht vom Auszug aus Ägypten (Ex 14). Der Name Ham (ein Sohn Noachs) für Ägypten wird in Gen 10,6 genannt und auch in Pss 105,23.27; 106,22. Die V. 52-54 besingen den Auszug und die Landnahme. Um das Rahmenwort "Zion" nicht zu früh zu bringen, sagt V. 54 einfach "Berg".

Die fünfte Strophe nennt zunächst das Rahmenstichwort "Zeugnis" und die Gottesbezeichnungen "Gott", "Höchster", dann in V. 59 erneut "Gott" und in V. 65 "Herr". Thema ist das Leben im Land. Der Unglaube während der Wüstenwanderung setzt sich hier fort als Götzendienst. Das führte zunächst zur Verwerfung des Heiligtums von Schilo (1 Kön 2,27; Jer 7,12.14; 26,6.9), die Auslieferung der Bundeslade an die Philister (V. 61; vgl. 1 Sam 4; Ps 132,8) – alles eine Vorankündigung der Eroberung Samarias und des Untergangs des Nordreiches (V. 62-67). Dagegen erlaubte er den Assyrern nicht, Jerusalem zu erobern (V. 65-66; vgl. 2 Kön 18-20), denn David und sein Stamm Juda bleiben übrig als erwählter Rest (V. 68-72). Mt 13,34f wendet V. 2 auf den Davidsohn an, Joh 6,31 zitiert V. 24.

Theologiegeschichtlicher Nachtrag

In V. 22 und 32 spricht der Psalmist vom "Glauben an Gott" und "an seine Wunder". Die alten Griechen und Lateiner kannten das Wort "glauben" nur mit Dativ und Akkusativ: "Ich glaube etwas" (Akkusativ) bezeichnet den Glaubensgegenstand, "ich glaube jemandem" (Dativ) den Glaubensgrund. Das Hebräische hat noch eine dritte Möglichkeit: "ich glaube an dich/an das" (ha'amin be). Im klassischen Griechisch und Latein war es unmöglich, diese Konstruktion nachzuahmen. Im Hebräischen bedeutet "ich glaube an dich" viel mehr als nur "ich glaube dir": "Weil du der bist, der du bist, glaube ich an dich. Du bist der Gegenstand und der Grund meines Glaubens."

Die altgriechischen Übersetzer haben es lange nicht gewagt, die hebräische Konstruktion im Griechischen nachzuahmen. Sie übersetzten mit Dativ "jemandem glauben", wo es im Hebräischen hieß "an jemanden glauben" (Ex 14,31; 19,9; Num 14,11; Dtn 1,32; 28,66). Dabei wussten sie sehr wohl, dass die griechische Wiedergabe nicht ausdrückte, was der hebräische Text besagte, aber sie sahen sich an die griechische Grammatik gebunden. Erst sehr spät wagten sie es, gegen alle Gesetze der griechischen Syntax den Hebraismus nachzuahmen und zu sagen "sie glaubten nicht an Gott (en) … an seine Wunder" (Ps 78,22.32; 106,12; Mi 7,5). Das war "Judengriechisch", weil die Juden den Ausdruck brauchten, um ihren Glauben auszudrücken. Später, im Neuen Testament sagen die Evangelisten hemmungslos "an Gott und Jesus glauben" (Joh 14,1, griechisch eis).

Vermutlich ist die ungriechische Formulierung in Ps 78 zum ersten Mal verwendet worden. Wo immer nun die israelitische Religion eine Kultur und Sprache durchformte (jüdisch oder christlich), war der Hebraismus jetzt normgerecht und die Christen bekennen im Credo "credo in unum Deum", was bei Cicero noch Kopfschütteln ausgelöst hätte, aber ein Erfordernis des Glaubens Israels war. Papst Gregor d. Gr. wird später schreiben: "ich halte es für ausgesprochen unangebracht, dass ich die Worte der himmlischen Offenbarung einenge unter die Regeln des Donatus [der damaligen Schulgrammatik]" (ep. V).

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