Der Beter von Psalm 77 meint, Gottes Volk sei von Gott verlassen. Er führt die Not aber nicht weiter aus, ja bittet nicht einmal um ihre Behebung. Er ringt um Gott selbst, von dem er den Eindruck hat, er sei ein anderer geworden als der, den er in jungen Jahren kannte. Das verzweifelte Gebet beginnt mit
V. 2 meine Stimme, meine Stimme V. 3 meine Hand
Und so endet es auch:
V. 18f. (Gottes) Stimme, Stimme V. 21 Hand
Am Ende antwortet Gott auf des Beters doppelten Ruf. Die Überschrift nennt neben Asaf (so Ps 50 und 73-83) dann auch "Jedutun" wie in den Pss 39,1; 62,1.
1 Für den Musikmeister: An Jedutun, von Asaf ein Instrumentallied.
Nach 1 Chr 25,1-6 richtete David drei Tempelmusikergilden ein: Asaf, Heman und Jedutun. Die Überschrift kann so verstanden werden, dass Asaf sein Lied an Jedutun, den Musikmeister, zur Aufführung übergibt.
2 Meine Stimme zu Gott hin, dass ich schreie, meine Stimme zu Gott hin, dass er (ganz) Ohr sei zu mir hin.
3 Am Tag meiner Bedrängnis suchte ich den Herrn, meine Hand – des Nachts ist sie hingegossen und will nicht nachlassen. Es weigerte sich, sich trösten zu lassen, meine Kehle.
4 Will ich gedenken Gottes, dann muss ich stöhnen, muss ich grübeln, dann will verzagen mein Geist. Sela
"Ich überdachte Tage von früher, Jahre vor Ewigkeiten ..."
Des Beters Stimme wird zum Schrei, der will, dass Gott ganz Ohr werde. Tag und Nacht grübelt der Beter über Gott nach. Er erhebt seine Stimme, er will auch seine Hand in Orantenhaltung zum Gebet heben, aber sie sinkt ihm kraftlos dahin. Seine schluchzende Kehle lässt sich nicht trösten. Er denkt darüber nach, wie er Gott früher erfahren hat und stöhnt auf. Er grübelt über Gott nach, versteht ihn aber nicht mehr.
Die Wortfolge "gedenken – grübeln – Geist" in V. 4 wiederholt sich in V. 7 und ohne "Geist" in V. 12-13 und bildet so die drei Strophen V. 2-4, 5-7, 11-13. Die Strophe V. 8-10 kreist nicht ums "Gedenken", sondern ums "Vergessen" (V. 10) und besteht aus einem Fragenkatalog.
Die zweite Strophe führt das Grübeln vor – es geschieht vor allem nachts:
5 Du hast festgehalten meine Augenlider, ich bin aufgewühlt und kann nicht reden.
6 Ich überdachte Tage von früher, Jahre vor Ewigkeiten.
7 Will ich gedenken meines Saitenspiels in der Nacht, muss mit meinem Herzen ich grübeln, muss forschen mein Geist.
Gott hindert ihn gewaltsam am Schlaf. Er bedenkt, wie er früher Grund hatte, Gott zu danken. Jetzt macht ihn diese Erinnerung nur noch verzweifelt und ratlos. Was ist der Inhalt der Frage, die ihn quält? Darum kreist die dritte Strophe:
8 Wird für Ewigkeiten verstoßen der Herr und nie mehr annehmen?
9 Hat geendigt auf Dauer seine Loyalität, kam zu Ende die Zusage auf Generationen hin?
10 Hat vergessen gnädig zu sein Gott, oder hat er verschlossen im Zorn sein Erbarmen?
"Ich will gedenken deines Wundertuns von früher"
Ein Katalog von sechs Fragen stellt dem grübelnden Gedenken des Beters Gottes scheinbares Vergessen gegenüber. Früher hielt Gott zu seinem Volk, aber jetzt? Es scheint ewig her: "nie mehr?", "auf Generationen hin?", "vergessen, verschlossen!". Die schlimme Veränderung löst die quälende Gottesfrage aus: Ist Gott für immer ein anderer geworden? Die Abfolge der Wörter "Loyalität", "gnädig sein", "Gottheit" und "Zorn" mit "Barmherzigkeit" spielt unübersehbar auf Ex 34,6 an:
JHWH rief: JHWH ist eine Gottheit – barmherzig und gnädig, weit vom Zorn und reich an Loyalität und Wahrheit.
So hatte sich Gott einst selbst definiert. Gilt das nicht mehr? In seiner Not wird der Beter zum Theologen. Kann Gott sich verändern, gar sein Wesen verlieren? Wenn Er nicht hält, wo gibt es dann Halt?
In der mittleren Strophe (V. 11-13) spitzt sich das Gedenken und Grübeln zu.
11 Da sagte ich: Das ist mein Siechtum, dass so anders wurde die Rechte des Höchsten.
12 Ich werde gedenken der Taten JHs, ja ich will gedenken deines Wundertuns von früher,
13 und ich will murmeln über all dein Wirken, und über deine Werke will ich grübeln.
V. 11 ist die Mitte des Gedichts von 21 Versen. Mit "da sagte ich" fasst der Beter sein bisher hin und her gewälztes Problem zusammen: "Das ist mein Siechtum, dass so anders wurde die Rechte des Höchsten." Der Dichter hat den hebräischen Vers so geschickt formuliert, dass er auch völlig anders übersetzt werden kann: "Da sagte ich: Mein Besänftigungsflehen (bezieht sich auf) die Jahre der Rechten des Höchsten [= als Gott noch machtvoll gehandelt hat]."
"Du bist die Gottheit, einer, der Wunder tut"
Bei der ersten Übersetzung blickt V. 11 auf das Vorangehende zurück und fasst das Leiden des Beters zusammen, das darin besteht, dass Gott sich jetzt so anders zeigt als früher – ein quälendes Rätsel. Bei der zweiten Übersetzung blickt V. 11 nach vorn und sucht den Ausweg im Besänftigen Gottes, damit seine Rechte zum machtvollen Handeln der früheren Jahre zurückkehre. Und sofort ändert sich die Blickrichtung des Beters.
Bisher hatte er nur "ich" gesagt (außer dem kurzen Du in V. 5). Ab jetzt wendet er sich Gott im Du zu. Auch jetzt noch geht es ums Gedenken und Grübeln (V. 12-13) – aber nicht mehr über Gottes Rätselhaftigkeit, sondern über seine Wunder von einst. Die bisherige Formel der V. 4 und 7 ("gedenken – grübeln – Geist") wird variiert: "gedenken – gedenken – grübeln" (V. 12-13). Das Gedenken wird verdoppelt, da Gottes frühere Taten im Mittelpunkt stehen sollen, der "verzagende" (V 4) und "forschende Geist" (V 7), rûaḥ, das unruhige und heftige Atmen des verzweifelnd fragenden Beters weicht dem ruhigen "Murmeln" (V. 13) der überlieferten Erzählungen über JHWHs Großtaten, weicht der Meditation des heiligen Textes im regelmäßigen Atmen.
Die zweimalige Abfolge der Wörter "Weg – kennen – Volk" in V. 14-16 und 20-21 markiert diese zweite Hälfte des Gedichts, die letzten drei der insgesamt sieben Strophen. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit.
Die fünfte Strophe ist im Du formuliert. Gottes Wege, die er seinem Volk und den Völkern bekannt gemacht hat, sind das Thema:
14 Gott, in Heiligkeit ist dein Weg! Wer ist eine Gottheit so groß wie unser Gott?
15 Du bist die Gottheit, einer, der Wunder tut, du hast bekannt gemacht unter den/an den Völkern deine Macht!
16 Du hast ausgelöst mit dem Arm dein Volk, die Söhne Jakobs und Josefs! Sela
V. 14 führt zur Antwort auf die quälenden Fragen: "Gott, in Heiligkeit ist dein Weg!" Gott ist der Heilige, der ganz Andere, dessen Wege sich von den unseren völlig unterscheiden. Und doch sind es Wege, die zu einem Ziel führen! Die sechs Fragen des Katalogs V. 8-10 werden in V. 14b durch die siebte Frage zur vollkommenen Siebenerreihe vervollständigt: "Wer ist eine Gottheit so groß wie unser Gott?" Die siebte Frage, die ihre Antwort in sich trägt ("keiner ist eine Gottheit wie unser Gott!") führt zur Antwort. Der Beter meditiert die Schrift. V. 14-15 verweisen auf Ex 15,11:
"Wer ist wie du unter den Gottheiten, JHWH, wer ist wie du, gewaltig an Heiligkeit, als furchterregend (gepriesen) in Lobliedern, einer, der Wunder tut?" Auch im weiteren Fortgang spielt Ps 77 immer wieder auf das Lied von der Errettung am Roten Meer in Ex 15 an. Die V. 16 und 21 geben Ex 15,13 wieder: "Du geleitetest in deiner Loyalität dein Volk, das du ausgelöst hast".
"Es bebte und schwankte die Erde"
Die sechste Strophe (V 17-19) betrachtet weiterhin das Meerwunder, nun aber mit Anklängen an Hab 3,10.11.15.
17 Es sahen dich Wasser, Gott, es sahen dich Wasser, sie mussten zittern, es mussten gar erbeben die Urfluten.
18 es regneten Wasser (die) Wolken, (seine) Stimme gab (von sich das) Gewölk, derweil auch deine Pfeile (permanent) hin und her gingen.
19 Die Stimme deines Gedröhns mit dem Räderwerk! Es erhellten Blitze den Erdkreis. Es bebte und schwankte die Erde!
Die Strophe stellt mit Hab 3 Gott nicht nur als Kämpfer gegen Pharaos Streitmacht dar, sondern als Kämpfer gegen das vernichtende Chaos überhaupt (dessen Agent auch Pharao war). Was sich bei der damaligen Rettungstat am Roten Meer zeigte, war grundsätzlicher als nur eine Notabwendung: Gott ist der Schöpfer der Welt, der von Anbeginn an alles in der Hand hat, so dass ihm nichts entgleitet. Er kann das Meerwunder jederzeit wieder vollbringen. Der Donner, die "Stimme" aus dem Gewölk und die "Stimme deines Gedröhns mit dem Räderwerk" (V. 18-19) antworten auf die zweifache "Stimme" des Beters aus V. 2. Das Gedröhn des Räderwerks in jenem kosmischen Kampf am Roten Meer "erinnert an das Throngefährt der ersten Tempelvision Ezechiels, Ez 10,2.6.13" (Hossfeld in Zenger/Hossfeld, Psalmen II 411). Der Donner ist nicht Gottes "Stimme", sondern ihr Echo. Gottes unsichtbare Anwesenheit ist in den kosmischen Wirkungen ablesbar (vgl. Mi 1,3-5).
Nach dem Getöse der sechsten Strophe tritt der Leser mit der siebten Strophe (V 20-21) in eine völlig friedliche Welt vollständiger Stille ein:
20 Durch das Meer (ging) dein Weg und dein Pfad durch viele Wasser. Aber deine Spuren waren nicht zu erkennen.
21 Du geleitetest wie Schafe dein Volk durch die Hand von Mose und Aaron.
Grübelndes Kreisen ums Ich führt nicht weiter
Die tosende Flut tritt zur Seite, in den Blick kommt ein ruhiger Pfad. Darauf zieht mitten durch die Fluten eine Schafherde. Gott selbst geht als (ungenannt verborgener) Hirte voran: Es war "dein Weg" (V 20). Völlig spurlos ging Gott voran. Der Weg war da. Er führte Israel in die Freiheit. Aber Gott selbst war nicht zu sehen, nicht die Spur!
Wenn mitten in Turbulenzen Gott nicht zu sehen ist und der verzweifelnde Gläubige fragt: "Wo ist Gott?", dann zeigt Gottes Antwort aus der Meerwunderüberlieferung, dass Gottes wirksame Anwesenheit nicht heißt, dass man ihn selbst sehen könnte. Damals sahen die Israeliten einen Weg und gingen ihn, sie folgten der Leitung durch die Hand von Mose und Aaron. Gottes Hand führte durch die Hand von Mose und Aaron. Der Glaube trägt, auch wenn Gott selbst nicht zu fassen ist. Gott zeigt seine Anwesenheit in Wirkungen, aber die sind real erfahrbar. Grübelndes Kreisen ums Ich führt nicht weiter, Zuwendung zum Du schon. Das war die Erfahrung des Beters von Ps 77 - und sie trug.