Der heute zu betrachtende Psalm 76 preist Gott dafür, dass er, das in Ps 75 versprochene Einschreiten gegen Israels Feinde wirklich vorgenommen hat. Aber auch Stichwörter verketten Ps 76 mit dem Vorgängerpsalm: Das "Richten" von Ps 76,10 nimmt 75,8 auf, das "Danken" von 76,11 das von 75,2. Insbesondere die eher seltene Gottesbezeichnung "Gott Jakobs" (75,10; 76,7) bindet die beiden Psalmen zusammen: Der Gott Israels hat sich wirklich als Gott seines Volkes gezeigt, als es in Not war.
Die Überschrift ist mit der von Ps 75 fast identisch (statt "verdirb nicht!" "mit Saitenspiel"), wobei "Gesang" innerhalb der Asafpsalmen (Ps 50; 73–83) nur beim Vorgängerpsalm 75 und in Ps 83 steht. Dass auch Ps 46 im Titel "Gesang" führt, mag die besondere Nähe der beiden Psalmen andeuten.
1 Für den Musikmeister: mit Saitenspiel ein Instrumentallied, von Asaf ein Gesang.
Die altgriechische Übersetzung Septuaginta fügt noch hinzu: "zum Assyrer" bezieht den Psalm also auf die kampflose Totalniederlage des Weltreichs Assur bei der Belagerung Jerusalems 701 v. Chr (2 Kön 18-20) – eine von vielen Erfahrungen, die der Psalm besingt: Gottes Macht ist stärker als alle Waffen irdischer Heere.
"Erkannt wurde in Juda Gott, in Israel ist groß sein Name"
Die Poesie des Psalms ist ausgefeilt: die ersten drei Strophen (V. 2-4, 5-7, 8-11) beginnen mit ähnlich lautenden Wörtern: noda', na'or, nora' und legen ein dreifaches Bekenntnis ab. Die ersten beiden Strophen sind gerahmt durch "Gott" und zeigen Gottes Macht gegen die Ohnmacht der Feinde. Die dritte und vierte Strophe sind gerahmt von "fuchterregend" – wer sich mit Gottes Volk anlegt, legt sich mit einem furchterregenden, ehrfurchtgebietenden Gott an.
I 2 noda' erkannt Gott
II 5 na'or aufstrahlend bis du
7 Gott
III-IV 8 nora furchterregend bist du
12-13 furchterregend
Die erste Strophe besingt Gottes Gegenwart in Jerusalem und deutet an, dass, wer sich mit Jerusalem, mit Israel anlegt, sich plötzlich einem unerwarteten Gegner gegenübersehen könnte.
2 Erkannt wurde in Juda Gott, in Israel ist groß sein Name.
3 So wurde in Salem sein Versteck, und seine Wohnhöhle in Zion.
4 Dort zerbrach er die Flammen des Bogens, Schild und Schwert und (überhaupt) Krieg. Sela.
Vier Ortsnamen eröffnen den Psalm: Juda-Israel, Salem-Zion. Unter allen Völkern hat sich der wahre Gott zunächst nur in Juda-Israel offenbart und bekannt gemacht. Die andern Völker folgten nach wie vor ihren (selbstgemachten) Göttern (Jes 44,10-19) und verkennen den Unterschied zu einem wirklichen Gott, der lebt und Macht hat. "Juda-Israel" kann im Merismus die beiden früheren Reichshälften Süd- und Nordisrael bezeichnen (1 Kön 11-12). Nach dem Exil blieb aber nur der Stamm Juda übrig (mit Benjamin) und legt sich den religiösen Ehrennamen "Israel" zu. Die beiden sind jetzt identisch. Nur in diesem Volk ist der wahre Gott bekannt, hier hat er sich durch seine Großtaten einen Namen gemacht, eine Reputation erworben. "Salem" ist der alte Name für "Jerusalem" (Gen 14,18) und klingt nach "Schalom", "Frieden", den dieser Gott seinem Volk gegen die aggressiven Feinde verschaffen will. Zugleich klingt der Name nach schalmu "erfüllt" in V. 12 und rahmt so das Gesamtgedicht: Schalem (V. 3) – schalmu (V. 12).
"Aufstrahlend bist du, majestätisch mehr als Beuteberge!"
"Zion" steht im Parallelismus zu "Salem" und ist ein poetischer Name für Jerusalem, bezeichnet näherhin den Tempelberg. Auf diesem nämlich hat Gott Wohnung genommen im Tempel. Die Bezeichnung des Jerusalemer Tempels als "Versteck", "Wohnhöhle" ist sehr ungewöhnlich. "Wohnhöhle" bezeichnet sonst den Rückzugsort von Löwen (Ps 104,22; Am 3,4). Der Psalm will sagen: Wer Gottes Volk aggressiv zu nahe tritt, gerät an die Höhle des Löwen und sollte sich vorsehen, denn Gott verteidigt sein Volk wie ein Löwe (Hos 5,14; 11,10). Immer wieder haben heidnische Völker, die Israel antasten, gar auslöschen wollten, die Erfahrung gemacht: An Jerusalem, wo Gott wohnt, zerschellen sie alle, weil sie nicht mit dem Löwen in der Höhle gerechnet haben. Die "Flammen des Bogens" können Brandpfeile sein, mit denen man über die Stadtmauer hinweg Holzhäuser in Brand stecken konnte, aber vielleicht meint das Wort nur poetisch die blitzschnellen Pfeile, die der Bogen abschießt: Pfeile (Fernkampfwaffen), Schild (Verteidigungswaffen) und Schwert (Nahkampfwaffen) – alles, ja Krieg überhaupt will dieser Gott unwirksam machen, "zerbrechen" (vgl. Ps 46,10), um seinem Volk Frieden zu schaffen. Das Wort für "zerbrechen" kann aber auch das Beute-"Reißen" eines Raubtiers bezeichnen (1 Kön 13,26.28), das Löwenbild wird also fortgesetzt: Der löwengleiche Gott "reißt" alles, was sein Volk angreifen will – ihre Kriegsinstrumente, nicht die Menschen.
In der zweiten und dritten Strophe geht der Beter nun ins Du zu Gott über. Die zweite Strophe besingt Gottes waffenlose Siege:
5 Aufstrahlend bist du, majestätisch mehr als Beuteberge!
6 Geplündert/entwaffnet wurden die beherzten Starken, sie schlummerten ihren Schlaf, und nicht fanden alle kräftigen Männer ihre Hände.
7 Von deinem Drohen, Gott Jakobs, wurden betäubt Wagen und Ross.
Wenn Gott eingreift, dann strahlt wie der Morgen (Ps 5,4) die "Sonne der Gerechtigkeit" auf (Mal 3,20) für sein Volk. "Majestätisch von Beutebergen" ist nicht leicht zu interpretieren. Manche möchten "majestätisch – mehr als Berge von Beute" verstehen, aber das Wort "Berg" meint immer nur Geographie (Gebirge und ihre Völker), nie "Haufen" (vgl. Ex 8,10). "Beute" will sicher das Löwenbild fortführen, "Berge" meint etwa Großes, Hohes. Die reißenden, beutedurstigen Feinde Israels und Judas (Assyrer, Babylonier, Griechen), die "hochfahrenden … ausraubenden …. Weltmächte" (Delitzsch, Psalmen 510), verblassen vor Gottes Herrlichkeit, die Raubtiere der Dämmerung müssen dem Tag weichen, wenn der "König der Tiere", der löwengleiche Gott sich erhebt, um seinem Volk Recht zu schaffen. Statt Beute zu machen, wurden sie selbst "geplündert", ja wie die Fortsetzung zeigt, "entwaffnet". Die aramaisierende Form deutet auf spätes Hebräisch. Die mutig ("beherzt") daherziehenden feindlichen Krieger wurden wie erstarrt und gelähmt, unfähig, ihre Hände zum Kampf mit Bogen und Schwert zu gebrauchen. Nicht nur die Menschen, auch die Kavallerie war wie betäubt vom "Brüllen" des Löwen. Das Wort "Drohen" bezeichnet fast immer Gottes verbalen Kampf gegen mythische Mächte, das Chaos etwa (Ps 18,16; 104,7), kann aber auch menschliches Anfahren meinen (Gen 37,10; Rut 2,16). Hier ist Gottes rein verbales Drohen gemeint, das in Fortsetzung des Löwenbildes einem Brüllen gleichkommt (Amos 3,4.8).
"Vom Himmel hast du hören lassen ein Urteil"
Die dritte Strophe setzt die Du-Anrede fort und beschreibt das "Furchterregende" von Gottes Auftritt – furchterregend für die Feinde. In V. 8 und 12f. bildet "furchterregend" den Rahmen um die dritte und vierte Strophe.
8 Du – furchterregend bist du, und wer kann bestehen vor dir, (wenn aufkommt) dein Zorn?
9 Vom Himmel hast du hören lassen ein Urteil, die Erde sah es und ward still,
10 als aufstand Gott zum Gericht, um zu retten alle Armen der Erde.
11 Ja, der Grimm der Menschen muss dich loben ("danken"), mit den übrigen Grimmigkeiten wirst du dich gürten.
V. 8 stellt der herrlich-schaudererregenden Macht Gottes die Ohnmacht der Feinde gegenüber. Wenn Gott angesichts der Bedrückung der Schwachen durch hochgerüstete Starke in heiligen Zorn gerät, hat deren siegessicherer Auftritt keinen Bestand. Mögen sie das Jerusalemer Heiligtum geschändet haben, in dem Gottes Name wohnte (Ps 74,4-8), Gott in seiner Transzendenz ("Himmel") bleibt unangreifbar (vgl. 1 Kön 8,27.29-30). Er kann sein Richteramt immer noch wahrnehmen. Wenn Gott spricht, muss die selbstsicher lärmende Erde verstummen. Gott gebraucht seine Macht, um denen beizustehen, die selbst keine Macht haben. Die in V. 10 genannten "Armen" sind nicht so sehr materiell Bedürftige ('anijim), sondern 'anawim, "Geringe", "Demütige", "Sanftmütige, von denen auch die Seligpreisung Mt 5,5 spricht. In der Spätzeit verstand sich ganz Israel gegenüber den hellenistisch-römischen Machthabern als ein Volk von 'anawim (Ps 149,9). V. 11 ist nicht ganz leicht zu verstehen. Gegen Gottes Zorn kommt der Grimm feindlicher Menschen nicht an: Er muss Gott den Ruhm überlassen (das Wort ist dasselbe wie "danken" in 75,2). Hengstenberg, Psalmen III 335, interpretiert: "der Zorn der Feinde muß bis auf den letzten Rest, vgl. (…) Ps 75,9, ihm als Waffe dienen, wodurch er ihren Untergang herbeiführt." D. h. mit ihrem Toben ruinieren sie sich nur selbst.
Möglicherweise aber beziehen sich "die übrigen Grimmigkeiten" nicht auf ein feindliches Wüten, sondern auf das Wüten Gottes, wie das Targum (aramäische Bibelübersetzungen der Antike) es versteht: Israel muss den berechtigten Grimm Gottes anerkennen, wenn es die Tora übertreten hat, aber dann "gürtet" sich Gott wie mit einem Schwert mit seinem "übrigen Grimm", um die Heiden abzuwehren (vgl. Delitzsch, Psalmen 512). V. 11a meint aber eher noch die Heidenvölker: Ihr Toben muss Gottes Überlegenheit anerkennen und wenn sie bis zum bitteren Ende toben mit ihrem restlichen Grimm, wird das Gott als starken Krieger erweisen ("gürten" heißt "Schwert anlegen", vgl. Ps 45,4).
Auch die Besiegten werden JHWH huldigen
In der kurzen, letzten Strophe spricht der Beter die Völker an:
12 Gelobt und erfüllt JHWH, eurem Gott, alles um ihn herum muss bringen Gaben dem Furchterregenden.
13 Er schneidet ab das Atemschnauben von Fürsten, furchterregend für die Könige der Erde.
Die Aufforderung, dem Herrn JHWH Gelübde abzulegen und sie zu erfüllen, dürfte sich zunächst an Israel richten, dessen Gott JHWH ist und an den sich Israel in der Not mit seinen Gebeten und Gelübden wenden soll. Wenn er dann aber für die Feinde furchterregend erscheint, müssen auch sie, die umliegenden Völker, ihm Gaben bringen (hebr. schaj bezieht sich immer nur auf Opfergaben der Nationen; vgl. Jes 18,7; Ps 68,30). Dann müssen auch die von Gott besiegten Völker dem wahren Gott, JHWH, huldigen. Denn er hat Fürsten und Könige der Heiden zum Schweigen und Stillhalten gebracht und so sein Volk geschützt.