Nach einem Herzstillstand gerät das Leben einer Journalistin aus den Fugen. Monika Marons neuer Roman "Vier Minuten" kreist um die alten Fragen nach Zufall, Schicksal und göttlichem Wirken. Ein kluges, nachdenkliches Buch über den erschütterten Unglauben und die Suche nach Sinn.

Ein Ereignis nennen wir zufällig, wenn wir seine Ursache nicht kennen, sei es, weil eine bestimmende Ursache nicht vorliegt, sei es, weil wir nicht genug wissen, um eine solche Ursache feststellen zu können. Im Alltag sind wir von einer unendlichen Menge von Zufällen umgeben, und das kümmert uns normalerweise wenig. Die aus der Hand gerutschte und zerbrochene Teetasse – sie ärgert uns ein Weilchen, danach aber beruhigen wir uns.

Der Zufall wird erst dann zum Problem, wenn er den Sinn und den Ablauf unseres Lebens auf einschneidende Weise fraglich macht. Ein Unglücksfall, eine schwere Krankheit, der plötzliche Tod eines Freundes – wer so etwas erleben muss, wird mit dem Zufall hadern. Er wird darüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet: "Zufall", und er wird entweder zu keinem Ergebnis gelangen oder er wird am allerletzten Ende auf eine jenseitige Macht stoßen, die er dann wahrscheinlich "Gott" nennen muss.

Zufall oder göttliches Wirken?

Die Schriftstellerin Monika Maron beschäftigt sich in ihrem neuen Roman Vier Minuten mit genau dieser Frage. Er heißt so, weil die 55-jährige Journalistin Leonora Nowak bei einem Verkehrsunfall einen fast vier Minuten dauernden Herzstillstand erleidet. Der gerade noch rechtzeitig eingetroffene Rettungsarzt findet die Frau am Boden, neben ihr kniet ein katholischer Priester, der für sie betet. Die Reanimation gelingt.

Verdankt die Frau ihre Rettung dem Gebet, der kundigen Herzmassage oder gar beidem? Der Roman lässt die Antwort offen, doch er verhandelt auf ebenso tiefgründige wie ernsthafte Weise die Frage, wann und ob wir hinter einem Zufall göttliches Wirken vermuten müssen.

Leonora oder Lea, wie sie von ihren Freunden genannt wird, findet sich in der Berliner Charité wieder, wo man sie gründlich untersucht und nach einer Woche mit der Anweisung entlässt, sich unbedingt zu schonen. Die bei einer namhaften Zeitung angestellte Politikredakteurin wird für einige Zeit krankgeschrieben und hat nolens volens Zeit, über ihr bisheriges Leben nachzudenken.

Die Autorin Monika Maron auf der Frankfurter Buchmesse 2023
Die Autorin Monika Maron auf der Frankfurter Buchmesse 2023. © Von Elena Ternovaja - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann hoffen

Eines Tages erhält sie Besuch von einem jüngeren Kollegen. Sie schätzt ihn wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten und schildert ihm das Problem, von dem sie nicht los kommt. Der Kollege sagt: "Warum unser Leben so und nicht anders verlaufen ist, erfahren wir vielleicht nach unserem Tod oder auch gar nicht. Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann hoffen; alle anderen müssen sich abfinden." Ob er an ein Leben nach dem Tod glaube?, fragt Lea. "Ja, das glaube ich", antwortet er, und fügt nach einer Pause hinzu:

"Ich glaube, deine Verwirrung ist vollkommen normal. Du hast sozusagen deinen eigenen Tod überlebt. Und nun suchst du nach der Geschichte deines Lebens, einer logischen, erzählbaren Geschichte, und fragst dich, ob es das Leben war, was du wirklich führen wolltest. Und damit musst du scheitern, das ist klar. Unser Leben hängt von Zufällen ab, aber das weißt du ja, schon unsere Eltern sind Schicksal."

Das Gespräch endet insofern unbefriedigend, als es Lea von ihren Zweifeln nicht befreit. Sie lebt allein, und beim Nachdenken über ihr Leben muss sie natürlich auch an ihre vergangenen Lieben denken: An ihre erste Liebe (das war noch in der DDR), die scheiterte, weil der junge Mann heimlich einen Ausreiseantrag gestellt hatte und quasi über Nacht unerreichbar in den Westen verschwunden war. Und ihre nächste, nicht ganz so große Liebe scheiterte, weil der Ehemann aus beruflichen Gründen von Berlin nach Konstanz gewechselt war und sich dort in eine jüngere Studentin verliebt hatte. Warum ist sie ihrem Thomas nicht nach Konstanz gefolgt?

"Vielleicht hätte Thomas sich nicht in Karla verliebt, wir hätten uns nicht scheiden lassen, und ich hätte in der Goltzstraße nicht unter ein Auto laufen können. Was war Zufall, was war Schicksal? Ich dachte an unser Gespräch über früh vollendete Genies und eine dunkle Macht, die uns wie Spielfiguren durch unser Leben schob, nach undurchschaubaren Gesetzen vom Feld nahm und sogar Fehler korrigieren konnte, indem sie versehentlich Getötete durch perfekt organisierte Zufälle wieder ins Leben beförderte."

Glaube als Geschenk

Lea nimmt sich vor, den katholischen Priester, der für sie gebetet hatte, um ein Gespräch zu bitten, und hofft, ihm zufällig zu begegnen. Doch dieser Zufall tritt nicht ein. Als sie aus einer Laune heraus eine Freundin auf dem Land besucht und mit ihr abermals über die Rettung spricht, schlägt die Freundin vor, einen protestantischen Pfarrer, der in der Nähe wohnt, um Rat zu fragen. Sein Fazit lautet, dass göttliches Wirken nicht beweisbar sei. Man könne nur daran glauben. "Der Glaube ist ein Geschenk." Lea weiß nicht, wie sie mit dieser Botschaft umgehen soll, doch ihre Freundin ist sicher: "Du bist in deinem Unglauben erschüttert."

Monika Maron, nunmehr 85 Jahre alt, hat die meiste Zeit ihres Lebens in Berlin verbracht. 1981 wurde sie mit ihrem Roman Flugasche berühmt. Es war das erste Buch, das die ökologische Katastrophe in Bitterfeld deutlich benannte. Es durfte nur im Westen erscheinen. Sie war eigentlich immer eine Dissidentin. Immer neigte sie zu unbequemen Fragen – auch sich selbst gegenüber. Wie in diesem lesenswerten Roman.

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