Wenn die Zukunft Sorgen macht, gewinnt die Vergangenheit ihren Glanz zurück. Gerade Musik und Kunst können den Weg in diese Welten bahnen. Doch bleibt es unser Schicksal, dass wir Ort und Zeit unseres Lebens nicht beliebig wechseln können. Auch hier bieten Musik und Kunst Trost - und manchmal sogar Orientierung.

Wenn Sie die Wahl hätten: In welchem Jahrhundert würden Sie am liebsten leben? Die imaginäre Zeitreise ist ein Gesellschaftsspiel, das eine beachtliche Menge von Romanen und Filmen hervorgebracht hat. Es scheint besonders dann beliebt, wenn einem die eigene Zeit auf die Nerven geht. Das kann passieren, wenn sich die Angst vor der Zukunft ausbreitet wie eine Pandemie.

Die Aussichten sind derzeit unerfreulich. Wohl deshalb brachte kürzlich jemand im Freundeskreis die Fantasie einer Zeitreise ins Gespräch, und es war offensichtlich, dass dies nicht bloß als Scherz gemeint war. Wohin er am liebsten reisen würde, fragten wir den Freund. Ins 18. Jahrhundert, antwortete er, und fing sogleich an, seine Gründe darzulegen.

Unüberhörbare Frömmigkeit

Die Antwort verblüffte mich deshalb, weil mir wenige Wochen zuvor ein ähnlicher Gedanke gekommen war. Wir hatten ein Chor- und Orchesterkonzert im Kleinen Michel in Hamburg besucht, wobei man Ortsfremdem erklären sollte, dass der Kleine Michel, der immerhin Platz für gut 600 Gläubige bietet, nur klein im Verhältnis zum Großen Michel ist. Dieser befindet sich in Sichtweite und ist mit 2.500 Plätzen eine der größten protestantischen Kirchen überhaupt. Der Kleine Michel, korrekt gesagt: die Kirche St. Ansgar, wurde in der Zeit der napoleonischen Besatzung für die französischen Katholiken in Hamburg errichtet.

Zu den Besonderheiten des erwähnten Konzertes gehörte, dass alle aufgeführten Komponisten aus dem 18. Jahrhundert stammten und Zeitgenossen waren. Es begann mit dem "Gloria" von Antonio Vivaldi, es folgte von Johann Sebastian Bach die Kantate zum Fest Mariä Heimsuchung "Herz und Mund und Tat und Leben". Am Ende erklang das Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, und dazwischen hörte man eine Cembalo-Sonate von Sybrand van Noordt und Orgel-Fugen von Johann Pachelbel.

Nun ist es natürlich klar, dass das Gesellschaftsspiel einer Zeitreise auf der Fiktion beruht, man könne sich die näheren Umstände aussuchen. Niemand würde ein Landsknecht oder Leibeigener sein wollen.

Wir waren hingerissen von der Schönheit dieser Musik, von ihrem Reichtum an Melodien und Modulationen, von ihrer kunstvollen Raffinesse und nicht zuletzt von ihrer unüberhörbaren Frömmigkeit. Natürlich wusste ich nicht, ob die Komponisten wirklich fromm waren, aber sie bewegten sich selbstverständlich in einem unbestrittenen christlichen Raum, in dem sich alle, ob Katholiken oder Protestanten, aufgehoben fühlen durften.

Vom Reiz des 18. Jahrhunderts

Als in der Bach-Kantate der Sopran die Arie sang "Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn, mein Heiland, erwähle die gläubende Seele und siehe mit Augen der Gnade mich an!" schmolz ich dahin und hätte auf die Frage, welches Jahrhundert mir das liebste wäre, ohne Zögern "das 18." geantwortet. Und natürlich hätte ich auf die bewundernswerten Zeugnisse der anderen Künste verweisen können, auf die grandiosen Werke barocker Architektur und Malerei, nicht zuletzt auf Geistesgrößen wie Leibniz, Wieland oder Lessing.

Es kam an diesem Abend hinzu, dass der Sopran ausnehmend schön war, und eine weitere Besonderheit bestand darin, dass er von Franziska Hoppermann gesungen wurde, der Gattin des Kirchenmusikers Norbert Hoppermann (der das Ganze einstudiert hatte und leitete). Sie ist zugleich Generalsekretärin der CDU. Das konnte man wissen, musste es aber nicht. Auf dem Programmzettel stand davon nichts.

Nun ist es natürlich klar, dass das Gesellschaftsspiel einer Zeitreise auf der Fiktion beruht, man könne sich die näheren Umstände aussuchen. Niemand würde ein Landsknecht oder Leibeigener sein wollen. Vielleicht hätte man Glück und geriete in eines der kleinen, halbwegs friedlichen Fürstentümer wie etwa Weimar, wäre Herzog oder sonstwie von Adel mit hoffentlich ausreichender Apanage, müsste aber in jedem Fall auf den medizinischen Fortschritt verzichten und stürbe vielleicht an einer Blinddarmentzündung. Das Gedankenspiel erlaubt Fantasien aller Art, doch mehr als Luftschlösser werden dabei nicht herauskommen.

Die Gedanken sind frei, und wir können dem widrigen Augenblick leicht entkommen, indem wir ein Buch lesen oder ein Konzert besuchen. 

Die Gedanken sind frei

Mag auch die gegenwärtige Zeitstimmung Auswanderungsfantasien in eine andere Zeit oder in ein anderes Land beflügeln – es bleibt unser Schicksal, dass wir Ort und Zeit unseres Lebens nicht beliebig wechseln können, jedenfalls nicht in der Realität. Die Gedanken jedoch sind frei, und wir können dem widrigen Augenblick leicht entkommen, indem wir ein Buch lesen oder ein Konzert besuchen. Dann könnten wir in den Choral der Bach-Kantate einstimmen: "Wohl mir, dass ich Jesum habe, dass er mir mein Herze labe, wenn ich krank und traurig bin …"

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