"Ich habe keine Angst vor dem Sterben", hat Woody Allen einmal gesagt, "ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert." Das ist die humoristische Antwort auf jene trans- oder posthumanistische Fantasien, die davon träumen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und ein Leben ohne Ende organisieren zu können. Sie träumen von neuen Techniken, zu denen auch die Kryonik zählt, also das Einfrieren eines Menschen (oder einiger Teile von ihm), um ihn irgendwann später, wenn der Fortschritt es gestattet, wieder "aufzutauen" und ins Leben zurückzuholen.
Es ist klar, dass solche Projekte die christliche Verheißung vom ewigen Leben auf vulgärste Weise simplifizieren. Der Gedanke der Auferstehung verkürzt sich zu einer Frage der Machbarkeit, und wahrscheinlich handelt es sich bei alldem ganz einfach um Science fiction. Die Angst vorm Sterben treibt zuweilen die seltsamsten Blüten.
Den Tod herausfordern
Wahr ist aber auch, dass der Tod ein im Letzten unbegreifliches Faktum ist. Immer wieder haben sich Menschen dagegen empört, und eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür ist das Werk "Der Ackermann aus Böhmen" des Stadtschreibers und Notars Johannes von Tepl, verfasst 1401. Der Ackermann fordert den Tod zur Rechenschaft, weil er ihm seine geliebte Frau Margarete entrissen hat. Das Streitgespräch hat 34 Kapitel. In den ungeraden begründet der Ackermann seine bittere Anklage, in den geraden antwortet der Tod und beruft sich dabei vor allem erstens auf die Tatsache, dass jedes Leben einmal enden muss, und zweitens darauf, dass Gott ihn zu seinem Amt berufen hat.
Der Text ist offenkundig von einem gebildeten Mann geschrieben, der die geltenden Regeln der Rhetorik vollendet beherrscht. Der Ackermann, der eigentlich ein Jedermann ist, Stellvertreter aller Menschen, beginnt das Gespräch mit einem Wutanfall:
"Grimmiger tilger aller lande, schedlicher echter aller werlte, freissamer morder aller leute, ir Tot, euch sei verfluchet! got, ewer tirmer, hasse euch, vnselden merung wone bei euch, vngelück hause gewaltiglich zu euch; zumale geschant seit immer!"
Hochdeutsch heißt das etwa:
"Grimmiger Tilger aller Gefilde, schädlicher Ächter aller Welt, furchtbarer Mörder aller Menschen, Tod, seid verflucht! Gott, Euer Schöpfer, hasse Euch, maßloses Unheil wohne bei Euch, gewaltiges Unglück hause mit Euch: gänzlich entehrt seid für immer!"
Gott als Schiedsrichter
Das frühneuhochdeutsche Werk bezeichnet den Übergang vom späten Mittelalter in die aufgeregte Welt der Renaissance. Dass jemand gegen die von Gott eingesetzte Ordnung des Lebens und Sterbens förmlich protestiert, war zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Provokation, die nur dadurch gemildert wurde, dass Gott am Ende zum Schiedsrichter des Streits aufgerufen wird. Sein Urteil lautet:
"ir habet beide wol gefochten. Den twinget leid zu klagen, disen die anfechtung des klagers, die warheit zu sagen. Darumb: klager, habe ere, Tod, habe sige."
Auf Hochdeutsch in etwa:
"Beide habt ihr gut gekämpft. Den einen zwingt das Leid zur Anklage, den andern zwingt die Anklage, die Wahrheit zu sagen. Deshalb: Kläger, habt die Ehre; Tod, habt den Sieg."
Die Ehre war insofern auf der Seite des Ackermanns, als der Tod sich dazu herbeigelassen hat, ihm Rede und Antwort zu stehen. Weshalb aber nimmt er seinen Gegner ernst? Dazu gibt das zweite Kapitel eine interessante Auskunft. Der Tod sagt:
"Dein klage ist one done und reime; davon wir prüfen, du wellest durch dönens und reimens willen deinem sinn nicht entweichen." (Deine Klage kommt nicht in Versen und Reimen daher; daraus schließen wir, dass du um der Verse und Reime willen deine Absicht nicht verschleiern willst.)
Die Passage ist deshalb revolutionär, weil sie die alte Selbstverständlichkeit des Wahren-Guten-Schönen aufkündigt. Hätte der Ackermann in Reimen und Versen gesprochen, wäre seine Glaubwürdigkeit dahin gewesen. Er hätte seinem ernsten Anliegen geschadet, hätte er es ästhetisch aufgemöbelt.
Ungeschönte Wahrhaftigkeit
Man muss sich vor Augen halten, dass bis dahin alle Texte, die wir heute der Belletristik zurechnen würden, in gebundener Rede vorgetragen und niedergeschrieben wurden. Das heißt, sie waren gereimt oder hatten ein Versmaß und manchmal beides. Das hatte seinen Grund unter anderem darin, dass man sich Texte in gebundener Form leichter merken konnte. Johannes von Tepl macht Schluss mit dieser Praxis und eröffnet damit eine neue Tradition der ungeschönten Wahrhaftigkeit.
So modern er also einerseits war, so war er andererseits ein gläubiger Mensch, und das nicht allein, weil er dem Schiedsrichter Gott das letzte Wort gibt (dem Ackermann gebührt die Ehre, dem Tod der Sieg), sondern auch deshalb, weil der Text mit einem Gebet endet, in dem der Ackermann Gott um Beistand für die früh verstorbene Gattin bittet.
Solche Frömmigkeit geht den Transhumanisten ab, und eigentlich verdienen sie den Ehrentitel "Humanisten", ob Trans- oder Post- oder sonstwie, in keiner Weise.