Eine deutsche PhantasmagorieWie der Film "Vaterland" gerade in seiner historischen Unschärfe berührt

Pawel Pawlikowskis Film "Vaterland" erzählt die Geschichte des ersten Besuchs von Thomas Mann im zerstörten Nachkriegs-Deutschland. Gelungen ist er nicht nur im Blick auf die zurückhaltende Inszenierung und die schauspielerische Leistung, sondern auch im Blick auf die erzählerische Freiheit, die er sich nimmt.

Szene aus dem Film
© Polyfilm / Agata Grzybowska

Als wir vor etlichen Wochen den Film "Die Odyssee" gesehen hatten, standen wir danach mit einigen Bekannten beisammen, um unsere Eindrücke auszutauschen, und jemand fragte den jungen Burschen, der als Großneffe unserer Freundin vorgestellt worden war, wie er den Film gefunden habe, und er rief begeistert: "Super!" Da mussten wir alle lachen und fanden, genau so sei es.

Als wir eine Weile später den vielgelobten Film "Vaterland" gesehen hatten und wieder vor dem Kino (einem anderen) standen, fiel mir die Szene ein, und ich dachte, dass man über diesen Film nicht ohne weiteres "Super!" sagen könnte. Es handelt sich um ein Kunstwerk eigentümlicher Strenge. Wir waren beeindruckt, aber gedankenvoll und um Worte verlegen.

Opulenz versus Zurückhaltung

Abgesehen davon, dass "Die Odyssee" ziemlich genau doppelt so lang ist wie "Vaterland", zeigen beide Filme die ganze Breite dessen, was die Filmkunst heutzutage ausmacht. Einerseits (in der "Odyssee") die bestrickende Opulenz der Farben, die dramatisch in die turbulente Geschichte eintretenden Helden und die gekonnte Überwältigungsstrategie – dort (im "Vaterland") eine düstere, abweisende Welt in Schwarz-Weiß, zwei völlig sich zurücknehmende Schauspieler sowie ein Regisseur, der kommentarlos das gefrorene Bild einer deutschen Vergangenheit zeigt.

Es geht in "Vaterland" um den ersten Besuch Thomas Manns im zerstörten Nachkriegsland, und wir erleben, wie er 1949 in Frankfurt am Main den Goethepreis verliehen bekommt und wie er unmittelbar darauf nach Weimar reist, um dort den anderen deutschen Goethepreis entgegenzunehmen. Der Empfang in der amerikanischen Zone ist verhalten freundlich, einige Fragen in der Pressekonferenz jedoch sind nicht frei von Ressentiment. Warum er emigriert sei, anstatt gemeinsam mit seinen Landsleuten Not und Leid zu ertragen? "Wäre ich nicht emigriert", antwortet Thomas Mann, "dann könnten wir heute nicht miteinander reden."

Wenn Thomas Mann weint

Regie führt der polnische, seit längerem in London arbeitende Filmkünstler Pawel Pawlikowski. Er hat schon einige Filme gedreht, die mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Auch dieser scheint mir preiswürdig. Vor allem sind die beiden Hauptdarsteller großartig. Hanns Zischler spielt einen Thomas Mann, der vor allem um Contenance bemüht ist. Nur mit winzigen Veränderungen seiner Mimik und Gestik gibt er zu erkennen, wie sehr ihn die dramatische Situation belastet. Sandra Hüller spielt die Tochter Erika Mann, die stoisch ihrem Dienst als Dolmetscherin und Fahrerin obliegt, in wenigen Augenblicken allerdings verzweifelt und wütend aus der Haut fährt.

Pawlikowski hat sich einige Freiheiten erlaubt. Es war Thomas Manns Gattin Katia, die ihn auf seiner Reise nach Deutschland begleitet hat, nicht die Tochter Erika. Und der Suizid ihres geliebten Bruders Klaus hatte sich viele Wochen vorher ereignet. Im Film trifft die Nachricht während der Goethe-Feierlichkeiten ein.

Der Krieg ist vorbei, aber noch lange nicht überstanden. Umso bewegender das letzte Bild. Es ist eine freihändige Erfindung Pawlikowskis, denn Thomas Mann war nicht religiös und Erika schon gar nicht. Gerade deshalb hat mich die Szene bewegt.

Erst einige Tage später erleben wir die Reaktion von Vater und Tochter. Einer zufälligen Laune folgend machen die beiden Halt auf ihrer Reise durch die damalige SBZ. Sie sind an einem zerstörten Schloss vorbeigefahren und kehren nun zurück, um die halbwegs intakte Kapelle zu besichtigen. Dort sitzen die beiden auf einer Truhe, während ein Organist Bachs Choral "Jesus bleibet meine Freude" intoniert. Aus Thomas Manns Augen quellen die Tränen, und Erika ergreift tröstend die Hand ihres Vaters.

Eine deutsche Phantasmagorie

Das ist die wahrhaft geniale letzte Szene des Films, der uns fast anderthalb Stunden Bilder der Kälte gezeigt hat: Zerstörte Gebäude, zerstörte Menschen, und dazwischen die dunklen deutschen Wälder. Über leere Landstraßen steuert Erika die elegante schwarze Limousine (einen Buick), während der 74-jährige Vater, angelehnt an die Rückbank, schlummert oder an die bevorstehende Rede denkt. Der Empfang im Osten ist mit militärischer Präzision organisiert, ein Kinderchor tritt auf, und die Kleinen sehen aus wie gestanzte Blechfiguren.

Dem Film kommt es ganz offensichtlich nicht auf irgendeinen Realismus an. Er zeigt eine deutsche Phantasmagorie, wo nicht Wärme, Zutrauen oder gar Liebe herrschen, sondern Misstrauen und Verdacht. Der Krieg ist vorbei, aber noch lange nicht überstanden. Umso bewegender das letzte Bild. Es ist eine freihändige Erfindung Pawlikowskis, denn Thomas Mann war nicht religiös und Erika schon gar nicht. Gerade deshalb hat mich die Szene bewegt.

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