Amen, amenVon der jüdischen Gebetspraxis zum doppelten Amen Jesu

Kein Wort erklingt im Gottesdienst häufiger als "Amen". Doch bei Jesus wird aus dem zustimmenden Schlusswort der Auftakt zu einer Botschaft, die damals wie heute herausfordert.

Ulrich Greiner
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Kein Wort kommt in einem Gottesdienst häufiger vor als das Wort Amen. Es beschließt jedes Gebet, jede Fürbitte, jeden Abschnitt der heiligen Handlung, und es ist das Schlusswort der gesamten Messe. Das Wort stammt aus dem Hebräischen und gehört in den auf Gott bezogenen Bedeutungskreis der Treue, der Festigkeit, der Zuverlässigkeit. Man kann es mit "so sei es" übersetzen. Im jüdischen Gottesdienst jedoch bedeutet es mehr. Der Beter bekennt vor der Zeugenschaft der Gläubigen, dass das Gehörte für ihn eine persönliche Gültigkeit besitzt. Im religiösen Alltag ist "Amen" oft nur die abschließende Formel der Zustimmung oder des Einverstandenseins.

Seltsam ist, dass das Fremdwort, ähnlich wie "Hallelujah", in der Regel nicht übersetzt wird. Die Septuaginta, die erste Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische, lässt es oft in der Originalsprache. Augustinus, den die Frage, ob "Amen" ins Lateinische übersetzt werden solle, mehrfach beschäftigt hat, empfiehlt, es nicht zu tun, "um seine Autorität heiliger erscheinen zu lassen."

Ich entnehme dieses Zitat dem Werk "Herrschaft und Herrlichkeit" (2010) des italienischen Kulturphilosophen Giorgio Agamben, wo er unter anderem zeigt, dass die Praxis der Akklamation im römischen Kaiserreich vorgebildet war und von der frühchristlichen Kirche übernommen wurde. Er legt dar, dass der Ausdruck der Zustimmung durchaus verbindlichen Charakter und teilweise rechtliche Folgen hatte. In dieser Tradition sieht er auch den ursprünglichen Sinn der "Amen"-Rufe. Sie waren mehr als das Händeklatschen oder das "Bravo!", das wir vom Theater oder aus der Musikhalle kennen, sie entsprachen einem ernsthaften Bekenntnis.

Jesus stellt das "Amen" an den Beginn seiner Reden

Eine Beobachtung, die Agamben fast wie nebenbei mitteilt, fand ich hochinteressant, nämlich "dass Jesus in den Evangelien das Amen in einer Weise verwendet, für die sich weder im Alten Testament noch im rabbinischen Schrifttum Parallelen finden, nämlich nicht als Responsorium, sondern als Einleitung seiner Aussagen in Formulierungen vom Typ: 'Amen amen lego ymin' (in der Vulgata: 'Amen amen dico vobis.')"

Mit dem doppelten "Amen" wird eine nicht näher ausgeführte Zustimmung zum herrschenden Glauben ausgedrückt, der nun ein großes "Aber" folgt. 

In der Tat findet sich in allen Evangelien die Wendung "Amen, ich sage euch…", doch nur Johannes überliefert sie in der verdoppelten Form: "Amen, amen, ich sage euch…" Manche Übersetzungen machen daraus "Wahrlich, ich sage euch…" In meinen Ohren klingt das etwas zu beiläufig, als würde sich jemand der alltäglichen Wendung bedienen "Ehrlich gesagt". Der Originalbegriff "Amen" ist stärker, weil er sich auf eine uralte Gebetspraxis der Juden bezieht.

Dieses Amen jedoch hat immer einen rückbezüglichen Sinn. Es bestätigt etwas bereits Gesagtes oder Gelobtes. Warum verwendet es Jesus in umgekehrter Weise? Agamben schreibt: "Man kann in dieser speziellen Verwendung so etwas sehen wie eine bewusste messianische Umkehrung der Akklamation in Affirmation, der zustimmenden und wiederholenden Doxologie in eine zumindest dem Anschein nach neue, das Gegebene überschreitende Setzung." (Doxologie bedeutet soviel wie Verherrlichungsrede.)

Die skandalöse Botschaft Jesu

Ich finde, mit Verlaub, Agambens Erklärungsversuch ein bisschen schwach. Denn indem Jesus, wie Johannes an etwa zwanzig verschiedenen Stellen berichtet, seine Botschaft mit den Worten "Amen, amen, ich sage euch…" einleitet, bezieht er sich zweifellos auf eine selbstverständliche Praxis und hebt sie auf oder ergänzt, erweitert sie. Mit dem doppelten "Amen" wird eine nicht näher ausgeführte Zustimmung zum herrschenden Glauben ausgedrückt, der nun ein großes "Aber" folgt. Und dieses "Aber" enthält die radikale, für viele Ohren skandalöse Botschaft Jesu. Sie ist nicht "dem Anschein nach" neu (Agamben), sondern wirklich derart neu, dass sie nicht leicht zu verdauen ist – damals nicht und auch heute nicht.

Man sieht an diesem Beispiel, warum bestimmte Wendungen wie "Hosianna", "Hallelujah" oder "Amen" nicht übersetzt werden müssen.

Zugleich haben einige Äußerungen Jesu, die mit der beschwörenden Redefigur "Amen, amen" eingeleitet werden, den Charakter eines Testaments. Es sind letzte Verfügungen. Durch das doppelte "Amen" erhalten sie ihr Gewicht. Man sieht an diesem Beispiel, warum bestimmte Wendungen wie "Hosianna", "Hallelujah" oder "Amen" nicht übersetzt werden müssen. Es sind Rufe der Zustimmung, der Begeisterung und des Verherrlichungswunsches, die sich von ihrer ursprünglichen wörtlichen Bedeutung gelöst und einen darüber hinausgehenden Sinn gewonnen haben.

Deshalb leuchtet es mir ein, dass diese Worte häufig gesungen wurden und werden, oft in kunstvollen Kadenzen. Eines der schönsten Beispiele dafür ist Georg Friedrich Händels "Hallelujah" aus dem Oratorium "Der Messias" (1741). Bei der ersten Aufführung des vier Minuten dauernden Stücks soll der englische König Georg II. und mit ihm das gesamte Auditorium aufgestanden sein. Noch heute ist das zuweilen üblich.

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