Der Vorwärtsverteidiger des ChristentumsWarum es gute Laune beschert, G.K.Chesterton zu lesen

G.K. Chesterton war Meister des Paradoxen, Verteidiger des Christentums und Schöpfer von "Father Brown". Seine Texte verbinden Vernunft und Glauben, Witz und Tiefsinn – und es lohnt sich bis heute, die Texte dieses streitbaren Katholiken zu lesen.

Gilbert Keith Chesterton
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Den englischen Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton kennt man als den Erfinder der beliebten Detektivgeschichten um den seltsamen Pater Brown. Sie sind mehrmals verfilmt worden. Es gab und gibt mehrere Fernsehserien, die längste wurde von der BBC produziert und zeigte 90 Folgen. Mir selber ist der Pater Brown zum ersten Mal in der Gestalt von Heinz Rühmann begegnet. Das wird in den 1960er Jahren gewesen sein.

Wahr ist jedoch, dass die zumeist humoristisch interpretierte Filmfigur wenig mit ihrem Vorbild gemein hatte. Chestertons Father Brown ist ein katholischer Pfarrer und trägt meist das Habit eines Geistlichen. Davon abgesehen fällt er vor allem dadurch auf, dass er nicht auffällt. Oftmals handelt er weniger als Detektiv denn als Priester. Ihm gelingt es, die Verbrechen aufzuklären, weil er als Beichtvater die menschlichen Abgründe so gut kennt wie kein Kommissar. Im Geiste begeht er die Untat und gelangt so zur Lösung des Falls. Wichtig ist ihm vor allem, dass der Sünder seine Verfehlung bereut und auf Gottes Barmherzigkeit vertraut.

"Sie haben die Vernunft angegriffen"

Gleich in der ersten Erzählung Das Blaue Kreuz (1911) hat er es mit dem französischen Meisterdieb Flambeau zu tun, der sich als Priester verkleidet und eine theologische Tagung in London besucht, um dort eine wertvolle Reliquie zu stehlen. Father Brown vereitelt das und sagt am Ende, nachdem beide ein scheinbares Streitgespräch miteinander geführt haben, er sei gleich davon überzeugt gewesen, dass er, Flambeau, kein Priester sei. Der Dieb fragt, weshalb? "Sie haben die Vernunft angegriffen", sagte Father Brown. "Das ist schlechte Theologie." Doch schon in der vierten Episode gelingt es ihm, Flambeau zur Umkehr zu bewegen, und fortan arbeiten Meisterdetektiv und Meisterdieb erfolgreich zusammen.

Chesterton, 1874 in London geboren, wuchs in der bürgerlichen Familie unitarischen Glaubens auf. Schon früh wurde er Kolumnist wichtiger Zeitungen und war eigentlich mit allen namhaften Intellektuellen seiner Zeit befreundet oder verfeindet. Immer mehr näherte er sich dem Katholizismus an, bis er 1922 förmlich konvertierte. Der irische Priester Father O'Connor, der ihn dabei begleitete, wurde das Vorbild für Father Brown. 1936 ist G.K.Chesterton in Beaconsfield gestorben.

Verteidiger der christlichen Tugenden

In seinem Buch Orthodoxie (1908) verteidigt er temperamentvoll das Christentum und vergleicht es mit "einem riesigen, zerklüftetem, romantischen Felsblock, der zwar bei jeder Berührung auf seinem Sockel hin und her schwankt, aber dennoch, weil seine enormen Auswüchse einander genau die Waage halten, seit tausend Jahren dort thront". Er rühmt die christlichen Tugenden und nennt sie "waghalsig":

"Christliche Nächstenliebe heißt etwas verzeihen, was unverzeihlich ist, sonst wäre sie gar nicht erst eine Tugend. Hoffnung heißt hoffen, wenn alles hoffnungslos ist, sonst wäre sie keine Tugend. Und Glaube heißt das Unglaubliche glauben, sonst wäre auch er keine Tugend."

Chesterton hat nicht allein um die fünfzig Father-Brown-Erzählungen geschrieben, nicht nur den ebenso gespenstischen wie bizarren Roman "Der Mann, der Donnerstag war" (1908), sondern auch weitere Detektiv- und Gespenstergeschichten. Darunter befindet sich auch die Sammlung "Der geheimnisvolle Klub" (1905), dessen Mitglied man nur unter folgender Bedingung werden kann: "Man muss den Beruf, durch den man seinen Lebensunterhalt verdient, selbst erfunden haben. Und dieser Beruf muss etwas gänzlich Neues sein."

Imposante Erscheinung

In einer der Geschichten berichtet der Erzähler, wie er im Begriff ist, sich für eine Abendgesellschaft anzukleiden, als es klingelt. Der unerwartete Besucher entpuppt sich als Priester, der um Hilfe in einer extremen Notlage bittet. Anstatt sie jedoch kurz vorzutragen, verstrickt er sich groteske Umständlichkeiten. Der Fall scheint ebenso kompliziert wie monströs. Der neugierig gewordene Erzähler hört sich die Räuberpistole mit wachsendem Interesse an und verzichtet auf den geplanten Besuch. Am Ende erfährt er, dass der Priester gar keiner ist, sondern den neuen Beruf das Aufhalters ausübt, der darin besteht, gegen Bezahlung eine bestimmte Person von der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten abzuhalten. Wer daran in diesem Fall ein Interesse hatte und dafür ein Honorar zu zahlen bereit war – das muss man selber nachlesen.

Chesterton war nicht allein wegen seines Witzes berühmt, sondern auch wegen seiner imposanten, wahrhaft mächtigen Erscheinung. Der Mann, mit dem er sich leidenschaftlich gerne gestritten hat, war der damit verglichen geradezu magere George Bernard Shaw. Zu ihm soll Chesterton eines Tages gesagt haben: "Wenn man Dich sieht, muss man denken, es gäbe eine Hungersnot in England." Worauf Shaw entgegnete: "Wenn man dich sieht, muss man denken, du hättest sie verursacht."

G.K.Chesterton zu lesen beschert gute Laune.

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