Patrick RothEr sucht das Unbedingte in den Dingen

Patrick Roths Liebe zum Kino steht neben seiner Liebe zu den biblischen Erzählungen. Verbindendes Element ist das Wunder.

Los Angeles
© Unsplash

Unter den gegenwärtigen Autoren gibt es vermutlich nur wenige, die sich explizit auf christliche Themen beziehen. Einer von ihnen ist Patrick Roth. Geboren 1953 in Freiburg erhielt er 1975 ein Stipendium für die University of Southern California in Los Angeles, wo er am Cinema Department studierte. Er lebte dann fast vierzig Jahre in Santa Monica, drehte eigene Filme und schrieb Romane und Erzählungen, darunter die "Christus-Trilogie", entstanden 1991 bis 1996, wo er die neutestamentlichen Berichte auf originelle Weise fortführt und weiterdenkt.

Stärker jedoch haben mich seine Erzählungen bewegt. Eine der schönsten heißt "Die Nacht der Zeitlosen"(2001). Auf einer Fete begegnet der Erzähler einer jungen Frau, die hellblaue Abendhandschuhe trägt. Die beiden hocken rauchend auf einem Bordstein (wir befinden uns im warmen Los Angeles), und er erfährt, dass sie als Statistin gearbeitet hat, in Oliver Stones Film über die Ermordung Kennedys.

Zeit und Opfer

Bei den Dreharbeiten sitzt sie als Jackie Kennedy in dem offenen Wagen, neben sich eine präparierte Puppe, in der kleine Sprengladungen mit künstlichem Blut verborgen sind. Im entscheidenden Augenblick soll die Puppe blutüberströmt in sich zusammensinken, so wie Kennedy in Wirklichkeit. Die Statistin aber wartet nicht ab, sondern reißt im falschen, also im richtigen Augenblick die Puppe, die in diesem Augenblick für sie Kennedy ist, nach unten, weg aus der Schussbahn, und rettet ihn. So wie ihn Jackie gerettet hätte, wenn sie von den drohenden Schüssen gewusst hätte. In diesem jetzt wirklich falschen Augenblick gehen die Sprengladungen los, und die Statistin, überströmt vom künstlichen Blut ebenso wie von ihrem eigenen, trägt an den Händen Verletzungen davon. Deshalb die Handschuhe.

Der Erzähler fragt, ob sie sich damals wirklich als Jackie Kennedy gefühlt habe. Sie antwortet:

"Eben nicht. Jackie Kennedy hat damals nicht gewusst, dass Schüsse fallen würden. Ich sah den Brückentunnel nicht allzu weit vor uns und dachte noch: Wie wirklich heiß es heute ist, und dass es nicht die Filmlampen sind, die diese Hitze erzeugen, sondern dieselbe Sonne, die damals, 27 Jahre zuvor, auch auf Dealey Plaza in Dallas fiel. Und mir fiel ein, dass Jackie später sagte, sie habe, als sie die Limousine auf eine Brücke zufahren sah, damals gedacht: Dort im Schatten der Brücke wird es kühler werden. Und da, als ich das dachte, mischte sich, so unglaublich schmerzhaft, dass es mir fast die Sinne raubte, das Vorwissen ein, dass er jetzt jeden Augenblick sterben würde und dass ich die einmalige Chance hätte, was geschehen war, zu verhindern."

Die Vergangenheit gewinnt Macht über die Gegenwart, die verflossene Zeit hat keine geringere Bedeutung als die gegenwärtige. Die echte, die wirkliche Zeit ist nicht gebunden an Tag, Jahr und Uhrzeit. Die Einbildungskraft vermag es, die Zeitachse umzukehren. Das ist die eine Seite. Die andere aber erinnert unübersehbar an die christliche Botschaft: Die junge Statistin gibt sich selbst zum Opfer hin, und dieses Opfer soll die vergangene Untat sühnen und ungeschehen machen. In dieser zeitlosen Sekunde passiert das auch, es passiert für einen hellen, überzeitlichen Augenblick. Danach trägt sie die Wundmale an den Händen.

Hat ihre Tat etwas geändert? Wir wissen es nicht, aber wir erfahren, dass es verschiedene Kausalitäten gibt. Es handelt sich dabei nicht um Blasphemie, zumal die Christus-Parallele nicht erwähnt wird, sondern um ein Ernstnehmen dessen, was in den Evangelien gesagt ist. Patrick Roths Liebe zum Kino steht neben seiner Liebe zu den biblischen Erzählungen. Verbindendes Element ist das Wunder. An Wunder muss man glauben, sonst wirken sie nicht. Das gilt für die Bibel, aber auch für den Film und die Literatur. Der Gedanke, dass die Kräfte der Fantasie und des Geistes die Wirklichkeit, in der wir leben, nicht allein verändern, sondern sie überhaupt erst herstellen – dieser Gedanke ist zentral für Patrick Roth.

Novalis bemerkt in seinen "Blüthenstaub"-Fragmenten: "Wir suchen überall das Unbedingte und finden immerzu nur Dinge." Patrick Roth sucht das Unbedingte in den Dingen, darin sehe ich das Ziel seines Schreibens. Für diese transzendentalen Momente aufmerksam zu sein, aufmerksam zu sein für die Offenbarungen, die auch das scheinbar Profane für uns bereithält: Das ist das mentale und emotionale Training, das Patrick Roth uns nahelegt, das ist der Gewinn, mit dem uns seine Prosa beglückt – egal, ob wir an die Bibel glauben oder an das Kino oder an beides. 

Es fällt auf, dass selbst da, wo der Tod das zentrale Motiv bildet, er nicht das letzte Wort behält, sondern das Licht einer anderen Welt seine Endgültigkeit aufhebt. In der gegenwärtigen Literatur gibt es dafür nur wenige Beispiele, mir fällt eigentlich nur Peter Handke ein. Es scheint das Signum der Moderne zu sein, dass die Literatur sich für den Trost nicht mehr zuständig hält. Die Literatur von Patrick Roth bildet auch darin eine Ausnahme.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen