Wenn ich auf meinem Smartphone die Emojis öffne, erscheint als ein häufig genutztes Symbol ein oranges Herz. Ich verwende es, wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll, oder um einer Person zu zeigen, dass ich ganz fest an sie denke. Das Herz fühlt sich in dem Moment als das einzig richtige an, was ich schicken könnte.
Der Juni ist in der spirituellen Tradition der katholischen Kirche einem ganz besonderen Herzen gewidmet, dem Herzen Jesu. Für manche mag der Gedanke an ein Organ als Gegenstand von Frömmigkeit schräg wirken. Andere stoßen sich an kitschigen Darstellungen. Der Jesuit Dag Heinrichowski kennt beide Vorbehalte. Dennoch plädiert er in seinem Buch "Herz Jesu. Spiritualität aus und an der Seite Christi" dafür, dass sie genau das ist, was die Welt von heute braucht.
Die sehr gut lesbare Einführung des 1991 geborenen Spirituals am interdiözesanen Priesterseminar Sankt Georgen in Frankfurt am Main gliedert sich in einen theoretischen Teil, in dem historische, biblische, ignatianische und zeitgenössische Zugänge vorgestellt werden, und einen zweiten, praktischen Teil.
Die Jesuiten und die Herz-Jesu-Verehrung
Wie verfehlt eine anatomisch-technische Perspektive wäre, zeigte schon Karl Rahner, ebenfalls Jesuit, in seinem Beitrag "Siehe dieses Herz! Prolegomena zu einer Theologie der Herz-Jesu-Verehrung" aus dem Jahr 1953. Herz ist für Rahner ein "Urwort": Ein Wort, das "ein unsagbares Geheimnis stammelnd sagbar zu machen versucht" und eines, das nur der Liebende verstehend aussprechen könne.
Mit dem Jesuitenorden ist auch die bekannteste Etappe der Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung verbunden. Es war ein Pater der Gesellschaft Jesu, Claude La Colombière, der der Ordensschwester Margareta Maria Alacoque (1647-1690) im französischen Paray-le-Monial Glauben schenkte, als sie in Form von Visionen den Auftrag erhielt, zur Verbreitung der Verehrung des Herzens Jesu beizutragen. In ihrer Gemeinschaft war sie damit auf Unverständnis gestoßen.
Konkret sollte an jedem ersten Freitag im Monat und am Freitag nach dem Oktavtag von Fronleichnam eine Andacht zum Herzen Jesu gehalten werden. Erst 1856 wurde das Herz-Jesu-Fest am dritten Freitag nach Pfingsten von Papst Pius IX. offiziell in den liturgischen Kalender der katholischen Kirche aufgenommen.
Für das Verständnis des Herzens Jesu ist seit der Zeit der Kirchenväter die Bibelstelle zentral, in der nach der Kreuzigung ein Soldat Jesu Seite mit einer Lanze durchbohrte "und sogleich floss Blut und Wasser heraus" (Joh 19,34). Die beiden Ströme stehen traditionell für die Sakramente der Eucharistie und der Taufe.
Jesus zeigt seine Verwundbarkeit und in der Folge haben alle Wunden, persönliche und die der ganzen Welt, darin Platz.
Dag Heinrichowski betont aber noch einen anderen Aspekt, der nicht besser in die gegenwärtige Zeit passen könnte. Das Herz Jesu wird erst durch seine Wunde sichtbar. Eine Grunderfahrung der Moderne ist der Verlust und dessen Sichtbarkeit. Als Beispiel nennt der Autor, der derzeit in Pastoraltheologie promoviert, dass nach dem 11. September keine neuen, höheren Türme gebaut wurden, sondern der Ground Zero für immer deren Fehlen markieren wird. Jesus zeigt seine Verwundbarkeit und in der Folge haben alle Wunden, persönliche und die der ganzen Welt, darin Platz. Wer sich mir verletzlich zeigt, vor dem brauche ich nichts zu beschönigen. Wer selbst verwundet wurde, blickt anders auf die Verletzungen anderer.
Das ist die eine Seite der Herz-Jesu-Frömmigkeit: eine "Spiritualität der Freundschaft mit Christus", bei der ich so sein kann, wie ich bin, und wie der Lieblingsjünger Jesu an seiner Brust (Joh 13,23) tiefe Ruhe und echten Trost finde.
Dabei bleibt diese Andachtsform jedoch nicht stehen. Wer das Wagnis eingeht und Gott um ein "Herz aus Fleisch" statt eines Herzens aus Stein (Ez 36,26) bittet, wer Jesu Wunden betrachtet und sich davon berühren lässt, der wird eine Veränderung in seinem Inneren spüren. "Die Begegnung mit [Jesus] lässt mein Herz gütig und mitfühlend werden", ist sich Heinrichowski sicher. Und genau diese "Revolution der Zärtlichkeit" (Papst Franziskus) brauche die Welt, denn sie bewahrt in der Fülle der negativen Nachrichten vor dem Abstumpfen und führt ins Handeln.
Der Jesuitenpapst hat dem Herzen Jesu seine letzte Enzyklika unter dem Titel Dilexit nos gewidmet. "Der zärtliche Mensch nimmt die Welt und seine Mitmenschen wahr, lässt sich im Herzen davon anrühren und kann uns Mut zu dieser Revolution machen", so Heinrichowski.
Mit dem ehemaligen Generaloberen der Jesuiten, Peter-Hans Kolvenbach, interpretiert er in dieser Richtung auch den heute sperrigen Begriff der Sühne, mit dem die Herz-Jesu-Verehrung eng verbunden ist. Das Mitleiden führe zum Einsatz für ausgegrenzte, arme und ohnmächtige Menschen. Sühne könne so als unbedingte Solidarität verstanden werden. Die Herz-Jesu-Spiritualität ist damit sowohl kontemplativ als auch aktiv-apostolisch, und genau in dieser Verbindung liegt ihre Stärke.
Eine Wahrheit, die das Leben verändern kann
Wenn Herz ein Urwort ist, das allein von dem verstanden wird, der liebt, ist es nur konsequent, dass im zweiten Teil des Büchleins praktische Impulse zu finden sind. Damit hat Dag Heinrichowski viel Erfahrung, schließlich koordiniert er seit 2022 das Gebetsnetzwerk des Papstes in Deutschland. Dieses Gebetsapostolat ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstanden und vereint Menschen auf der ganzen Welt, in den Anliegen der Kirche und der Welt Fürbitte zu halten. Es war von Beginn an eng mit der Herz-Jesu-Frömmigkeit verbunden.
Als Papst Franziskus das Gebetsnetzwerk 2014 erneuerte, entstand der sogenannte Herzensweg, zu dem Heinrichowski alltagsnah hinführt. Die Idee dahinter ist, dass jede und jeder persönlich die Herz-Jesu-Frömmigkeit in neun Schritten entdecken kann.
Eine Spiritualität, die auf ihre performative Umsetzung in die Praxis drängt, die die Erfahrung einer echten Freundschaft in den Mittelpunkt stellt und von dort zu einem leidenschaftlichen Einsatz für andere führt, ist tatsächlich das, was eine Gesellschaft braucht, in der es viel Hass und Spaltung gibt, und in der Glaube an Relevanz verliert. "Hinter manchem sperrigen Begriff und scheinbar überholter Geschichte liegt eine Wahrheit, die das Leben verändern kann", schreibt Heinrichowski. Möge die Lektüre seines Buches bei vielen Menschen eine solche anregen.