Haben Sie eine Bucket List? Ein Punkt auf meiner steht seit Jahren fest: Einmal im Leben möchte ich auf ein Konzert der Hillbilly Thomists gehen. Wer jetzt an trockene Theologie denkt, hat ein falsches Bild im Kopf. Stellen Sie sich stattdessen Dominikaner im Habit vor, die virtuos, aber scheinbar ohne Anstrengung ihre Instrumente spielen und dabei vom Leben und dem Aufeinandertreffen von Natur und Gnade darin singen. Sie setzen die in Gaudium et spes 44 eingeforderte an die Kultur "angepasste Verkündigung" um. Und nebenbei zeigen sie, dass ein von Gebet und Theologie geprägtes Leben verdammt cool sein kann.
Das Kürzel des Dominikanerordens, OP, steht für Ordo (fratrum) Praedicatorum. Aber wer sagt, dass man nur mit Worten predigen kann und nicht auch mit einem Waschbrett und einem Banjo? Das haben sich auch die Gründungsmitglieder Thomas Joseph White und Austin Litke gedacht. Beide sind heute Theologieprofessoren, White ist seit 2021 Rektor des renommierten Angelicums in Rom und hat unter anderem eine mehr als 700 Seiten lange Monographie über die Trinität veröffentlicht.
"Wir predigen und singen das Wort Gottes"
Die Geschichte der Band begann aber nicht in Rom, sondern im Dominican House of Studies in Washington, D.C. Dort merkten einige Dominikaner während ihrer Ausbildung, dass sie einen ähnlichen Musikgeschmack haben. In den Pausen spielten sie die Lieder, die sie selbst gerne hörten. Irgendwann kamen kleine Gigs dazu, wie könnte es anders sein, etwa im Rahmen der Feier nach einer Weihe.
Als sie 2017 ihr erstes Album The Hillbilly Thomists veröffentlichten, erreichte es Platz drei der Billboard Bluegrass Charts. Auf ihm sind viele Coverversionen traditioneller Bluegrass- und Americana-Lieder zu hören. Schon auf dem zweiten Album "Living for the Other Side" sind zehn der 14 Stücke selbstgeschrieben. Seitdem sind drei weitere erschienen, zuletzt ein Weihnachtsalbum. Die Band geht regelmäßig auf Tour, auch diesen Sommer wird sie wieder in Städten wie New York, Washington und Nashville auftreten. Alle Einnahmen fließen in ihre Musik sowie in die Ordensausbildung.
Den Zusammenhang zwischen ihrer Bandkarriere und ihrer dominikanischen Berufung betont Justin Bolger, der schon vor seinem Ordenseintritt Musiker und Songwriter war, in einem Interview. Beim Predigen gehe es darum, die Früchte ihrer Betrachtung zu teilen. Contemplari et contemplata aliis tradere lautet der zugrundeliegende dominikanische Leitsatz, der von Thomas von Aquin stammt. Songwriting sei ein anderer Modus dieser dominikanischen Tätigkeit: "We preach and sing the Word" ("Wir predigen und singen das Wort Gottes"), so Bolger.
Die Inspiration für den Namen kommt von der US-amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor (1925-1964), die sich einmal selbst "Hillbilly-Thomistin" genannt hat. Hillbilly ist die Bezeichnung für die "Hinterwäldler", die die ländlichen und von Gebirgen geprägten Gebiete der USA bewohnen. Anspielungen auf das Werk der Autorin finden sich immer wieder, etwa auch in dem Slogan "A Good Band is Hard to Find" auf Merchandise-Artikeln der Hillbilly Thomists – von denen ich selbstverständlich welche besitze –, in Anlehnung an ihre Kurzgeschichte "A Good Man is Hard to Find".
Biblische Anklänge und Lebensfreude
Zahlreiche biblische Anklänge (zum Beispiel das Lied "Give me a Drink", bezogen auf die Frau am Jakobsbrunnen im Johannesevangelium) finden sich genauso in den Stücken wie dominikanische Spiritualität. Im Songtext von "I’m a Dog" vergleicht Justin Bolger die Dominikaner mit einem Hund – wie das alte Wortspiel domini canes nahelegt –, der die Fackel im Maul hält und damit das von Gott geschenkte Feuer weiterträgt. Man muss kein Ordensmann sein, um beim Hören die darin ausgedrückte Sehnsucht im Herzen zu spüren, die Flamme des Glaubens lebendig zu halten.
In einem Podcast erklären die Bandmitglieder, dass der Mensch auf Zeichen von Gottes Mitgefühl und Gnade angewiesen sei. Gottes Freundschaft mit den Menschen komme durch Symbole, die gemeinsame Feier des Gottesdienstes und die Sakramente zum Ausdruck. Wie Flannery O’Connor verbänden sie dieses Thema mit einer Prise Humor. Und nicht zuletzt schwinge die für die amerikanische Folk- und Bluegrassmusik typische Lebensfreude mit. Was nicht heißt, dass es nicht auch ernste oder melancholische Stücke gibt.
Wenn ich die Hillbilly Thomists höre, spüre ich etwas von der Schönheit, katholisch zu sein. Ich muss schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, dass es ein angesehener Theologieprofessor ist, der da gerade so charakteristisch kieksend singt, und ich finde es bewundernswert, dass er sich dafür nicht zu fein ist. Im schon erwähnten Podcast erzählt Thomas Joseph White, dass es das Reinigungspersonal des Angelicums durchaus sonderbar finde, wenn er in seinem Büro Banjo spielt. Mich inspiriert die Musik dazu, wachsam zu sein für Gottes Gegenwart in meinem Leben. Und dazu, wie die Bluegrass-Musiker die Frohe Botschaft zum Leuchten zu bringen, mit den Mitteln und Talenten, die ich habe.
Zu meinem Bucket List-Ziel passt, dass die Band laut eigener Aussage am liebsten live spielt. Jetzt dürfen die Einreisebedingungen in die USA nur nicht noch schärfer werden. Oder Sie sind jetzt neugierig geworden und klicken die Songs so oft an, dass die Hillbilly Thomists nicht anders können und auch einmal durch Europa touren müssen.