Ein unumstrittenes Erbe des Pontifikats von Papst Franziskus ist seine Forderung, nicht in der Pfarrei darauf zu warten, dass die Menschen zu einem kommen, sondern rauszugehen und die eigene Komfortzone zu verlassen. Wenn jetzt mit den wärmeren Temperaturen wieder die Festivalsaison beginnt, kann man dort haupt- und ehrenamtliche kirchliche Mitarbeiter treffen, die genau das tun. Sie tauschen ihre Büros gegen matschige Wiesen, laute Musik und Dixi-Klos. Eine zuhörende und helfende Präsenz auf Festivals gewinnt zunehmend an Bedeutung. Sie steht der Kirche ausgesprochen gut.
Lena Thiermann war schon als Seelsorgerin auf einem der größten deutschen Festivals dabei, dem Summer Breeze in Dinkelsbühl. Durch ihre Arbeit als Diözesankoordinatorin für Pastoral bei den Maltesern in den Bistümern Eichstätt und Augsburg ist sie inzwischen hauptberuflich mit der Thematik beschäftigt. Sie ist verantwortlich für die seelsorgerliche Präsenz beim Festival "Open Air am Berg" in Eichstätt in der Mitte Bayerns, das am vergangenen Pfingstwochenende stattgefunden hat.
"So ein Festivaleinsatz ist ein bisschen wie eine Wundertüte. Es gibt nichts, was es nicht gibt", erzählt die 31-Jährige im Gespräch mit COMMUNIO. Die Anliegen reichten vom Handyladen bis zum Gesprächsbedarf über die persönliche Lebenssituation. "Ein Festival ist immer eine Extremsituation", erklärt sie. Es mache Spaß, dort hinzugehen, aber es sei auch sehr anstrengend. Das Wetter spielt eine große Rolle, man schläft schlecht, es ist immer laut. Deswegen böte ihr Team einen Rückzugsraum an, in den man kommen könne, wenn einem einfach alles zu viel wird. Manchmal säßen Menschen erst eine Weile dort und würden dann signalisieren, sich auf ein Gespräch einzulassen.
Das Thema ist im Kommen
Auf dem Festival, für das Thiermann zuständig ist, reicht das Angebot von dem eines sogenannten "Awareness-Teams" bis hin zu seelsorgerlichen Gesprächen. Bei Awareness, auf Deutsch Bewusstsein oder Wahrnehmung, geht es darum, aufmerksam zu sein für Diskriminierungen oder Grenzverletzungen. Das können unangenehme Kommentare sein, aber auch körperliche Auseinandersetzungen oder Übergriffe. Diese Achtsamkeit könnte theoretisch von allen geleistet werden, wendet Thiermann ein. Ihr ist es wichtig, von "Seelsorge" zu sprechen, da sie noch mehr tun könnten, als auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Ihr Team sei explizit für Gespräche geschult.
In Eichstätt laufen die Fäden bei den Maltesern zusammen, einer katholischen Hilfsorganisation. Bei der Erarbeitung des Konzepts waren außerdem die diözesane Jugendstelle und die Fakultät für Religionspädagogik beteiligt. An anderen Orten gibt es Festivalseelsorge zum Beispiel in der Trägerschaft der Jugendpastoral des jeweiligen Bistums. Das Thema ist im Kommen: 2025 gab es sogar eine wissenschaftliche Tagung über Konzepte, Erfahrungen und Theologien von Festivalseelsorge an der Humboldt-Universität Berlin.
"Die Basis für unser Handeln ist der Grundsatz der Malteser: 'Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen'. Bedürftig ist in dem Fall jeder, der unsere Hilfe braucht. Egal, wie groß oder klein das Anliegen ist, wir wollen da sein, unser Gegenüber und seine Bedürfnisse sehen", fasst Thiermann den Kerngedanken des Angebots zusammen.
Wie finden es die Teilnehmer von Rock- oder Heavy Metal-Festivals, wenn sie dort auf christliche Seelsorger treffen? "90 Prozent der Gespräche sind Wertschätzung, Lob oder freundliche Worte", berichtet Thiermann. Ablehnende Rückmeldungen gebe es eigentlich überhaupt nicht.
Kernauftrag
Bei dem Einsatz sind nicht nur hauptamtliche Seelsorger dabei, sondern auch Freiwillige, die bei den Maltesern eine Ausbildung als sogenannte "Seelsorgebegleiter" absolviert haben und sich anschließend auf Festivalseelsorge spezialisiert haben. Diese Ausbildung stünde jedem offen, wobei eine gewisse Festival-Affinität von Vorteil sei. "Es ist laut, es ist schmutzig, man muss es schon mögen", sagt Lena Thiermann, die selbst studierte Kunsthistorikerin ist und über ihr ehrenamtliches Engagement als Quereinsteigerin in die Pastoral gekommen ist. Auf Festivals gehe sie ohnehin gern und freut sich, dabei eine Aufgabe zu haben und dazu beitragen zu können, dass Menschen sich wohlfühlen.
Auch beim Katholikentag vor zwei Wochen gab es eine Begegnung von lauter Musik und Glaube. Dort wurde ein "Heavy-Metal-Gottesdienst" gefeiert. Es erklangen Stücke wie "Metal Gods" von Judas Priest und die Besucher wurden aufgefordert, das "Amen" zu grölen. In einem Instagram-Reel des Katholikentag-Accounts sagt ein jüngerer Teilnehmer, für ihn sei das kein Gottesdienst gewesen (Respekt an das Social-Media-Team, dass diese Aussage aufgenommen wurde). Bei der Festivalseelsorge dagegen versucht Kirche nicht, etwas anderes zu sein, sondern vollzieht einfach ihren Kernauftrag: als Seelsorgerinnen und Seelsorger für Menschen da zu sein.