Ein Arbeiter namens Daniel Hartmann stieß am 21. Oktober 1907 in der Sandgrube Grafenrain bei Mauer, im Kraichgau, mit seiner Schaufel auf die Überreste eines Urmenschen. Er hatte einen fossilen menschlichen Unterkiefer freigelegt, der zunächst, mit Sand verbacken, zwischen den übrigen Fundstücken lag. Otto Schoetensack beschrieb den rund 609.000 Jahre alten Fund im Jahr darauf als Typusexemplar einer neuen Menschenart: Homo heidelbergensis.
Wie der Schriftsteller Michael Buselmeier aus dem Neckar-Athen irgendwo berichtet, gibt es dazu eine kurpfälzische Legende, wonach der Grubenarbeiter Hartmann mit seinem Fund die örtliche Gastwirtschaft "Zur Pfalz" betreten haben soll und verkündete: "Heit haw isch de Adem gfunne …"
Woher sollen wir wissen, ob unsere Behauptungen gedeckt sind? Oft beruhen sie auf ungesicherten Annahmen, optimistischen Schätzungen, zufällig erhaltenen oder gefälschten Urkunden, weitergetragenem Hörensagen, falsch zugeschriebenen oder erfundenen Quellen. Schlecht beraten uns dabei oft Intuition, Vorurteil und Wunschdenken. Wissenschaftliche Methoden helfen hingegen enorm: Untersuchungen im Labor, quantitative Datenerhebung und Datenvergleich, historisch-kritische Zugänge oder theoriegeleitete Analysen. Aber nicht überall reichen sie hin.
Über die Anfänge der religiösen Ironie
Wie lebten die Menschen in der Stein- oder Eisenzeit wirklich? Was glaubten sie? Wie tanzten sie? Wie sah ihre Küche aus? Was lässt sich über ihre immaterielle Kultur sagen? Die Zwielichtigkeit der Archäologie hat mich schon immer amüsiert: die verträumte, fantasievolle Ernsthaftigkeit ihrer Darstellungen, die theatralische Musealität ihrer Pfahlbauten und Urmenschen, die solide Seriosität, die sie mit Taschenuhr, Weste und Monokel zur Schau stellt. Über der Archäologie schwebt, ähnlich wie über der Suche nach fernen erdähnlichen Planeten, stets eine religiöse Ironie, ja eine quasireligiöse Sehnsucht. Religiöse Ironie? Ja: ein heiliger Ernst, eine Ehrfurcht, die jeden Augenblick in schallendes Gelächter umschlagen könnte.
Aber zurück zu den ersten Menschen, bzw. zu den Urmenschen. Die Überlieferung ihrer Welt beruht auf wenigen materiellen Resten und langen Ketten wissenschaftlicher Deutung. Aus einem Knochen wird eine Ernährungsweise, aus dieser eine Lebensform, schließlich eine Vorstellungswelt. Je weiter die Deutung vom Fundstück fortschreitet, desto schwieriger lässt sich erkennen, was belegt ist und was bloß plausibel klingt. Die Geowissenschaftlerin Johana Kontny berichtete mir einmal von vorgeblichen Skeletten und Fundstücken aus der Urzeit, auf die in zahlreichen Studien immer wieder verwiesen wird, aber die in der Realität nicht existieren bzw. nicht die Annahmen belegen, die man auf sie stützt.
Es gibt Zitationsketten, die ungedeckten Schecks gleichen. Sie zirkulieren, obwohl ihnen keine reale Bürgschaft entspricht. Wie oft erreichen wir in der Theologie die Grenzen des Wissbaren? Wo beginnt eine theologisch "inspirierte" Spekulation, die wie ein Kartenhaus wieder in sich zusammenfallen kann, sobald sie mit neuen Fakten konfrontiert wird.
Man stelle sich einen Aufsatz vor, in dem ein Archäologe auf Gebissproben verweist, die Jahre zuvor an einem Urmenschenkiefer genommen worden seien, und daraus schließt: "Sie ernährten sich in dieser Region hauptsächlich von Fisch. Diese Ernährung strukturierte ihre Lebensweise, ihre Vorstellungswelt, ihre Religion und ihre Kunst." Aber was, wenn die Zahnproben nie genommen wurden oder der zitierte Kiefer gar nicht auffindbar ist?
Aus solchen Verweisen können Zitationsketten entstehen. Über die Welt verstreute Forscherinnen und Forscher, die alle zum vorgeschichtlichen Leben arbeiten, zitieren dieselben Quellen und Untersuchungsergebnisse, erweitern die Spekulationen und reichen sie an andere Mitglieder der Forschungsgemeinschaft weiter. Irgendwann prüft womöglich niemand mehr die wirklichen Gebeine im Magazin. Niemand schaut sie selbst an.
Realfiktionen
Archäologinnen und Archäologen stützen sich, wie alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zwangsläufig auf das, was andere vor ihnen erarbeiten. Manche Thesen zur Vorgeschichte des Menschen beruhen auf Funden, die sich später als Fälschungen erwiesen, nicht mehr auffindbar waren oder nie hinreichend dokumentiert worden waren. So entstehen Zitationsketten, die ungedeckten Schecks gleichen. Sie zirkulieren, obwohl ihnen keine reale Bürgschaft entspricht. Wie oft erreichen wir in der Theologie die Grenzen des Wissbaren? Wo beginnt eine theologisch "inspirierte" Spekulation, die wie ein Kartenhaus wieder in sich zusammenfallen kann, sobald sie mit neuen Fakten konfrontiert wird.
Wie verändern unsere Erzählungen angesichts dessen, was wir mit Gewissheit wissen und dem, was wir nur meinen zu wissen? Daraus können große Universalgeschichten ebenso entstehen wie kleine Lokalgeschichten der Vorzeit, die nur teilweise dem entsprechen, was sich vernünftigerweise über diese Vorzeit wissen lässt.
Ein Beispiel: Was verraten uns die Tätowierungen der sogenannten Ukok-Prinzessin, deren Mumie 1993 im Permafrost des Altai-Gebirges entdeckt wurde, über die Vorstellungswelt dieser vor rund zweieinhalbtausend Jahren gestorbenen Frau? Die Haut zeigt Ornamente und Tierdarstellungen. War die Frauenmumie tatsächlich eine Prinzessin – oder verdankt sie diesen Titel vor allem der blumigen Fantasie moderner Archäologen? Und welche weltanschaulichen Vorannahmen prägten die sowjetische und postsowjetische Deutung solcher Funde?
In jüngerer Zeit untersuchte ein Team um den Archäologen Gino Caspari die Tätowierungen einer anderen weiblichen Eismumie der Pazyryk-Kultur mithilfe hochauflösender Nahinfrarotaufnahmen neu. Die Studie zeigt, wie sich neue Erkenntnisse gewinnen und zugleich die Grenzen des Wissens sichtbar halten lassen und wie sich Forschungsarbeit trotzdem packend erzählen lässt. Caspari äußerte über die Bilder: "Ich hatte das Gefühl, dass wir den Menschen hinter der Kunst viel näherkamen und sahen, wie sie arbeiteten, lernten und Fehler machten. Die Bilder wurden lebendig."