Sooft ich noch vor zehn Jahren Kirchenbeamten begegnete, die in Ordinariaten für Erwachsenentaufen zuständig waren, erschienen sie mir als zwischengeparkte Nebenfiguren. Konversionen, Neueintritte - das hatte einen seltsamen, fast anstößigen Beigeschmack. Neben dem Wiedereintritt oder dem Übertritt schien man in den deutschsprachigen Diözesen das Katechumenat nicht wirklich ernst zu nehmen. Sie hatten keinen Blick fürs Drama persönlicher Glaubenswege. Man schien es sogar insgeheim abzulehnen, als sei die Mutter Kirche selbst irgendeine dieser dubiosen Sekten, vor der sie andere permanent warnt.
Der Konvertit war nicht mehr als eine Fußnote. Zwar ließ man sich gerne als Referent für Mission und Berufung nach Tarifvertrag bezahlen, aber für die meisten Kirchenbeamten, die fast ausschließlich cradle Catholics sind, die der Heilige Geist schon mit der Muttermilch nährte, war es häufig nicht nachvollziehbar, wenn erwachsene Menschen spät im Leben ihren Weg zur Kirche lenkten.
Wir stehen vor einem aufregenden Aufbruch, in eine neue Ära, eine neue Aventüre des Glaubens. Die neue Aufmerksamkeit für Bekehrung, Bekennen, Zeugnis und Berufung sind bloß ein Indiz dafür.
Gescheiterte Ekklesiologie
Das allein sagt schon viel darüber aus, was in den Neunziger- und Nullerjahren in der Katholischen Kirche in Deutschland institutionell schiefgelaufen ist: wie sie sich in selbstgefälliger Wagenburgmentalität eingeigelt hat mit einer Mischung aus Umsicht und Nabelschau, wie ihre überzogen akademische, diskursive Interreligiösität, ihre bleierne Phrasen-Ökumene und ihr fühliges Konzept von Toleranz ins Leere gingen.
Diese gescheiterte Ekklesiologie wollte etwas – irgendetwas – mit allen, wirklich allen Menschen zu tun haben, die anders waren; sie wertschätzte auf eine abstrakte und unverbindliche Weise die Mannigfaltigkeit aller Lebensentwürfe, die von ihrer Weltanschauung divergierten. Und das ist freilich löblich. Nicht alle Religionen und Konfessionen schaffen das. Aber so sehr diese gescheiterte Ekklesiologie der 1990er- und 2000er-Jahre Brücken zu anderen Auffassungen baute, verzichtete sie selbst darauf, eigene Wege zu sich hin, Wege auszuleuchten, die zur eucharistischen Präsenz und Gemeinschaft Gottes hinführten.
Die Kirche also baute Brücken nach außen, aber keine Wege nach innen. Diese bräsige Mentalität einer gescheiterten Amtstheologie verändert sich in Deutschland und Österreich besonders in den letzten fünf bis zehn Jahren grundlegend. Wir stehen vor einem aufregenden Aufbruch, in eine neue Ära, eine neue Aventüre des Glaubens. Die neue Aufmerksamkeit für Bekehrung, Bekennen, Zeugnis und Berufung, kurzum fürs Explizite, insbesondere im Kontext des Katechumenats, sind bloß ein Indiz dafür.
"Heuer wollen sich wieder viele Erwachsene taufen lassen," berichtete mir neulich ein Kirchenreferent aus Österreich, als könne er es selbst nicht so ganz fassen. Er ging sonderbar umher in seinem Seelsorgeamt, darin viele Rollups standen, weil er nicht recht wusste, ob er stolz auf diese Information sein sollte oder sie beargwöhnen müsse. Er hätte auch ängstlich sagen können: "Da kommen welche von außen in meinen Glauben." So ist es aber. Die Kirche wird kleiner, aber ihre Mitglieder sind überzeugter, anspruchsvoller, hingebungsbereiter und aktiver. Auch unabhängiger.
Nichts wünscht die Mutter Kirche mehr als den Konvertiten; und zugleich: nichts bereut sie mehr als den Konvertiten. Die Rigorosität und der Eifer des Konvertiten sind zwar eine Superpower, sie sind etwas, das belebend und fordernd wirkt; aber sie sind auch schwer zu ertragen.
Der Konvertit als Trophäe
Zwar stamme ich selbst aus einer langen Genealogie katholischer Muttersprachler von beiden Seiten des Atlantiks ab, aber sooft ich bei Konvertiten den Enthusiasmus für Glaube und Kirche erlebe, berührt mich das. Aber dann ist noch dieser Gedanke: Nichts wünscht die Mutter Kirche mehr als den Konvertiten; und zugleich: nichts bereut sie mehr als den Konvertiten. Die Rigorosität und der Eifer des Konvertiten sind zwar eine Superpower, sie sind etwas, das belebend und fordernd wirkt; aber sie sind auch schwer zu ertragen.
Ich denke etwa an J.D. Vance, der vor weniger als acht Jahren zum Katholizismus konvertierte und schon dem Heiligen Vater Ratschläge erteilt. Auch als in Großbritannien in der Ära von John Henry Newman, besonders bei Intellektuellen, Katholizismus der angesagte Stil bildete, äußerten sich Unbehagen an "the convert's strictness." Newman selbst soll gezögert haben, als manche ihn drängten, unter den Gebildeten im Empire mehr Menschen in den Schoß der römischen Kirche zu führen.
Die Kirche brüstet sich bekanntlich gerne mit Konvertiten wie mit einer Trophäensammlung. Man denke bloß nur im Hinblick auf Newmans Epoche z.B. an Graham Greene, Joris-Karl Huysman, an den späteren Priester Ronald Knox, Paul Verlaine oder den Dichter Ernest Christopher Dowson. Letzterer im Übrigen verlor sich mit nur 33 Jahren in den Opiumhöhlen an der Themse und hinterließ nur einen einzigen Gedichtband, darin den Texten Nuns of the Perpetual Adoration (1891), Benedictio Domini (1893) und Extreme Unction (1893) eine ewige Lektüre gebührt.
Was das Katholische oftmals ausmacht, angesichts von Leid, Armut und Pein, das ist seine unendliche Lässigkeit. Der Katholik steht sowohl mit den Dämonen wie mit den Engeln in einem ironischen Verhältnis.
Der lässige Glaube
Gewiss, niemand weiß mehr von der Gnade, als der Sünder, der heimkehrt; gleichwohl beachte man die nervige Seite des Enthusiasmus. Der Konvertit existiert häufig in einem exaltierten Verhältnis zum für ihn neu entdeckten Glauben. Das kann anstrengend sein für die Leute rings umher, die schon ein ganzes Leben lang den Heiligenfiguren in ihren Nischen zuschauen, wie sie bröckeln und verwittern. Ich erinnere daher an die etwas mühsame Konvertiten-Prosa von G. K. Chesterton; seine ironiefreien Inversionen: Dogmatismus ist Freiheit. Unterwerfung ist Aufrichtung. Das Partielle ist das Monumentale. Schmutz führt zur Reinheit. Oder: Das Unmögliche ist möglich.
Was das Katholische oftmals ausmacht, angesichts von Leid, Armut und Pein, das ist seine unendliche Lässigkeit. Der Katholik steht sowohl mit den Dämonen wie mit den Engeln in einem ironischen Verhältnis. Es ist auch die Ironie, die den Katholiken seinen Nachbarn und seinen Schöpfer überhaupt ertragen lässt. Darin die gottgeschenkte, gnadenvolle, unverbrüchliche, herrliche, mystische Freiheit des Katholiken.
Als Oscar Wilde auf dem Sterbebett nach langer Distanz zur Kirche wieder die Eucharistie empfing und das Viatikum, da zweifelten manche Oxford-Eiferer, ob er noch bei Bewusstsein gewesen sei. War seine Umkehr gültig? Der Priester, der diese Sakramente übersah, jedenfalls soll ihnen gesagt haben: "Ja, sicher war er bei Sinnen. Er verlangte direkt danach nach einer Zigarette, die ich ihm anzündete."