#61 Gefaltete Hände-EmojiKleine Kulturgeschichte einer digitalen Geste

Das 🙏-Emoji ist längst mehr als ein digitales Zeichen: Es steht für Dank, Gruß, Gebet, Bitte und Beistand. Doch woher kommt seine Bedeutung – und wie verändert das Symbol unsere Kommunikation und sogar unsere Gesten im echten Leben?

Gefaltete-Hände-Emoji
© Emojipedia

Als vor zehn Jahren mein Vater mir erstmals das 🙏 -Emoji über WhatsApp schickte, dachte ich: Jetzt war Neuland erreicht. Anstatt bündige Nachrichten mit "ok" oder "thanks" oder "call me" zu schicken, schöpfte er nun aus einem hieroglyphischen Kanon an Emojis. Immer exzessiver, schien mir.

In den letzten Jahren belegen Studien, dass Männer bis zu dreimal mehr Emojis verwenden als Frauen. Nahezu 90 % digitaler Kommunikation kommt nicht ohne sie aus. Kommunikation ist stets auch Spiel. Und wer das volle Potenzial der Eingabeleiste in sozialen Medien ausreizt, dem stehen inzwischen hyperindividualisierte Sticker, Sprachmemos, Videos im Tondo-Format, GIFs und vieles mehr zur Verfügung.

Compositis manibus – gestische Kommunikation

Ja, "mit gefalteten Händen." Die betenden Hände im Unicode-Stil – 🙏 – sind berühmter als Albrecht Dürers Zeichnung aus der Wiener Albertina. Sind die blauen Ärmel des Emojis eine subtile Hommage an die Blaugrundierung der Dürrer-Hände aus dem Jahr 1508? Sicher nicht, denn in Silicon Valley geben sich die Bros, die Unicode entwickelten, eine Norm für den digitalen Glyphensatz, sowohl Unisex als auch neutral – oder zumindest nicht eurozentrisch. Das Symbol 🙏 ist dennoch zutiefst menschlich, obwohl es nicht zu den mit Mimik operierenden Emojis gehört.

Es zeigt wohl keine Apostelhände: die Finger geschlossen und ausgestreckt, zusammen mit den Handtellern aufeinander gepresst. Offenbar blickt man beim Emoji auf die Hände eines Gegenübers, denn die Daumen sind vom Betrachter abgekehrt.

Seit zehn Jahren mehren sich in der westlichen geprägten Welt, also unserer realen Welt, Gesten der gefalteten Hände. Manche Menschen verabschieden sich, indem sie die Hände aufeinanderlegen. Andere Menschen drücken Ihren Dank aus, indem sie die Hände kurz aufeinanderlegen. Das Emoji ist Fleisch geworden.

Die "folded hands" sind zwar schon seit 2010 durch Unicode akkreditiert, sie fühlen sich aber für mich ungewohnt demonstrativ an. Obgleich das semantische Feld bewusst offen ist. Es kann auch schlicht Dankbarkeit ausdrücken. Oder als Yoga-Pose gedeutet werden. In manchen Kulturen beginnen Chats mit "folded hands," weil sie als Hallo gelesen werden. Höflichkeit wie auch Innerlichkeit befinden sich in ihrem Bedeutungshorizont. Es kann zugleich säkular daherkommen wie auch religiös aufgeladen sein. Seine Semantik ist höchst kontextuell und fluide: 🙏 vom Beistand übers Begrüßen bis zur Beschwörung und dem Betteln. Oder wie deuten Sie das hier: 🍆 🙏?

Offiziell bzw. technisch heißt 🙏: "PERSON WITH FOLDED HANDS." Alle Emoticons sind in einem Block zusammengefasst, eine Art periodische Tabelle, dort heißen 🙏 schlicht U+1F600 – U+1F64F.

Diese gestischen Emojis imitieren nicht nur symbolische Sprechakte, die wir mit unseren Händen ausüben, wie Okay, Thumbs-up oder Herz. Dem Emoji "folded hands" wohnt eine Art narrative Struktur inne; sie sind appellativ.

Rückwirkungen auf die echte Welt

Sicher, im Christentum kennen wir etliche andere Gebetshaltungen; vor allem auch solche, die nicht allein die Hände einbeziehen – etwa das Niederknien, die Prostration, die Verneigung. Aber das Emoji verändert auch die analoge Welt und ihre Gesten. Die Prävalenz des Zeichens verschiebt das Bewusstsein – wird nicht nur skriptural oder symbolisch, sondern springt über ins Körperliche.

Seit zehn Jahren mehren sich in der westlich geprägten Welt, also unserer realen Welt, Gesten der gefalteten Hände. Manche Menschen verabschieden sich, indem sie die Hände aufeinanderlegen. Andere Menschen drücken Ihren Dank aus, indem sie die Hände kurz aufeinanderlegen. Das Emoji ist Fleisch geworden.

Anzeige: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte. Von Jan-Heiner Tück
COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen