#59 MozartkugelInnen weich, außen auch

Manchmal wirkt kirchliche Betriebsamkeit so auf ihre Nebenaufgaben fokussiert, dass sie darüber vergisst, wozu sie eigentlich da ist.

Salzburger Mozartkugeln
© Bild von Hans auf Pixabay

Er gehörte zu der Art von Theologen, die gerne Mozartkugeln verschenkten. Nennen wir ihn Mag. Marzipancreme. Er liebte Mozartkugeln, hielt zur barocken Kirchlichkeit allerdings eine, wie er selbst gerne beteuerte, "kritische Distanz." Trotzdem verbrachte er jeden Sommerurlaub mit dem E-Bike in den Bergen. Wann immer er dabei die Salzburger Getreidegasse visitierte, kaufte er im Shop von Mozarts Geburtshaus etliche Regenschirme mit aufgedruckten Partituren, mehrere Häferl mit Notenschlüssel als Griff sowie Schlüsselanhänger, die nach der Silhouette des Komponisten ausgefräst waren.

Sobald er zuhause "wieder im Dienst" war, verschenkte Mag. Marzipancreme diese Aufmerksamkeiten an seine Gastreferenten, die er in seine kirchliche Einrichtung in Niedersachsen Saison für Saison einlud. Denn er beherrschte, wenn auch sonst keine Umgangsformen, die Formalität des Gastgeschenks perfekt. Diese Geschenke am Ende einer Veranstaltung zu überreichen, war Mag. Marzipancremes großer Moment. Darin kulminierte seine ganze Tätigkeit im Auftrag der kirchlichen Kulturarbeit: von der Programmplanung, den Einladungsmails, der Auswahl von Schriftarten für das Plakat, bis hin zu seiner Bitte an die Sekretärin, dass sie ein Zimmer für die Referenten buche.

 Mir fiel es schwer zu verstehen, wie Mozartkugeln, die immer etwas speckig oder wächsern wirken und abgelaufen schmecken, zu solcher Anerkennung gekommen waren. 

… nicht die, die man im Supermarkt bekommt

Einmal erhielt ich selbst, als ich einer Einladung törichterweise gefolgt war, für einen Vortrag dortselbst von Mag. Marzipancreme eine Schachtel mit Mozartkugeln. Der Theologe stellte sich nach der Präsentation neben mich ins grelle Licht des Beamers, das ihn nun in den Farben meiner letzten Slide wie ein aufgescheuchtes Reh krass erhellte. Die Saalbeleuchtung war noch abgedimmt, als er mir die Hand schüttelte. "Ich war wieder einmal in Salzburg," sagte er dabei zur stummen Menge, die in Stuhlreihen vor uns saß, "weil ich aber immer auf der Suche bin nach besonderen Geschenken für die Gäste unseres Hauses, habe ich wieder diese Mozartkugeln mitgebracht." Mag. Marzipancreme machte eine Zäsur. Und wiederholte sodann mit Emphase: "Original Mozartkugeln! Nicht die, die man im Supermarkt bekommt."

In diesem Augenblick bemerkte ich, dass auf seinem dunklen Revers unzählige Schuppen im Beamerlicht glänzten: ein flockiger, feiner Silberstaub. Unwillkürlich dachte ich an die Stanniolfolie. Kurz schien mir zwischen den Schuppen und den Mozartkugeln eine mirakulöse Korrelation aufzuleuchten. Nein, doch nicht. Ich schaute Mag. Marzipancreme an und hätte ihn gerne erinnert, dass ich den Vortrag für ein lächerliches Honorar gehalten hatte. Aber schon war der schneepistengebräunte Theologe wieder dabei, seine Mozartkugeln zu loben: "Es sind die Mozartkugeln, die im silbernen Stanniol gewickelt sind. Nicht die aus dem Supermarkt! Nur diese dürfen sich Original Salzburger Mozartkugeln nennen, weil sie seit 130 Jahren von der Konditorfamilie Paul Fürst an der Salzach hergestellt werden."

Ein anerkennendes Gemurmel brummelte durch den Saal, was wohl bedeutete, dass das Publikum genau nachzuvollziehen vermochte, was ich nicht begriff: Die Übergabe von Original Salzburger Mozartkugeln an mich. Damit war eine edle Tat geschehen, ein gewisser Gipfel erreicht. Mir fiel es indes schwer zu verstehen, wie Mozartkugeln, die immer etwas speckig oder wächsern wirken und abgelaufen schmecken, zu solcher Anerkennung gekommen waren. Mag. Marzipancreme schüttelte mir nochmal beherzt die Hand und überreichte mir das süße Geschenk. Anschließend winkte er seiner Assistentin, wie nach einer Zirkusnummer, und diese drehte die Saalbeleuchtung wieder an, woraufhin sich das Publikum nun mühevoll von den Sesseln erhob.

Vielleicht besteht die Versuchung kirchlicher Institutionen darin, ihre Nebenaufgaben so gewissenhaft zu erfüllen, dass am Ende niemand mehr nach ihrer Hauptaufgabe fragt.

Eigentümlich lustlose Betriebsamkeit

Zu meiner Verwunderung unterhielten sich in der Einrichtung von Mag. Marzipancreme die Gäste auch kaum miteinander: Sie huschten mürrisch von ihren Plätzen an die Garderobe und verließen das Gebäude. Auch der Einrichtungsleiter interessierte sich nicht im Geringsten dafür, sich mit mir zu unterhalten, nachdem er mir die Pralinen geschenkt und das Publikum dies anerkennend gelobt hatte. So verließ ich die Stadt am nächsten Tag mit dem Gefühl einer gewissen Sinnlosigkeit – oder weniger dramatisch: einer gewissen Gleichgültigkeit.

Wozu machte Mag. Marzipancreme eigentlich, dachte ich auf dem Weg zum Flughafen, all die Anstrengungen seines Jobs? Weder er noch sein Publikum schienen sich brennend dafür zu interessieren, was auf dem Programm stand. Andere Kultur- und Bildungseinrichtungen in der Stadt, die nicht im kirchlichen Dienst standen, versammelten ein weitaus interessiertes Publikum und luden die Avantgarde in ihren Bereichen ein. Doch die energische und zugleich eigentümlich lustlose Betriebsamkeit bei Mag. Marzipancreme schien mir mehr wie eine Ersatzhandlung.

Institutionen entwickeln mit der Zeit die Fähigkeit, ihre Mittel mit ihren Zielen zu verwechseln. Dann wird das Programm wichtiger als die Frage, wozu es überhaupt dient. Man veranstaltet Veranstaltungen, pflegt Netzwerke, gestaltet Flyer und überreicht Geschenke – und merkt irgendwann nicht mehr, dass all dies einmal auf etwas Größeres verweisen sollte.

Gegenüber der Einrichtung befand sich der Dom, ein wundervolles Meisterwerk der Romanik. Dieser war nach meiner Veranstaltung leider schon geschlossen und in der Früh, als ich gehen musste, noch nicht wieder geöffnet. Vielleicht besteht die Versuchung kirchlicher Institutionen darin, ihre Nebenaufgaben so gewissenhaft zu erfüllen, dass am Ende niemand mehr nach ihrer Hauptaufgabe fragt.

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