# 63 NagelDas Wolkenritual

Zwischen Sargwerkstatt in Unterfranken und Mailänder Dom wird der Nagel zum Bild einer Endgültigkeit, die noch einen Ansatz für einen neuen Anfang stehen lässt.

Heiliger Nagel und Reliquiar Domschatz Trier
Heiliger Nagel und Reliquiar Domschatz Trier© Altera levatur, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es gab nur wenige Dinge, die meine Urgroßmutter und ihre Schwiegertochter, also meine Großmutter in Franken, gerne gemeinsam taten. Doch samstags zum Rosenkranz ließen sie ihre Bosheit zueinander ruhen. So ging es wohl auch den achtzehn bis zwanzig Frauen, die im harmonischen Wechsel etwa dreißig Minuten lang in der alten Hallenkirche am Untermain beteten. Und dem Schreiner, Josef K. (ja, wirklich): ein geschäftsmäßig frommer Handwerker, der fürs gesamte Dorf die Särge zimmerte.

In meiner Erinnerung war er damals der einzige Mann, den ich bis weit ins Erwachsenenalter beim Rosenkranzgebet erlebt hatte. Priester und Diakone ausgenommen. Daher wirkt es auf mich fast ein bisserl fremd, wenn neuerdings viele Männer das marianische Gebet enthusiastisch für sich entdecken. Ob darin eine Art emanzipatorische Kraft steckt, die Männer von ihrem toxischen Habitus befreien könnte? Es wird sich zeigen.

Josef K., der Schreiner vom Untermain, jedenfalls war ein heiterer Mensch. Er war nicht nur penibel und genau, sondern ein Quell prägnanter Aperçus. Zum Beispiel: Wie sollte man sich gegenüber Geistlichen verhalten? Josef K.: Höflich, wie gegenüber einer älteren Dame. Wenn jemand mal wieder bemerkte, dass auch der Heiland ein Schreiner gewesen sei, antworte Josef K. mit knapper Bestimmtheit: Ja, aber kein guter. Warum? Josef K.: Welcher Schreiner hat denn bitte am Ende des Tages zwei Nägel durch die Hand gehauen?

to put the last nail in a coffin

Diese englische Redensart meint so viel wie: das Fass zum Überlaufen bringen, den Rest geben. Der letzte Sargnagel besitzt eine makabre Finalität, die Josef K. in seiner Werkstatt mit einem besonders gestalteten Holznagel markierte. Er schnitzte ihn so, dass er schnell einzuschlagen sei und die Kante des Deckels mit dem trapezförmigen Korpus des Sargs aus Lindenholz verzapfte.

Im Gegensatz zu den übrigen Nägeln sägte Josef K. auch nicht den Überstand ab und verschleifte ihn nicht bündig mit der Oberfläche der Holzbretter. Der Stumpf des letzten Sargnagels ließ Josef K. stehen, als ob jemand bei einer Öffnung der Totenlade genau dort anfangen könnte. Dieser Handwerkskniff war weder Brauch noch Sitte in seiner Zunft.

Was immer als final gedeutet sein will, hat einen eigentümlich vorläufigen Überstand, hinterlässt einen Rest, daran eine neue Endlichkeit aufblüht.

Erst vor einigen Jahren erlebte ich zufällig in Mailand ein seltsames Fest, den sogenannten Wolkenritus, den Rito della Nivola, das offenbar im Zusammenhang mit dem ambrosianischen Ritus zusammenhängt: Der Erzbischof wird – wie durch den Einsatz einer Theater-Maschine – auf einer wolkenförmigen Hebevorrichtung, die mit Engeln geschmückt ist und kunstvoll drapiert ist, hoch hinauf ins Domgewölbe gezogen, wo er die Kapsel des Heiligen Nagels aus seinem Reliquiar nimmt und dann den Santo Chiodo in einer Prozession durch den Dom führt und zur Anbetung ausstellt.

Ich möchte nicht auf die Ursprünge dieses Rituals eingehen, das im Zusammenhang mit der Kreuzverehrung zu sehen ist, wovon die Kirche – wenn man gewillt ist, sie mit Vergnügen und ein bisschen Grusel zu beschauen – voll ist. Vielmehr möchte ich dieses Spiel mit der Finalität festhalten, dass – bei aller Rede von enactment, embodiment, die besonders im postdramatischen Theater ein neues Verhältnis zwischen Schauspiel und Skript erzeugte – hier einen deutenden Ausdruck findet.

Am Sarg ließ Josef K. dem Verschluss eine Handhabe zur Öffnung, nennen wir es einen Wink oder einen Trick, ein ironisches Stilmittel seines Gewerkes. In Mailand wurde das Werkzeug des Festnagelns selbst in Bewegung versetzt und dezentral zum Kreuz in den Mittelpunkt gestellt bzw. akzentuiert. Beide Gesten schienen mir etwas offenzuhalten, wo doch ein Nagel das Ende besiegeln sollte. Was immer als final gedeutet sein will, hat einen eigentümlich vorläufigen Überstand, hinterlässt einen Rest, daran eine neue Endlichkeit aufblüht.

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