Da ist die Frau, die sich frühmorgens vor dem Tafelladen anstellt, weil die Rente nicht reicht. Sie hat einst ihren Beruf aufgegeben, um ihren Vater zu pflegen, das wird ihr jetzt zum Verhängnis. Da ist der Altenpfleger, der genaue Vorgaben hat wie wenige Minuten er in einem Zimmer sein darf, in dem ein pflegebedürftiger Mensch auf den vielleicht einzigen Sozialkontakt an diesem Tag wartet.
Da ist die alte Dame, die in einem nassen Bett liegt und Stunden aushalten muss, bis ihr geholfen wird, weil eine Nachtschwester auf über 30 Pflegebedürftige kommt oder der ambulante Dienst zu wenig Mitarbeiter hat. Und da ist die Pflegefachperson, die die alten Menschen im Heim (zu) großzügig mit Schlaftabletten und Schmerzmitteln ruhig stellt, weil sie es sonst nicht schafft. Reale Beispiele, von denen Insider ein Lied singen können.
Pflege betrifft uns alle - früher oder später
Das Thema "Pflege" betrifft Millionen in Deutschland, ein ähnliches Schicksal kann jedem drohen, der diesen Text liest. Menschen kommen derzeit täglich an ihre Grenzen, sei es weil sie selbst hilfsbedürftig sind, oder weil sie anderen helfen möchten und zu wenig Unterstützung erfahren. Die soll künftig noch geringer ausfallen. Es geht dabei um nicht weniger als um ein Dasein und eine Behandlung in Würde.
Zum Start der neuen Bundesregierung 2025 hatte Bischof Heiner Koch, der damalige Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie, im Mai am "Internationalen Tag der Pflege" noch lobend hervorgehoben, dass die Koalition sich vornehmen wolle, pflegende Angehörige besser zu unterstützen. Geblieben sind Versprechungen und ein Reformvorschlag (Pflegeneuordnungsgesetz, kurz PNOG), der vor allem nach einem aussieht: Sparen. Zwischen SPD und CDU/CSU war darüber zuletzt großer Streit ausgebrochen, nun ist der Entwurf im Bundeskabinett knapp verabschiedet worden und muss als nächstes durch den Bundestag.
Pflegeeinrichtungen und Verbände blicken mit Sorgen darauf, dass die Tarifbindung für vier Jahre ausgesetzt werden soll. Angehörige fühlen sich nicht gesehen, beispielsweise soll die bisherige Möglichkeit zur "Verhinderungspflege" eingeschränkt werden, also Hilfe für den Fall, dass ein pflegender Angehöriger selbst krank wird. Auch der sogenannte Entlastungsbeitrag für Pflegegrad 1 entfällt komplett, das sind 131 Euro im Monat, die eine Haushaltshilfe möglich machten und beispielsweise einem Demenzkranken eine Einkaufshilfe finanzierten. Kleine Dinge, die im Alltag einen großen Unterschied machen.
Klar ist, dass der Gesundheitsminister zum Sparen gezwungen ist. Die Bevölkerungspyramide dreht sich. Doch der Fokus auf das Kürzen von Leistungen, ist kein guter Start für die Reform eines Systems, das mit und für Menschen arbeitet.
Und besonders gravierend: Von einem Ausgleich der Mehrbelastung pflegender Angehöriger oder ihrer Absicherung ist im Entwurf nicht die Rede. Im Gegenteil: "Die Beiträge, welche die Pflegeversicherung als versicherungsfremde Leistung für die Rentenabsicherung pflegender Angehöriger zahlt, werden in Zukunft auf 70 Prozent der bisherigen Beiträge beschränkt." Immerhin: Dieses Detail möchte Carsten Linnemann streichen, die Einsparungen an dieser Stelle waren noch von Vorgängerin Nina Warken eingeplant.
Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Klar ist, dass der Gesundheitsminister zum Sparen gezwungen ist. Die Bevölkerungspyramide dreht sich. 1998 waren es noch 29 Menschen pro Pflegebedürftigen, 2025 nur noch 10. Pflege ist teuer und die Finanzlöcher sind riesig, 2027 sollen acht Milliarden eingespart werden, 2028 zehn. Doch der Fokus auf das Kürzen von Leistungen, ist kein guter Start für die Reform eines Systems, das mit und für Menschen arbeitet.
Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alt oder krank zu werden sollte in einem Land wie Deutschland nicht mit Armut einhergehen. Längst werden andere Modelle diskutiert: die Bezuschussung durch Steuermittel (passiert ohnehin längst), Pflegefonds oder ein Finanzausgleich zwischen privater und gesetzlicher Versicherung. Und auch wenn gerade die Debatte über die Höhe vom Eigenanteil an Heimkosten sehr laut ist, darf nicht vergessen werden: Über 85 Prozent der Pflegebedürftigen werden nicht im Heim versorgt. Es sind vor allem Angehörige, die häufig zusätzlich zur Erwerbsarbeit aufopferungsvoll ihre Verwandten pflegen.
Wenn sich, wie Bischof Heiner Koch sagte, an der Pflege "die Humanität unserer Gesellschaft ablesen lässt" sollte die Kirche gerade jetzt lautstark an der Seite der Schwachen stehen und aufschreien, wenn ihnen Schaden droht.
Wenn sich, wie Bischof Heiner Koch sagte, an der Pflege "die Humanität unserer Gesellschaft ablesen lässt" sollte die Kirche gerade jetzt lautstark an der Seite der Schwachen stehen und aufschreien, wenn ihnen Schaden droht. Natürlich warnt die Caritas als kirchlicher Verband "vor weiteren Einsparungen im Pflege- und Gesundheitswesen", zuletzt bei der Pressekonferenz der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda. Doch das bleibt herzlich unkonkret, der Satz ist zur Phrase verkommen, klare Forderungen, die die drohende Not aufzeigen, finden sich in Papieren, die kaum einer liest. Und die Zeit drängt: erste Änderungen sollen schon zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Pflegende Angehörige oder Altenpfleger werden in den sozialen Netzwerken deutlicher, sprechen polemisch vom "PNOGGHIO-Gesetz", das ein Finanzierungsproblem auf dem Rücken Pflegebedürftiger, Angehöriger und Pflegefachpersonal lösen wolle.
Wo bleibt der Aufschrei der Bischöfe?
Zugegeben, die Pastoralkommission unter Bischof Peter Kohlgraf hat 2025 ein über 70-seitiges Papier veröffentlicht, das sich mit der "AltenPflegePastoral" beschäftigt. Ein Papier, das für kirchliche Mitarbeiter interessant ist. Und im Dezember 2025 veröffentlichte die "Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen" außerdem ein Papier zur Reform der Sozialsysteme. Doch es fehlt die politische Lautstärke, wenn es konkret wird, wie jetzt.
Eigentlich wird auch durch das "Katholische Büro" in Berlin Lobby-Arbeit gemacht, in einem Brief zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz vom Mai 2026 wird die geplante Aufhebung der Tarifrefinanzierung zwar kritisiert, doch zum "PNOG" findet sich keine eigene Stellungnahme. Es ist bemerkenswert, dass zur von der Gesellschaft mit Interesse verfolgten Pflegereform und den drohenden Verschlechterungen für Millionen Betroffene die Bischöfe so leise sind - die eigentlich an der Seite der Schwachen stehen müssen.
Hier könnte sich die Kirche einmal besonders menschennah und fürsorgend zeigen. Für viele ist der sozial-caritative Charakter der Institution ein wichtiger Grund nach vielen Skandalen doch nicht auszutreten, auch das sollte Motivation sein hier mehr Flagge zu zeigen. Es wäre noch Zeit - das Gesetz muss jetzt durch den Bundestag.