Ich bin kürzlich an einem Zitat hängengeblieben. Ein Kardinal hat Papst Benedikt XVI. einmal so charakterisiert: "Er ist so klug wie zehn Professoren zusammen und so fromm wie ein Kind, das die Heilige Erstkommunion empfängt." Ist es faszinierend oder ein Widerspruch, dass jemand, der so gebildet war, sich eine gewisse Naivität im Glauben bewahrt hat?
Kann ein aufgeklärter Mensch heute überhaupt religiös sein? Für Wissenschaftler wie den berühmten Astrophysiker Stephen Hawking nicht. Für ihn war es einst "natürlich" anzunehmen, ein Gott hätte das Universum geschaffen. Heute hätte die Wissenschaft "eine überzeugendere Erklärung", die ohne einen Beweger auskommt. Auch Deutschland säkularisiert sich zunehmend. Viele, die selbst noch getauft wurden, geben den Glauben nicht mehr an die nächste Generation weiter.
Die Zahl der Kindertaufen geht deutlich zurück. In den katholischen Bistümern Bayerns gab es laut Statistik der DBK 2025 36.129 Taufen, 2023 waren es noch 42.560 und 2018 52.748. Dass viele ihre Kinder nicht mehr taufen lassen, weil sie ihnen einmal selbst die Wahl geben wollen, verstehe ich nicht. Einer meiner Professoren hat uns gesagt, man dürfe "Kinder nicht um Gott betrügen". Den Satz habe ich nicht vergessen. Ich finde, er hat recht. Wie kann man sich gegen etwas entscheiden, was man nicht richtig kennenlernen durfte? Die Art, wie Gott den Weg in ein Kinderherz findet, ist eine andere. Man kann das nicht nachholen.
Es wird kritisiert, dass sich Religion in der frühen Kindheit auch negativ auswirken kann. Von drohenden Gottesbildern, von Angst vor Höllenstrafen oder patriarchalen Strukturen ist die Rede. Solche Erfahrungen sind real und haben Schaden angerichtet. Doch dafür muss man doch meist weit in die Vergangenheit blicken. Der religiösen Erziehung der letzten 40 Jahre kann man so etwas jedenfalls kaum andichten – von einzelnen traurigen Ausnahmen abgesehen.
Kinderglauben kann durchs Leben tragen, wenn rationale Argumente nicht mehr funktionieren. Hat nicht Jesus gesagt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen" (Mt 18,3)? Ich glaube, er hat damit auch gemeint, dass wir manchmal einfach unsere erwachsenen Vorstellungen loslassen und vertrauen müssen. Dass wir offen bleiben müssen für Dinge, die uns überschreiten. Wie Wunder, die man sich nicht erklären kann und auf die man in der Not hofft und für die man betet. Ein Trost in unserer unplanbaren, letztlich auf den Tod zulaufenden Existenz.
Nur Märchen?
Ich muss an eine Szene aus "The Big Bang Theory" denken, eine der beliebtesten Sitcoms der letzten Jahre. Man sieht dort, wie der Physiker Sheldon Cooper als Kind eben solchen Trost und Rat ausgerechnet bei den Charakteren von "Star Trek" fand. In einer Szene fragt ihn seine sehr christliche Mutter, wie er als überdurchschnittlich intelligenter Mensch nur glauben könne, dass es Außerirdische gäbe. Seine Antwort: "Du hast Deine Märchen, ich habe meine."
Märchen sind dabei doch nichts anderes als Erzählungen von Wundern, von denen wir uns wünschen, dass sie wahr sind. Schlafende Frauen, die vom Tod erweckt werden, die Guten, die die Bösen besiegen, Heldenerzählungen – Motive, die auch die Bibel kennt, mit dem Unterschied, dass Gläubige sie nicht als Fiktion verstehen.
Ich muss an unerklärliche Heilungen und Marienerscheinungen denken. Aber auch an die Eucharistie, also den Glauben daran, dass in einer kleinen Scheibe Brot Christus tatsächlich gegenwärtig ist. Ich kenne Gläubige, die die ganze Nacht vor ihrer Erstkommunion mit gefalteten Händen im Bett lagen, weil sie so aufgeregt waren, Jesus persönlich zu empfangen. Oder Menschen, die sich heiligen Orten aus Ehrfurcht nur auf Knien nähern, wie im polnischen Tschenstochau oder im portugiesischen Fatima. Wer seinen Glauben so fühlt, möchte sich heute leider eher ungern dabei ertappen lassen. "Naiv", "fundamentalistisch", "einfach im Glauben" – das sind Beleidigungen, die man sich lieber erspart.
Doch braucht Glaube nicht genau dieses Moment? Ein Vertrauen, das sich gerade nicht absichern lässt. Eine ehrfürchtige Offenheit für etwas, was größer ist als das eigene Verstehen. Wer als Erwachsener noch "so fromm wie ein Erstkommunionkind" sein kann, der hat sich diesen Trost erhalten. Wie schön.