Unter MissionarenAls Zaungast beim Klassentreffen der Bekenner

Bei der Konferenz "Mission is Possible" in Augsburg gab es Lobpreis, Tränen, Bekehrungsgeschichten und Tools für eine Kirche im missionarischen Aufbruch. Alina Oehler staunt – und zweifelt.

Konferenz
© Philippa von Wietersheim

Ein Lob auf die "lauen" Christen hat einmal eine Journalistenkollegin von mir gesungen. Sie seien ihr lieber als brennende Bekenner. Nun gibt es von den Lauen aber immer weniger. Die Volkskirche in Deutschland schwindet dahin. Papst Franziskus hat 2019 in einem Brief an die Deutschen die "Neuevangelisierung" zum wichtigsten Ziel erhoben. Eine Zeit, die engagierte Bekenner, ja Missionare des Glaubens braucht?

In Augsburg konnte man sie vom 19. bis 20. Juni sprechen hören, auf der zweitägigen Konferenz "Mission is Possible", organisiert von einem Kreis um den Theologen Johannes Hartl, der mit seinem "Gebetshaus" überregional bekannt wurde. Mit Stefan Oster (Passau), Bertram Meier (Augsburg) und Florian Wörner (Augsburg) waren auch drei katholische Bischöfe dabei.

Die Kirchen-Szene blicke schon länger staunend ins Ausland, erzählt Hartl zu Beginn. Dort hat das Christentum scheinbar wieder Aufwind bekommen. In Frankreich, Kanada, Belgien oder Dänemark interessierten sich immer mehr junge Menschen für den Jesus-Glauben. Es seien "kleine, aber bemerkenswerte Anfänge", sagt er in seinem Eingangsvortrag. Deutschland hinke hinterher, aber das könne sich ändern. Dafür sei gerade dieses Treffen so wichtig.

In einer Presseinfo wird die Tagung als Missions-, Vernetzungs-, Inspirations- und Ausbildungskonferenz für Menschen beschrieben, die beitragen wollen, dass Kirche wieder attraktiv wird. Ein Novum: Die Veranstaltung war ökumenisch, von den über 1000 Teilnehmern waren etwa 60 Prozent Katholiken, 25 Prozent zählten sich zu Freikirchen, 15 zur evangelischen Landeskirche. Einzelne orthodoxe Christen waren auch da. Sehr viele Teilnehmer kannten sich, jemand beschrieb es in den sozialen Medien als "Klassentreffen" der Szene.

Band auf der Bühne, erhobene Hände, geschlossene Augen, inniger Gesang. Der Lobpreis endet. Applaudiert man da?

Als Katholikin, die in einer eher ruhigen katholischen Spiritualität zu Hause ist, war die Konferenz meine bislang intensivste Berührung mit Lobpreis und einer hippen Sprache, die in dieser Szene wohl gängig ist. Die Moderation startet mit: "Hey, Du bist dabei! Genial!" und bittet alle, die nächsten Tage auf den Heiligen Geist zu hören und zu schauen, was er für einen persönlich "highlightet". Dem Eröffnungsgebet – "Gott, wir heißen dich willkommen …" – folgt ein Lobpreisreigen mit "Danke Jesus"-Gesängen, die viele Menschen augenscheinlich sehr anspricht. Band auf der Bühne, erhobene Hände, geschlossene Augen, inniger Gesang. In der Reihe vor mir ein junger Ordensmann, der etwas verloren einfach nur dasitzt. Der Lobpreis endet. Applaudiert man da?

Bischof Bertram Meier erdet das Spektakel dann recht schnell, als er die Teilnehmer im Namen des örtlichen Bistums begrüßt und den Teilnehmern versichert, dass er als Sohn eines lutherischen Christen und einer Katholikin mit "ökumenischer Muttermilch" gestillt wurde und das hier also auch sein Thema sei. Seine evangelische Oma wollte er als Priester katholisch machen, leider wäre sie vorher verstorben. Der Blick auf Jesus Christus vereine jedenfalls alle.

Die Idee zum Missions-Treffen geht auf einen anderen Bischof zurück. Stefan Oster aus Passau hatte vor ein paar Jahren eine ökumenische Gebetsgemeinschaft ins Leben gerufen, bei der auch Johannes Hartl dabei ist. Aus ihr ist der Trägerkreis der Konferenz hervorgegangen.

Die Augsburger Kongresshalle wird dann in tiefrotes Licht getaucht, der Heilige Geist wird angerufen, "heute Abend" zu kommen. Bei Liedern wie dem berühmten Bonhoeffer-Text "Von guten Mächten" oder "Meine Hoffnung und meine Freude" singen alle mit. Später sagt man mir, dass das gar keine typischen Lobpreis-Lieder seien, man hätte das bestimmt gemacht, um für die vielen Katholiken anschlussfähiger zu sein, die hier sind.

"Just sell the stuff!"

Die Konferenz ist sehr dicht getaktet. Sie beginnt an einem Freitagabend und endet am Samstag um 22:30. Dazwischen sind etwa 30 Redebeiträge und 10 Workshops verteilt. Ein Format, das so manchen Teilnehmer erschlagen zurücklässt.

Ein Thema, das immer wieder aufkommt, ist der Vorwurf an die Kirchen, zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Johannes Hartl vergleicht es mit einem Eisverkäufer, der mit internen Abläufen so beschäftigt ist, dass das Einzige, was stört, der Kunde ist. Auch Bischof Meier spricht von der Kirche als einem großen "Dampfer", den man kaum bewegen kann. "Es gibt Bremsklötze, was die Mission anlangt. Das ist die Bürokratisierung der großen Kirchen, dass wir ständig mit Strukturreformen befasst sind", sagt er. Dr. Thomas Schlegel, evangelischer Theologie aus Ostdeutschland, bestätigt das für die evangelische Kirche. "Wir haben so viel Zeug, das verwaltet werden muss". Einmal hätte jemand zu ihm gesagt: "Just sell the stuff!" Manchmal wünsche er, man könnte das einfach tun.

Wenn die Organisation lahmt, werden die Laien wichtiger, meint Bischof Meier. Die klassische Pfarrgemeinde hat er nicht abgeschrieben, sie müsse aber missionarisch sein:

"Ich plädiere dafür, da sind sie auch als Laien gefragt, auch ein Pfarrer kann manchmal einen kleinen Klaps gebrauchen, dass er daran wieder denkt, dass er spirituell und pastoral stärker unterwegs ist."

Ein Satz, der so manchen provozieren dürfte.

Als Stargast ist der anglikanische Geistliche Nicky Gumbel eingeflogen. Er ist der Begründer der berühmten Alpha-Kurse, eine Art Erwachsenenkatechese. Laut Hartl haben letztes Jahr weltweit 2,83 Millionen Menschen so einen Kurs besucht. Gumbel sagt in seinem Vortrag, dass über die Hälfte der Teilnehmer während oder nach einem solchen Kurs "ihr Leben Jesus gegeben" haben.

Mission unter muslimischen Flüchtlingen?

Zur Frage, wie katholische Gemeinden wieder erfolgreich werden können, ist ein eigener Workshop angesetzt. "Divine Renovation Ministry" nennt sich die Organisation, die konkrete Prinzipien für gelingende Erneuerungsversuche weitergeben möchte.

Mehrfach ist auf der Konferenz vom Islam die Rede, stets negativ. Geschichten erfolgreicher Bekehrungen werden johlend beklatscht, immer wieder Gesichter von jungen Frauen eingeblendet, die dort Unterdrückung erfahren haben und durch das Christentum befreit wurden.

Ich habe mich für einen anderen Workshop entschieden. "Elijah21 – 10 Jahre Verkündigung unter Muslimen". Mich provoziert der Titel. Mehrfach ist auf der Konferenz vom Islam die Rede, stets negativ. Geschichten erfolgreicher Bekehrungen werden johlend beklatscht, immer wieder Gesichter von jungen Frauen eingeblendet, die dort Unterdrückung erfahren haben und durch das Christentum bekehrt wurden.

Bei "Elijah 21" sprechen Missionare gezielt muslimische Flüchtlinge an, laden sie zum Essen ein und zeigen ihnen einen Film über Jesus. In 10 Jahren hatten sie laut eigenen Angaben 10.200 Gäste. 

Sicher ist das beeindruckend und sicher gibt es hier auch Leid. Ich kenne aber auch einen anderen Islam, bin in einer Kleinstadt mit vielen Muslimen aufgewachsen, habe ihre Gastfreundschaft genossen und beim Tag der offenen Moschee über diesen anderen Weg, zu glauben, gestaunt, ohne mich missioniert zu fühlen. Wie würden sich meine türkischen Freundinnen hier fühlen?

Mit gemischten Gefühlen höre ich beim Workshop, wie geflüchtete Menschen aus Afghanistan durch "Elijah 21" angeblich das erste Mal von Jesus hörten. Lukas Bösche, ein ehemaliger Bundeswehr-Offizier, berichtet von seinen missionarischen "Einsätzen". Mein Unbehagen schwindet ein wenig, als er den Satz sagt:

"Es ist nicht unser Antrieb, Christen zu machen – das kann man eh nicht selber. Es geht um das Neue, um die Freiheit für unsere Gäste, dass sie ab dann davon wissen".

Manipuliert werden solle hier keiner. Seinen Teams gebe er das deutlich zu verstehen. Jeder müsse vorab genau erfahren, was bei diesem Filmabend gezeigt wird.

Manche Kirchen, etwa die Evangelische Kirche im Rheinland, lehnen gezielte Mission unter Muslimen ausdrücklich ab. Auf der anderen Seite ist da der Missionsbefehl Jesu im Matthäusevangelium: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern". Trotzdem irritiert mich die Arbeit von "Elijah 21". Wird hier nicht die Notlage von Menschen ausgenutzt, um Einfluss auf sie zu nehmen? Oder bin ich zu kritisch?

Liberaler Kolonialismus

Die Spannung zwischen Mission, Indoktrination, Kolonialismus – sie schwebt im Raum. Dem widmet sich dann auch eine Podiumsdiskussion. Mihamm Kim-Rauchholz, Theologie-Professorin mit koreanischen Wurzeln an der pietistischen Hochschule Liebenzell, ärgert sich darüber, dass ihre Kultur sich manchmal immer noch bevormunden lassen müsse.

"Wenn jemand aus dem Westen mir sagen will: du bist erkauft mit Geld, deswegen bist du Christ geworden, das empfinde ich als kolonialistisches Gedankengut in liberalem Gewand, weil es einem ganzen Volk unterstellt: Wir sind zu blöd".

Man ist sich einig, dass es Schatten der Vergangenheit gibt, aber auch nicht alles schlecht gewesen war. Wichtig sei: Wahrheit könne es ohne Liebe nicht geben, deshalb komme auch Mission ohne Liebe nicht aus.

Ich muss später wieder daran denken, als Otto Neubauer von der "Akademie für Dialog und Evangelisation" in Wien Mutter Teresa zitiert, die gesagt hat:

"Anfangs glaubte ich, bekehren zu müssen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es meine Aufgabe ist, zu lieben. Und die Liebe bekehrt, wen sie will!"

Ein gutes Wort, meine ich.

Die Initiative von Neubauer finde ich interessant. Er veranstaltet Tischgespräche unterschiedlichster Menschen und fordert auf: Bring jemanden mit, den du sonst nicht zum Essen einladen würdest. Motto: Nicht canceln, sondern einladen. Auf einem Bild seiner Präsentation ist dann der österreichische Travestie-Sänger Conchita Wurst in Abendkleid zu sehen, dazu die Bibelstelle: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben. Auch Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden…" (Lukas 6,32). Kritik an Regenbogenfahnen, Genderideologie und Cancel-Culture tauchten bei diesem Kongress übrigens nur am Rande auf.

Tränen und Gebete

Dass es ein Treffen für Insider ist, die Jesus gefunden haben und ihren Glauben bezeugen wollen, war klar. Nach außen wirken will der Kongress nicht, Journalisten von säkularen Medien kann ich nicht entdecken. Es fühlt sich sehr nach "Wir sind hier unter uns" an. Manch einer zeigt sich da sehr verletzlich.

Die großen Gefühle werden auch durch das Setting unterstützt: Lichteffekte, Musik, eindringliche, sich immer wiederholende Gesänge.

Stefan Oster muss auf der Bühne an sich halten, um nicht zu weinen. "Ich habe dicke Bücher geschrieben über Theologie und Philosophie und könnte sagen: ich beherrsche den Glauben", sagt er. "Ich tu so als ob ich verstanden hätte. Ich spreche ein Urteil." Pause. "Meine Sehnsucht ist vielmehr: ich möchte in die Knie gehen und den Menschen zeigen: hier ist die Schönheit." Seine Stimme bricht, als er über die Vergebungsbereitschaft Gottes spricht und sagt: "Ich bin zuerst ein erlösungsbedürftiger Sünder."

Was er mit seinem Zeugnis sagen will, führt er dann weiter aus. Nämlich, dass christliche Verkündigung nicht rhetorischer Überlegenheit entspringen dürfe, sondern einer demütigen Begegnung mit dem Gekreuzigten. Menschliche Erkenntnis kennzeichnet Oster als ein prozesshaftes Loslassen, das den Anderen nicht besitzen wolle, sondern Raum für das Wirken Gottes schaffe.

Die großen Gefühle werden auch durch das Setting unterstützt: Lichteffekte, Musik, eindringliche, sich immer wiederholende Gesänge. Das Gefühl, eine große, wohlwollende Gemeinschaft zu sein. Es wird auch sehr konkret füreinander gebetet. Johannes Hartl leitet das so an:

"Bevor wir Verkünder sind, sind wir Empfänger des Evangeliums. Wir alle neigen dazu, zu Funktionären zu werden, keiner ist davon gefeit, dann wird Reden zu Funktionärssprache, die Liebe kann dabei erkalten. Ich lade dich ein, zu beten, dass Jesus neu kommen darf (…) Ich möchte, dass wir füreinander beten. Wenn du Gebet empfangen willst, such dir jemanden, geh rum, wenn du eine Person gefunden hast, dürft ihr zwei Minuten laut beten. Wir beten um neues Feuer, eine neue erste Liebe".

Mehrere Personen legen anderen die Hände auf, rotes Licht flutet, Gebetsgemurmel erfüllt den Saal. Ist das freikirchlich, ist das evangelikal, charismatisch? Mir ist es zu viel und ich fühle mich so fremd, wie vielleicht manch ein Evangelikaler später bei der sehr katholischen Komplet in der St.-Antonius-Kirche, zu der eine Lichterprozession mit Taizé-Gesängen führt.

Man hält es zusammen aus, weil das Zentrum eint. Ich gestehe: Ich habe eine große Sympathie für den eher unaufgeregten volkskirchlichen Glauben, wie man ihn noch vor 20 Jahren in der breiten Masse erleben konnte. Wo man zur Messe ging und es dann wieder hat gut sein lassen. Wo man die Werte einfach lebte, ohne darüber zu sprechen. Wo man in der Not selbstverständlich eine Kerze anzünden ging, ohne daraus eine Show zu machen. Es war alles etwas unaufgeregter. Die "Lauen" machen Kirche auch sympathisch. Nur: gäbe es sie – ohne Missionare, die brennen?

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