Neulich fand ich mich in einer unangenehmen Situation wieder. Unser Kindergarten suchte Unterstützung bei den Eltern. Es ging um diverse Bauprojekte im Garten, unter anderem sollte eine Rutsche aufgestellt werden. Mittlerweile wird das alles per App organisiert. Von über 130 Familien haben sich dort gerade mal sechs (!) freiwillig gemeldet.
Ein Zeichen mangelnder Solidarität? Ich glaube nicht.
Wir haben uns auch nicht eingetragen. Nicht, weil wir uns nicht für die Gemeinschaft engagieren wollen, sondern weil der Alltag einfach so voll ist, dass für Zusätzliches kaum Platz bleibt. Ein schlechtes Gewissen, das hatte ich - doch dass es augenscheinlich den allermeisten so ging, stimmt nachdenklich.
Die Lebensrealität vieler Familien, gerade in Großstädten, ist davon geprägt, dass beide Eltern arbeiten. Teils, weil sie es wollen, viel häufiger jedoch, weil sie es müssen. Alles ist teurer geworden, vor allem der Wohnraum.
Die Kinder sind zwar die Hälfte des Tages betreut, aber an Schließtagen, bei Krankheit oder in den Ferien bricht das Kartenhaus zusammen.
Das schafft die Einverdienerfamilie in den meisten Fällen nicht mehr – auch nicht in den ersten Jahren, in denen die Kinder klein sind und besonders viel Aufmerksamkeit brauchen. Viele haben kein familiäres Umfeld, das entlasten kann, weil sie vom Land in die Stadt gezogen sind oder weil ihre Familie im Ausland lebt.
Der Alltag ist da auf Kante genäht. Die Kinder sind zwar die Hälfte des Tages betreut, aber an Schließtagen, bei Krankheit oder in den Ferien bricht das Kartenhaus zusammen. Medien, Gesellschaft und Politik signalisieren seit Jahren, dass der Doppelverdienerhaushalt der präferierte Weg sein muss - und wer das nicht schafft, an einem Ideal scheitert. Ich glaube, dass mehr Familien damit kämpfen, als es zugeben. Im Smalltalk vor dem Kindergarten ist meist "alles gut". Wir halten den Stress einfach aus. Doch als Freiberuflerin kenne ich verschiedene Phasen.
Muten sich Familien zu viel zu?
Die, in denen viele Aufträge da sind und die Belastung hoch ist, aber auch die, in denen es ruhiger ist. In den vollen Zeiten ist es mit meinen Kleinkindern unglaublich anstrengend. Der Kopf hängt bei der Arbeit, das Smartphone verführt zum Weitermachen am Spielplatz, und die fehlende Mittagspause oder die letzte Nachtschicht bringt das Nervenkostüm zu schnell ins Wanken. Das ist fatal. Kleinkinder brauchen Präsenz, Kraft für Zornanfälle und Geduld für zig spontane Planänderungen. Das ist schwierig, wenn man selbst zu wenig Pausen hat.
Auf Instagram habe ich den Satz gesehen: "Stell dir vor, du wärst ein Kind, umgeben von Erwachsenen, die ständig müde, gereizt und überfordert sind. Vielleicht sind gar nicht unsere Kinder die, die anstrengend sind."
Doch ist beruflich mal wenig los, ertappe ich mich dabei, am Spielplatz statt ins Handy einfach nur in die Bäume zu schauen. Wenn dieser Tagtraum durch Streit endet, bin ich selbst überrascht, wie gelassen ich schlichten kann. Auch, wie viel Muse ich auf einmal habe, den endlos langsamen Heimweg (Motto: "spazierenstehen") zu bewältigen oder die Kleinen später in die Hausarbeit miteinzubeziehen, ohne dabei einen mittleren Nervenzusammenbruch zu erleiden, weil verschiedenste elektronische Geräte in Gefahr stehen, nach der Aktion unbrauchbar zu sein.
Auf Instagram habe ich in einem Reel den Satz gesehen: "Stell dir vor, du wärst ein Kind, umgeben von Erwachsenen, die ständig müde, gereizt und überfordert sind. Vielleicht sind gar nicht unsere Kinder die, die anstrengend sind." Da ist vielleicht was dran.
Muten wir uns zu viel zu? Vielleicht war meine Generation zu stolz darauf, Belastung auszuhalten. Ich gehöre zu den Millennials. Uns wurde versprochen, nach der Schule einfach alles erreichen zu können – und das gleichzeitig. Wir haben in unbezahlten Praktika bis in die Nacht gearbeitet und parallel studiert. Jetzt sitzt die Generation Z in den Vorstellungsgesprächen und fragt nach Teilzeit-Jobs und Work-Life-Balance. Vielleicht sind sie klüger, als wir es waren, aber spätestens, wenn sie eine Familie gründen, wird der Druck zunehmen. Wenn sie sich denn dafür entscheiden.
Familienpolitik
Die Deutschen bekommen mit 1,3 Kindern pro Frau gerade viel zu wenig Nachwuchs. Sind es auch die Sorge vor Überlastung und der finanzielle Stress, weshalb viele Paare den Kinderwunsch aufschieben oder sich gegen weitere Kinder entscheiden?
Selbst in einem Bundesland wie Bayern, in dem ich lebe, werden die familienfreundlichen Leistungen stark abgebaut. Das Kinderstartgeld wurde gestrichen, Krippengeld wird abgeschafft und das Bayerische Familiengeld soll auch nicht mehr ausgezahlt werden.
Statt Leistungen zu kürzen, wäre es wünschenswert gewesen, dass auch die anderen Bundesländer die bisher eher ermutigende bayrische Familienförderung mitgehen.
Es geht dabei um Leistungen von 6.000 bis zu 8.000 Euro pro Kind. Angeblich sollen freiwerdende Mittel über andere Wege wieder in die Kitas fließen. De facto droht aber, dass Eltern künftig 100 Euro mehr im Monat bezahlen müssen, die bisher vom Bundesland bezuschusst wurden, zusätzlich zu den ohnehin schon hohen Gebühren.
Auch die Kirche reagierte darauf. Der Katholische Deutsche Frauenbund wertete die geplanten Kürzungen in einem Statement als falsches Signal. "Eine Gesellschaft zeigt ihr Wertefundament daran, wie sie mit Familien umgeht", so die kommissarische KDFB-Landesvorsitzende Tanja Pichlmeier. So ist es!
Statt Leistungen zu kürzen, wäre es wünschenswert gewesen, dass auch die anderen Bundesländer die bisher eher ermutigende bayrische Familienförderung mitgehen. Das bleibt ein Tagtraum. Gerade lese ich, dass Familienministerin Karin Prien (CDU) angekündigt hat, beim Elterngeld 500 Millionen Euro zu sparen. Mehr arbeiten, auch für immer teurere Fremdbetreuung, und weniger Zeit für die Familie – so sieht die Realität aus.
Die Belastungsgrenzen sind dabei oft erreicht. Das zeigt sich auch in anonymen Abstimmungen wie der in unserem Kindergarten, wenn es darum geht, sich ehrenamtlich zu engagieren. Solidarität scheitert manchmal nicht am guten Willen. Sondern daran, dass alle am Limit sind.