Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man erzählenÜber das Erzählwerk von Husch Josten (Laudatio zum KAS-Literaturpreis 2019)

Abstract / DOI

Whereof One Cannot Speak Thereof One Must Narrate. On the Narrative Work of Husch Josten. In her six books, Husch Josten combines real political events with fictional, partly absurd stories. They often lead to unexpected drama that makes the beginning comprehensable only from the end. The topic of chance affects many of her characters. In her most recent book, theological issues are discussed by exploring the vita of a man who seeks to cope with his experiences with faith. By means of the narrative, she talks about subjects that can not be theoretically grasped and in this way shows the possibilities of art.

In der Vorbereitung dieser Laudatio fand ich unter einem Porträt die Nennung einer Fotografin mit einem vertrauten Namen. Da der nicht allzu verbreitet ist, rief ich einen alten gleichnamigen Freund an, ob es sein könne, dass es sich um eine seiner Töchter handele. Im Telefonat stellte sich heraus, dass Husch Josten die jüngere Schwester meines Freundes ist. Er ist eines jener Geschwister, denen das jüngste Werk der Autorin «Land sehen» gewidmet ist. Welch ein Zufall möchte man sagen – ein Thema, das die Autorin Husch Josten in allen ihren bislang sechs Büchern bewegt: wie ist das mit dem Zufall?

Husch Josten war Journalistin. Das wirkt sich auf ihre schriftstellerische Produktion aus: Reportage und Fiktion verschränken sich in ihren Büchern zunehmend. Besonders gut ist das zu sehen in dem Roman aus dem Jahr 2017 Hier sind Drachen, inzwischen mit dem schönen Titel Wittgenstein à l‘aéroport (bzw. Wittgenstein op de luchthaven) übersetzt. Hier sind es die aktuellen Anschläge, denen sich die Protagonistin, die Journalistin Caren, auf dem Flughafen in London ausgesetzt sieht. Sie, die zufällig bei dem Attentat vom 9. September 2001 in New York dabei war – was eine längere Schreibhemmung zur Folge hatte – ist nun als Journalistin international tätig. «Ich will alles sehen, sagte sie, alles sehen und beobachten und andere Geschichten erzählen» (58). Sie hatte auch die Anschläge auf Charlie Hebdo in Frankreich aus nächster Nähe erlebt und gerät nun auf dem Londoner Flughafen Heathrow in eine Bedrohungssituation, in der sich die Ereignisse überschlagen.

Was ist wahr in diesen Darstellungen, die so dezidiert auf reale Vorgänge rekurrieren? Mich erinnert das an einen anderen Preisträger dieses Preises, Michael Köhlmeier. In seinem Roman Abendland heißt es: «Die Recherche war aufregend. Finden und Erfinden trieben ihr Spiel miteinander wie in einem Vexierbild» (502). In Jostens Roman ist es die Verschränkung einer fiktiven Situation mit den realen Vorkommnissen der Attentate und Bedrohungen, der Weltnachrichten und der persönlichen Begegnung. In einem Interview sagte die Autorin 2012: «Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein?»

Zu dieser Art der Verschränkung von Bericht und Fiktion gehört die ausgiebige Recherche. Josten verlässt sich für die Darstellung komplexer Probleme nicht allein auf ihre Kenntnisse. Zwei Ihrer Bücher liefern ein Literaturverzeichnis; gelegentlich finden sich die Hinweise auf die zugrundeliegenden Quellen im Text genannt. Für Land sehen hat sie sich theologischen, für den Tadellosen Herrn Taft völkerrechtlichen Rat geholt. Die Danksagungen am Ende der Bücher zeugen von einer Schreibtechnik, die weit entfernt ist vom Vertrauen auf die Eingebung am einsamen Schreibtisch – wenn dies Klischee der tatsächlichen literarischen Produktion jemals entsprochen hat. Die wache Präsenz der politischen und gesellschaftlichen Themen machen die Bücher Jostens zu Zeitdiagnosen, weit entfernt von selbstbezüglicher Larmoyanz.

Zurück zu Hier sind Drachen, in denen es auch um Überwachung, Terrorismus und Migration geht: Im Wartebereich des Flughafens trifft die Journalistin Caren auf einen abgeklärt ruhig Wartenden, der in die Lektüre von Wittgensteins Tractatus vertieft ist. Es kommt zu einem Gespräch, das sich zu einem poetologischen Dialog über das Schreiben und seine Bedingungen entwickelt. Er nennt sie beide «Stammler», die «auf der Suche nach neuen höchstpersönlichen Worten sind». Die noch unerzählte Geschichte sei eine «über ein Ereignis, das wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht in unser Leben lassen wollten». Denn es gebe «neben oder hinter all diesen Geschichten, die in der Fantasie, in Zeitungen oder in Büchern vorkommen, noch etwas anderes […]. Etwas Ungesagtes. […] Die großen Dinge sind noch überall geheim und Schätze» (101).

Von dort her erklärt sich der rätselhafte deutsche Titel: «Hier sind Drachen». Die Formulierung findet sich als Warnung in frühen Weltkarten für weiße Flecken als Raum jenseits der bekannten Welt. Auf dem Hunt-Lenox Globus aus der Zeit um 1510 findet sich ‹Hic sunt dracones› für die Gebiete am östlichen Rand Asiens. Heute wird in der Popkultur und im Computerjargon die mittelalterliche Formulierung als Warnung vor Problemen gebraucht. Die «weißen Flecken auf der Landkarte» sind für die Dialogpartner des Romans die Orte, von denen man nichts wusste und die sie im Schreiben suchen. «Nur wenn man diese Orte bereiste und davon erzählte, würden die Drachen besiegt.» (155). Caren hofft, die Drachen wenn nicht mit einer, so doch mit vielen Geschichten zu bezwingen.

Ein Abschnitt befasst sich mit dem Aufbau der Geschichten. Der Unbekannte auf dem Flughafen: «Nur vom Ende her gewinnt die Erzählung ihren Sinn, alles hängt am Ende. Das Ende legt den Wert des Vorangegangenen fest. […] Und am Ende weiß ich hoffentlich, dass das Vorangegangene seinen Sinn hatte» (99). Das gilt in besonderem Maße für die Bücher der Husch Josten. Sie sind auf eine Pointe hin, auf eine Lösung der Rätsel hin konstruiert; fast wie in einem Krimi mit Zuspitzungen und Spannungsaufbau. Die Entwicklung läuft auf eine Lösung hin, die verständlich macht, was als Auftakt vielleicht abgestoßen oder völlig befremdet hätte. Besonders können wir das im neuesten Buch Land sehen erfahren.

Immer wieder kommen Autorenreflexionen durch, die von der Angst vor dem abgegriffenen Bild warnen. Manchmal wünschte man der Autorin, mehr auf die Kraft ihrer Bilder zu vertrauen und nicht die Zweifel zu verbalisieren, ob sie nicht wieder einem Klischee aufsitze. In ihrer Sprache hat sie keinerlei Angst vor Umgangssprache und drastischen Ausdrücken. Immer wieder kommt auch ihre Liebe zum Jazz und zur Popmusik durch, aus der Textfragmente zitiert werden. Ihre zuweilen harte Schnitttechnik und die Form der Binnenerzählung sind vom Film inspiriert. Sie ringt mit ihren Texten: «Schreiben erbringt den Nachweis unwiderruflicher Fehler. Konjunktiv. Ein Offenbarungseid.» (Land Sehen, 148)

Und wie in allen Büchern, so auch hier wieder die Frage nach dem Zufall: Als Caren in New York den Angriff auf das World Trade Center überlebt hatte, fragt die Mutter zweifelnd: «Und Du glaubst wirklich an Zufall? […] Natürlich, hatte Caren geantwortet, selbstverständlich ist es nichts als Zufall, dass ich in diesem Moment zwei Blocks weiter an der Murray Street vor einem Bagelwagen stand und gegrillte Pute mit Remoulade für meine Kollegin Mercy im Schneideraum bestellte.» (42). Die Mutter lebt noch in einem unreflektierten, tradierten Glauben, wenn sie resolut darauf besteht: «Das war kein Zufall. Ich danke Gott auf Knien, dass Du in diesem Moment zwei Blocks weiter vor einem Bagelwagen gestanden hast. Da hat dich jemand beschützt, das sollte so sein», was Caren zu der grüblerischen Frage führte, was denn das für ein Gott sein solle, der sie beschützte und andere nicht. Der Gesprächspartner Wittgenstein greift dieses Thema auf, wenn er fragt, warum Caren nicht mehr an Zufälle glaube: «Gelegentlich geschehen Dinge, für die die Zufallserklärung zu simpel ist.» (45). Sie diskutiert mit ihm über die Zufallstheorie in der Mathematik und in der Philosophie. Schon auf die Auskunft hin, Caren sei Journalistin, hatte Wittgenstein konstatiert: «Sie erforschen den Zufall.»

Auch im Debut Jostens In Sachen Joseph aus dem Jahr 2011 wird der Zufall zum Thema. Er ist ein Josephsroman, der sich mit Träumen beschäftigt. Der biblische Joseph ist nach Gen37 der Träumer, der mit deren Inhalt seine Brüder gegen sich aufbringt. Ausführlich zitiert wird im Roman der doppelte Traum des biblischen Pharao (Gen 41, 1-36) mit der Rätselauflösung durch Joseph im Zentrum des Buches. Wie jener hatte auch die Protagonistin, die Bibliothekarin Helen, gleich zwei Mal einen Traum, den sie «nicht als dummen Zufall abtun kann» (44). Es geht um den Tod eines nahen Freundes, der sich in einen Sarg legt und dort erstickt. Und zu alledem träumt sie auch das: «[S]ie träumt, dass sie es schon einmal geträumt hat, und wundert sich im Traum, dass man zweimal genau das Gleiche träumt, und versteht im Traum, dass das etwas zu bedeuten hat und von Zufall keine Rede sein kann.» (45). In Jostens jüngstem Buch heißt es einmal: «In Träumen tobt sich das Gehirn aus.» (Land Sehen, 173f ). Mit Freud‘scher Traumdeutung durch einen distinguierten Psychologen und auf vielen anderen Wegen befasst sich die Protagonistin Helen mit ihren Träumen – um schließlich zu einer Pointe zu gelangen, die ich hier nicht verraten möchte, aber das Buch zu einem psychologischen Entwicklungsroman der Selbstfindung einer Frau macht.

Während sie bereits an ihrem nächsten Roman arbeitete, erschien 2013 eine Sammlung von zehn teils humoristisch-bizarren Geschichten unter dem Titel Fragen sie nach Fritz. Auch hier stößt man wieder auf die Frage nach dem Zufall (52): «Die meisten Menschen glauben an Zufälle, weil es bequemer ist. Über einen Zufall muss man sich nicht den Kopf zerbrechen. Ein Zufall ist die simpelste aller möglichen Erklärungen. Ein Zufall ist dazu da, bewältigt zu werden. Am Anfang steht die Situation. Am Ende muss man Farbe bekennen.» Das wird ergänzt in der Wiederholung (63): «Dann steht die Entscheidung an, um die sich alles dreht. Das ganze Leben.»

2012 erschien als nächster Roman Das Glück von Frau Pfeiffer. In dieser skurrilen Geschichte um eine fast Hundertjährige, ihren toten Mann und die Reliquientranslation seiner Überreste nach Südfrankreich, geht es zugleich um die Bankenkrise von 2009 und ihre Folgen, um Wirtschafts- und Finanzpolitik, um Philosophie, das Sterben, den Tod, das Glück – und auch wieder um die Zufälle eines Lebens. Als nach dem Tod der Protagonistin schließlich auch das eigene Leben der Bestattungshelfer, einem jungen Paar aus London, geklärter erscheint, stellen sich dennoch bei der sozial engagierten Lee Curtin wieder die Zweifel ein (248f und 218): «Diese nagende Frage nach dem Zufall, auf die es keine Antwort gab und die so nahe lag.»

Der Mann in dem Helferduo ist Bruno, der «so besessen von der Vorstellung vollkommener Liebe [ist], dass er keinem und keiner eine Chance dazu gab. […] Bruno dichtete ihr grundsätzlich seine Eigenschaften an, als fiele es ihm leichter, sie in ihr zu erkennen, als in sich selbst.» (141). Mit dieser Beschreibung Brunos ist der Held des folgenden Romans aus 2014 charakterisiert. Der Protagonist ist hier Der tadellose Herr Taft, dessen merkwürdiges Leben eine Wendung nimmt, als Daniel Taft plötzlich von seiner Frau verlassen wird, ohne dass er wüsste warum. In deren Heimatstadt Köln – übrigens mit vielen Bemerkungen einer schwierigen Beziehung versehen – macht er einen Laden auf, in dem er Karten verkauft, die mit einzelnen Begriffen beschrieben sind: «Abschied», «Europa», «Damokles»; nicht «Liebe», obwohl sich doch hinter den vielen Ausflügen ins Völkerrecht, den Militäreinsatz in Afghanistan, Europapolitik, Medienkritik und Demokratie letztlich das versteckt, was in einem späteren Buch (Hier sind Drachen, 50) einmal «die Scheiß Liebe» genannt wird.

Es sind Begriffe, die im Werk der Husch Josten immer wieder vorkommen. Auf ihrer Website hat sie jedem ihrer Bücher ein solches Wort wie auf den Karten im so erstaunlich erfolgreichen Kölner Laden des Herrn Taft zugeordnet: Zu In Sachen Joseph ist es «Hochauflösung». Zu Das Glück von Frau Pfeiffer finden wir «Synchronschwimmen» als versteckten Hinweis auf die IWF-Chefin Christine Lagarde, die einmal erfolgreiche Synchronschwimmerin gewesen ist. Fragen Sie nach Fritz hat das «Auftauchen»; Der tadellose Herr Taft die «Zerinnerung»; «eigentlich» ist das Wort zu Hier sind Drachen. Für ihr jüngstes Buch Land sehen aus 2018 hat sie nicht etwa «Wahrheit», «Glaube», «Freiheit», «Verantwortung» oder «Schuld», um die es in diesem Buch geht, gewählt, sondern «Cow Cow Boogie», den Titel eines Folksong aus dem Jahr 1942. Das erklärt sich aus der Lektüre: Dieses Lied hat der kleine Horand einst zuhause mit seinem Patenonkel Georg zu vier Händen auf dem Klavier gespielt und war glücklich dabei (21). In besonderer Weise geht es in diesem jüngsten Buch von Husch Josten um Religion und Liebe, um Schuld und Glück.

Auch hier verschränken sich Bericht und Fiktion. Schon die Orte der Handlung sind höchst real: die Bonner Heerstraße, in der der Ich-Erzähler, der Literaturprofessor Horand, genannt Hora, Roth wohnt, die dortige Universität samt Mensa; das Kloster Maria Laach, dessen Mönch Andreas so lebensnah beschrieben ist, dass sich die Autorin veranlasst sah, im Interview auf dessen Fiktionalität hinzuweisen; Kloster Reichenstein bei Monschau an der belgischen Grenze, das seit 2008 von einem Orden der ganz journalistisch-korrekt beschriebenen Priesterbruderschaft Pius X. reaktiviert wird und die früher einmal zu diesem Kloster gehörende deutsche Exklave Ruitzhof in Belgien.

Es geht darum, Land im doppelten Sinn zu sehen. Es sind die Blicke auf die schöne und geschundene Eifel, das hohe Venn, «dieses flüsternde, ernste, schwermütige Land» (205). Im Winter 1944 wurde diese Landschaft von den grausamen Schlachten der Ardennen-Offensive heimgesucht. Alfred Andersch hat 1974 in seinem Roman Winterspelt Landschaft und Schlacht zum Thema gemacht. Von ihr spricht auch dieser Roman gegen Schluss (210f ). Der Protagonist sieht aber auch metaphorisch Land (205): Er bekommt festen Boden unter die Füße und findet eine Sicherheit, die anders ist, als in Texten und Theorien zu greifen; doch dazu später.

Nicht zuletzt in der literarischen Produktion kommt es darauf an, Menschen mit anderen Augen und mit deren Augen zu sehen. Das ist auch hier Thema: «Manchmal wünschte ich mir, dass Lena sehen könnte, mit welchen Augen ich sie betrachtete. Dass sie sehen würde, was ich sah, wenn ich sie beobachtete…» (193). Das führt zum Motto des Buches, einem Zitat des schottischen Dichters Robert Burns am Ende des 18. Jahrhunderts: «Ich wünsche den Menschen die Gabe, sich mit den Augen der Anderen zu sehen». Letztlich war es der verschollene, behinderte Bruder, von dem ich, um nicht die Spannung zu nehmen, nicht zu viel erzähle, der Georg/Athanasius lehrte, sich selbst und die Menschen anders zu sehen (217).

Doch Schritt für Schritt: Wer ist dieser Athanasius? Er ist die handlungsauslösende Figur in diesem Familienroman, der verschollen geglaubte Patenonkel Georg, der unvermittelt als Priester und Pater Athanasius in das bislang wenig aufregende Leben des Literaturprofessors tritt. Der Onkel hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, zumal er «immer das Extrem gesucht» hat (76). Er war Barpianist, Schaffarmer, Anwalt einer Firma für Sexartikel, mehrmals verpartnert, auch alternative Spiritualität hatte er versucht, sich dann aber «in Israel und Italien der Religion angenähert» (62). Welch wichtiger zeitgeschichtlicher und familiärer Vorgang sich im Verfolg des Buches auftut, davon müsste man sprechen, ich lasse es aber, um nicht denen die Spannung zu verderben, die es noch nicht kennen und den erschreckenden dunklen Flecken einer Vita des 20. Jahrhunderts folgen wollen.

Und nun ist Onkel Georg überraschenderweise Priester und Mönch geworden und hat sich den Namen Athanasius zugelegt. Das kommt vom griechischen athánatos, der Unsterbliche, weil er 1945 im Keller eines zerbombten Hauses nur deshalb geboren wurde, weil eine erneute Abtreibung nicht möglich war (168); er war «ein unerwünschtes Kind». Und nun hat er im fortgeschrittenen Alter das Radikale der vermeintlich nur konservativen Piusbrüder gesucht: «ganz oder gar nicht». «Alles in Christus erneuern» wurde zu seiner Devise «gehorsam, authentisch und mit aller Konsequenz». Das scheinbar so Absolute hatte ihn überzeugt (227). «Vielleicht braucht er, nach einem bewegten Leben […] die Ordnung, um aus ihr auszubrechen und für sich etwas Neues entstehen zu lassen», sagt Pater Andreas im Vorausblick auf das, was schließlich vollzogen wird (143). Wegen eines Blogs, den er als Protest gegen die (in der Realität seit 2012 verbotene) Website «kreuz.net» (239) aufgelegt hatte, wird er schließlich von den Piusbrüdern rausgeworfen.

Die Frage nach dem Glauben kommt für den Literaturprofessor, der es sich in seinem Agnostizismus ruhig eingerichtet hatte, nicht unwillkürlich. Wie in einem Entwicklungsroman wird der Protagonist hingeführt zu den zentralen Fragen seiner Liebe und seines Glaubens. Es sind Gespräche über das Leben, die Partnerschaft, den Glauben, über Religion zwischen zwei extrem Verschiedenen, aber zwei Verwandten, dem verschollen geglaubten Patenonkel und dem Neffen, die sich lieben. Nie versucht der Onkel seinen Neffen zu missionieren im landläufigen Sinn. Der Verdacht der Mission soll gar nicht aufkommen, denn «wer sich mit dem Glauben beschäftigt, gerät ins Zwielicht, ob er nun dagegen, dafür oder neutral ist.» (204). Der Glaube, soviel hat Hora schließlich verstanden, «beginnt mit Staunen» (204).

Die klassische Kritik an Kirche und Glauben, die wird früh angesprochen. Hora wird auf seinen Einwand, die eklatanten Widersprüche des christlichen Glaubens würden durch zunehmendes Wissen noch befördert, darüber belehrt, dass «Wissen und Glauben keinesfalls voneinander zu trennen sind» (72). Die «klassischen Verfehlungen der Kirche» in der Geschichte werden ausgerechnet von einer Historikerin, der Freundin Horas, abgeräumt (117). Seine getrennt lebende Ehefrau versteht im Telefonat mit Hora ihren Mann und die Welt nicht mehr, als sie von dessen neuen Interessen erfährt, denn sie habe «als Wissenschaftlerin substantiell Schwierigkeiten» an einen Gott oder an etwas Metaphysisches zu glauben (153). Es geht jedoch um mehr, es geht, so sagt es Georg einmal mit Bezug auf Kant, um Fragen, die jeden angehen, denen gegenüber niemand gleichgültig sei (73).

Ein mehrtägiger Aufenthalt in der Abtei Maria Laach führt zur entscheidenden Begegnung. Es ist zunächst ein Bild in der Basilika: das Mosaik des Pantokrator in der Apsis – übrigens von Kaiser Wilhelm II. 1911 gestiftet, der sich persönlich darum gekümmert hat. Christus hält ein Buch in der Hand mit dem Zitat von Joh 14, 6 «Ego sum via, veritas et vita – Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben», womit die folgenden Dialoge wesentlich bestimmt werden. Er führt Gespräche, zunächst in einem der pittoresk eingerichteten Besucherzimmer im Gästetrakt des Klosters. Und in der dortigen wunderbaren historischen Bibliothek kommt es zu einer Begegnung mit Pater Andreas, der Kirchenleute ganz pauschal zu den «Experten der Sinnsuche» zählt. «Nur», so sagt er, «haben wir im Laufe von zweitausend Jahren so viele Fehler gemacht, dass sehr viele Menschen nicht mal mehr auf die Idee kommen, bei uns zu suchen.» Doch es gehe in der Religion um Wahrheit und Freiheit, um Bindung und Gewissen (123). Und die fänden Menschen in verschiedenen Religionen – alle seien Sinnanbieter, die auch in ihrer Pluralität zu den Suchenden sprechen könnten (141f ).

Der zentrale Bibeltext, den die Mönche ihren Besuchern mitgegeben haben, ist Joh 8, 32, die Frage nach der Wahrheit: «Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien», sagt Jesus zu den Männern und Frauen, die «zum Glauben gekommen waren». Kaum etwas ist heute so sehr Problem geworden, wie die nach der Einzigartigkeit einer fest geglaubten Wahrheit, womöglich mit der entsprechenden Abwehr jeder anderen Wahrheitsbehauptung. In seiner Abrechnung zwischen den verhärteten Piusbrüdern und Georg-Athanasius, den sie für einen Suchenden, einen Zweifler und folglich für einen «Wackelkandidaten» halten (222) besteht er darauf, dass die Offenbarung aber kein unbeweglicher Kanon von Wahrheiten und Verhaltensweisen ist. «Für mich ist sie Freiheit.» (222)

Das führt zum theologischen Kern. Literarisch wird das religiöse Credo Georgs mit der ironischen Wendung eingeleitet, Hora werde ihm vorwerfen, er hätte gepredigt, worauf der antwortet: «O, sei ruhig mal pastoral. Ausnahmsweise. Ist dein Job.» Und Georg legt ihm dar, dass «Jesus selbst die Botschaft» ist. (233f ). Es geht um die Nachfolge einer Person, nicht ein Lehrgebäude, das zu erlernen ist. Die Barmherzigkeit dessen, ‹der sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf›, «zieht Barmherzigkeit sturer Gerechtigkeit vor». Und diese Wahrheit, die sei in Jesus personalisiert worden. Die Wahrheit Jesu ist eine Person. Diesem Jesus, nicht einer Lehre, so hatte sich Athanasius vor seinen bigotten Brüdern verteidigt, einem Jemand habe er die Treue versprochen. Das bleibt nicht nur Theorie, so theologisierend das zuweilen scheinen mag.

Literarisch folgen die Figuren dem, was da in Gesprächen erörtert wurde. Die Wendung Georgs zur Religion hatte mit einem Menschen, seinem Bruder zu tun, die Horas mit Lena, seiner Freundin. Und auch die Trennung von den Mönchen der Piusbrüderschaft hat zu tun mit einer Begegnung: mit einem bodenständigen Dorfpfarrer, der für Athanasius/Georg mit «Noblesse, Gelassenheit und Mündigkeit an der Glasur seines Klosters gekratzt» hatte. (228). Es ist das Credo nicht allein Georgs und Horas, wenn Husch Josten formuliert: Wie will man den Menschen «helfen, indem man sie maßregele, diskriminiere, auf eigenen Wahrheiten und Traditionen beharre, statt ihnen zuzuhören und sie leben zu lassen, wie sie leben wollten? […] Gott urteilt, straft, lobt nicht. Menschen tun es, Hora.» (238f ). Das klingt ganz nach den wunderbaren Texten von Papst Franziskus. Und schließlich heißt es da: «Also was war Gott, wenn er Ewigkeit bedeutete?» Das beschäftigte Hora und das beschäftigt Husch Josten: «Es bleibt das tiefste Thema der Menschen, es bleibt ewig.» (198)

Über solche Themen außerhalb der umgrenzten Leserschaft theologischer Literatur zu schreiben, verlangt einiges an Mut. Das hat auch die Autorin so erfahren. Land sehen ist auch ein Buch über das Schreiben und Schreibhemmungen. Manchmal macht sie den Schreibvorgang selbst zum Thema einer Autorenreflexion. Hora schreibt: «Wenn es nicht derart hochtrabend klänge, würde ich schreiben, dass es der größte Beweis meiner Liebe war, zu schweigen und sie gehen zu lassen, aber da es derart schwülstig klingt […] werde ich diese Zeilen wohl später wieder streichen.» (194f ). Es ist schwer, authentisch außerhalb wissenschaftlicher Diskurse über Liebe, Angst, Freiheit, Tod, Abschied und Zufall, über Theologie und Philosophie zu sprechen. Husch Josten tut das in der Einbindung in ganz reale, oft sarkastisch zugespitzte Geschichten, in reale journalistische Darstellungen, aktuelle Problemanalysen und eben mit den Geschichten von fiktiven literarischen Figuren und deren Handlungen: darin liegt die Leistung der Kunst.

Von Ludwig Wittgenstein ist der Titel dieser Laudatio entlehnt. Es ist der letzte Satz aus dem Tractatus logico-philosophicus: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» – Im ersten Telefonat mit Georg wundert sich Hora in Land Sehen über das Zusammentreffen in Bonn: «‹Was für ein Zufall!›, sagte ich. ‹Ja, was für ein Zufall›, antwortete er amüsiert. ‹Von göttlicher Fügung zu sprechen wäre Dir sicher zu anmaßend›». Von dem, wovor die Begriffe versagen, muss man erzählen.

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