Dorothea Grünzweig

plötzlich alles da
gestern abend oder war es schon vor jahren fanden wir
vaters abgegriffene bibel mit ihren zerlesenen seiten
im weinrot des heiligen abendmahls und erinnerungen
schossen auf aus geschwisterlicher erster hand

unter seinen flügeln ruhen vater war uns kindern nicht
nur mensch war gott und gottes sohn schönster herr
Jesu herrscher von uns allein das den vater ausströmende
lieblingslied entsinnen wir mit angeschlagenen stimmen

unter seinen flügeln ruhen wir noch immer stemmen uns
noch immer gegen ihn treten ihm erwachsen gegenüber
vater der gehorsam forderte doch der liebe alles überließ
und der mutterkraft der religion stand als cherub vor

dem paradies und er sprach hier wohnt niemand als
jesus allein wers jedoch von herzen wünscht der wird
nach prüfung eingelassen und wir kinder tollten hinein
das sind die bilder sind die träume plötzlich wieder alles da

später kommt regen auf fällt durch das offene fenster des
erinnerungszimmers wo wir uns trafen unser gesichtsfeld
ist nass geworden und fängt ganz haltlos haltlos an zu blühen

* * *

Die Geschichte der deutschen Literatur wurde wesentlich geprägt von einer langen Reihe verlorener Pastorensöhne. Indem sie sich aus der klerikalen Übermacht ihrer Väter befreiten und in das gelobte Land der Sprachkunst flüchteten, ließen sie das väterliche Glaubenserbe aber keineswegs zurück, sondern verwandelten es. Dorothee Sölle hat dies als einen Prozess der Verweltlichung beschrieben, in dem wesentlich Christliches nicht einfach verloren ging, sondern manchmal eine neue Gestalt gewann: «Säkularisierung als Realisation».

Das ist lange her. Immerhin gibt es heute noch eine Schriftstellerin, an der man die sprachbildende Kraft des Protestantismus erleben kann. Doch sie als eine «verlorene Pastorentochter» zu beschreiben, wäre zu plakativ. Sie ist schlicht eine erwachsene Frau, die eine besondere Prägung erfahren hat, diese in etwas Eigenes verwandelte und nun mit ihrer Stimme, in ihren Gedichten auch religiöse Fragen und Motive lebendig werden lässt. Dazu hat sie einen weiten Weg hinter sich gelegt. Dorothea Grünzweig (geb. 1952) wurde in Korntal geboren, einer pietistischen Gemeinschaft. Ihr Vater, Fritz Grünzweig, hat diese über viele Jahre geleitet und war einer der wichtigsten Vertreter dieser in Württemberg mächtigen Frömmigkeitsrichtung. Doch Dorothea Grünzweig lebt seit vielen Jahren in Hausjärvi, einem kleinen Ort in Finnland, etwa 85 Kilometer nördlich von Helsinki.

In ihren Gedichten verbindet sie sehr unterschiedliche Sprachen: das Deutsch von Heute und der klassischen Literatur, die «heilige Sprache» ihrer Kindheit von Bibel, Choral und pietistischer Gebetsgemeinschaft, aber auch Wörter aus dem Finnischen, das mit ihrer Muttersprache durch gar nichts verbunden zu sein scheint. So entsteht ein eigener Ton, der vielerlei Zwischentöne enthält. Viele ihrer Gedichte beschreiben die Natur der neuen Heimat: unendlich helle Mittsommertage, Schneewanderungen im tiefdunklen Winter. Dabei kann ein religiöser Sinn aufscheinen, muss es aber nicht. Zudem findet sich in Grünzweigs Werk eine biographische Spur von Gedichten über ihre Mutter und ihren Vater.

1989 ist Fritz Grünzweig verstorben, fast dreißig Jahre später veröffentlicht seine Tochter dieses Gedicht. Unbestimmt bleibt der Zeitpunkt, da sie wieder an ihren Vater denken muss. Deutlich ist nur das, was das Gedenken auslöst: seine alte, durchgearbeitete Bibel. Bedeutsam ist zudem, dass die Dichterin nicht allein ist in ihren Erinnerungen und Gedanken. Sie ist Teil eines vertrauten «Wir», einer Geschwistergemeinschaft von Nachkommen. Man meint, die Brüder und Schwester vor sich zu sehen, wie sie einander die väterliche Bibel weiterreichen, in einer abendlichen Communio, miteinander beim Glas Wein ihre Erinnerungen teilen.

Und plötzlich ist der tote Vater wieder da und mit ihm das Urproblem des evangelischen Pfarrhauses: die Überblendung von Bote und Botschaft, die Ununterscheidbarkeit von Person und Amt des Vaters – der «Mann auf der Kanzel» als Herrgott. Das war lange Zeit ein reicher Nährboden für ekklesiogene Neurosen aller Art. Doch hier schreibt niemand mit unerlöstem, letztlich wehrlosem Zorn gegen eine «Gottesvergiftung» an. Vielmehr wird genau unterschieden und fein balanciert: das Harte, Autoritäre, Überwältigende, Befehlende und das Liebevolle, Schöne, Bergende, Singende. So zeigt sich ein ebenso schweres wie reiches Erbe, das nicht leicht anzunehmen ist. Aber am Ende jedoch gewinnt man den Eindruck, dass es gelingen kann. Aus diesem Erbe wird etwas Eigenes. Eine unverwechselbare Stimme erzählt ihre Geschichte von Prägung, Kampf, Befreiung und Neuaneignung. Es ist keine einsame Geschichte, sondern vollzieht sich im Kreis von Geschwistern. Am Ende regnet es ins Haus, auf die Gesichter der um die väterliche Bibel Versammelten. Oder sind es Tränen auf ihren Wangen? Ohne den väterlichen Halt leben die Hinterbliebenen, aber sie beginnen zu blühen.

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