Friedrich Rückert

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

* * *

Niemand rezitiert das Gedicht schöner als meine Mutter. Ich kenne Rückerts Zeilen, seit ich acht Jahre alt war, denn damals lernte meine Mutter das Gedicht mal still, mal laut vor sich hin sprechend auswendig und trug es mir vor. In viele Texte, die man erst einmal nur hört und später dann liest, schleichen sich kleine Missverständnisse, Textlücken ein, die der Geist manchmal mit lustigem Unsinn füllt. In Rückerts Herbsthauch waren es die Bezüge von Zeile zu Zeile, die mir unklar waren. Nun aber steht er ja da, der Text. Und mit ihm alle eingefangene Melancholia des Herbstes und Vergehens. Und dieser Wind, der als Hauch durch das Gedicht weht… er lässt partout nicht ab. Wird in seiner Doppelung an prominenter Stelle geradezu lästig. Und alles vom Herzen zusammengehalten und gesteuert. Gealtertes, doch immerjunges, störrisches, nicht lernendes Herz, es will nicht glauben, dass die Zeiten sich wandeln, verwehen, dass irgendwann keine Zeit mehr da ist. Die Rosen könnten etwas aufzeigen, denn mit dem ersten Hauch am Tage öffnet der Wind sie, um sie dann – wehrlos, so aufgefaltet – am Abend abzulösen und zu verstreuen. Der Strauch hat auch seine Mühe. Der Wind lässt nicht von ihm, bis nicht alles Blätterwerk abgegeben. Irgendwie kommt der Herbsthauch wie ein Steuereintreiber, fordert die Zeugnisse des Sommers, um den Jahresabschluss tätigen zu können. Dem Herzen muss das erstmal erklärt werden! Zu träumerisch, zu sehnsüchtig hält es an allem fest. Frühling und Herbst werden genannt, der Sommer – was tat das Herz im Sommer? – wird der Erinnerung in Stille überlassen, eingerahmt nur von den beiden Wechselkräften des Jahres.

Friedrich Rückert, Philologe, Professor, Ehemann und Vater, trauernder vielfach verwaister Vater, schenkt wie kein Zweiter der Trauer über den Wandel der Zeiten Ausdruck, in dem er das Herz und mit ihm alles Empfinden ins Zentrum stellt. Er spricht es direkt an, wie eine Außerkörperlichkeit. Einen vertrauten Freund. Schön alliteriert wird es durch H-Wörter wie Hauch, Hoffst, Herbst in den Strophen immer wieder erinnert, denn der Dichter ist treu. Diese Welterklärung zum Schluss, die setzt meine Mutter bei ihrer Rezitation immer ein bisschen ab, sie hält inne, lächelt ihr schönes Lächeln, trauriges Lächeln, blickt etwas zur Seite – ein Blick, in dem alle Lebensjahre auf einmal aufscheinen in allen Farben des Spektrums – und sagt es Wort für Wort, wohl auch um es ihrem Herzen zu erklären: Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch, was wir geliebt und gedichtet. Alles Geschaffene vergeht, sei es Kopfgeburt oder Nachkommenschaft. Ich sehe und höre Mamas Trauer um mich darin schon vorweggenommen. So wusste ich mit acht Jahren, dass nicht nur die Meerschweinchen sterben würden, sondern auch meine Mutter, meine Gedichte und ich. Und das ist ein Kosmos, der menschliche, der allzumenschliche. Das ist all das, was unser Fühlen aber auch unser Geist – wenn sie’s beide überhaupt umspannen können – zusammenzuhalten versuchen. Und siehe da: Meinem Herzen muss ich das auch immer wieder auf’s Neue erklären. Es ist einfach unbelehrbar, dieses ins Leben verliebte Organ.

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