Die VersuchungZum Sinn der sechsten Bitte im Vaterunser

Was ein Vater seinem Sohn zumutet, wenn er ihn liebt und sich von ihm geliebt weiß, erzählt das Evangelium. Paulus scheint an die dunkle Geschichte von Abraham und Isaak (Gen 22) zu denken, wenn er im Römerbrief schreibt: «Der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für alle hingegeben hat – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» (Röm 8, 32). Die Evangelien rufen in Erinnerung, wie schwer Jesus dieser Weg gefallen ist – und wie sein Leiden für ihn zur Versuchung geworden ist, aus der Heilsgeschichte auszusteigen, um sein eigenes Leben zu retten. «Ihr habt mit mir ausgeharrt in meinen Versuchungen», sagt Jesus nach Lukas den Jüngern im Abendmahlssaal (Lk 22, 28). Der Hebräerbrief sieht darin, dass Jesus in Versuchung geführt wurde, einen Ausdruck seiner Menschlichkeit, ohne den es keine Erlösung gäbe (Hebr 2, 18).

Die Versuchung Christi

Die ersten drei Evangelien beginnen mit einer Versuchungsgeschichte, deren Härte alle Romane von angeblich amourösen Verlockungen, denen Jesus ausgesetzt gewesen sei, bei weitem übersteigt. In der Versuchung Christi geht es um nicht weniger als um die Frage, ob Jesus seine Gottessohnschaft ausnutzen wird, um sich die Härte des Lebens, den Angriff des Bösen, die Qual des Leidens zu ersparen.

Bei Markus, bei Matthäus und bei Lukas ist die Erzählung von höchster theologischer Präzision. Es ist der Geist Gottes, der Jesus in die Wüste treibt, wo er vom Satan, vom Teufel, versucht wird – und die Versuchung besteht. Im Evangelium ist es sein Widersacher, der Menschenfeind, der dem Bösen den Anschein des Guten verleiht, um es attraktiv wirken zu lassen: ein Leben ohne Hunger, wie es der Großinquisitor bei Dostojewski in Die Brüder Kararamasow als bessere Alternative dem wiedergekommenen Christus vorhält, den er gefangen hält und verhört.

Aber die Attacke des Bösen ist von Gottes Liebe selbst umfangen – nicht um es schönzureden, sondern um das Böse durch das Gute zu besiegen: die Sünde durch die Gnade, den Hass durch die Liebe, den Tod durch die Auferstehung. Gott hat seinen Sohn dieser Versuchung ausgesetzt, dieser Prüfung auf Leben und Tod, um das Böse dort zu besiegen, wo es sich am härtesten austobt. Wäre Jesus diesen Weg nicht in Freiheit gegangen («Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine») – Gott wäre der große Diktator; hätte er Jesus den Weg des Leidens nicht gesandt – das Evangelium wäre ein Schönwetterbericht.

Die Versuchung der Jünger

Das Vaterunser ist das Gebet, das Jesus den Seinen mit auf den Weg gegeben hat. Er lehrt sie zu beten, damit sie auf dem Weg der Nachfolge nicht die Orientierung verlieren. Sie sollen mutig werden, Gott zu bitten – nicht um Kleinigkeiten, die sie sich wünschen mögen, sondern um das Größte, was sie noch nicht einmal zu hoffen wagen: dass Gottes Name nicht in den Dreck gezogen, sondern geheiligt werde, auch durch sie; dass Gottes Reich nicht ausbleibe, sondern komme, auch durch sie; dass Gottes Wille nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden verwirklicht werde, auch durch sie.

Weil sie groß von Gott denken können, dürfen sie auch für sich selbst bitten: um das Brot, das sie zum Leben brauchen, um die Vergebung ihrer Schuld und um die Erlösung vom Bösen. In all diesen Bitten geht es um die Beter selbst: um die irdische Nahrung, derer sie bedürfen, aber auch um die Himmelsspeise, die noch die Hungernden zu sättigen vermag; um den Nachlass ihrer Schulden, den sie ehrlichen Herzens nur dann erhoffen dürfen, wenn sie selbst zur Vergebung bereit sind; und um das ewige Leben, das jetzt schon begonnen haben kann.

Keine dieser Bitten ist vom Verdacht vergiftet, Gott wolle die Menschen hungern lassen oder ihnen ihre Schuld heimzahlen oder sie dem Bösen aussetzen. Aus keiner Bitte spricht die Sorge, Gott würde seinen Namen verleugnen, sein Reich verschließen oder seinen Willen nicht durchsetzen. Keine Bitte drückt die Angst aus, die Heiligung des Namens, das Kommen des Reiches und die Verwirklichung des Willens Gottes würde die Menschen vernichten. Jede Bitte ist Ausdruck des Vertrauens, dass Gott die Bitten so erfüllt, wie es für die Beter am besten ist. «Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet» (Mt 6, 8). Beten ist deshalb zuerst Hören auf Gottes Wort – und dann die Antwort, die ihm vertraut.

Das gilt auch für die sechste Bitte: «Führe uns nicht in Versuchung» (Mt 6, 13 par. Lk 11, 4). Sie ist nicht Ausdruck einer Spekulation, was Gott machen würde, wenn er nicht Gott wäre, sondern Ausdruck einer Überzeugung, was Gott nicht macht, weil er Gott ist, der Vater im Himmel.

Die Bibel ist voller Geschichten, die zeigen, wie hart die Gerechten in einer ungerechten Welt auf die Probe gestellt werden – und wie Gott sie unendlich belohnt, wenn sie die Prüfung bestehen, aber auch rettet, wenn sie um des Glaubens willen ihr Leben verlieren: beides im Diesseits und im Jenseits. Die Versuchung aber, die Jesus bestanden hat, würden seine Jünger nicht bestehen. Gerade deshalb lehrt er sie, zu beten, nicht in Versuchung geführt zu werden. Die Fortsetzung: «… sondern erlöse uns von dem Bösen», wörtlich: «sondern rette (oder: reiße) uns aus dem Bösen», zeigt zweierlei: welchen Abgrund die Versuchung öffnet, von der die Jünger im Gebet Jesu sprechen sollen, und wie Gott sie nicht nur vor dem Äußersten bewahrt, sondern aus den Klauen der Sünde und des Todes befreit.

Die Versuchung der Kirche

Wer betet: «Lass uns nicht in Versuchung geraten», wie es der neuen französischen, aber schon länger der spanischen und der portugiesischen Praxis im Gottesdienst entspricht, drückt ein wichtiges Anliegen aus, das sich im Beten zu eigen zu machen niemandem verwehrt werden kann.

Jesus hat in Gethsemane die Jünger, die er in den Garten mitgenommen hat, aufgefordert: «Wacht und betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet» (Mk 14, 36; vgl. Mt 26, 41; Lk 22, 46). In dieser Mahnung richtet Jesus den Blick auf die Beter selbst: auf das, was sie tun müssten und tun könnten, um der Versuchung zu widerstehen – im wachsamen Gebet auf Gott zu setzen. Die Versuchung, von der Jesus am Ölberg spricht, ist dieselbe dramatische Krise wie im Vaterunser: das Leben retten zu wollen, so dass es verloren wird, oder das Leben um Jesu und um des Evangeliums willen verlieren zu wollen, so dass es gerettet wird (Mk 8, 35; Mt 16, 25; Lk 9, 24). Die neue französische, die spanische und portugiesische Fassung des liturgischen Vaterunsers scheint dann der konsequente nächste Schritt zu sein: Gott zu bitten, die Beter vor dieser Versuchung zu bewahren.

Die Jünger, die in Gethsemane mit Jesus wachen und beten sollen, haben freilich geschlafen: «Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach», setzt Jesus seine Aufforderung fort, und hat bereits im Blick, wer ihn verraten, verlassen und verleugnen wird. Ist deshalb das Gebet vergeblich? Keineswegs – weil Gott die Jünger aus dem Tode rettet: durch die Auferstehung.

Das Vaterunser ist das Gebet derer, die Blaise Pascal Recht geben müssen: «Immer ist Gethsemane, immer schlafen alle». Der Blick richtet sich nicht auf das Wollen und Können, auf das Versagen und Versäumen, auf die Schuld und Schwäche der Jünger, sondern auf das Wollen und Können, auf die Heiligkeit und Macht, auf die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes.

Die Versuchung ist die Attraktivität des Bösen, dem die Jünger, die beten, Tribut leisten und dem die Kirche, die das Gebet des Herrn spricht, selbst Nahrung gibt – nicht durch das Beten des Vaterunsers, sondern durch ihr Leben, um dessentwillen Jesus sie zu beten gelehrt hat: Die Gläubigen beten das Vaterunser, weil sie Sünder sind, die nicht um die Erlösung vom Bösen bitten können, ohne zu bekennen, dass es gerecht ist, wenn Gott sie ihrer eigenen Sünde aussetzt, und zwar in deren perfider Gestalt, der Verlockung des scheinbar Guten, als die sich die Versuchung des Bösen maskiert. Die Jünger, die nach Matthäus mit den Worten Jesu beten: «Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen», bekennen nicht nur ihre Schwäche, sondern auch ihre Schuld – und mehr noch ihren Glauben, dass Jesus für sie den Weg der Versöhnung durch die Versuchung hindurch gegangen ist, um ihnen die Freiheit des Glaubens zu schenken.

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