Die Gabe des Erbarmens

Ich rede zu Ihnen von Paris aus, ohne Sie zu sehen, wie man jemand im Dunkel des Abends anspricht. Vielleicht werde ich Ihnen so Dinge zu sagen vermögen, die ich nicht zu sagen vermöchte, wenn ich Ihnen in die Augen sähe, Dinge, die Sie vielleicht nicht ertragen könnten, wenn Sie mir in die Augen blickten.

Ich möchte Ihnen endlich diese einfachen Dinge sagen, im Schweigen seit so vielen Jahren vergraben, Dinge, die ebenso schwierig anzuhören wie zu formulieren sind.

Sie und ich, wir wissen es wohl, dass es keine bedeutungslose Gebärde ist, wenn Sie mich zu diesem Katholikentag eingeladen haben. Ich bin der Erzbischof von Paris; ich trage auch meinen Teil an der schmerzlichen und tragischen Geschichte, in die hinein Sie vermischt sind. Sie haben außer mir den Kardinal Macharski, den Erzbischof von Krakau, eingeladen, in seiner Diözese befindet sich Auschwitz. Ich habe damit genug gesagt, damit wir wohl verstehen, Sie und ich, dass es Dinge gibt, schwer zu sagende, die doch gesagt werden müssen.

Vielleicht verstehen die Jüngeren unter Ihnen nicht deutlich, worauf ich jetzt anspiele. Vielleicht denken Sie, ich bestünde auf wesenlosen Erinnerungen. Aber die unter Ihnen, die so alt sind wie ich, oder auch älter, verstehen, was sie hören. Sie begreifen. Denn trotz allen Verdrängens, trotz allem Willen zu vergessen, stößt es uns beiden zu, dass wir uns erinnern.

Das ist mir vor vielleicht zwanzig Jahren in München passiert. Ich habe dieses Erlebnis – ein winziges und ganz persönliches – nur einigen wenigen französischen Freunden im Vertrauen erzählt, aber nie habe ich es einem einzigen deutschen Freund mitteilen können. Damals war ich schon öfter in Deutschland gewesen, hatte das zerstörte und wiederaufgebaute Nachkriegsdeutschland gesehen. Ich hatte mit verschiedenen Leuten Freundschaften geschlossen. Ich war mir bewusst, was in diesen Jahren vor sich ging, begierig, meinen Teil zur Wiederversöhnung unserer beiden Länder beizutragen. Die Kriegsjahre, die Deportationen, Verfolgungen und Konzentrationslager nicht mehr erwähnend, wollte ich mich, ein vernünftiger und friedlicher Mensch, als Christ aufführen. Ich war damals Studentenseelsorger. Nach einem erschöpfenden Arbeitsjahr kam mir der Gedanke, nach München zu fahren, das ich bereits kannte. Ich hatte am eucharistischen Weltkongress teilgenommen, mit viel Interesse und großer geistlicher Freude. Das Gesicht der Kirche, das ich bei diesem Anlass entdeckte, schien mir etwas Schönes. Freundlich empfangen, hatte ich mich in dieser Stadt wohlgefühlt. Aus diesem Grund entschloss ich mich, aufs Geratewohl loszufahren. Es war Anfang August.

Dem Zug entsteigend, hielt ich mit meinem Koffer auf dem Platz vor dem Münchner Bahnhof inne. Es war eine prächtige Sonne und Fröhlichkeit beherrschte den Platz. Plötzlich ging in meinem Blick eine Veränderung vor. Da gingen Leute vorbei, kamen und gingen, Gleichaltrige und Ältere. Und auf einmal erschien mir ihr Kopf, ihr Gesicht mit den Zügen, die sie zwanzig Jahre früher, während des Krieges, für mich hatten. Von einem großen Schreck erfasst, sagte ich mir: Diese Leute da vor mir, wo waren sie, was taten sie in jenen Tagen? Was haben sie getan und was nicht getan? Welche unter ihnen sind die Unschuldigen? Und die andern? Und ich fühlte ihre Gesichter rätselhaft, wie Masken vor meiner stummen Frage. Kein Gefühl herrschte in mir, außer einer tiefen Niedergeschlagenheit, einer tiefen Trauer. Es war mir unmöglich zu bleiben, an diesem Ort zu verharren. Ich schüttelte mich, ergriff meinen Koffer, um sogleich nach Paris heimzukehren. An diesem Tag fuhr kein Zug mehr. Ich nahm ein Zimmer in einem benachbarten Hotel und am nächsten Morgen fuhr ich weg.

* * *

Können Sie sich das vorstellen? Zum ersten Mal erzähle ich diese Erinnerungen vor Deutschen. Ist es seltsam? Und doch habe ich noch viele Freunde unter Laien und Priestern in Deutschland. Manche von ihnen sind für mich wahre Brüder gewesen und sind es noch. Aber was ich Ihnen da berichte, habe ich ihnen nie zu sagen vermocht. Was für mich heute eine vertrauliche Mitteilung ist, das müsste vielleicht, für Sie wie für mich, auch der Anfang eines Geständnisses werden. Denn dieses Schweigen, das uns lähmt, unsere beiden Völker lähmt, ist ein Schweigen der Schande oder auch der Angst. Ein schlechtes Stummsein, in dem kein Leben, kein Erbarmen möglich ist.

Wenn ich mich bereit erklärt habe, an Ihrem Katholikentag zu sprechen, so weil ich mit Klarheit erkannte, dass diesmal Gott es von mir verlangte. Was mir unmöglich schien und es in gewisser Beziehung auch sicherlich ist – angesichts menschlicher Kräfte der Empfindsamkeit, des Gedächtnisses – ich muss es auf Gottes Geheiß doch tun. Von mir und keinem andern verlangt er es, aufgrund seines Anrufs, der mich zum Priester und zum Erzbischof von Paris gemacht hat. Ich weiß nicht, wie es mir gelingen wird, nicht einmal, was mir zu sagen aufgetragen ist. Aber das weiß ich: Was zu tun mir abverlangt wird, das verlangt von Ihnen, etwas damit anzufangen. Denn wenn Gott es von mir fordert, so nicht nur für mich, sondern ebenso für Sie. Auch Sie ruft Gott auf, mir ein Zeugnis zu geben, gewiss nicht für mich im Besondern (dies verschlüge wenig), sondern für jene, die ich vertrete, für meine Kirche, für den Frieden und die Communio zwischen den Völkern. Ganz sicher verlangt Gott von Ihnen mir ein Zeugnis zu geben, das Zeugnis von dem, was er durch sein Verzeihen in Ihnen wirkt, denn er liebt Sie; das Zeugnis von dem, was er für Sie tut: ein Werk der Barmherzigkeit, der Wahrheit und des Friedens.

* * *

Ja, ich muss vom Verzeihen reden und von der Umkehr der Herzen. Wessen Verzeihen? Was kann der Mensch für ein Verzeihen schenken? Haben wir die Macht, wir, die Lebenden – noch Lebenden –, zu wirken, dass das Gewesene nicht gewesen sei? Kein Mensch hat die Macht, das einmal Begangene auszulöschen. Es gibt keine mögliche Wiederherstellung unter Menschen. Wenn man nach menschlichen Gesetzen die Toten beerbt, den Tod beerbt man nicht.

Menschliches Verzeihen kann bestenfalls eine Amnestie sein. Es besteht darin, zu tun, als wären die begangenen Taten nicht begangen worden, als wäre nichts passiert. Es besteht schließlich in einer Art des Vergessens. Und Vergessen besagt Verachtung, denn es belässt dem, der gegen Gott und die Menschen gesündigt hat, die Last seiner Schuld, in Einsamkeit; es lässt denen, die ein Gedächtnis des Bösen haben, den Schmerz des Nichtwiedergutzumachenden.

Der Mensch kann nichts Besseres tun als vergessen. Aber den Henker vergessend, vergisst man auch das Opfer, besonders wenn es tot ist. Und selbst wenn das Opfer vor dem Sterben dem Henker das angetane Leid zu verzeihen vermocht hat, kann dies das Gewissen des Henkers vom getanen Bösen nicht befreien. Der alleinige Mensch kann die Sünde eines anderen Menschen nicht verzeihen. Darin liegt die Tiefe des Übels und seine Unheilbarkeit. Einen Gegenstand gibt man zurück, ein Haus repariert man, eine Summe Geldes erstattet man wieder… Aber ein Leben gibt man nicht zurück, man kann das Schuldgefühl nicht tilgen, die Unschuld nicht wiederherstellen.

Das Verzeihen liegt nicht in des Menschen Macht: Gott allein kann verzeihen.

Denn das wahrhafte Verzeihen kann nichts Anderes sein als eine Auferstehung der Toten. Und Gott allein kann sie wiedererwecken. Auferstehung, für die uns der himmlische Vater in seinem einzigen Sohn, dem leidenden Messias, das Unterpfand und die Wirklichkeit gibt. Der Gekreuzigte hat am Kreuz das Wort der Vergebung ausgesprochen, aber es als Sohn dem Vater gesagt. Er hat nicht gesagt: «Ich verzeihe euch», sondern: «Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.»

Der einzige Sohn, der vielgeliebte, preisgegeben der Vernichtung, hat vom Vater das Verzeihen erfleht, das der Vater allein geben kann. Der Beweis dafür, dass dieses Verzeihen ergangen ist, liegt in der Auferstehung des Sohnes. Und doch trägt der Auferstandene die Stigmen seiner Passion. Die Auferstehung ist nicht das Vergessen der Passion. Die Wundmale des auferweckten Sohnes sind keine Zeichen der Bestürzung und Verurteilung für die, die sie verursacht haben – als Soldaten –, oder Komplizen waren, weil sie geschwiegen haben und geflohen sind – die Jünger. Ganz im Gegenteil: fortan sind die Wundmale die Zeichen der Heilung und des Heils. Fortan können die Wunden berührt werden und sind hingehalten als Stätten der Gnade und als Quell der Gewissheit, wenn Jesus dem Thomas seine Hände hinhält. Schon quillt, wie Johannes uns sagt, aus dem von der Soldatenlanze durchbohrten Herzen Wasser und Blut, die Quelle des Lebens, der Versöhnung und des Verzeihens, des göttlichen Lebens und des dem Menschen geschenkten Geistes.

Gott allein verzeiht, denn Gott allein rettet. Gottes Vergebung zerstört nicht unsere unselige Geschichte, er kauft sie los, er gibt sie uns in seinem Verzeihen zurück und lässt sie uns in Empfang nehmen in einem zerbrochenen Herzen, als dem Ort nicht der Verdammnis, sondern der Erlösung, nicht der Verlassenheit, sondern des Heils. Das unschuldige durchbohrte Opfer ist der Mittler des Neuen Bundes, der Hohepriester des neuen Kults. Wenn Jesus den Gelähmten erweckt, «damit ihr wisst, dass der Menschensohn auf Erden Macht hat, die Sünden zu vergeben», offenbart er, dass er auf Erden über die väterliche Macht verfügen kann, Erbarmen zu erweisen. Denn einzig der Schöpfer kann der Erlöser sein. Für manche ist es unmöglich zu verzeihen. Aber die Jünger Christi erhalten vom geliebten Sohn nicht nur die Vollmacht, sondern den Auftrag in seinem Namen die Sünden zu vergeben, in seinem Namen die Lossprechung des himmlischen Vaters zu erteilen.

* * *

Wenn ich also jetzt in die Versammlung Ihrer Kirche eintrete, so um Sie an Jesu Worte zu erinnern, deren amtlicher Diener ich bin, um Ihnen zu sagen, dass der Gott der Gnade, Ihnen Gnade schenkt, wie er alle Menschen begnadet. Um Ihnen also die Vergebungsworte des Messias zu sagen.

Noch bleibt mir ein geheimer Gedanke Ihnen anzuvertrauen. Vielleicht kann er für Sie Trost und Hoffnung besagen. Hier ist er: Die Leiden der Opfer und ihr Sterben sind ein Teil der Leiden des Messias. Sie sind eingeborgen in den Kelch Gottes wie die Tränen seiner Kinder; und durch seinen Messias macht Gott daraus ein läuterndes Wasser. Der Gedanke ist erlaubt, im Geheimnis Gottes, dass im Empfang des Verzeihens, das der Gekreuzigte schenkt, die ungezählten Opfer, denen er sich in seinem Leiden zugesellt hat, auch ihm zugesellt werden im Verzeihen, das er gewährt.

Und schließlich, Sie wissen es, erhalten wir Barmherzigkeit, um unsererseits barmherzig zu sein, entsprechend der Gnade, die jeder empfangen hat und gemäß unserer Berufung, Zeugen dieses Erbarmens zu sein. Ich bitte Gott, Sie mögen Ihrerseits, für uns und für alle Menschen, Zeugen und Wirker des Verzeihens sein.

Als Bruder in Christus habe ich zu Ihnen gesprochen. Da nur meine Stimme zu Ihnen dringt, ohne dass wir einander sehen, wie Wanderer in der Nacht, habe ich im Schutz dieses Dunkels zu Ihnen gesprochen, der Osternacht als Nacht des Todes und Nacht des Lebens, worin das Wort wieder möglich wird. Möchten Sie diese Worte als ein Geschenk empfangen, das Gott mir gestattet, Ihnen zu geben.

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