Der verlorene Raum?Citypastoral als urbane Strategie der Kirche

Aus historischer Perspektive bilden Religion und Stadt eine untrennbare Einheit. Global betrachtet trifft diese Diagnose weit über den christlichen Kulturraum hinaus zu. Vom Jerusalemer Tempel über Angkor Wat bis hin zu den religiösen Bezirken aztekischer Metropolen ist die Reservierung sakraler Bereiche im urbanen Raum städtische Normalität. In vielen Fällen stellte die Errichtung eines religiösen Bauwerks überhaupt erst den Anlass zur Gründung einer Stadt dar. Legenden berichten etwa, dass zu dem Zeitpunkt der Stadtgründung Mekkas am gleichen Ort bereits ein vorislamisches Heiligtum stand, das Ziel von Pilgerreisen war.

Wurden also Städte einst gemäß der Maxime gegründet, dass Priester, Tempeldiener und Pilger geschützt, ernährt und mit Opfergaben versorgt werden müssen, entwickeln sich die Diskurse kirchlicher Akteure heute in die entgegengesetzte Richtung. Die Rolle der Kirche in der Stadt ist diffus. Ihre zentrale gesellschaftliche Bedeutung hat Religion ebenso verloren wie die Kirche ihren Platz im Zentrum der Stadt, architektonisch ebenso wie semantisch. Als Reaktion auf diesen Trend wird das Verhältnis von Kirche und City neu diskutiert. Das Ergebnis ist häufig die Diagnose der Notwendigkeit spezialisierter kirchlicher Institutionen für den urbanen Raum. Im Rahmen dieses Artikels werden die religionswissenschaftliche Außen- und die theologische Innenperspektive auf Kirche und Stadt in einen Dialog gebracht, um Anregungen für die Gestaltung der Citypastoral als urbane Strategie der Kirche zu entwickeln.

1. Religion und Stadt in internationaler Perspektive

Vorneweg sei gesagt, dass die Stichworte «Citypastoral», «Citykirche» u. ä. nicht an oberster Stelle stehen, wenn Religion und Stadt in der Forschung thematisiert werden. Grundsätzlich variieren die thematischen Schwerpunkte mit der regionalen Verortung des Forschungsgegenstands: An erster Stelle stehen die Vereinigten Staaten, in denen urbane Religion seit Beginn der 90er Jahre ein regelmäßiges Forschungsthema darstellt. Besonders häufig ist Chicago Gegenstand der Reflektion: Die Stadt verfügte bereits in den 60er Jahren über das Interreligious Council on Urban Affairs (IRCUA), das als Reaktion auf die soziale, ethnische und religiöse Krise der Stadt von unterschiedlichen christlichen und einer jüdischen Fraktion gegründet wurde. Das IRCUA war häufig Anlass geschichtswissenschaftlicher wie theologischer Abhandlungen.1

In den USA liegt der Fokus religiöser Aktivität im urbanen Raum auf Community Development bzw. Community Organizing, der (kommunal-) politischen Dimension des Handelns religiöser Akteure und der sozialpolitischen Handlungsfähigkeit der Gemeinden als zivilgesellschaftlichen Akteuren. Die sozialen Notlagen, mit denen Kirche konfrontiert wird, sind in ihren Ausmaßen und durch die geringere Zahl sozialstaatlicher Einrichtungen kaum mit der deutschen Situation vergleichbar. Die Stadt wird vor allem als karitative Herausforderung gesehen und die Furcht, nur noch als «social service agency»2 betrachtet zu werden, wenn die kirchliche Kernfunktion nicht mehr im Mittelpunkt steht, wird geäußert. Das folgende Statement bringt die Lage treffend auf den Punkt: «Famously, in many struggling urban neighborhoods the only functioning institutions are churches and liquor stores.»3

In den Vereinigten Staaten besteht ein großes Interesse an den Aushandlungsprozessen zwischen Religion und Staat: Wiederkehrende Fälle des Kontakts religiöser Gemeinschaften und städtischer Institutionen sind beispielsweise kirchliche Interventionen zugunsten sozialer Stadtplanung und die Zuständigkeiten für Wohltätigkeitsprojekte. Kirchenvertreter äußern etwa Bedenken, dass die Verwendung staatlicher Gelder zur Finanzierung karitativer, von kirchlicher Seite organisierter Aktivitäten dazu führt, dass die Autonomie der Kirchen durch staatliche Kontrolle eingeschränkt wird.

Das (besondere) Verhältnis der amerikanischen Gesellschaft zur Stadt wird in den Überlegungen zur Rolle der Kirche häufig mitberücksichtigt: «What is it about Americans, then, that makes us suspicious of, fearful of, and hostile toward the city: ‹O give me a home, where the buffalo roam, and the skies are not cloudy all day›?»4 Die Flucht in die Vorstädte wird in Relation zu den dortigen religiösen Sozialformen gesetzt. Der Diskurs spielt sich zwischen kleinen Gemeinschaften ab, die im Chaos der Stadt familiäre Intimität bieten, und großen Organisationen, die im Zuge ihrer Institutionalisierung die soziale und emotionale Kohärenz verlieren. Die Megachurch wird als typisch amerikanische Option der religiösen Organisation ins Verhältnis zu Gemeinden im urbanen und suburbanen Raum gestellt.

Die städtische Sakralarchitektur stellt das Ergebnis unterschiedlicher Konzepte und Inhalte urbaner Mission dar, spiegelt deren Erfolg und fungiert als Marker konfessioneller und ethnischer Unterschiede. Die Gestaltung der Kirchen sowie ihre Bedeutung als soziales Netzwerk und Integrationsfaktor lassen sich als Geschichte der Immigration lesen. Ihre positiven sozialen Auswirkungen machen Kirche zum Standortvorteil im Wettbewerb der Städte: «Cities may indeed cultivate their image as home to solid, god-fearing people to attract capital and migrants and wield public religious ritual quite consciously to this end.»5 Die Dichte der Interaktionsmuster, sowie die begrenzten räumlichen Ressourcen der Stadt führen zu einer Konkurrenz der religiösen Gemeinschaften, die eine dynamische und vitale religiöse Szene im urbanen Raum und somit einen Gegentrend zur Säkularisierung hervorbringen.

Innerhalb Europas bestehen vor allem Reflektionen zur Rolle der anglikanischen Staatskirche und den Auswirkungen des Church Urban Funds, der angesichts der großen Armut in vielen urbanen Räumen Englands initiiert wurde. Mit der Veröffentlichung des Berichts «Faith in the City» im Jahr 1985 begann die Kirche Englands mit der praktischen Reflektion der Stärken und Schwächen kirchlicher Arbeit im urbanen Raum. Gemäß theologischer Reflektion gibt es unterschiedliche Aufgaben, die Kirche in der Stadt erfüllen muss: Dazu gehören die Sicherstellung der religiösen «Grundversorgung» für die Gesamtbevölkerung, also die Ermöglichung von rites de passage und Unterstützung bei der Kontingenzbewältigung in Lebenskrisen; das aktive Involviertsein in das urbane Leben; der Respekt gegenüber den Akteuren anderer religiöser Traditionen sowie die kompetente und erfahrene Wahrnehmung karitativer Aufgaben.6

Eher selten finden sich Forschungsberichte über Südamerika und Afrika. Die Kombination aus Religion und Stadt wird dort meist als Quelle von Konflikten analysiert, wenn Akteure unterschiedlicher Traditionen den öffentlichen Raum mit religiösen Praktiken wie Prozessionen oder Aufrufen zum Gebet für sich beanspruchen und um staatliche Fördergelder für karitative Programme konkurrieren.7 Im Gegensatz dazu wird die Entwicklung urbaner Religion in (Süd-) Ostasien oft als Erfolgsgeschichte der Anpassung alltäglicher und außeralltäglicher religiöser Praktiken an die Entstehung moderner, funktional und kommerziell orientierter Metropolen dargestellt.8

2. Charakterisierung der Citypastoral in Deutschland

Vor diesem internationalen Hintergrund tritt Citypastoral als eine besondere Form des Verhältnisses von Kirche und Stadt hervor. Die Vielfalt der Projekte erschwert jedoch eine präzise Definition des Phänomens: Es handelt sich um kirchliche Einrichtungen, die im Stadtkern angesiedelt sind, wobei die genaue Auseinandersetzung mit der Lage und deren Implikation, etwa in Fußgängerzonen, Einkaufsstraßen usw., sowie die Definition dieses Stadtkerns meist ausbleiben. Ebenso offen bleibt die Frage, inwiefern die Gestaltung der Citypastoral von der Größe der Stadt und deren Lage innerhalb Deutschlands abhängig ist.

Programmatisch besteht eine große Bandbreite kirchlicher Möglichkeiten: Teilweise wird der Schwerpunkt auf die Wiedereintrittsstelle in der Stadt gelegt, teils auf karitative und kommunalpolitische Aufgaben oder die Rolle im interreligiösen Dialog. Diskutiert wird die Konzentration auf eine Dienstleistungs- oder Gemeinschaftsorientierung als zwei sich ausschließende Alternativen.9 Einigkeit herrscht darüber, dass zumindest ein Teil des Angebots passagerer, niedrigschwelliger und kommunikativer Art sein sollte.

Überlegungen zur Methode der Vermittlung nehmen einen großen Raum ein: Als Optionen werden beispielsweise ein deutliches «pastorales Profil» genannt, das eine weniger leichte Zugänglichkeit impliziert, oder als Gegenpol dazu die «diskrete missionarische Präsenz», etwa im Rahmen kultureller Angebote. Die architektonische Umsetzung der Citypastoral variiert zwischen offenen Stadtkirchen, mobilen Installationen, Cafés, eigens errichteten Kirchenzentren und vielen Mischformen. Eine systematische Erfassung dieser räumlichen Konstellationen oder eine Analyse ihrer Wechsel­wirkung mit der zu transportierenden Botschaft erfolgt stets nur für den Einzelfall.

Abgegrenzt wird Citypastoral von der «normalen» Flächengemeinde der Großstadt, die sich vor allem durch den geringeren Einzugsbereich unterscheidet.10 Die Positionen variieren in der Frage, ob beide Arten kirchlicher Sozialformen nebeneinander bestehen,11 oder die klassischen Gemeinden selbst Citykirchenarbeit leisten sollen.12 Die Innenstadt spielt in den meisten Erörterungen von theologischer Seite nur in zwei Hinsichten eine Rolle: nämlich als primär geographisch bestimmter Ort, den täglich viele Menschen besuchen, und als Anlaufstelle eines komplexen Kundensegments, das hinsichtlich seiner Milieukombination in den Blick genommen wird.

Der innenperspektivische citypastorale Diskurs ist noch weit von einer allgemeinen Definition entfernt. Es liegt auf der Hand, dass nicht alles, was Kirche in der Stadt tut, automatisch Citypastoral ist. Eine inhaltliche Abgrenzung ist also nötig. Zugleich muss der Masse von Ausdrucksformen Rechnung getragen werden, sodass keine innovativen Ideen ausgeschlossen sind. Auf dieser Grundlage steht die folgende minimale Arbeitsdefinition: Citypastoral ist eine kirchliche Ausdrucksform, die der Urbanität in Form spezifischer Strategien Rechnung trägt. Diese Strategien manifestieren sich als Pluralität typischer Charakteristika in verschiedenen Dimensionen des Religiösen. Diese These nimmt zum einen Bezug auf die Theorie des religiösen Feldes von Pierre Bourdieu, nach der es die Aufgabe religiöser Akteure ist, eine Passung zwischen Angebot und Nachfrage der sogenannten Heilsgüter herzustellen.13 Während Bourdieu vor allem Kapitalausstattung und Habitus der Bevölkerungsgruppen im Blick hatte, zeichnen sich die Strategien dadurch aus, dass sie neben den Eigenschaften der Personen auch die Eigenschaften des Raumes mitbedenken. Zum anderen bezieht sich der Begriff der Dimensionen auf das Religionsmodell von Charles Y. Glock, das die Rolle von Religion in der menschlichen Lebensrealität grob in fünf Aspekte unterteilt.14

3. Das Anforderungsprofil des urbanen Raumes…

Um die Strategien für den urbanen Raum zu definieren und ihre passenden Umsetzungen im religiösen Leben zu finden, müssen von theologischer Seite Antworten auf eine Reihe von Fragen gefunden werden. Die folgenden drei kurz angerissenen Möglichkeitsräume ergeben sich aus den Herausforderungen des urbanen Raumes als Umwelt der Kirche.

Programm und Selbstverständnis lassen sich kaum voneinander trennen, beispielsweise die bereits angesprochene Frage der Schwerpunktsetzung auf Dienstleistungs- oder Gemeinschaftsorientierung ist hier einzuordnen. Auf abstrakter Ebene kann sich Kirche zwischen zwei Polen bewegen: Auf der einen Seite steht die Beschränkung auf das Kerngeschäft, also die Bereitstellung von Übergangsriten und die Hilfestellung bei der individuellen Kontingenzbewältigung. Auf der anderen Seite befindet sich die Ausgestaltung der unterschiedlichen kirchlichen Brückenfunktionen, etwa zur Kultur, Sozialarbeit usw. Je nach Entscheidung tritt Kirche in einen Vergleich mit anderen Anbietern dieser Felder, beispielsweise im Feld der Kultur sind Museen, Konzerthäuser usw. als Referenzpunkte relevant. In der inhaltlichen Aufbereitung kann zwischen einer Kommodifizierung und Konventionalisierung, also der Herstellung handlicher, «mundgerechter» Produkte nach Vorbild der kommerziellen Mitspieler in der Stadt und der Vermarktung des Gesamtpakets «Kirche» unterschieden werden. Diese Schwerpunktsetzungen bilden die Basis für die Konzeption der Ansprache der Kunden, Besucher, Gäste usw., die architektonische und kommunikative Verpackung.

Zur Außendarstellung und Sozialform kirchlicher Institutionalisierung ist zunächst festzuhalten, dass diese Punkte Gegenstand einer bewussten Wahl sind. Das Vorbild der suburbanen Megachurches zeigt, dass religiöse Ausgestaltungen sensibel und flexibel an den praktischen Bedürfnissen einer Zielgruppe ausgerichtet werden können. Die Frage, ob und zu welchem Grad das Medium Teil der Message sein soll, benötigt eine bewusste Antwort. Im Sinne der Entwicklung der Marke «Kirche» wäre etwa zu bedenken, ob ein bestimmter kultureller Code als Alleinstellungsmerkmal genutzt werden soll oder nicht. Die architektonische Gestalt religiöser Bauwerke ist nicht naturgegeben und transportiert Semantiken, deren Gehalt sinnvoll eingesetzt werden kann.

Kirche in der Stadt ist ein Akteur unter vielen in einem Raum dichter, konkurrenzorientierter Interaktionen. Die Ausgestaltung der Rolle der Citypastoral zwischen säkularen politischen wie ökonomischen aber auch religiösen Mitspielern transportiert eine bestimmte Perspektive auf Stadt und Gesellschaft. Dies beginnt damit, dass Citypastoral in den meisten Fällen eine öffentliche, sichtbare und hörbare Form von Religion ist und damit öffentlichen, also von einer pluralen Gesellschaft geteilten, Raum beansprucht. Der Auftritt auf dieser Bühne als «Platzhirsch» oder in Bescheidenheit sollte also gut überlegt sein. Sieht Kirche ihr Verhältnis zur Stadt in Form von Gegensatzpaaren wie authentisch vs. kommerziell oder tiefgründig vs. oberflächlich und nutzt die Umwelt als Negativfolie zur eigenen Profilierung? Erfolgt eine Anpassung an oder ein Widerstand gegen die «Umgangsformen» und Sehgewohnheiten der urbanen Umwelt? Zum religiösen Pluralismus der Stadt, zu dem neben immigrierten religiösen Traditionen auch andere Spielarten des Christentums, Neue Religiöse Bewegungen sowie die Konfessionslosen zu zählen sind, muss sich Kirche positionieren. Die zur Verfügung stehenden Optionen fasst Eberhard Tiefensee treffend als a) Alteritätsmodell, das die Andersartigkeit akzeptiert, ohne sie ändern zu wollen, und als b) Defizienzmodell, das die Andersartigkeit als Problem und zu behebenden Mangel betrachtet.15 Grundsätzlich muss Konkurrenz nicht als Problem betrachtet werden, sondern kann ebenso eine religiöse Revitalisierung gegen den säkularen Trend ankündigen.

4. … und die kirchlichen Strategien

Auf Basis der vorangegangenen Fragen lassen sich Erfolgskriterien für Citypastoral ableiten, die das Gelingen der urbanen Strategien der Kirche in Form von Projekten evaluierbar machen. Die Umsetzung der getroffenen Entscheidungen kann Auswirkungen in allen Bereichen des religiösen Lebens in der Stadt mit sich bringen. Diese Bereiche und die möglichen Ergebnisse urbaner Strategien lassen sich anhand der fünf Dimensionen des Religiösen bei Glock folgendermaßen strukturieren:

Zur (1) kognitiven Dimension zählt an erster Stelle der Glaube. Die Strategie kann hier etwa die Überprüfung der Passung christlicher Dogmen mit den Lebensrealitäten der Stadt bedeuten. Die (2) zweite kognitive Dimension ist das Wissen: Im Alltag der Citypastoral könnte sie sich in Form von zielgruppenorientierten Bildungsangeboten oder als multilinguale und interkulturell sensible Pastoral äußern. Die (3) emotionale Dimension des Religiösen ist die Erfahrung. Eine Gestaltung der Sakralräume, um milieu­sensibel bestimmte Gefühle zu erzeugen, sowie die multisensuelle Charakterisierung der Kirche wären Konsequenzen in diesem Aspekt. Eine (4) religiöse Praxis des urbanen Raumes kann individuell oder kollektiv sowie öffentlich oder privat organisiert sein. Hierzu zählen etwa besondere Veranstaltungsformate für städtische Zielgruppen, alternative Arten des Gottesdienstes sowie die Reflektion des Stellenwertes traditioneller Rituale. Die (5) letzte Dimension ist die Konsequenz religiöser Normen und Moralvorstellungen für die Lebensführung. Strategien in diesem Feld könnten die Fragen umfassen, ob und welchen Einfluss Kirche auf die Ethik des Alltagslebens in der Stadt, kommunalpolitische Entscheidungen und soziale Aushandlungskämpfe nehmen will.

Kontingenzbewältigung hat für Kirche also auf zweierlei Art Bedeutung: Auf der einen Seite bietet sie Menschen Sinnkonstruktionen, um die Wendungen ihres Lebens als sinnvoll und nachvollziehbar verstehen zu können. Auf der anderen Seite ist für Kirche als Organisation die Eröffnung von Kontingenzen, also Möglichkeiten, wie alles auch anders sein könnte, lebenswichtig, um bewusste, sinngeleitete Entscheidungen treffen zu können.

5. Der verlorene Raum? Pastoraltheologische Reflexion

Soweit die spezifisch religionswissenschaftliche Außensicht. Nicht jedem Leser wird behagen, wenn da von einer «Ökonomie der Heilsgüter» die Rede ist, die die Kirche in der City zu betreiben hätte; wenn Pluralität als die Herausforderung eines religiösen Marktes modelliert oder wenn Pastoral relativ unbekümmert mit den Kriterien von «Erfolg» und «Strategie» verbunden wird. Um Behaglichkeit aber geht es hier wohl auch nicht. Vielmehr ist unverkennbar, dass auch der pastoraltheologischen Reflexion neue Artikulationsmöglichkeiten zuwachsen, wenn man zum Beispiel die fünf Dimensionen von Glock auf sich bezieht oder darauf hingewiesen wird, dass es ehemals vitalste Bündnisse zwischen Stadt und Tempel gegeben hat.

In gewisser Weise spiegelt dieser Artikel durch die eingenommene Doppelperspektive genau das, was der Kirche in der City geschieht: Sie kommt unter Außenbeobachtung; und die Kriterien dieser Außenbeobachtung sind andere als die eigenen, gewohnten. Das hat Vorteile, die ein systemtheoretisches Sprachspiel so einfängt: Die Beobachtung der anderen lässt uns sehen, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen. Hieraus können Einsichten in Relevanzen erwachsen, auf die man selber gar nicht käme. Der Nachteil, und der ist pastoral heftig erlitten: Der Kern, für den man steht, scheint genau nicht das zu sein, was die anderen als relevant beobachten. Der Kern ist das, was die anderen nicht sehen. Ich erinnere mich an eine lebhafte Debatte zwischen Pastoralplanern und Stadtentwicklern, die seitens der Kommunalbeamten zu dem Ergebnis kam, dass man es über die Maßen schätzt, wenn große Kirchengebäude an prominenter Stelle in den Cities stehen. Auf die Frage, worin man den Nutzen sieht, kamen dann ausschließlich Argumente, die die Kirche als Gebäude von außen würdigen: als Landmarke, als Siedlungskern, als Verkehrsknoten, als Kulturplatz, als Kulisse des Marktes, als Generator von Passanten-Traffic, als Haus mit befriedender Botschaft für die innere Sicherheit in den Abendstunden usw. Als pastoraler «Aktivist» ist man da beides: überrascht, weil man diese Relevanz selber so nie vermutet hätte; und verstört, weil man natürlich auch gerne etwas gehört hätte, was mit dem Inneren der Kirche zu tun hat.

Genau aus diesem Doppel von Außen- und Innensicht, von System und Umwelt, von Überraschung und Verstörung, erwächst anspruchsvolle Pastoral und eine ihr gemäße pastorale Theologie mit Niveau. Ihre Qualität bezieht sie aus der unaufgelösten Spannung von Außen- und Innensicht, von Empirie und Tradition, von dem «Licht der menschlichen Erfahrung und des Evangeliums», wie GS 11 das auf den Punkt bringt. Es bedarf einer chalcedonensisch formatierten Theologie, die «Welt» und «Gott» genauso ungetrennt denken kann wie unvermischt.

Diese Bereitschaft zu jener Spannung einer ausgehaltenen und nicht vorschnell einplanierten Differenz ist besonders geboten, wenn Kirche über Stadt nachdenkt. Wie an wenig anderen Diskursstellen wimmelt es hier von intellektuellen Automatismen und schematischen Assoziationsketten. Der einschlägige Diskurs, sei er soziologisch, religionswissenschaftlich oder theologisch inspiriert, ist sehr schnell dabei, die Stadt – mehr noch: die City – als Marker für Modernität zu identifizieren. So kurzgeschaltet ist dann das kirchliche Verhältnis zur City schnell Ausdruck und Grundierung ihres Verhältnisses zur Modernität. Man kommt von City auf Modernität – und dann schwappt die assoziative Kaskade recht schnell über den Damm, verbindet sich mit den typischen Modernitäts-Substantiven wie Urbanität, Technizität, Medialität, Schnelligkeit, landet schließlich im semantischen Auffangbecken der Säkularität und lädt diese, wieder zur City zurückkehrend, negativ auf mit bestimmten Kampfbegriffen wie Relativismus, Unübersichtlichkeit, Beliebigkeit oder Anonymität. Kirche in der Stadt ist also Kirche in der Moderne ist also Kirche in der Säkularität ist also Kirche in der Unübersichtlichkeit ist also: Kirche in der Bewährung. Schon bekommt das Projekt einer kirchlichen Präsenz in der City einen angestrengten Charakter: Sie wird zur Selbstbehauptung des Ehrlichen, Echten, Humanen in einem unwirtlichen Umfeld. Studiert man die Selbstbeschreibungen vieler citypastoraler Orte in deutschen Städten, springt einem dieses Grundschema entgegen: dass man wie eine Oase sein möchte, wie ein Tankstelle, wie eine Zuflucht.16

Eine semantische Falle. Sie ist für Katholiken mentalitätsgeschichtlich hochgradig rekonstruierbar, aber gerade darum sollte man sie auch in ihrer Bedingtheit freilegen. Ohne dies hier mehr als nur andeuten zu können, müsste man gerade aus theologischen Gründen eine neue Verhältnisbestimmung von Kirche in Säkularität denken können. Hätte man hier neue Artikulationen gewonnen, würde sich auch die faktische Selbstdarstellung des Kirchlichen in der Stadt frischer, bunter und gelassener darstellen.

Das Programm kann hier nur als relevant behauptet, nicht aber durchgeführt werden. Seine Pointe aber sei benannt: Es ginge um die fundamentale theologische Erkenntnis, dass der Begriff des Säkularen eben kein Widerspruchsbegriff zum Religiösen ist. Nur wenn man von vornherein einen religiösen Kontext als Folie des Eigentlichen und Richtigen behauptet, kann das Säkulare als Differenz und als Bedrohung auftauchen. Nur religiöse Akteure beobachten etwas mit dem Begriff des Säkularen, nämlich dass sich etwas im Widerspruch zum eigenen Selbstverständnis präsentiert. Wer als religiös Engagierter von säkularen Zeiten spricht, ist also wie ein politisch Engagierter, der alles durch die Brille politischer Kategorien einspielt – also etwa ganze Menschengruppen darin klassifiziert, ob sie zur Wahl gehen. So wie nun religiöse Menschen sich ganz unterbestimmt vorkommen, wenn sie ausschließlich als Nicht-Wähler identifiziert werden, so werden sich auch alle Bürgerinnen und Bürger dramatisch unterbestimmt wissen, wenn man sie auf das Adjektiv «säkular» festlegt.17

Theologisch wie pastoral kommt man aus dieser Enge nur heraus, wenn man vom Dritten jenseits des Nullsummenspiels von «religiös» vs. «säkular» her denkt. Dies führt zu einer «Theologie der Welt», wie sie in höchstem Maße inspirierend der Frankfurter Systematiker Knut Wenzel vorgelegt hat. Und es ist kein Zufall, dass er dies in einem Band entwickelt, der dem Thema der Stadtpastoral gewidmet ist.18

Wenzels Vorstoß gipfelt pastoralpraktisch in der These einer «höflichen» Kirche, also einer Kirche, die sich darauf verpflichtet, zusammen mit ihren Zeitgenossen jenen Raum – Hof – zu sichern, der es allen erlaubt, eine eigene Überzeugung zu finden, zu gestalten und zu präsentieren. Citypastoral wäre also vom Grund auf Sorge für Weltlichkeit, für eine plurale, kreative, intelligente und wachsame Bürgerlichkeit. Es ginge einer Kirche in der Stadt genauso wie einer Kirche in der gesamten Modernität darum, einen Schutz- und Gestaltungsraum des Öffentlichen abzusichern, den sie gerade nicht von sich her ableitet und den sie auch nicht primär als Durchsetzungsraum ihrer eigenen Agenda kultiviert. Vielmehr wird gemeinsam mit den anderen zivilgesellschaftlichen Parteien eine «Sphäre der Säkularität»19 gebaut und gesichert, der «Begegnungs-, Übersetzungs- und Vermittlungsvorgänge von allen Seiten zuließe», gerade weil er «in Äquidistanz zu allen Überzeugungstraditionen gedacht» wird. Kirche als Architektin und Pflegerin dieser Sphäre wäre eine Kirche, die zu sich kommt, weil sie über sich hinausgeht. Es wäre eine citypastorale Präsenz, die das Weltliche der Stadt gerade deswegen nicht überwinden, dominieren oder verändern will, weil sie Ausdruck einer Schöpfungstheologie ist, in der ein Gott die Welt gerade dadurch erschafft, dass er sich zurücknimmt. Die Stadt taucht auf als Raum, den Gott gerade so in Freiheit gesetzt hat, dass er sich ihm nicht aufdrängt. Und Schöpfung bedeutet dann die autonome Freisetzung ins Eigene. Wie kein anderer Ort muss auch die City ihre Bedeutung nicht erst erwirtschaften, sondern lebt aus der Gratuität einer unbedingten Anerkennung und höflichen Zurücknahme.20

Mit diesen Gedanken ist keine urbane Strategie gewonnen und kein citypastorales Konzept geschrieben. Trotzdem kann man begründet hoffen, dass die Idee einer höflichen, einer raumgebenden Kirche gerade in der Stadt ihre Partner und Gefährten finden wird. Und mehr noch: Es werden Partner und Gefährten dabei sein, die sich dann auch für das Innere der Kirchengebäude interessieren – weil sie es bedeutend finden werden, woher eine Kraft kommt, die zur Höflichkeit befähigt.

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