«Wie schön sind die Städte...»Stadtplanung mit Papst Franziskus

Ich freute mich, als man mir sagte: «Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.»
Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem: Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut
und fest gefügt. Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn…
(Ps 122)

1. Der Beruf des Stadtplaners in der Krise und die starke Stimme von Papst Franziskus

Zivilisationen bauen Städte, präsentieren sich und messen sich seit Jahrtausenden in ihrer Pracht. Doch das Berufsfeld der Stadtplanung (Urbanistik) ist neu. Es begann mit Gedanken und Erfahrungen, die fast alle mit dem historischen Bruch durch die industrielle Revolution im Zusammenhang stehen. Die Menschheit ist seither mehrheitlich verstädtert. Städte wachsen und vervielfältigen sich und dieser Trend verstärkt sich auf globaler Ebene. Das 20. Jh. erlebte eine Landflucht, die sich immer weiter ausbreitete. Das 21. Jh. erlebt die Entstehung megaurbaner Räume, Städte bei denen man den Eindruck gewinnt, dass sie unablässig Menschen anziehen und dabei keine Grenzen kennen. Seit 150 Jahren denken wir über Städte nach und bemühen uns, sie zu organisieren. Dieses Bestreben hat keine Wissenschaft, jedoch Schritt für Schritt eine Praxis oder eine Disziplin hervorgebracht: die Urbanistik. Seit mehreren Jahrzehnten bilden Universitäten zwar Stadtplaner (frz.: urbaniste) aus, aber es ist dennoch ein kleiner Beruf, den kaum jemand kennt. Ein Beruf, der, verglichen mit analogen Berufsfeldern, schwerer einzuordnen ist und der je nach Situation sehr unterschiedlich aussehen kann.

Diese Stadtplanung ist noch jung, aber schon in einer Krise. Ihre Legitimation selbst steht zur Debatte, in Frankreich vielleicht noch mehr als anderswo. Es hat sich sozusagen aus-geplant. Prognosen haben sich als falsch erwiesen und das Gros städtischer Bauprojekte entsteht völlig jenseits kohärenter Anlagenplanung. Utopien haben sich überlebt und heute weiß man, wie sehr man sich täuschen kann, wenn man sich den Realitäten zum Trotz vornimmt, eine ideale Welt zu erbauen. Es hat den Anschein, als hätte das Geld die Macht an sich gerissen, denn oft ist die Stadt zuallererst eine finanzielle Gleichung und der öffentlichen Hand fehlen schlicht die Mittel. Am Ende leiden Stadtplaner an Zweifeln, da sie – auch dank der Soziologie – beobachten, dass allein die Durchführung von Stadtplanungsmaßnahmen, so klug sie zunächst erscheinen mögen, oft massive Konsequenzen insbesondere für die Schwächsten hat. Sollte man, den Städten zuliebe, diese nicht mehr antasten? Man fragt sich, ob der Lauf der Dinge und der Weg der Menschen selbst nicht geschickter sind, den Raum zu gestalten und ihm seine Kraft zu geben: Authentizität und Poesie, kurzum seinen wohnlichen Charakter. Dafür organisieren wir internationale Beratungen, um diesem Beruf neuen Atem und neuen Ehrgeiz einzuhauchen. Wir bemühen uns, Paris «neu zu erfinden!» Wir entschuldigen uns für unser Bemühen, die Stadt zu gestalten und tun so, als handle es sich um ländliches Terrain, um ein Dorf, einen (bewohnten) Wald, oder um einen Waldrand.

Inmitten dieser schweren Arbeit der Neubegründung hört man nun eine Stimme, die ebenso laut wie unerwartet ist: Die Stimme von Papst Franziskus. Mit seinem Erfahrungsschatz in den Großstädten Südamerikas hatte er schon mit dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium (EG)versucht, der Herausforderung, Lebensraum im Hinblick auf gemeinsames Leben zu teilen, neu zu begegnen. Die Enzyklika Laudato Si’ (LS) dagegen ist für den Stadtplaner eine Erschütterung, ein Weckruf, sofern er sich entscheidet, ihr Gehör zu schenken. Sie trifft in ihm die Sehnsucht, eine bessere Welt zu erschaffen. Sie trifft sein Wissen um die technischen Probleme, die diesem Beruf innewohnen. Sie wird dem systemischen Charakter des ernstzunehmenden stadtplanerischen Denkens gerecht: alles steht in komplexer Relation zueinander. Probleme sind verkettet und reziprok, kein einziger Faktor kann isoliert bearbeitet werden. So überrascht es nicht, dass Laudato Si’ im Nachdenken über Ökologie immer wieder auf die Urbanistik zurückkommt. Im knappen Exkurs eines einzigen Kapitels bekräftigt die Enzyklika die zentrale Rolle bzw. den moralischen Anspruch der Herausforderung, vor die uns Städte stellen. Bei der Lektüre dieses Textes wird einem schwindelig, denn die gestellte Aufgabe ist gewaltig. Gleichzeitig löst der Ruf Freude aus: Bringen wir uns in die Welt ein! Bemühen wir uns, das gemeinsame Haus zu schützen und es für alle bewohnbar zu machen.

«Wie schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind die Städte, die auch in ihrer architektonischen Planung reich sind an Räumen, ,die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen!» (LS 152, bzw. EG 210)

2. Von der Utopie zur Hoffnung

Die ersten Stadtplaner schufen ihre Modelle in der Hoffnung, das Chaos zu beseitigen, das aus den wuchernden Industriestädten entstand. Diese utopischen Städte entsprangen bestimmten Ideologien und stellten vollkommene und harmonische Kompositionen dar, die sich der Anarchie und dem Kontrollverlust entgegenstellten. Diese Ideen wurden mit dem Ziel angestrebt, Probleme zu lösen: Gesundheitsschädlichkeit, Unmoral, Enge, Hässlichkeit… Im 19. Jahrhundert führt das politische, soziale und anthropologische Denken eines Charles Fourier zum Projekt des Phalanstère, einer frühsozialistischen Fortschritts-Utopie von Produktions- und Wohngenossenschaft. Die vom amerikanischen Architekten Franck Lloyd Wright in den 1930ern erarbeitete Broadacre-City ist das Projekt einer Idealsiedlung, die den durch industrielle Großstädte entfremdeten Kontakt zur Natur wiederherstellen soll. Dieses Modell ist uneingeschränkt reproduzierbar und stellt sich wie ein kosmisches Ganzes dar, denn jedes Element (Haus, Arbeitseinheit, Krankenhauszimmer etc.) ist an ein Ganzes rückgebunden und leicht zugänglich. Emile Aillaud baute in den 1960ern den großen Komplex in Grigny La Grande Borne, der die Barackensiedlungen von Paris abschöpfen sollte. Seine Raumgestaltung stand eigentlich im Dienste der Bedürfnisse kindlicher Phantasien, weil er diese für ein wesentliches Element menschlicher Entwicklung hielt, besonders, weil es sich dort um unterprivilegierte Kinder handelte.

Schockierend ist zu sehen, wie diese Modelle den menschliche Gegebenheiten, die diese Denker zu ihrer Zeit vor Augen hatten, entgegenarbeiteten. Charles Fourier: «Barbarische Proportionierung, unklare Form. Die Innenstädte von Paris, Rouen, etc.: enge Straßen, Häuseragglomerate ohne Luftzufuhr noch Tageslicht, allgemeine Disharmonie bar jeglicher Ordnung.» Franck Lloyd Wright: «Der hypnotisierenden Hitze und der unausweichlichen Berührung mit den Massen ausgeliefert, ist das Glück des ordentlich ‹urbanisierten› Bürgers, mit seinen Mitbürgern im Chaos zu verwachsen und zu verkleben. Die Gewalt und der mechanische Lärm der Großstadt reizen seinen verstädterten Kopf, füllen seine verstädterten Ohren – wie der Gesang der Vögel, das Rauschen des Windes in den Bäumen, die Rufe der Tiere oder die Stimmen derer, die er liebte, und die früher sein Herz erfüllten. Mit dem Anbruch des Industriezeitalters werden Städte zu Großstädten – soll heißen: zu viel zu großen Städten. Städte waren geordnet, geschlossen und beherrschbar. Die Großstadt ist eine uns überfordernde Masse, die seit dem 19. Jahrhundert zum Zeichen, zum Menetekel zivilisatorischer Pathologie wird.» Le Corbusier: «Sagen wir also ab jetzt, dass wir seit hundert Jahren in der Großstadt durch eine plötzlich eingedrungene, unzusammenhängende, hereingebrochene, erdrückende Flut überrascht und aus der Fassung gebracht wurden, uns aufgegeben haben und nicht mehr gehandelt haben. Und das Chaos kam mit seinen fatalen Konsequenzen.» Zusammenhänge werden hergestellt zwischen städtischer Unruhe und menschlicher Normabweichung. Die Utopien schlagen daher eine Neuschaffung des Räumlichen wie der menschlichen Integrität vor, sowohl individuell als auch kollektiv. Aus diesem Gedanken ergab sich eine Form des Anti-Urbanismus: Die Stadt ist des Menschen Verhängnis, die Natur dagegen Zuflucht, Ort der Harmonie und seiner vollen Entfaltung. Paradoxerweise scheint der Urbanismus und die Stadtplanung in der Ablehnung der Stadt – oder besser: der Großstadt – zu wurzeln, jedenfalls im unbedingten Willen, sie völlig anders zu denken.

Jerusalem ist eine Eschatologie

Diesen Stadt-Land-Dualismus kennt die Bibel nicht. Im biblischen «Fresko» alternieren Wüsten-, Landwirtschafts- und Stadt-Sequenzen. Stadtgründungen und deren Fall und Wiederaufstieg sind Schlüsselelemente in der Geschichte des erwählten Volkes. Städte sind von Gott selbst gegebener Schutz für die zwölf Stämme Israels. Sie sind Erfüllung der Landverheißung ( Jos 20). Die Geschichte ihrer Erbauung drückt das Handeln des Menschen aus und seine ihm eigene Art sich vor Gott zu stellen. So wird von der Gründung Henochs durch Kain berichtet: «Kain erkannte seine Frau, sie wurde schwanger und gebar Henoch. Kain wurde Gründer einer Stadt und benannte Sie nach seinem Sohn Henoch [Anfang]» (Gen 4, 17). Ähnlich wird auch von der Stadt Babel berichtet: «Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen» (Gen 11, 4). Städte sind Gegenstand sowohl des Falls als auch der Erlösung, der Gnadenfülle. Ninive, «die große Stadt» ( Jon 3, 2) ist die Stadt der «Bosheit», aber auch die bußfertige Stadt. Städte funktionieren wie Kennungen oder Katalysatoren moralischer Grenzsituationen.

Dabei kann der Ort, an dem wir uns in oder außerhalb der Stadt positionieren unser Verhältnis zu Gott und zu unseren Geschwistern ausdrücken. Man sieht es bei dem vom barmherzigen Samariter versorgten Mann, der halb tot zwischen Jerusalem und Jericho liegt. Es erscheint auf dem Weg der Emmausjünger: enttäuschte Flucht aus Jerusalem und missionarische Rückkehr nach Jerusalem. Die Tore der Stadt selbst haben in der gesamten Bibel essentielle Funktion. Wie man sich der Stadt nähert, ob man unter dem Tor steht, ob man durch das Tor gegangen ist – in die eine oder andere Richtung – so verhält man sich zum Bund: man steht darin, oder man zieht sich daraus zurück. Man geht Gott entgegen, oder wendet sich von ihm ab. So positioniert sich das Individuum auch im Verhältnis zum restlichen Volk (vgl. den Ort an dem Judith wohnt und wie sie in die Stadt ein- und ausgeht, um ihr Volk zu retten). Daher scheint es, als gäbe es keine feste Symbolik im biblischen Kosmos, sondern eher ein Bild, das das ambivalente Verhalten des Menschen vor Gott beschreibt. Unsere Art, Städte zu gestalten bzw. darin zu leben, kann unsere Sehnsucht nach Gott ausdrücken und unsere Fähigkeit, unseren Nächsten als Bruder zu erkennen.

Jerusalem ragt dabei dennoch heraus. Wenn die große Stadt in der Bibel Ninive ist, gottvergessen und zur Umkehr gerufen, ist die Stadt par excellence Jerusalem, die heilige Stadt. «Schon stehen wir in deinen Toren» (Ps 122, 2). Es ist eine Stadt, die unser Lebensziel ist, der Ort unseres Heils. Jerusalem ist keine Großstadt, sie wird von Stadtmauern umfangen. Ihre Mauern haben ewige Pforten von denen wir hoffen, dass sie sich heben werden, wenn wir kommen am letzten Tag (Ps 24, 7). Jerusalem bedeutet sowohl eine menschliche, als auch eine geistliche Geographie. Sie drückt all das aus, was die Figur der Stadt an Sinn enthält, sowohl in der Bibel als auch in den menschlichen Utopien, in denen die Urbanistik gründet: Schutz, Erholung, Rückkehr zur kosmischen Ordnung, eine Zusammenkunft aller, die Möglichkeit zusammen zu sein – ja sogar eins zu sein –, Harmonie. «Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt» (Ps 122, 2). «Wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir» (Ps 131, 2b). Die Stadt erscheint wie eine weiblich1 schützende und sammelnde Gestalt, die Einheit wiederherstellt. Am Punkt seiner Erfüllung angelangt ruft diese Stadt den Frieden herbei. Insofern ist Jerusalem deutlich mehr als nur eine utopische Gestalt. Sie ist eschatologische Gestalt. Diese heilige Stadt ist Symbol des Reiches, in dem der Friede, der uns geschenkt ist, vom Auferstandenen her kommt ( Joh 20, 19). Der Berg Zion ist der Thron, Jerusalem ist Maria und sie trägt Jesus den Sieger von Gogatha, der alle Menschen zu sich ruft ( Joh 12, 32). Ja, Jerusalem, «Völker wandern zu deinem Licht» ( Jes 60, 3)

Franziskus: Von der Utopie zur Hoffnung

Wenn die Stadt das Bild des vollendeten Heiles ist, das allen Menschen, in Maria versammelt, offen steht, kann der Christ die Frage der Stadt nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er kann sich nicht damit zufrieden geben, ihr Wachstum zu fördern, ohne die Natur der Bindungen, die dort geknüpft werden zu berücksichtigen, ohne die Bedeutung von Orten, die dort entstehen zu beachten. Er sieht diese menschlichen Bauten im Lichte Jerusalems und er orientiert seine Bautätigkeit am Bild und an der Verheißung, die die heilige Stadt trägt. Mit dem Papst können wir sagen: «Wie schön sind diese Städte…». Wer an seinen Utopien verzweifelt, dem gibt Franziskus neue Hoffnung. Und diese Hoffnung, dieser Mut gründet im biblischen Bild Jerusalems.

Diese christliche Lesart verlangt jedoch Abstand von den Utopien, die der Urbanistik entspringen. Erwartungen an Utopien unterscheiden sich notwendigerweise von hoffenden Erwartungen. Christliche Stadtplanung könnte umsichtiger und demütiger aussehen, denn wir erwarten unsere Hilfe nicht von einer Idee, die zu realisieren wir nun «endlich die Mittel in die eigene Hand nehmen». Wir wissen, dass unsere Hoffnung auf «einen neuen Himmel und eine neue Erde» ( Jes 65, 17) sich nicht mit Brachialgewalt herbeiführen lässt. Daher wirken wir mit einer gewissen Unsicherheit, die uns stets begleitet; denn wir suchen tastend die Spur der größten Gerechtigkeit für menschliche Einrichtungen.

3. Von der Technik zur Moral

Ist der Beruf des Stadtplaners auch begründet im Nachdenken über die ideale Stadt, so bleibt er notgedrungen technischer Art. Lange bestand die Arbeit darin, nach Kompositionen von Raumbereichen, nach Mengen und Idealverhältnissen zu suchen. Obwohl er das kulturalistische Denken des Architekts und Wegbereiters neuzeitlicher Städtebaukunst, Camillo Sitte (1843–1903), nicht teilte, zitiert Le Corbusier (1887–1965) ihn häufig. Er stützt seine Arbeit auf die Errechnung einer standardisierten und idealen menschlichen Silhouette, die wie ein Quell-Code für die Bearbeitung des Raumes fungierte. Nehmen wir den Faden des oben begonnenen Zitates wieder auf: «Und das Chaos kam mit seinen fatalen Konsequenzen. Die Großstadt, ein Phänomen der Kraft in Bewegung bedeutet heute eine drohende Katastrophe, weil sie nicht mehr vom Geist der Geometrie erfüllt ist.» Vielleicht weil er dem Gedanken der Modernität huldigte, hat Le Corbusier die Beherrschung der Technik bis an den Punkt getrieben, an dem er den Menschen selbst unter technischen Gesichtspunkten betrachtete. So wird der Mensch zum Menschentypus, den die Charta von Athen2 anhand folgender Funktionen beschreibt: Wohnen, Arbeit, Verkehr und Kultivierung von Körper und Geist.

Ist der Beruf des Stadtplaners auch begründet im Nachdenken über die ideale Stadt, so bleibt er notgedrungen technischer Art. Lange bestand die Arbeit darin, nach Kompositionen von Raumbereichen, nach Mengen und Idealverhältnissen zu suchen. Obwohl er das kulturalistische Denken des Architekts und Wegbereiters neuzeitlicher Städtebaukunst, Camillo Sitte (1843–1903), nicht teilte, zitiert Le Corbusier (1887–1965) ihn häufig. Er stützt seine Arbeit auf die Errechnung einer standardisierten und idealen menschlichen Silhouette, die wie ein Quell-Code für die Bearbeitung des Raumes fungierte. Nehmen wir den Faden des oben begonnenen Zitates wieder auf: «Und das Chaos kam mit seinen fatalen Konsequenzen. Die Großstadt, ein Phänomen der Kraft in Bewegung bedeutet heute eine drohende Katastrophe, weil sie nicht mehr vom Geist der Geometrie erfüllt ist.» Vielleicht weil er dem Gedanken der Modernität huldigte, hat Le Corbusier die Beherrschung der Technik bis an den Punkt getrieben, an dem er den Menschen selbst unter technischen Gesichtspunkten betrachtete. So wird der Mensch zum Menschentypus, den die Charta von Athen2 anhand folgender Funktionen beschreibt: Wohnen, Arbeit, Verkehr und Kultivierung von Körper und Geist.

Das Nachdenken über Stadtplanung ist heute aus jener technischen Spur ausgebrochen, die vergisst, dass das Leben, das Leben einer Stadt, sich weder in eine Gleichung einschließen lässt, noch in einen Plan. Beleg dafür ist die Aufmerksamkeit, die heutzutage bei Baumaßnahmen dem «Gebrauch» geschenkt wird, also den Aktivitäten und dem Verhalten der Menschen, die den Wohnraum einnehmen werden. Indessen stellt uns die Evolution der immer massiver werdenden Städte vor erhebliche technische Probleme, die danach verlangen, Energien und Sachkenntnis zu mobilisieren. Franziskus hat das außergewöhnliche Wachstum so mancher Städte kennengelernt und konstatiert in der Enzyklika: «Heute beobachten wir zum Beispiel das maßlose und ungeordnete Wachtum vieler Städte, das für das Leben ungesund geworden ist, nicht nur aufgrund der Verschmutzung durch toxische Emissionen, sondern auch aufgrund des städtischen Chaos, der Verkehrsprobleme und der visuellen und akustischen Belästigung. Viele Städte sind große unwirtschaftliche Gefüge, die übermäßig viel Energie und Wasser verbrauchen. Es gibt Stadtviertel, die, obwohl sie erst vor Kurzem erbaut wurden, verstopft und ungeordnet sind, ohne ausreichende Grünflächen»(LS 44). Die Roadmap des Stadtplaners ist hier wohl deutlich vorgezeichnet.

Tatsächlich mögen die Probleme der Städte mit Einwohnerzahlen im achtstelligen Bereich unlösbar erscheinen: den Straßenverkehr der Einwohner zu gewährleisten, sowie die Wasserversorgung und -entsorgung, die Abfallwirtschaft, Überschwemmungsrisiken erfassen etc… Die neuen ökologischen Gegebenheiten fordern auch neues Fachwissen: Die Energiekontrolle, besonders beim Gebäudebau und bei Transportmitteln verlangt nach genauer Bemessungsmöglichkeit und nach Erarbeitung neuer Systeme. An diese Systeme werden hohe Erwartungen gerichtet, bis zu dem Punkt an dem Wege neuer Utopien gegangen werden, nämlich der «Grünen Stadt» oder der «super technisierten» Stadt: der «Smart City». Die «Smart City» soll selbstregulierend arbeiten, also in der Lage sein, ihre Bedürfnisse, ihre Produktion und ihren Abfall selbst zu bemessen, um die Regelsysteme der Ressourcenzufuhr präzise zu steuern. Hinter dieser Utopie, die noch immer Abstraktion ist, steht eine neue Hoffnung auf Kontrolle. Werden wir in der Lage sein, uns technisch so auszurüsten, dass Megacities von mehreren dutzend Millionen Einwohnern funktionieren können?

Papst Franziskus mutet uns moralische Forderungen zu…

Franziskus kennt die technische Dimension der Probleme, vor die uns Städte stellen. Er schlägt konkretes und durchdachtes Vorgehen vor, das man in den Stadtplanungsinstituten nicht verleugnen würde. Ein Beispiel: «Die Lebensqualität in den Städten hat viel mit den Verkehrsverhältnissen zu tun, die oft Grund für große Leiden der Bewohner sind. […] Viele Fachleute stimmen darin überein, dass man den öffentlichen Verkehrsmitteln den Vorrang geben muss. Doch werden einige notwendige Maßnahmen nur schwerlich in friedfertiger Weise akzeptiert werden ohne eine wesentliche Verbesserung dieser Verkehrsmittel…» (LS 153). Um Missverständnissen vorzubeugen sei angemerkt, dass Franziskus mit diesem Vorschlag wohl nicht beabsichtigt, in der Diskussion um Mobilität Partei zu ergreifen. Er zeigt, wie in Fragen der Ökologie und hier in transportpolitischen Problemen die Frage der Gerechtigkeit als übergeordnetes moralisches Prinzip wiedereingeführt werden muss. Hier liegt der Knotenpunkt dieser Enzyklika: Soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz in ihrer fundamentalen Wechselwirkung. Wie der Umweltschutz ist auch die Praxis der Stadtplanung aufgefordert, sich einem moralischem Anspruch zu unterwerfen, der sie übersteigt und der ihr gleichzeitig einen Auftrag gibt.

Jenseits des offensichtlich systemischen Charakters von ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen – den der Gedanke der Nachhaltigkeit seit langem aufgezeigt hat – sendet Franziskus einen Warnruf, der die Klage der Erde mit den Klagen der Armen verbindet. Er beklagt, dass die Ursachen der Ausgrenzungen lediglich als «Anhängsel» der Debatten behandelt werden und merkt an, dass unsere Gesellschaftsvollzüge inklusive unserer Raumorganisation jeglichen «physischen Kontakt» vermeiden, jegliche Begegnung zwischen jenen Ausgegrenzten und den «Akademikern, den Meinungsmachern, den Kommunikationsmitteln». Ist es daher nicht eine Frage der Gerechtigkeit, dass es gelingt, diese beiden Schreie wie einen einzigen zu hören? «Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde» (LS 49).

Franziskus deutet an, dass die Akzeptanz einer Moral als Arbeitsgrundlage von Stadtplanung uns niemals auf dieselben Wege lenkt, wie es eine Praxis unter rein technischen Gesichtspunkten täte. Der Stadtplaner, der anerkennt, dass die Suche nach Gerechtigkeit fundamental zu seinem Handeln gehört, kann nicht hinnehmen, dass die Welt durchzogen wird von Gebieten, die, ungeachtet des Gemeinwohls, nur einigen wenigen vorbehalten bleiben: «In einigen ländlichen und städtischen Zonen hat die Privatisierung von Geländen dazu geführt, dass der Zugang der Bürger zu Gebieten von besonderer Schönheit schwierig wird. Unter anderem werden ‹ökologische› Wohnanlagen geschaffen, die nur einigen wenigen dienen, wo man zu vermeiden sucht, dass andere eintreten und die künstliche Ruhe stören. Eine schöne Stadt voller gut gepflegter Grünflächen findet man gewöhnlich in einigen ‹sicheren› Gebieten, jedoch kaum in weniger sichtbaren Zonen, wo die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen leben» (LS 45). Ja, «schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden [und] die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern» (LS 152). Solche Städte entstehen nicht von selbst, noch leiten sie sich von technischen Gegebenheiten ab, wie etwa ein Programm einen Algorithmus bedient. Sie sind die Frucht von moralgeleiteten Handlungen.

…denn die Stadt soll Gemeinschaft sein

Es erstaunt nicht, dass Franziskus stetig an die Sorge um die Armen erinnert, an die Marginalisierten und jene die ganz konkret an den Stadtrand gedrängten werden. Christus nachfolgend pflegt die Kirche eine bevorzugte Liebe für die Armen, die Kleinen, die Fremden. Immerhin könnte man meinen, dass jenseits der allgemein anwendbaren Prinzipien (der Stadtplanung sowie anderer Disziplinen) die Stadt selbst etwas über den Körper, den wir bilden sollten, zu sagen hat. Dass die Stadt selbst etwas zu sagen hat über das Volk, das wir werden sollten und über den Platz, den die Armen und Marginalisierten dort einnehmen sollten.

In der Schrift, besonders im Alten Testament, sind Städte metonymische Bilder, die das Volk bezeichnen. Dies wird sichtbar in den Prophetien Jesajas, in denen Jerusalem die «Ärmste, vom Sturm Gepeitschte, die ohne Trost ist» ( Jes 54, 11) genannt wird. Dann wiederum, in Jesajas außergewöhnlichen Kapitel 60: die Strahlende, Leuchtende, Verherrlichte. Die gefallene Stadt, die entvölkert nur noch von Tieren bewohnt wird: «Ja, die befestigte Stadt ist einsam geworden, ein entvölkerter Ort, verlassen wie die Steppe. Dort weiden die Rinder und legen sich nieder. Sie fressen die Zweige ab» ( Jes 27, 10). Die erlöste, verherrlichte und jubelnde Stadt, zu der die Völker hinaufziehen, um nurmehr ein Volk zu bilden. «Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir» ( Jes 60, 4). «Deine Tore bleiben immer geöffnet, sie werden bei Tag und bei Nacht nicht geschlossen» ( Jes 60, 11). Die Stadt wird beschrieben wie ein Spiegel des geistlichen Lebens des Volkes. Das Gegenteil ist dabei aber auch wahr: «Darum ist krank unser Herz, darum sind trüb unsere Augen, über den Zionsberg, der verwüstet liegt; Füchse laufen dort umher» (Klgl 5, 17). Die Art, in der hier Heilsfragen artikulieren werden, zeigt, dass unsere Geschichte sich nicht auf allein individueller Ebene abspielt, sondern dass die Solidarität, die wir im Laufe der Zeit und des Raumes knüpfen, vitale Bedeutung hat.

Der biblische Kosmos lehrt uns auch, dass das göttliche Handeln sich ausgehend von einem ganz kleinen Volk ereignet, einem Sklavenvolk, von einem kleinen Rest, von einer Unfruchtbaren, von einem greisen Ehepaar, ausgehend von den Ruinen der Stadt. Und von dort wiederum, um Besitz zu ergreifen von der Geschichte, um seine Wunder zu wirken. Müssen wir daher die Bildrätsel der Menschen nicht als das Wertvollste betrachten, als Bilder, auf denen der Bestand das Gottesvolkes fußt? Wenn dem so ist, dann können diese Gedanken nicht beschränkt bleiben auf die Tischordnungen bei unseren Gemeindeessen. Diese Gedanken müssen uns ergreifen, wenn wir darüber nachdenken, was Städte im Bezug auf menschliche Gemeinschaft sein sollen. Vielleicht verstehen wir das Beharren des Papstes auf die Schönheit der Städte, im Bezug auf mögliche Brüderlichkeit, selbst wenn die erwähnten Städte eher Bilder von Favelas wachrufen: «Dennoch will ich betonen, dass die Liebe stärker ist. Viele Menschen in diesen Lebensumständen sind in der Lage, Bande der Zugehörigkeit und des Zusammenlebens zu knüpfen, die das Gedränge in eine Gemeinschaftserfahrung verwandeln […]. Diese Erfahrung gemeinschaftlichen Heils ist das, was gewöhnlich kreative Reaktionen auslöst, um ein Gebäude oder ein Wohnquartier zu verschönern» (LS 149). Franziskus besteht außerdem auf einer qualitativen Gestaltung der «öffentlichen Plätze, [dass] Panorama und die urbanen Bezugspunkte gepflegt werden. Denn sie lassen in uns den Sinn der Zugehörigkeit, das Gefühl der Verwurzelung und den Eindruck wachsen, ‹zu Hause zu sein› in der Stadt, die uns umschließt und zusammenführt.» Er lädt jeden ein «die ganze Stadt als einen eigenen, gemeinsam mit den anderen genutzten Raum zu erfahren» (LS 151). Wenn die Stadt Zeichen der Gemeinschaft ist, wenn sie den Ruf zur Zusammenkunft anschaulich macht, wenn die Stadt daran erinnert, dass Gemeinschaft eine Berufung aller Menschen ist, dann verpflichtet all das auch den Stadtplaner. Er kann nur Handeln, wenn er sich demütig diesem Horizont unterstellt.

4. Von der Planung zum Angesicht

Als christliche Stadtplaner müssen wir die Hoffnung des Reiches, das uns im Bild Jerusalems gegeben ist, festhalten. Wir müssen uns erinnern, dass die Stadt ein Schoß der Gemeinschaft für alle Menschen sein soll – und das zuallererst für die Schwächsten – im Hinblick auf eine Zusammenkunft aller. Das alles sind recht schwere Aufgaben für ein kleines, junges Berufsfeld, das sich noch finden muss angesichts der Herausforderung der Megacities unserer Zeit. Eine demütige Antwort wäre, weniger Zeit auf die Planung von Raum und Baumasse zu verwenden (Baumassenberechnung: der Fetisch unter den Instrumenten das Stadtplaners), um dafür mehr Zeit in die Beobachtung der Stadtbewohner zu investieren, ihnen selbst Gehör zu schenken, ihren Ideen, ihren Erwartungen und ihrem Gefühl für ihren Lebensraum. Die Urbanistik hat im Kontakt mit der Soziologie sowie durch die Anthropologie und die Ethnologie große Fortschritte gemacht. Wir lernen Städte anzuschauen, wie sie tatsächlich sind: Orte der Inkarnation, Orte an denen Menschen geboren werden, leben, sterben, arbeiten, Dinge erleben, empfinden. Dieser neue Blick, der sich mehr auf den Menschen richtet als auf Pläne, ist keine leere Haltung. Er bedeutet einen regelrechten methodologischen Umsturz. Er fordert uns heraus, uns den Fragen zu stellen, die auch Franziskus ohne Unterlass aufwirft, wenn er von Städten spricht: Für wen bauen wir Städte? Mit welchem Ziel? Für Stadtplaner, die das Abenteuer der Begegnung mit den Bewohnern wagen, ist die Enzyklika eine starke Ermutigung:

Wenn man von der Wechselwirkung zwischen dem Raum und dem menschlichen Verhalten ausgeht, benötigen diejenigen, die Gebäude, Stadtviertel, öffentliche Räume und Städte planen, den Beitrag verschiedener Fachgebiete, die es ermöglichen, die Vorgänge, die Symbolwelt und das Verhalten der Menschen zu verstehen. Es genügt nicht, die Schönheit in der Gestaltung anzustreben, weil es noch wertvoller ist, einer anderen Art von Schönheit zu dienen: der Lebensqualität der Menschen, ihrer Anpassung an die Umwelt, der Begegnung und der gegenseitigen Hilfe. Auch aus diesem Grund ist es so wichtig, dass die Ansichten der betroffenen Bevölkerung immer die Analysen der Städteplanung ergänzen. (LS 150)

Gesichter betrachten und Worte hören

Diese Neuorientierung der Blickrichtung, oder besser noch die Erweiterung des Gesichtsfeldes, verwandelt unsere Art, Räume zu betrachten mit allen Konsequenzen für die Raumplanung. Am Beispiel des Geländes «Les Halles» in Paris lässt sich dies gut illustrieren. Die Planung von «Les Halles» lässt sich durch Berechnungen der Kilometerzahlen der RER- und Metro-Tunnel bewerkstelligen, anhand der beeindruckenden Fahrgastzahlen eines der größten Bahnhöfe Europas, unter dem Aspekt der Geschäftszahlen aus dessen Einkaufszentrum – und auch durch die Erinnerung an vergangene Architekten und Erbauer. Doch was lernen wir daraus über Implikationen dieses Ortes, dem Herzen dieses riesigen Agglomerats? Was sagt uns das über das Leben, das sich an diesem spezifischen Ort entfaltet? Wie soll man sich andere Ziele als einen verbesserten Personenfluss setzen, oder eine verbesserte Rentabilität pro Quadratmeter, wenn nur technische Gegebenheiten wahrgenommen werden? Eine alternative Herangehensweise wäre, von den Nutzern und Standortbewohnern auszugehen. Man könnte Obdachlose begleiten, die dort leben, herausfinden wo und wie genau diese Orte Ressourcen für Umherstreichende bilden, die in der Regel nur verjagt werden. Auch kann man Gruppen junger Gehörloser und Hörbehinderter beobachten, die sich in den «Halles» treffen, um von dort aus zu ihren Hörbehindertenzentren zu gelangen, an diesem zentralen Ort, wo sie aus dem gesamten Großraum Paris zusammenkommen. Oder man könnte aus einem entfernteren Pariser Vorort die Fahrt Jugendlicher mit der RER-Bahn begleiten, die für einen Nachmittag ihrem Viertel entfliehen wollen, um herauszufinden, was die Großstadt mit ihrer Passantenflut zu bieten hat: Anonym unterwegs zu sein, hinter einer Säule jemanden zu küssen… Dieser Blick, der die Bedeutung eines Ortes durch die Annäherung an seine Bewohner zu erfassen sucht, verwehrt sich dabei der technischen Herangehensweisen jedoch nicht. Doch vervollkommnet er sie und erlaubt eine Ausrichtung der stadtplanerischen Maßnahmen im Dienste der Menschen und einer weiter gefassten Gerechtigkeit. Franziskus lädt uns zu diesem Blick ein, der ein weiteres Bild der Realität erfasst: «Jeglicher Eingriff in die städtische oder ländliche Landschaft müsste die Tatsache berücksichtigen, dass die verschiedenen Elemente des Ortes ein Ganzes bilden, das die Bewohner als ein kohärentes Bild mit seinem Reichtum an Bedeutungen wahrnehmen» (LS 151).

Stadtbewohner in das Nachdenken über ihre Stadt miteinzubeziehen heißt, Sinnfragen zu stellen: Für wen und wofür bauen wir die Stadt? Eine besondere Aufmerksamkeit auf die Wortwahl der Bewohner im Bezug auf ihre Lebensräume kann sich als lehrreich erweisen. Dies hilft uns, aus unseren stereotypen Denkkategorien auszubrechen. Es hilft uns, Menschen wahrzunehmen mit ihren Aktivitäten und ihren Eigendarstellungen, die sich in den Vierteln, die wir behandeln, etablieren. Dieses Beobachten kann uns bei der Intervention gerade in jenen Vierteln mit hoher Bevölkerungsdichte helfen, deren Architektur in Frankreich heftig angeprangert wurde; bis zu dem Punkt an dem «Plattenbausiedlungen und Sozialwohnsilos» unumkehrbar mit dem Scheitern der Stadtplanung und mit sozialer Dysfunktion assoziiert wurden.

Das Ausmaß der grotesken Ungerechtigkeit dieser Kategorien nimmt man wahr, wenn man Zeit mit den Bewohnern solcher Stadtviertel verbringt, wenn man mit ihnen die Vielfalt an Formen, Zusammenhängen und Geschichten entdeckt. Bei genauerem Hinhören ist man über den präzisen Wortschatzes der Bewohner überrascht: Wo man zuvor nur harte und unpersönliche Masse sah, ist man über die Komplexität der beschriebenen emotionalen Geographie, der symbolischen Aufladung des Raumes erstaunt. Schnell findet man heraus, dass sowohl in diesen Siedlungen als auch sonst überall Menschen, die sich wohl fühlen, von einem «Dorf, wo jeder jeden kennt» sprechen. Die Wertschätzung der Nachbarschaft, der ruhigen und freundlichen Geselligkeit, ist der Hauptfaktor für eine Lokalverbundenheit der Einwohner. So können selbst große Wohnkomplexe Orte «der gemeinschaftlichen Heilserfahrung» werden (LS 149). Vielleicht muss nicht alles verändert werden in diesen großen Agglomeraten, wie man bei einem ersten Herangehen vielleicht meinen möchte. Die Worte der Einwohner, das Betrachten ihrer Gesichter, all das fordert uns zu mehr Feingefühl bei unseren Eingriffen auf, zu mehr Wahrnehmung des Kontextes, zur Wertschätzung kollektiver Initiativen noch vor technischen Eingriffen. Man erkennt, wie eine bestimmte Art zu Beobachten zur Korrektur von Berufsreflexen führen kann, zu neuen Anläufen, Städte zu denken, mit Zielen, die man auf anderem Wege nicht gesetzt hätte.

Papst Franziskus fordert uns heraus, in Prozessen zu denken

Ein erster Schritt ist, in der professionellen Praxis die persönliche Begegnung wiedereinzuführen, um den Blick anzupassen bzw. die Analyse zu bereichern. Franziskus lädt dazu ein, uns zu einem weiteren Schritt durchzuringen, nämlich dem der Teilhabe. Die Enzyklika Laudato Si’ ist durchzogen von der Aufforderung zum Dialog: «Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen […] Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten» (LS 13f ). Die ökologische Bewegung steht am Anfang einer weltweiten Bewegung, die die Bürger als aktive Gestalter ihrer Zukunft wiedereinsetzt. Der Urbanismus hat von diesem Erbe profitiert: Er ist zugleich durchzogen von Geschichten des Kampfes, zum Beispiel gegen den Abriss eines Viertels, eines Gebäudes, sowie von Initiativen gemeinschaftlicher Erstellung von Programmen, zum Beispiel von geteilten Gärten im mitbestimmten Wohnraum. Heute sind Abstimmungen als Notwendigkeit im Gesetz verankert, vor jeglichen umfangreichen Bauvorhaben. Nicht selten wird eine engere Zusammenarbeit mit Anwohnern gewählt, abseits des strengen gesetzlichen Rahmens. Dass Abstimmungen zur Norm geworden sind, gehört zu unserer Epoche und entspricht neuen Erwartungen seitens der Bürger sowie neuen politischen Einstellungen. Das fordert auch eine stetige Neupositionierung der Stadtplanung. Wo der Stadtplaner früher sachkundiger Experte zur Dia­gnose bzw. zur Verwaltung von Abhilfemaßnahmen war, ist er heute aufgefordert zu beobachten, zum Dialog einzuladen und Dialogbedingungen zu formulieren. Franziskus beharrt darauf in seiner Enzyklika: «Es braucht Raum für Diskussion» (LS 135). «Immer ist es notwendig, den Konsens unter den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren einzuholen, die unterschiedliche Perspektiven, Lösungen und Alternativen beisteuern können. Einen privilegierten Platz in der Diskussion müssen jedoch die Einwohner vor Ort haben, die sich fragen, was sie für sich und für ihre Kinder wollen, und die auch Ziele in Betracht ziehen können, die das unmittelbare wirtschaftliche Interesse übersteigen» (LS 183).

Die Stadt als Ort des «Sakramentes des Bruders»

Eines ist neu: Die Städte der Stadtplaner werden heute tatsächlich von Menschen bewohnt. Das heißt wir lernen, mit ihnen an Zielen und Lösungsansätzen zu arbeiten, um Städte zu gestalten. Vielleicht können wir auf diesem Weg Städte lebendiger Gemeinschaft bauen, im Gegensatz zu Speicher-Städten oder Ausweich-Städten. Städte rufen ja zum gemeinsamen Leben auf. Das, was unsere städtische Lebensweise auszeichnet, im vollen Wortsinn von städtisch, ist die herzliche Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit, das Teilen eines Raumes mit jemandem, den ich nicht kenne und der mir nicht gleicht. Solche Begegnungen, die man sich nicht aussucht, sind immer ein Wunder. Allein das friedliche Zusammenleben in öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon ein Wunder. Die Tatsache, dass Nachbarn zusammen agieren, um ihr Lebensumfeld zu verbessern, ist ein weiteres, oder die unwahrscheinliche und belebende Begegnung mit jenem Fremden, den ich nicht angesprochen hätte, wenn er nicht meinen Hut aufgehoben hätte. Die Stadt lässt uns entdecken, dass wir Schwestern und Brüder haben. Sie lässt uns erkennen, dass wir Geschwister für diese fremden Frauen und Männer werden sollen, mit denen wir den Lebensraum teilen. Die Stadt ist für uns eine Einladung das «Sakrament des Bruders», unseres Nächsten, zu leben. Wir gehen von unserem Zuhause zur Arbeit und begegnen einem Halbtoten. Unser Blick trifft ihn und wir entdecken, dass wir ihn lieben sollen. Weshalb? Weil wir sein Nächster sind: wir sind ihm in diesem Moment am nächsten. Wir schenken ihm ein Restaurantgutschein und weisen ihn auf eine Sozialstation hin. Später kommen wir wieder vorbei, um uns nach seinem Wohlergehen zu erkundigen, mehr nicht. Aber so erfahren wir, dass jeder Mensch unser Bruder ist, weil die Stadt uns zusammengestellt hat, mit Reibungskontakt. Großstädte provozieren, dass man sich aneinander reibt, in jedem Alter, mit jeder Herkunft, jedem Glauben, jedem Outfit – eingesessene Pariser, wie frisch Zugezogene. Die Stadt in der wir gemeinsam Leben ist Zeichen, dass wir gemeinsam leben sollen, denn wir leben in der Hoffnung, eines Tages im Reich versammelt zu sein. Christen – christliche Stadtplaner – sollten da nicht die Letzten sein, die die Klage Christi hören: «Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt» (Lk 13, 34).

5. Fazit: Die Stadt ist zur Freude berufen.

Papst Franziskus hat die Gabe, eine einfache Sprache zu sprechen, die einen Kurs der Ewigkeit vorgibt. Er spricht vom Leben, das wir kennen und zeigt uns, inwiefern es der Weg zu Gott ist. Eine dem Stadtplaner geschenkte Gnade ist es, wenn er im Text von Laudato Si’ einen Aufruf zum Hinwirken auf die Ankunft des Reiches erkennt. So lesen wir die Schrift ein weiteres mal, folgen dem Faden der Geschichte des Gottesvolkes, schenken der prophetischen oder allegorischen Sprache Gehör, und schon erinnert sie uns an eine Hoffnung und eine Ethik: Wir sollen in Gemeinschaft im Hinblick auf das Reich leben. Unsere Städte sind durchzogen von diesen Fragen, gemeinsames Leben kommt nicht von selbst. Doch gleichzeitig sind unsere Städte Zeichen, die uns zur natürlichen Brüderlichkeit einladen im Hinblick auf eine übernatürliche Brüderlichkeit. Was für eine Herausforderung! Unsere berufsbedingten Arbeitsmittel sind noch ungenügend, dessen sind wir uns bewusst. Doch die Enzyklika gibt uns einen letzten Hinweis auf unseren richtigen Platz: «die Zeit [ist mehr wert] als der Raum» (LS 178, bzw. EG 222). Das ist auch eine Lehre aus dem Schöpfungsbericht: «Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen, sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten» (Gen 1, 14). Wir sollten die Zeit mindestens so sehr bewohnen wie den Raum. Es ist eine kostbare Erinnerung an uns Städteplaner, die wir meinen, die Welt erfasst zu haben, wenn wir sie kartographiert haben. Wie soll man Zeit in der Stadt denken? Wie soll man auf diese dringliche Frage der Rhythmen in der Großstadt antworten, den frenetischen Puls, der alle mitnimmt, der berauscht, erschöpft und ausschweifen lässt?

Das Wiederaufkommen der Stadtfeste mag eine Antwort sein. Wir lernen Innehalten, um gemeinsam freie Zeit zu erleben: Festumzüge, die «Fête de la musique», Nachbarschaftsfeste, die sommerlichen «Paris-Plages» und all die Nacheiferer. Amüsement? Lärm, der die Leere vertreiben soll? Vielleicht. Oder prophetisches Zeichen, Keim einer eschatologischen Realität: Die errettete Stadt ist zur Freude berufen. Die Zusammenkunft aller Menschen, das Heilswerk ist auf die Hochzeitsfreude hingeordnet: «Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!» (Zef 3, 14). «Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion. Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern. Wonne und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen» ( Jes 35, 10).

Aus dem Französischen übersetzt von Raphael Schadt.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen