Ökumenische «Symbolpolitik»?Papst Franziskus und Patriarch Kyrill auf Kuba

I

Kaum ein ökumenisches Ereignis der letzten Jahre hat in den kirchlichen wie auch in den säkularen Medien eine solche Aufmerksamkeit erfahren wie die Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am 12. Februar 2016 auf Kuba. Von einem «welthistorischen Treffen», einem «Durchbruch in der Ökumene» oder gar einem «Jahrtausendereignis» war die Rede. Vielfach war zu lesen und zu hören, dass es sich um das erste Treffen eines Papstes mit einem russischen Patriarchen «nach 1000 Jahren» handele. Die nach Sensationsmeldungen heischenden Journalisten hatten wohl im Kopf, dass Orthodoxe und Katholiken seit 1054 getrennt seien, wie viele Geschichtsbücher bis heute konstatieren, auch wenn die meisten Kirchenhistoriker inzwischen von einem späteren Datum (im 13. oder 15. Jahrhundert) ausgehen, an dem die Wege der Kirchen in Ost und West sich nach einem jahrhundertelangen Entfremdungsprozess endgültig getrennt haben. Außerdem hat man beim Rekurs auf die 1000-jährige Trennung übersehen, dass die Orthodoxe Kirche in Russland erst 1589 den Status eines Patriarchats erhalten hat, es also erst seit gut 400 Jahren einen «Patriarchen von Moskau» gibt.1 Kann man die Unkenntnis dieser Fakten den Journalisten kaum zum Vorwurf machen, hätten sie sich bei etwas sorgfältigerer Recherche zumindest erinnern können, dass es seit der ersten Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras I. im Januar 1964 in Jerusalem schon zahlreiche Begegnungen römischer Päpste mit orthodoxen Patriarchen gegeben hat. Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich in ihren Pontifikaten mit zahlreichen orthodoxen Patriarchen getroffen – nur die Patriarchen von Belgrad und Moskau fehlten bislang in dieser Reihe.

Obwohl es somit bis zum Februar dieses Jahres kein «Spitzentreffen» eines römischen Papstes mit einem russischen Patriarchen gegeben hat, entwickelten sich während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil enge Kontakte zwischen dem Vatikan und der Russischen Orthodoxen Kirche. Das Moskauer Patriarchat war die erste orthodoxe Kirche, die offizielle Konzilsbeobachter nach Rom schickte, und die einzige orthodoxe Kirche, die nach dem Konzil das im Ostkirchendekret enthaltene Angebot einer begrenzten Sakramentsgemeinschaft (im Fall der Nichterreichbarkeit eines Seelsorgers der eigenen Kirche) aufgriff. Durch einen offiziellen Beschluss des Heiligen Synods gestattete die Russische Orthodoxe Kirche 1969 katholischen Gläubigen, in einem solchen Fall die Sakramente der Buße, der Krankensalbung und der Eucharistie bei einem orthodoxen Priester zu empfangen.2 Diese Ausnahmeregelung geschah zwar auf dem Hintergrund der damaligen Situation der Kirchen in der Sowjetunion und wurde – nachdem keine andere orthodoxe Kirche sich dem angeschlossen hatte – 1986 mit Rücksicht auf die panorthodoxe Einheit wieder ausgesetzt, sie zeugt aber doch von einer besonderen Nähe der russischen Orthodoxie zur katholischen Kirche. Darüber hinaus war das Moskauer Patriarchat die einzige orthodoxe Kirche, mit der der Vatikan schon vor Beginn des offiziellen theologischen Dialogs zwischen Orthodoxen und Katholiken (1980) regelmäßig theologische Gespräche führte (seit 1967).3 Eine entscheidende Rolle bei der Annäherung zwischen Rom und Moskau kam Metropolit Nikodim (Rotov) von Leningrad zu, der seine theologische Doktorarbeit über Johannes XXIII. geschrieben hatte4 und der bezeichnenderweise 1978 in Rom in den Armen des neu gewählten Papstes Johannes Paul I. starb. Der heutige Patriarch Kyrill stammt aus der Schule Nikodims und knüpft durch sein Treffen mit Papst Franziskus an die Linie seines Lehrers und Vorbilds an.

Dass diese engen Beziehungen zwischen Rom und Moskau in der Nachkonzilszeit heute fast in Vergessenheit geraten sind, liegt an einer inzwischen fast 25-jährigen Epoche, die von wachsenden Spannungen gekennzeichnet war.5 Sie begannen nach der Wiederzulassung griechisch-katholischer Gemeinden in der Ukraine 1989 durch den Streit um die Nutzung von Kirchengebäuden, die ursprünglich von den mit Rom unierten Katholiken errichtet, aber seit 1946 von den Moskau unterstehenden Orthodoxen genutzt worden waren, verstärkten sich nach der Errichtung römisch-katholischer Diözesen auf dem Territorium der Russischen Föderation im Jahr 2002 und verschärften sich – nach vorübergehender Entspannung – in jüngster Zeit erneut nach der russischen Annexion der Krim und den Kämpfen zwischen russischen und ukrainischen Truppen in der Ostukraine. Insbesondere die Spannungen mit den «Unierten» wurden von Moskauer Seite immer wieder als Grund genannt, warum es «noch nicht» zu einem Treffen zwischen Papst und Patriarch kommen könne. Seit Mitte der 1990er-Jahre hatten sich die Verantwortlichen im Vatikan um ein solches Treffen bemüht. Verschiedene Gelegenheiten und Orte waren ins Auge gefasst geworden (Wien, Pannonhalma, Bari), doch letztlich scheiterten alle Versuche am «Njet» aus Moskau. Und nun – zur Überraschung vieler – eine Kehrtwende: Nur eine Woche vor dem Treffen wurde bekannt gegeben, dass Papst Franziskus und Patriarch Kyrill sich in Havanna treffen werden. Hatten sich die Vorbehalte auf russischer Seite auf einmal in Luft aufgelöst? Keineswegs, wie Metropolit Hilarion, der Leiter des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, auf einer am 5. Februar eigens anberaumten Pressekonferenz unterstrich. Aber die Prioritäten würden nun anders gesetzt. Die dramatische Situation der Christen im Nahen Osten und in Nordafrika ließe die Bedeutung der innerchristlichen Konflikte in den Hintergrund treten. So zeichnete sich schon im Vorfeld ab, dass die Solidaritätsbekundung mit den verfolgten Christen einen thematischen Schwerpunkt des Treffens bilden würde.

II

Für das historische Treffen des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen hätte man sich wahrlich einen schöneren Ort als den Flughafen von Havanna als Ambiente vorstellen können. Aber Papst Franziskus schert sich bekanntlich nicht ums Protokoll. Er hatte dem Moskauer Patriarchen unmittelbar nach seinem Besuch beim Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios – und damit die kanonische «Rangfolge» der orthodoxen Patriarchate respektierend – signalisiert, dass er zu einem Treffen mit ihm an jedem beliebigen Ort bereit sei. In Moskau strebte man offensichtlich von vornherein ein Treffen außerhalb Europas an – «weit weg von den alten Auseinandersetzungen der ‹Alten Welt›», wie es nun in der Gemeinsamen Erklärung heißt. In der Tat wäre fast jeder Ort in Europa entweder der westlichen oder der östlichen Christenheit zuzurechnen gewesen und hätte daher von den Bedenkenträgern als eine Form von «Entgegenkommen» verstanden werden können. So bot die Tatsache, dass sich die Reiserouten von Franziskus und Kyrill auf Kuba kreuzten, eine willkommene Gelegenheit zu einer Begegnung auf «neutralem Boden». Trotzdem wurden sofort Stimmen laut, das Treffen auf Kuba, das jahrzehntelang unter sowjetischem Einfluss stand, böte einen «Heimvorteil» für Patriarch Kyrill. Diese Bedenken waren leicht durch den Hinweis zu entkräften, dass ein spanischsprachiges Land in Mittelamerika, in dem die katholische Kirche bis heute die Mehrheitskirche bildet, ebenso gut als «Heimspiel» für Papst Franziskus betrachtet werden kann. Zumindest hatte der Papst – wie im Nachhinein bekannt wurde – wohl schon seinen Besuch auf Kuba im September 2015 (auf dem Weg in die USA) für erste Absprachen bezüglich eines Treffens mit Patriarch Kyrill in Havanna genutzt.

In den deutschen Printmedien wurde vor dem Treffen eifrig «Stimmung gemacht»: Patriarch Kyrill wurde als «Marionette» Präsident Putins bezeichnet, «ohne dessen Zustimmung [er] keinen Schritt tun kann» (FAZ); «Wo Kyrill draufsteht, ist auch Putin drin» (SZ); «Wer Kyrill die Wange küsst, der hat in Wahrheit Putin an der Backe» (BILD).6 In einer Zusammenstellung von Halbwahrheiten wurden alte Vorurteile über die «Staatshörigkeit» der russischen Kirche aufgewärmt und dem Papst indirekt Naivität unterstellt, dass er sich auf solch ein Unterfangen einlasse. Offensichtlich hatte kaum jemand die zwar leisen, aber doch deutlich wahrnehmbaren Zeichen der Kritik des Moskauer Patriarchats an der Ukraine-Politik des Kremls wahrgenommen. So war Patriarch Kyrill nicht zu dem feierlichen Staatsakt erschienen, bei dem Präsident Putin den «Anschluss» der Krim an die Russische Föderation bekanntgab. Und bis heute hat das Moskauer Patriarchat die rasch erfolgte staatliche Angliederung hinsichtlich der kirchlichen Jurisdiktion nicht nachvollzogen: Die orthodoxen Diözesen auf der Krim unterstehen nach wie vor der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die sich zwar in kanonischer Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat befindet, aber einen autonomen Status hat. Das byzantinische Modell der «Symphonie» von Staat und Kirche ist in Moskau zwar durchaus lebendig, aber es sind vor allem die Staatsorgane, die die Nähe zur Kirche suchen (vermutlich um sich trotz bekannter Phänomene wie der weit verbreiteten Korruption eine gewisse moralische Autorität zu sichern), nicht umgekehrt.

Der äußere Rahmen der Begegnung von Papst und Patriarch auf Kuba in der nüchternen Atmosphäre des Flughafen-Terminals erinnerte in der Tat eher an politische Gipfeltreffen. Zwar stand in dem Raum, in dem das rund zweistündige Gespräch zwischen Franziskus und Kyrill stattfand, ein Kreuz und bei der kurzen Zeremonie zur Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung war im Hintergrund eine Ikone der Gottesmutter zu sehen, aber ein gemeinsames Gebet gab es nicht. Das unterschied dieses Treffen deutlich von den zahlreichen Begegnungen der Päpste mit den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, die seit 1964 stattgefunden haben. Dass die geistliche Dimension dennoch nicht ganz außen vor blieb, dafür sorgten die gegenseitigen Gastgeschenke: Papst Franziskus schenkte Patriarch Kyrill Reliquien seines Namenspatrons, des «Slawenapostels» Kyrill, dessen Grab sich in San Clemente in Rom befindet – ein Zeichen der Verbundenheit, das den Patriarchen nach Auskunft von Metropolit Hilarion sehr bewegt hat. Umgekehrt erhielt Franziskus von Kyrill eine Kopie der Ikone der Gottesmutter von Kazan, deren Original, das nach der Oktoberrevolution über verschlungene Wege in den Vatikan gelangt war, Kardinal Kasper im Jahr 2004 im Auftrag von Papst Johannes Paul II. als Zeichen der geistlichen Verbundenheit und der Bereitschaft zur Versöhnung nach Moskau zurückgebracht hatte.

III

Dass dieses erste Treffen eines römischen Papstes mit einem Moskauer Patriarchen nicht in kürzester Zeit geplant, sondern hinter den Kulissen schon länger vorbereitet worden war, davon zeugt der umfangreiche Text der Gemeinsamen Erklärung, die weit über das Maß vergleichbarer Erklärungen mit anderen orthodoxen Patriarchen hinausgeht.7 Es handelt sich um einen ausgereiften und wohl durchdachten Text, der sich nicht in der Feststellung von Selbstverständlichkeiten und diplomatischen Höflichkeitsfloskeln erschöpft, sondern durchaus Überraschendes und Nachdenkenswertes enthält. Die ersten sieben Paragrafen sind eine Art Einleitung, in der Anlass, Ort und Ziel des Treffens benannt werden. Papst und Patriarch sind sich bewusst, «dass zahlreiche Hindernisse andauern» (Nr. 6), bekräftigen aber umso nachdrücklicher ihre «Entschlossenheit, alles, was notwendig ist, zu unternehmen, um die uns überkommenen geschichtlichen Gegensätze zu überwinden» (Nr. 7). Bemerkenswert an diesem ersten Abschnitt ist, dass die Differenzen als historisch gewachsene – und damit auch als grundsätzlich überwindbare – dargestellt werden. Als gemeinsames Ziel wird festgehalten, «das Evangelium Christi und das allgemeine Erbe der Kirche des ersten Jahrtausends zu bezeugen und miteinander auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt zu antworten» (Nr. 7).

Im zweiten Teil richtet die Erklärung ihren Blick auf die verfolgten Christen im Nahen Osten und appelliert an «die internationale Gemeinschaft, dringend zu handeln» (Nr. 9), und an alle Parteien, die in die Konflikte verwickelt sind, «sich an den Verhandlungstisch (zu) setzen» (Nr. 11). Das waren angesichts der kurz zuvor bekannt gegebenen Vertagung der Genfer Syrien-Gespräche politisch höchst aktuelle Forderungen, die mit der Gefahr eines «neuen Weltkriegs» (ebd.) begründet werden. Bemerkenswert in diesem Abschnitt ist die Betonung der Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs und die Feststellung, dass es «absolut inakzeptabel» sei, «kriminelle Handlungen mit religiösen Slogans zu rechtfertigen» (Nr. 13). Diese Aussage ist zwar vermutlich in erster Linie auf den sog. «Islamischen Staat» und andere muslimische Fundamentalisten bezogen, setzt aber auch ein starkes Signal gegen ultrakonservative und nationalistische Orthodoxe, die sich – nicht nur, aber derzeit besonders öffentlichkeitswirksam in der Ostukraine – auf die Fahnen schreiben, die «Orthodoxie» (was immer sie darunter verstehen mögen) zu verteidigen.

Ein dritter Teil widmet sich der Situation in Europa. Angesichts des düsteren Bildes, das russische Medien und Kirchenvertreter häufig von «Europa» (gemeint ist dabei meist der westliche Teil) zeichnen, überrascht es, dass die Erklärung zunächst einmal positiv ansetzt: mit der Dankbarkeit für das Zerbrechen der «Ketten des militanten Atheismus» und die Wiedergewinnung der Religionsfreiheit, deren «hohen Wert» beide bekräftigen (Nr. 14). Es wird herausgestellt, dass Orthodoxe und Katholiken im karitativen und sozialen Bereich «oft Seite an Seite» arbeiten, und an «die bestehenden gemeinsamen spirituellen Fundamente» erinnert (ebd.). Erst danach folgt – relativ knapp gefasst – die Kritik an einem «aggressiven Säkularismus», der die Religion aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen sucht (Nr. 15). Als Reaktion fordern die beiden Kirchenoberhäupter dazu auf, «sich im gemeinsamen Zeugnis für Christus und das Evangelium zu vereinen, so dass Europa seine Seele bewahrt» (Nr. 16). Bemerkenswert ist nun wiederum die Reihenfolge, in der einzelnen Bereiche benannt werden, in denen das gemeinsame Zeugnis der Christen gefragt ist: Als erstes werden der Einsatz für die zahlreichen Flüchtlinge und die «Solidarität mit allen Leidenden» benannt (Nr. 17/18). Dann erst folgt, was in russischen Statements sonst immer an erster Stelle steht: der Schutz der Familien und eine Bekräftigung, dass die Ehe aus christlicher Sicht auf «dem Akt der freien und treuen Liebe eines Mannes und einer Frau» beruht (Nr. 19/20). Es folgt ein Appell, «das unveräußerliche Recht auf Leben zu respektieren», der Abtreibung, Euthanasie und Biotechnologie als konkrete Gefahren thematisiert (Nr. 21). Abgeschlossen wird dieser Abschnitt mit zwei Paragrafen, in denen sich Papst Franziskus und Patriarch Kyrill an die Jugendlichen richten, die sie ermutigen «gegen den Strom zu schwimmen» (Nr. 22/23).

Im vierten Teil werden dann die «Knackpunkte» angesprochen, die einer Begegnung lange Zeit im Wege gestanden haben: Der Proselytismus, also der Einsatz «unlauterer Mittel», um die Gläubigen «zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen», wird verurteilt (Nr. 24). «Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister» – so lautet die zentrale Aussage dieses Abschnitts, die auch als Motto über der gesamten Erklärung stehen könnte. Der Uniatismus wird als eine Methode «aus der Vergangenheit» bezeichnet (Nr. 25), die es nicht ermöglicht habe, die Einheit wiederherzustellen. Zugleich werden das Existenzrecht der unierten Kirchen und die Legitimität ihrer pastoralen Sorge um die Gläubigen bekräftigt. Damit sagt der Text nicht mehr und nicht weniger als die Dokumente von Freising (1990) und Balamand (1993), mit denen schon die Internationale orthodox-katholische Dialogkommission versucht hatte, die angespannte Lage in der Ukraine zu entschärfen.8 Die griechisch-katholischen Christen in der Ukraine haben das mit Enttäuschung aufgenommen. Ob der Appell der beiden Kirchenführer an Orthodoxe und Griechisch-Katholische, «sich miteinander zu versöhnen» (Nr. 25), dazu beitragen kann, die Spannungen, die sich in den letzten beiden Jahren wieder verschärft haben, abzubauen? Hier scheint Skepsis angebracht. Zumal die beiden folgenden Paragrafen zu den militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine (Nr. 26) und zum Umgang mit den «unkanonischen» Orthodoxen in der Ukraine (Nr. 27) aus griechisch-katholischer Sicht vor allem die «Moskauer Lesart» widerspiegeln.9

In den drei letzten Abschnitten wird noch einmal die Bedeutung des gemeinsamen Zeugnisses bekräftigt. Papst Franziskus und Patriarch Kyrill unterstreichen, dass die Welt von den Kirchen «ein starkes christliches Zeugnis» erwarte, und rufen Katholiken und Orthodoxe dazu auf «brüderlich zusammenzuarbeiten» (Nr. 28). Das mag aus westlicher Sicht selbstverständlich sein – für viele Orthodoxe in Russland ist es das nicht. Die Bedeutung der Gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill liegt daher vor allem in ihrem klaren Bekenntnis zur ökumenischen Zusammenarbeit. Das ist wichtig im Blick auf die innerorthodoxen Gegner jeglicher Ökumene. Und das ist wichtig im Blick auf die orthodoxe Positionsbestimmung beim bevorstehenden Panorthodoxen Konzil, das im Juni auf Kreta zusammenkommen wird und bei dem eine offizielle Erklärung der Orthodoxen Kirche über ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen verabschiedet werden soll.10 Papst und Patriarch bringen zum Abschluss ihren Dank «für das Geschenk des gegenseitigen Verstehens» zum Ausdruck, das sie bei ihrer Begegnung erfahren durften (Nr. 30). Damit fassen sie in Worte, wofür diese Begegnung steht: für den Übergang von einer Phase der Ökumene, in der man zwar Verständnis füreinander hatte, sich aber vielfach doch nicht verstand, zu einer neuen Phase gegenseitigen Verstehens.

* * *

Das Treffen auf Kuba hat erneut demonstriert, wie Papst Franziskus die Ökumene voranbringen will: durch persönliche Begegnungen. War das Treffen auf Kuba also vor allem Ausdruck einer ökumenischen «Symbolpolitik» – eine Art «intuitiver Ich-Diplomatie»11? Mir scheint, dass der Papst mit dem Treffen keine politischen oder «kirchendiplomatischen» Interessen verfolgte. Daher steht das Wort «Symbolpolitik» im Titel dieses Beitrags bewusst in Anführungszeichen. Aber er verfolgt sehr wohl ökumenische Interessen. Er will die Ökumene durch symbolische Gesten voranbringen. Insofern kann man von ökumenischer Symbolpolitik sprechen, muss den Akzent dabei aber auf die erste Worthälfte legen. Die Begegnung auf Kuba reiht sich ein in eine ökumenische Linie des Papstes, zu der auch die Überreichung eines Abendmahlkelches an die evangelische Gemeinde in Rom und die bevorstehende Feier des 500. Jahrestags der Reformation mit dem Lutherischen Weltbund in Lund gehören. Der Friedensgruß und die brüderliche Umarmung mit dem russischen Patriarchen sollten Signalwirkung für die Gläubigen haben: In der Ökumene werden wir nur vorankommen, wenn wir miteinander und nicht bloß übereinander sprechen. Persönliche Begegnungen schaffen das Vertrauen, das für eine gelingende Ökumene unverzichtbar ist. Dem Treffen der beiden Kirchenführer und den Worten der Gemeinsamen Erklärung müssen nun entsprechende Taten folgen. Der «Ökumene-Gipfel» auf Kuba hat das Eis gebrochen. Für einen dauerhaften Frühling in den orthodox-katholischen Beziehungen braucht es aber noch mehr Sonnenstrahlen, damit der Samen, den die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill gelegt hat, wachsen und gedeihen kann.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen