UMGANG MIT DER AFDWir Zauberlehrlinge

Der Aufstieg der AfD scheint unaufhaltsam. Alle bisherigen Mahnungen und Warnungen sind verpufft. Auch im Raum der Kirche braucht es Selbstkritik.

In Goethes berühmten Versen verzweifelt der Zauberlehrling an seinem außer Kontrolle geratenen Besen. „O, du Ausgeburt der Hölle!/ Soll das ganze Haus ersaufen?“, ruft des Meisters Schüler. Doch gelingt es ihm nicht, was immer er auch versucht, die Katastrophe abzuwenden. Immer mehr Wasser bringt ihm der verhexte Stock ins Haus. So wird Hybris zum Fluch.

Die Versuche, den anschwellenden Zuspruch der selbsternannten Alternative für Deutschland (AfD) einzudämmen, wirken bisweilen so hilflos und untauglich wie die falschen Zaubersprüche des kleinen Hexers. „Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe! Hab’ ich doch das Wort vergessen!“ Mindestens halb Deutschland ersehnt sich das Wunder, mit dem der weitere AfD-Aufstieg – und erst recht eine mögliche Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt – zu stoppen wäre. Doch alles Mahnen und Warnen verfängt nicht. Das erlösende „In die Ecke, Besen, Besen! / Seid’s gewesen!“ gibt es nicht.

Nun ist die AfD nicht gerufen worden, so wie sich der übermütige Lehrling sich des Fegers als Helfer bedienen wollte. Aber auch die Partei, die 2013 gegründet wurde, hat immer wieder zu profitieren gewusst von einer gewissen Bequemlichkeit der Politik und den Unzufriedenheiten der Wähler und wächst nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen scheinbar unaufhaltsam an.

Der Verfassungsschutz hat wahlweise die Partei oder Gliederungen als Verdachtsfälle oder als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Verschiedene Skandale haben die AfD erschüttert, manche handfest, wie die Affäre um die Jobs für Verwandte, andere umstritten, etwa die so genannte Wannsee-Konferenz 2.0. Und die Brandmauer? Die Abgrenzung scheint zum Dünger für die AfD geworden zu sein.

Nicht zuletzt haben sich die Kirchen in deutlichen und klaren Worten von der AfD distanziert und vor ihrer Unterstützung gewarnt. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, schreiben die Bischöfe zu Recht. Doch es hat alles nichts genützt – die erwünschte Wirkung ist ausgeblieben.

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der in der Vergangenheit auch schon mal mit dem jetzigen Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, gesprochen hat, gibt im Interview mit der Süddeutschen einen Hinweis. „Die AfD schafft es, den Bauch anzusprechen, die Instinkte und die Ängste.“ Die Kirche versuche, so führt er aus, dem mit rationalen Argumenten beizukommen. „Aber Hirn und Bauch, das trifft sich dann nicht“, sagt er.

Es braucht einen Strategiewechsel im Umgang mit der AfD und vor allem mit ihren Wählern, insbesondere auch im Raum der Kirche. Bloße Abwehr-Zauber bewirken nichts oder das Gegenteil. Wenn der Spiegel Siegmund als gefährlichsten Mann Deutschlands bezeichnet, nutzt dieser das Cover als Autogrammkarte. Zauberei! Und wenn die Kirchen die AfD als unchristlich bezeichnen, hat diese inzwischen im Osten das Selbstbewusstsein, sich im Gegenzug selbst als „allerchristlichste Partei“ zu bezeichnen.

Die AfD ist nicht das böse Gespenst, das über unser Land gekommen ist, das sich nun mit etwas Gebrüll verscheuchen ließe. Wir sind schon selbst die Zauberlehrlinge, die es – aus Übermut, Selbstgefälligkeit oder Naivität – zugelassen haben, dass sich die politische Landschaft und das gesellschaftliche Klima derart verändern konnten. Wenn in einer gefühlten 25-jährigen Dauerkoalition aus CDU und SPD eine Unterscheidbarkeit der politischen Angebote schwindet, stärkt das die Ränder. Das hätte man ahnen können. Wenn in der politischen Mitte der politische Streit vernachlässigt wird, schult das keine demokratischen Tugenden.

Und schließlich haben die Kirchen mit einer bisweilen übertriebenen moralischen und alarmistischen Aufladung von politischen Positionierungen und Entscheidungen Reaktanz mitverursacht, die dann zu Abstumpfung und Verrohung mit beigetragen hat. Jetzt wird’s beklagt. Wo ist die im Zweiten Vatikanum beschworene „Autonomie der Sachbereiche“ geblieben, die auch Demut im politischen Urteilen nahelegt? Es gibt zu viele Themen – Migration, Klimaschutz, Sozialpolitik, Bildung, Entwicklungshilfe –, bei denen eine offene Debatte fehlt oder diese diskreditiert wird. Stattdessen werden nur alte Grabenkämpfe ausgefochten. Auch die Pandemie war ein Katalysator für diese vergiftete Stimmung. Selbstkritik und Umkehr sind deswegen nötig, anstatt den falschen Zauber mit mehr vom Gleichen weiter zu verstärken.

Populismus, ob rechts oder links, hat was von Zauberei. Es ist schwer, den Lauf zu stoppen, wenn er einmal in Gang gesetzt ist. Aber Jammern hilft nicht, das steht schon bei Goethe.

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