Bereits Anfang November verschickte das vatikanische Staatssekretariat die Einladungen: Für den 7./8. Januar 2026, unmittelbar nach Abschluss des Heiligen Jahres, hat der Papst ein außerordentliches Konsistorium einberufen, eine Art Gipfeltreffen mit seinen Kardinälen.
Kurz vor Weihnachten sickerte über die Tageszeitung Il Giornale durch, dass Papst Leo XIV. mit seinem „Senat“ über die sogenannte tridentinische Messe sprechen möchte (deren Feier Papst Franziskus mit seinem Schreiben Traditionis custodes 2021 stark eingeschränkt hatte) – und über Synodalität sowie deren konkrete Anwendung in den Diözesen, etwa das Mitspracherecht von Gläubigen, das Fragen hinsichtlich der „Leitungsgewalt“ der Bischöfe aufwirft. Beide Themen haben das Potential für Spannungen, wenn nicht gar Spaltungen, die zu überwinden bekanntlich erklärtes Ziel des neuen Papstes ist.
Im Unterschied zu ordentlichen öffentlichen Konsistorien, bei denen der Papst die in Rom ansässigen und gerade in der Ewigen Stadt weilenden Kardinäle zusammenruft, etwa um über anstehende Selig- und Heiligsprechungen abzustimmen, ergeht die Einladung zu außerordentlichen Konsistorien an alle Kardinäle (aktuell 245), von denen zum jetzigen Zeitpunkt insgesamt 122 unter 80 Jahre alt sind und damit berechtigt wären, an einem Konklave teilzunehmen. Am 1. Januar 2026 vollendeten der emeritierte Erzbischof von Nairobi, John Njue, der im Mai 2025 krankheitsbedingt nicht zum Konklave angereist war, am 5. Januar Mario Zenari, Apostolischer Nuntius in Syrien, ihr 80. Lebensjahr. Am 30. Januar ist dies bei dem Franzosen Christophe Pierre der Fall, dem Apostolischen Nuntius in den USA. Auch über 80-jährige Kardinäle können an einem außerordentlichen Konsistorium (wie bei den Generalkongregationen im Vorkonklave) teilnehmen. Aber angesichts ihres Alters und Gesundheitszustandes werden mit Sicherheit nicht alle die Reise auf sich nehmen, sieben von ihnen sind bereits zwischen 95 und 100 Jahre alt.
Für Leo XIV. ist es eine Premiere. Worüber er beraten lässt, ist zur Stunde nur über die geleakte Einladung bekannt. Eine offizielle Bestätigung für die beiden „Reizthemen“ gibt es nicht. Aber er hat schon wenige Tage nach seiner Wahl deutlich gemacht, dass er mit der Kurie zusammenarbeiten wolle und auch Wert auf die Meinung des Kardinalskollegiums lege: „Die Päpste kommen und gehen, aber die Kurie bleibt. Das gilt für jede Teilkirche, für die bischöflichen Kurien. Und das gilt auch für die Kurie des Bischofs von Rom. Die Kurie ist die Institution, die das historische Gedächtnis einer Kirche, des Dienstes ihrer Bischöfe bewahrt und weitergibt.“
Diese ausgesprochen positive Haltung zur päpstlichen Kurie darf man als Signal werten. Zumal es unter Franziskus nur zwei außerordentliche Konsistorien gab: im Februar 2014, im Vorfeld der Familiensynode, auf die mit dem Nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia das umstrittenste päpstliche Lehrschreiben seit Humanae vitae folgte; und Ende August 2022, als er mit seinen Kardinälen hinter verschlossenen Türen über die Kurienreform beriet, die zu Pfingsten in Kraft getreten war (Praedicate Evangelium).
Offenbar will sich Papst Leo in die Linie kollektiver Wahrheitsfindung einschreiben, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil vor mehr als 60 Jahren initiiert wurde. Paul VI. setzte noch kurz vor Konzilsende die Bischofssynode ein. Dieses Beratungsorgan der Päpste hat jüngst eine wichtig Weiterentwicklung erfahren, nahmen doch auf den beiden Sessionen der Synode über Synodalität im Oktober 2023 und 2024 auch Priester und Ordenschristen, die keine Bischöfe sind, sowie Männer und Frauen ohne Weihe als stimmberechtigte Mitglieder teil. Leo XIV., seit April 2023 in einer Schlüsselposition im Vatikan, nahm als Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe an beiden Sessionen teil. Er kennt den von seinem Vorgänger noch bis 2028 verlängerten weltweiten synodalen Prozess, weiß, was er ermöglicht und was er bewirkt.
Was beim Konsistorium auch immer zur Sprache kommen wird – es geht zunächst um Beratung, nicht um Entscheidung. Schon Franziskus betonte stets die Dienstfunktion sub et cum Petro („unter und mit dem Papst“). Aber allein schon dass ein Papst teilhaben lässt, informiert, fragt, beratschlagt – ist ein Fortschritt gegenüber früheren Zeiten. Ein Pius XII. konnte sagen: „Wir brauchen keine Mitarbeiter, sondern Ausführende.“ Leo XIV. sieht das offensichtlich anders. Und das ist gut so.