Blanning, Tim: August der Starke. Sachsens Sonnenkönig.
München: C.H. Beck 2026. 448 S. Gb. 34,–.
Biografien großer Männer und Frauen, wissenschaftlich fundiert und dennoch populär geschrieben, finden viel Interesse. Der britische Historiker Tim Blanning, bei C.H. Beck bereits Biograf Friedrichs des Großen, legt hier ein abwägendes und differenziertes Werk über August II. von Sachsen, genannt „der Starke“ vor. War er ein Großer der Geschichte?
Als Zweitgeborener seiner Eltern kam er 1670 auf die Welt und hatte zunächst keine Aussichten auf den Thron, folgte aber 1694 seinem jung verstorbenen Bruder als Kurfürst von Sachsen. 1697 wurde er – dazu konvertierte er zum Katholizismus – zusätzlich zum König von Polen gewählt. Jahrzehntelang bemühte er sich, in diesem riesigen, schwer zugänglichen Land Fuß zu fassen und seine Macht gegen den selbstwussten und mit Freiheitsgarantien ausgestatteten Adel zu festigen. Unendlich verwickelte er sich in Kriege mit inneren Kräften Polens und mit den mächtigen Nachbarn. Er war kräftig, oft gewalttätig, kämpfte mit den Soldaten an vorderster Front. Als Kriegsherr war er ungeschickt, politisch verwegen, verlor viele Schlachten, unterlag in den Intrigen, blutete das Land aus. Polen verlor an Macht und wirtschaftlicher Kraft, und später verschwand es nach mehreren Teilungen für lange Zeit ganz von der Landkarte. Augusts Politik war desaströs – vermutlich war es schon zu Beginn ein Fehler, die Königswürde dieses unregierbaren Landes anzustreben.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte August meist in Dresden und wurde zum bedeutenden Kunstmäzen, der das uns heute bekannte glänzende Dresden entwickelte. Er holte die größten Künstler Europas, feierte die prächtigsten Feste, hatte eine grandiose Hofhaltung. Selbst übte er keine Künste aus, organisierte jedoch das Zueinander der Künste zum Gesamtkunstwerk und wurde – so Blanning – auf diese Weise selbst zum Künstler. Der Barock liebte und definierte sich über solche Repräsentation.
Was uns heute befremdet: die Genusssucht und sexuelle Ausschweifung Augusts; seine irrationale Verschwendung, sein Hedonismus und seine Machtgier; die unfassbaren Grausamkeiten der ständig weiter getriebenen, meist völlig sinnlosen Kriege; das unsägliche Leiden der Bevölkerung darunter; die Dummheit und Korruptheit der Eliten; die Bedeutung der Konfessionen für grausame Politik; das protzige Feiern und die brutale Jagdleidenschaft des Adels; die Eitelkeiten und Habgier der Mächtigen. Doch ist die heutige Zeit so anders?
Die Urteile der Historiker gehen auseinander und werden von Blanning zitiert. Sein eigenes am Ende des Buches lautet: „August war nicht aus dem Stoff, aus dem die Helden der Geschichtsschreibung sind. Er war ein unmoralischer Genussmensch, verschwenderisch ohne jede Rücksicht, skrupellos, gewissenlos in der Verfolgung sinnlicher Vergnügungen … Aber er war daneben alles andere als risikoscheu, nie langweilig, lebte in aufregenden Zeiten, probierte immer wieder Neues aus, und wenn er schon nicht überlebensgroß war, so doch vital von Kopf bis Fuß. In der Welt der Politik führte seine volatile Persönlichkeit zu Enttäuschung, gefolgt von Misserfolg, gefolgt von Aufschwung, gefolgt von Enttäuschung … Im Bereich der Kultur jedoch wurden Augusts zahlreiche Fehler zu Vorzügen, die ihn zu einer Ikone machten, zum Inbegriff des Barock“ (343 f.).
Blannings Buch ist gut lesbar. Sehr plastisch führt es in eine gefühlt sehr ferne und doch gleichzeitig nahe, faszinierende Welt ein. Bisweilen verliert sich der Autor in tausend Namen und Details, vor allem bei den politischen Intrigen und den Kriegen – Historiker wissen oft einfach zu viel. Aber das tut der Faszination und der Aktualität des Buches keinen Abbruch.
Stefan Kiechle SJ
Lepore, Jill: “We the People”. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. Aus dem Engl. von Werner Roller und Annabel Zettel.
München: C.H. Beck 2026. 920 S. 48,–.
Der Artikel V, die konstitutionelle Veränderbarkeit, „war der Triumph des Verfassungskonvents: Ohne ihn wäre die Verfassung niemals ratifiziert worden“ (24). So die einleitende Kernthese der Harvard-Historikerin Jill Lepore in ihrem großartigen Werk zur Geschichte der amerikanischen Verfassung, die mit dem hohen Anspruch „Wir das Volk“ beginnt. Die Amendability ist der Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit der US-Verfassung; Artikel V ist der Scheitelstein im konstitutionellen Gewölbe. Dies wussten auch die Väter der Verfassung, als sie am 17. September 1787 die Unterschrift unter ihren ausgehandelten Kompromiss setzten.
Viele aus der gebannt folgenden Öffentlichkeit vermissten den Gottesbezug, wie er damals in den europäischen Systemen von konstitutioneller Monarchie und Staatskirche üblich war. Aber die Neuengland-Aristokratie von Pflanzern und Geschäftsleuten, erfüllt vom Geist der Aufklärung am Vorabend der Französischen Revolution, wollte gerade hier mit der Tradition brechen: Keine Staatskirche, sondern persönlich selbstbestimmter Glaube; kein starrer Bund von Thron und Altar, sondern individuelle Religionsfreiheit – ein Prinzip des Liberalismus, das sich die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 zu eigen machte.
Anderen dünkte das Wahlverfahren für den Senat undemokratisch. Bis zur Ratifikation des 17. Amendments 1914 wurden die Senatoren von den Parlamenten der Bundesstaaten ernannt. Nach Änderung der Verfassung durfte die Bevölkerung direkt wählen. Aber es blieb der altertümliche Grundzug, nach dem jeder „State“ vollgültig zählt – ohne Rücksicht auf den Bevölkerungsproporz. Der kleinste Gliedstaat, Rhode Island, sendet mit kaum mehr als einer Million Einwohnern zwei Senatoren in die Zweite Kammer – wie auch Kalifornien, der bevölkerungsreichste Bundesstaat mit knapp vierzig Millionen Einwohnern.
„Der Artikel V ist ein schlafender Riese“ (25), wie Lepore in bisweilen erfrischend bildhafter Sprache betont. Ihre vollendete Stilistik ist voller Varianten, um aus dem Dunkel verwinkelter Schachtelsätze von Supreme Court-Urteilen herauszureißen. Doch die Verfassungsväter haben die Hürden für einen Amendment-Lauf hoch gesetzt: Ein Verfassungszusatz bedarf einer Zweidrittel-Mehrheit in beiden Häusern des Kongress, um im Finale auch noch die Zustimmung von drei Vierteln der Gliedstaaten zu erreichen, oft unter Druck einer Frist. Amerikanische Ureinwohner und verschleppte Afrikaner, Frauen und mittellose Männer mussten sich einen Platz im Kongress noch erobern. Erst Krisen wie die mörderische Katastrophe des Sezessionskriegs, die kapitalistische Ausbeutung durch die Trust-Monopole oder die Weltkriege verhalfen zu der emanzipativen Schwungkraft, um die Verfassung zu modernisieren.
Präsident Franklin D. Roosevelt, von Lepore als Kraftpaket im Rollstuhl bloß „FDR“ genannt, hat den USA zum letzten Modernisierungsschub verholfen. In Zeiten wachsender Polarisierung der Gesellschaft fällt der Judikative, der dritten Säule im klassischen Gebäude der Gewaltenteilung, eine Schlüsselrolle zu. Die Mitglieder des Obersten Gerichtshofs werden, von einem konservativen Politiker wie Ronald Reagan eifrig genutzt, vom Präsident ernannt und dem Senat bestätigt, auf Lebenszeit gewählt. Regelrechte Glaubenskämpfe wurden ausgefochten, besonders bei Streitthemen wie Bürgerrechten, Abtreibung oder Waffenbesitz, der sogar verschärft wurde: Seit 2008 garantiert der zweite Zusatzartikel, der bisher den Besitz der Waffen von organisierten Bürgermilizen schützt, auch deren individuelle Verfügungsgewalt.
Anselm Verbeek
Hofer, Markus: Franz von Assisi. Ein radikales Leben neu erzählt.
Innsbruck: Tyrolia 2026. 183 S. Gb. 25,–.
Zum 800. Todestag am 4. Oktober 2026 werden viele Bücher und Artikel zu Franz von Assisi erscheinen. Trotz seiner gewissen Sperrigkeit ist er ein ungemein populärer Heiliger, der auch außerhalb der Kirche hohe Bekanntheit und Anerkennung erfährt.
Die neue Biografie von Markus Hofer, Theologe in Vorarlberg, erzählt Franziskus’ Geschichte mit guter Quellenkenntnis und historischem und theologischem Gespür, nicht schwer und komplex, sondern eher heiter und einfühlsam, leicht lesbar und teilweise witzig, dezidiert von einem heutigen Standpunkt her. Der Autor ist fasziniert von dem großen Heiligen, zugleich auch in manchem befremdet. Er schreibt keine Heiligenlegende, sondern ein nüchternes Buch, das die zeitbedingte und ebenso die spirituelle Seite dieses Lebens gut durchleuchtet. Die Quellenlage für Franziskus ist einerseits – für den mittelalterlichen Kontext – erstaunlich gut, andererseits braucht es, um die Quellen gut auszuwerten, eine geschulte Hermeneutik, die die hagiografischen Anteile durchschaut und relativiert, sie zugleich jedoch auch ernst nimmt. Dem Verfasser gelingt das in beachtlicher Weise.
Franziskus wurde 1181 oder 1182 in Assisi geboren, sein Vater war ein wohlhabender Tuchhändler. Als Jugendlicher lebte er eitel und genusssüchtig. Die Begegnung mit einem Leprosen veränderte ihn. Fortan wollte er arm leben und den Armen dienen. Nach dem Bruch mit der Familie lebte er in radikaler Armut und im ständigen tiefen Gebet. Er scharte Gefährten um sich, die ihn als ihren Meister anerkannten und sich von ihm führen ließen. Im Gegensatz zu anderen radikal armen Christen der Zeit blieb er in der Kirche, er anerkannte und verehrte die Priester und die Eucharistie, er unterstellte sich dem Papst und wollte die kirchliche Anerkennung seiner Gemeinschaft. Seine Frömmigkeit war sehr jesuanisch, mit Betonung von Krippe und Kreuz – damals neu, wirksam in der ganzen folgenden Kirchengeschichte. Seine Gemeinschaft wuchs sehr schnell und verbreitete sich in Italien und ganz Europa. Mit der konkreten Leitung des aufblühenden Ordens fühlte er sich bald überfordert und tat sich schwer. Er trat von der Leitung zurück, lebte viel in Einsiedeleien, zurückgezogen, mit auch depressiven Zügen. Zu den Brüdern war er bisweilen streng, hart und fordernd, vor allem in Fragen des armen Lebens, zugleich war er gütig und naturbegeistert, heiter und liebevoll. Sein Sonnengesang gehört zur Weltliteratur. Von seinem spirituellen Erbe her ist es kein Zufall, dass gerade ein Jesuitenpapst erstmals ihn, den heiligen Narren, als seinen Namenspatron erwählte, unerwartet und für manche befremdlich, und doch ein bedeutendes Zeichen für die Kirche der Gegenwart.
Stefan Kiechle SJ
Prinz, Alois: Franz von Assisi. Der friedliche Rebell. Mit zahlreichen Fotografien.
Berlin: insel 2025. 277 S. Kt. 15,–.
Es gibt viele gute Biografien zu Franz von Assisi. Doch nur wenigen Autoren gelingt es wie Alois Prinz, den „Graben von über achthundert Jahren“ zu dem mittelalterlichen Heiligen mühelos zu überwinden, der wie der Dominikaner Savonarola oder kirchenkritische Waldenser auch als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hätte enden können. Der Biografie-Spezialist wertet behutsam die historischen Quellen aus. Auch moderne Stimmen lässt er zu Wort kommen, um die zeitlose Klassik des Heiligen unter der Narrenkappe zu erhellen.
Der Bruch mit dem Vater ist die wohl berühmteste Performance, die Franz auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt hingelegt hat. Der älteste Sohn eines reichen Tuchhändlers, Hoffnungsstern der Familie, war kein studierter Theologe, der sein Predigtthema „nackt dem nackten Christus zu folgen“ mit gelehrten Worten hätte verkünden können. Seinen Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft erklärte der Poverello, der „kleine Arme“, wie er nun oft verlacht wurde, mit einem spektakulären Akt voller Symbolik: Er legte seine prachtvollen Kleider ab, um „Schwester Armut“ in der Nachfolge des Wanderpredigers Jesus von Nazareth zu leben. Ein Skandal: seine Mitbürger nannten ihn einen „pazzo“, Verrückten.
Freiwillig hatte Franz dem Eigentum entsagt; Geld galt ihm nun als „Scheißdreck“. Aber nur in Notfällen erlaubte der Minderbruder, der sich heftig der Institutionalisierung seiner Bewegung in die verfasste Kirche widersetzte, das Betteln. Mit ihrer Hände Arbeit sollten seine Minoriten ihr Brot verdienen – kein Geld, bloß Naturalien. Nur unbehaust und besitzlos sei Nachfolge möglich, so Franz. Beim Bruch mit dem bürgerlichen Leben auf der Piazza von Assisi erläuterte er, nur einen Vater im Himmel zu haben – ganz wie der biblische Jesus.
Alois Prinz hat die Szene, freskiert von Malern wie Giotto, mit modernen Biografien parallelisiert. So führt er Franz Kafka an, der als Schriftsteller Weltruhm erlangte, aber vergebens versuchte, dem Berufsalltag einer Versicherung und Verpflichtungen der elterlichen Firma zu entrinnen. Ein illustres Exempel ist Joseph von Eichendorffs Taugenichts, der in romantischer Naturbegeisterung Gottes Schöpfung erfährt und verklärt. Besonders geglückt ist das Kapitel über Franz und Klara, die auch gern ein freies Wanderleben geführt hätte. Aber Klostermauern blieben damals die einzige Alternative zur Ehe.
Glänzend hat Prinz die Rolle von Franz als Friedensmahner umschrieben, vor allem im Kreuzzugswahn vor Damiette in Ägypten. Allein suchte er das Gespräch mit dem Sultan, der ihn wohl für einen Sufi hielt, so Prinz. Der Minderbruder fand Gehör und durfte zu den heiligen Stätten Palästinas wandern. Bonaventura, General der Minderbrüder nach Franz’ frühem Tod, verstieg sich als offizieller Biograf zu der „frommen“ Lüge, er sei „von glühender Sehnsucht nach dem heiligen Martyrium“ erfüllt gewesen.
Weshalb hat sich Franziskus, der Papst aus der südlichen Hemisphäre, nach dem Gottesnarren aus Umbrien benannt? Alois Prinz hebt die verhängnisvolle Wirkung des Genesis-Gebots „macht euch die Erde untertan“ hervor und verweist auf den Paradigmenwechsel durch die Enzyklika Laudato si’: Darin wird die Verantwortung der Weltgemeinschaft für den Klimawandel betont; statt Wachstumsideologie wird eine unpopuläre Kultur des Verzichts der reichen Industriestaaten angedeutet. Eine Inspiration des Papstes war der Sonnengesang von Franziskus, der auch zu „Bruder Wolf“ ein friedliches Verhältnis gefunden haben soll.
Anselm Verbeek