Rezensionen: Philosophie & Ethik

Kügler SJ, Hermann (Hg.): Gut alt werden. Ordensmenschen erzählen (Ignatianische Impulse 104).
Würzburg: echter 2026. 94 S. Gb. 14,90.

Der vorliegende Ignatianische Impuls (Nr. 104) sammelt Beiträge – je zwei bis drei Seiten lang – von alten, zum Teil hochbetagten Ordensmännern (Jesuiten) und Ordensfrauen, die mit der ignatianischen Spiriutualität vertraut sind. Der Band wird herausgegeben von Hermann Kügler, Pastoralpsychologe und seit einigen Jahren Beauftragter des Provinzials der Zentraleutopäischen Jesuitenprovinz für die Begleitung und Betreuung von älteren und alten Jesuiten. Besondere Aufmerksamkeit verdient diese jüngste Folge der Ignatianischen Impulse allein schon deswegen, weil die Ordensgemeinschaften im europäischen Westen eine Entwicklung vorwegnehmen, auf die die westlichen Gesellschaften insgesamt zugehen, nämlich die Alterung der Gesellschaft, und zwar in ihrem Doppelaspekt: Die Alten werden immer älter, die Jungen werden immer weniger. Der klassische Drei-Generationen-Vertrag erweitert sich so zu einem Vier-Generationen-Vertrag: Die „jungen Alten“ in den Orden (zu denen der Herausgeber ebenso gehört wie der Autor dieser Rezension) sind auf eine geschichtlich neue Weise in der Sorge um die „alten Alten“ herausgefordert, so wie in vielen Familien schon heute Großeltern nicht nur ihren eigenen Kindern, die nun selbst Eltern sind, hilfreich zur Seite stehen, solange sie es können, sondern sich auch als Großeltern-Kinder um die Urgroßeltern kümmern wollen und müssen.

Wie gesagt: Die Orden nehmen diese gesellschaftliche Entwicklung vorweg. Sie leisten damit einen Dienst an der ganzen Gesellschaft. Hier wird Erfahrungswissen gesammelt. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Lebenszufriedenheit im Alter oft wieder auf den gleichen Wert steigt wie in der Jugend, und dass dies mit dem besonderen Stellenwert der Spitualität im Altern zu tun hat. „Spiritualität ist die Fähigkeit, mit der wir uns vor Sinnlosigkeit schützen … Diese zu entwickeln ist eine zentrale Herausforderung für ein gutes Leben im Alter.“ (9) Genau davon legen die Beiträge eindrucksvoll Zeugnis ab – realistisch, ungeschönt, tröstlich und hoffnungsvoll. Jeder einzelne Beitrag verdient eine Lektüre in spiritueller Lesehaltung. Und da Spirititualität ja nicht erst beginnt, wenn man ein „alter Alter“ oder eine „alte Alte“ ist, lohnt sich auch die Lektüre für jüngere Leserinnen und Leser. Die „ars moriendi“ ist eine Lebenskunst. Sie beginnt mit der Taufe, in der der Säugling mit Christus „begraben“ wird, um mit Christus aufzuerstehen, und zwar beides täglich, schon vor dem Tod (vgl. Röm 6,4). Es passt deswegen auch sehr gut, dass Kügler diesen Impuls mit Überlegungen zu der Frage schließt, die da lautet: „“Wie sich vorbereiten auf Altern, Krankheit und Tod?“ (87-91) Denn wer ein Leben lang die Frage nach dem Altern nicht an sich herangelassen hat, tut sich am Ende mit dem Übergang vom „jungen Alten“ zum „alten Alten“ besonders schwer.

Klaus Mertes SJ

Jax, Aurica / Rosenhauer, Sarah / Schiefen, Fana / Taxacher, Gregor: Ist der Tod das Ende? Gründe für die christliche Hoffnung. Ein Streitgespräch.
Freiburg: Herder 2025. 176 S. Kt. 18,–.

Der vorliegende Band ist die dritte Ausgabe der Reihe „Streitgespräche“, in der seit 2022 je vier Theolog:innen kontrovers an einem gegenwartsrelevanten Großthema abarbeiten. Der neuerliche Band ist dem Thema Tod gewidmet. Zu den Eigenheiten der Reihe gehört, dass sich die Bände gewissermaßen selbst rezensieren: Sie beinhalten nicht nur vier Hauptbeiträge, sondern auch Kommentare der jeweils anderen. Diese Diskurstechnik erweist sich auch im aktuellen Band als Bereicherung, auch wenn die Kommentare an der einen oder anderen Stelle wohl etwas pointierter hätten ausfallen können. Zu den Beiträgen:

Fana Schiefen beginnt mit grundlegenden Überlegungen zur Erfahrbarkeit bzw. Nicht-Erfahrbarkeit des Todes. In der Folge bestimmt sie die christliche Eschatologie als Trauerarbeit, die auf der Hoffnung „auf ein Heil- und Ganzwerden im Sinne eines befreienden Verhältnisses zum Leben wie zum Tod“ (30) basiere. Diese Vorstellung und die aus ihr resultierenden Praktiken grenzt Schiefen sodann von technisierten Unsterblichkeitsphantasien ab, wie sie transhumanistische Ideologien verfolgen. Die christliche Eschatologie widerspreche dieser „reinen Funktionalität“ (36), weil sie menschliche Leiblichkeit auch in aller Hinfälligkeit und Kontingenz anerkenne.

Auch Sarah Rosenhauer bezieht sich auf das transhumanistische „Programm der Todesüberwindung“ (53), das sie sehr genau rekonstruiert und einer scharfsinnigen Kritik unterzieht. So moniert sie bspw., dass diese Strömung eine „technische Singularisierung“ (63) forciere. Demgegenüber stehe der christliche Glaube mit seiner Überzeugung, dass Gott die Liebe ist, für einen grundlegend relationalen Ansatz, der Menschen in ihrer Verletzlichkeit und Schwäche radikal annimmt. Die eschatologische Hoffnung des Christentums ist ein Vertrauen auf die Treue dieser göttlichen Liebe. Und die sei nicht etwas, „das vornehmlich den Reichen und/oder High Performern zugutekommen“ (77) könne.

Gregor Taxacher setzt in seinem Beitrag zwei Impulse: Zum einen möchte er die apokalyptischen Wurzeln biblischen Auferstehungsglaubens freilegen und zeigen, dass dieser Glaube nicht aus „satte[r] Sehnsucht nach Ewigkeit (104), sondern aus Gerechtigkeitsstreben erwachse. In diese Vorstellung möchte Taxacher, zweitens, auch nicht-menschliche Tiere einbeziehen. Sie seien schließlich ebenfalls Teil der Schöpfung und sollten nicht nur in ihrer Differenz zur Menschheit, sondern v. a. in ihrer Gemeinsamkeit gesehen werden.

Wie schon die anderen Beitragenden legt auch Aurica Jax in ihrem Text besonderen Wert auf die Leiblichkeit der Auferstehung. Jax ordnet sie in einen großen biologischen Zusammenhang ein und erschließt Motive einer „biologischen Mystik“. Der Prozesscharakter allen Lebens, zu dem das Essen wie das Essbar-Werden gehöre, passe zur paulinischen Leib-Metapher und eröffne präsentische (v. a. politische) Potentiale der Auferstehungshoffnung.

Der Band liefert aktualitätsbezogene Beiträge christlicher Eschatologie. Darin ist er thematisch wertvoll. Er ist zugleich aber auch ein eindrückliches Anschauungsobjekt dafür, wie Theologie im Ringen unterschiedlicher Perspektiven entsteht.

Jonas Maria Hoff

Steinmann, Jan Juhani: Kritik der künstlichen Vernunft. Vorspiel eines Anathemas.
Nürnberg: Lepanto 2025. 462 S. Kt. 29,50.

Wie einst Peter Sloterdijk („Kritik der zynischen Vernunft“), so kündet der Autor mit dem in Anlehnung an Kants epochemandendem Werk gewählten Titel an, dass er sich in seinem Anspruch nicht klein zu machen gedenkt. Im Untertitel (Anathema) klingt zudem das Projekt einer theologischen Unterscheidung der Geister an, einer Gratwanderung zum Zwecke einer kritischen Prüfung der komplex aufeinander bezogenen natürlichen, künstlichen und göttlichen Vernunft im digitalen Zeitalter: „Wir verwenden das Wort Anathema also dezidiert gemäß seinem ursprünglich zwiegespaltenen Sinn zwischen Segen und Fluch, d. h. anders als im westlichen Kirchenvokabular, wo es nur `Bannfluch’ bedeutet und der Exkommunikation gleichkommt.“ (39) Der Autor will Fluch und Segen der digitalen Transformation der Beurteilung durch die „göttliche Vernunft“ unterwerfen, eines „lógos Gottes … insofern Jesus Christus, seiner Selbstoffenbarung gemäß, das fleischgewordene Wort ist.“ (23)

In der Gegenwart bahnt sich ein Wechsel vom Paradigma der Humanität zu dem der Trans-Humanität an. Technologische Trans-Humanität als „Cyborgerisierung“ (146f) des Menschen bis hin zu dessen Überwindung auf einen neuen Götzen hin steht einer „göttlichen Transhumanisierung“ (16f) des Menschen im Sinne von Eph 4,22 gegenüber: „Legt den alten Menschen ab“. Oder auch im Sinne von Teilhard de Chardin: „Aus einer poetischen Warte … tritt uns hier ein unbestritten fruchtbares, in gewissen Hinsicht beispielloses Werk entgegen, welches den Spürsinn des Theo-Humanen erahnen lässt.“ (354) Mene mene tekel u-parsin – gezählt, gewogen, geteilt (vgl. Dan 5) schreibt die Hand an die weißgetünchte Wand im Festsaal des prassenden und den HERRN verhöhnenden Belschazzar. Steinmann skizziert insgesamt zwölf „Menetekels“ des anbrechenden digitalen Zeitalters, Menetekels, die sich im Verhältnis von sechs („Fall und Gegenfall“) zu sechs („Folge und Gegenfolge“) ineinander spiegeln. In jedem der Menetekels schreitet er von der Phänomenologie in die Sphäre des Religiösen. Auf der Suche nach einer gottgemäßen Technologie entwickelt er den Begriff der „Theonik“ (angelehnt an den Begriff der „Bionik“), „einer Disziplin, welche Technologien nach dem Vorbild theologischer Kriterien entwickelt und nutzt.“ (381) Diese „Technik“ kann nicht einfach menschengemacht sein. Für den Autor konkretisiert sie sich nicht zuletzt in Liturgie, Sakrament und biblischem Erzählbogen.

Steinmann wählt den Ton eines Mahnrufers. Sein Text ist kunstfertig aufgebaut, und doch irgendwie wild – der Autor selbst spricht von gelegentlichem „wortbildnerischen Furor“ (397). Er wählt die Sprache einer Poesie, die ins Offene geht. Er scheut aber auch nicht zuspitzende Polemik, wenn etwa Stellung zu nehmen ist zu künstlichen Intelligenzen, die auf Kirchentagen Gottesdienste halten, oder zu Jesus-Avataren, die in Kirchen stehen und theologische Fragen zu beantworten versuchen (vgl. 131). Manchmal erfühlt der Autor in den Niederungen aktueller innerkirchlicher Debatten neuheidnische Töne (vgl. 135). Da springt bei ihm gelegentlich das Temperament über. Für den pastoralen Alltag kommt schließlich kein Hirte, der sich am „Guten Hirten“ messen lassen will, daran vorbei, sich zum Beispiel auch mit ermüdenden Strukturdebatten nach unten hin offen zu befassen. Aber das steht, wie der Autor an anderer Stelle ja durchblicken lässt, in keinem grundsätzlichen Widerspruch zu einer Kritik der künstlichen Vernunft, die sowohl kritisiert als sich auch kritisieren lässt.

Klaus Mertes SJ

Metzger, Franziska / Oberholzer, Paul / Zollner Hans: The Memory of Power and Abuse of Power.
Köln: böhlau 2025. 236 S. Gb. 60,–.

Diese anregende, interdisziplinäre Sammlung von zehn Essays geht auf eine von den Herausgebern organisierte und im April 2024 in Rom abgehaltene Konferenz zurück. Angestoßen nicht zuletzt durch die Bemühungen der Kirche, mit den Skandalen um sexuellen Missbrauch durch Kleriker umzugehen, bauen die Beiträge auf psychologischen Studien zum Gedächtnis auf, die in der Behandlung individueller Traumata an Bedeutung gewonnen haben; sie übertragen diese Art der Analyse mutatis mutandis auf Gruppen und Nationen, die durch schmerzhafte, mit ihrer Geschichte und Identität verknüpfte Erinnerungen belastet sind. Postkoloniale Beispiele sind zahlreich. Die Autorinnen und Autoren diagnostizieren einen Überschuss jeweils an beiden Enden des Erinnerungsspektrums: auf der einen Seite die Pathologien einer obsessiven, lähmenden und unversöhnlichen Erinnerung an vergangenes Unrecht, auf der anderen jene der historischen Amnesie, der defensiven Vertuschung und des fortgesetzten Missbrauchs. Sie stellen die Erinnerungen der verschiedenen Beteiligten (Opfer, Täter, Bystander, Kollaborateure) sowie ihrer Nachkommen einander gegenüber. Sie untersuchen Nutzen und Gefahren ritueller, liturgischer und künstlerischer Formen des Gedenkens an traumatische Ereignisse. Sie erkennen die menschliche Notwendigkeit des Erinnerns an, plädieren für das, was Hans Zollner SJ eine „angemessene Erinnerungskultur“ nennt, beziehen den Ruf Christi, seiner zu gedenken, ein und suchen nach Wegen, die Vergangenheit in rechter Weise zu erinnern und so Versöhnung zu ermöglichen.

Nach der Einleitung Zollners gliedert sich der Band in drei Teile. Im ersten untersucht Franziska Metzger in einem poststrukturalistisch geprägten Essay die Verflechtung von Macht in historischer Erinnerung und öffentlichem Gedenken, wobei „Erinnerung als Praxis verstanden“ und zur Machtsteigerung genutzt wird, während Machtmissbräuche unerzählt bleiben. Unter Rückgriff auf Paul Ricœur hebt Paul Schroffner SJ hervor, wie Platon und Aristoteles das Gedächtnis eng mit der Einbildungskraft verknüpfen, die die Erinnerung an die Vergangenheit trübt und sie zu einer „prekären Brücke“ macht. Nikolaus Wandinger nutzt René Girards mimetische Theorie und eine biblische Lektüre, um für die Möglichkeit einer opferzentrierten Perspektive zu argumentieren, die Missbrauch aus der Sicht eines bekehrten Täters anerkennt.

Im zweiten Teil bringt Susanne Popp die Gedächtnisforschung in die Debatte um ein globales Holocaustgedenken ein, in dem Spannungen bestehen zwischen einem „partikularistischen“ Fokus auf die Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und einer „universalistischen“ Verbindung dieses Gedenkens mit anderen Fällen von Völkermord. Manuel Menrath richtet den Blick auf das 150-jährige Jubiläum Kanadas und zeigt, wie diese Feier die indigenen Bevölkerungen unzureichend einbezog. Paul Oberholzer SJ bietet eine Fallstudie zu den medialen Erinnerungskonstruktionen des Jesuiten Rudolf Hofmann in Osttimor, als sich das Land aus portugiesischer Kolonialherrschaft und indonesischer Besatzung löste und eine eigene Identität ausbildete.

Im dritten Teil untersucht David Collins die Bemühungen der Georgetown University, sich mit ihrer Vergangenheit als Sklavenhalterin auseinanderzusetzen und den Nachkommen der Versklavten Wiedergutmachung zu leisten. Fabio Rossinelli und Filiberto Ciaglia zeigen, dass bekannte Missionare im südlichen Afrika ihre evangelisatorische Tätigkeit mit geografischen Studien und lukrativen Geschäftspraktiken verbanden. Mick Feyaerts, Simon Nsielanga und Idesbald Goddeeris berichten darüber, wie belgische Missionare von kongolesischen Ordensleuten erinnert werden. Schließlich bietet Kathleen Sprows Cummings eine pointierte Analyse, wie die Kirche in den Vereinigten Staaten der Opfer sexuellen Missbrauchs durch die Anrufung von Heiligen wie Maria Goretti gedenkt.

Ann Astell

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