(Vorbemerkung: Der Schulgottesdienst fand mit dem 8. Jahrgang am 10.03.2022 statt und steht noch unter dem Eindruck des begonnenen Kriegs in der Ukraine. Die Schülerinnen und Schüler aus Jahrgang 8 haben im Vorfeld Lesezeichen mit Friedenssymbolen gestaltet, die sie an den Jahrgang im Gottesdienst verteilen. Zum Eingang wurde „Imagine“ von John Lennon gespielt.)
Letztens hat ein Politiker im Bundestag gesagt: Demonstrationen und Friedensgebete sind eine schöne Sache. Aber mit Moral allein wird die Welt nicht friedlich.
Das hat viele Menschen sehr aufgeregt. Was denkt ihr, hat er recht?
Demonstrationen und Friedensgebete sind eine schöne Sache. Aber mit Moral allein wird die Welt nicht friedlich.
Er meinte, dass Deutschland der Ukraine ganz praktisch helfen muss. Mit Waffenlieferungen. Und, dass die Bundeswehr besser ausgerüstet werden muss. Damit Putin abgeschreckt wird, noch einen Schritt weiter zu gehen. Mit Gebeten werden seine Panzer nicht aufgehalten, mit Gebeten werden seine Flugzeuge nicht gestoppt, und mit Gebeten lässt sich der Atomkrieg nicht verhindern. Von Gebeten hat niemand auf der Flucht etwas zu essen und kein Dach über dem Kopf.
Stimmt doch, oder? Hat er also recht, dieser Politiker? Was meint ihr?
Eine Freundin von mir hat ihre Familie in der Ukraine. Jeden Tag überlegen ihre Schwester und ihre Mutter, ob sie nach Deutschland kommen sollen. Aber dann müssten sie den Vater allein dort lassen, der muss ja im Land bleiben. Oder ob sie beim Vater bleiben, und dann natürlich in großer Gefahr sind. Helfen denen Gebete? Oder brauchen die nicht ganz praktische Unterstützung?
Ein bisschen was ist ja dran. Und deswegen tun die Menschen überall etwas, um zu helfen. Die Sammlung in eurer Schule ist ein gutes Beispiel dafür. Ich hab da auch was abgegeben und war ganz erstaunt, wie viele Sachen dort schon in dem Raum waren. Da wird nicht gebetet, sondern angepackt. Und so ist das zum Glück überall im Land. Manche nehmen einfach Menschen aus der Ukraine bei sich auf, ganz unkompliziert und schnell, damit sie etwas haben, wo sie bleiben können. Da ist so viel Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft, ein kleines Hoffnungszeichen in dieser Zeit, da packen viele Menschen einfach an, ohne lang zu fragen. Demonstrationen und Friedensgebete sind eine schöne Sache. Aber mit Moral allein wird die Welt nicht friedlich. Man muss eben etwas tun!
Aber ganz so einfach ist es nicht. Natürlich wird Putin sich von Demonstrationen hier nicht abhalten lassen. Er wird seine Panzer nicht aufhalten, wenn wir hier in der Nazarethkirche beten und singen. Er wird den Krieg nicht beenden, nur weil wir Bibeltexte vorlesen. Es hat aber drei gute Gründe, dass wir das trotzdem tun.
Der erste Grund ist, dass es keinen Grund dafür braucht. Wer glaubt, ist mit Gott im Gespräch. Wer glaubt, der sagt Gott, wie es ihm geht, was sie bewegt, wovor man Angst hat, was aber vielleicht auch Hoffnung ist. Gebete und Lieder sind eine Art, das auszudrücken und mit Gott zu sprechen. Dafür braucht es keinen Grund. Und mit Moral hat das auch nichts zu tun. Sondern mit dem Glauben.
Und zweitens machen wir das als Zeichen für uns. Wir sind doch auch bewegt von dem, was passiert. Natürlich wollen wir für andere da sein, aber auch wir haben Angst und Sorgen, was noch passieren wird. Auch wir haben Angst und Sorgen, was mit uns eigentlich passiert. Und wo wir die Energie hernehmen sollen, das nun auch noch durchzustehen. Da sind Gebete und Lieder eine wirkliche Kraftquelle. Zu wissen: Gott ist da. Aber ihn auch zu erinnern: Du hast es eigentlich anders versprochen.
Was ist da los, Gott? Deswegen finde ich es schön, dass ihr ein Lesezeichen bekommt heute. Das steckt man ja dort ins Buch, wo man aufgehört hat. Um sich zu erinnern: Dort war ich. Hier muss ich weiterlesen. Und ich sehe das als Zeichen für uns: Denn auch wir sollen, können und müssen Gott anscheinend daran erinnern: Schau mal, was du gesagt hast. Und wie die Welt jetzt aussieht.
Der letzte Grund, warum wir beten und singen und warum Menschen auf Demonstrationen gehen, ist, dass man dadurch seine Ideen verbreitet und sich darin gegenseitig auch bestärkt. Davon handelt ja das Lied von John Lennon, Imagine, das wir am Anfang gehört haben. Von der Hoffnung, dass man Menschen anstecken kann mit der Idee des Friedens.
Da singt er, ich übersetze es mal:
Stell dir vor, es gäbe keine Besitztümer.
Ich bin gespannt ob du das kannst?
Es gäbe keine Habgier und keinen Hunger
und alle Menschen wären wie Brüder.
Stell dir all die Völker vor,
die sich diese Welt TEILEN.
Vielleicht nennst du mich einen Träumer,
aber – ich bin nicht der Einzige.
Ich hoffe, dass du eines Tages dazugehören wirst
und die Welt eins sein wird.
Und wenn sich davon genug Menschen begeistern lassen, von dieser Idee des Friedens, dann können auch Panzer aufgehalten werden.
Vielleicht habt ihr auch das Bild gesehen, dass ganz normale Menschen in der Ukraine sich russischen Panzern entgegengestellt haben. Und die Panzer sind nicht weitergefahren. Sondern stehen geblieben. Und manche sind sogar umgedreht.