Liebe Leserinnen und Leser der Pastoralblätter,
in der Konfigruppe nennen sie es das „Sex-Gebot“. Ihre selbstgewählte Eselsbrücke zum sechsten Gebot: Du sollst nicht ehebrechen. Doch niemand lacht.
Das war schon einmal anders. Was konnten frühere Konfi-Generationen sich über selbst erdachte Wortspiele zur alten biblischen Sprache und ihren Geschichten bis zur Bewusstlosigkeit schlapplachen oder wenigstens minutenlang errötet auf den Tisch starren. Ganze Stunden wurden locker gesprengt, war das Ventil zur körperlichen Entdeckungsreise erst einmal geöffnet.
Gut, das war auch noch die Zeit, in denen die Aufklärung für die Nachwachsenden fast ausschließlich in der Schule stattfand bzw. in Form der BRAVO mit der aufgeschlagenen Dr. Sommer-Seite von überforderten Eltern kommentarlos ins Zimmer und in die jugendlichen Gedanken gelegt wurde. Den unbeantworteten Rest erledigte dann der Freundeskreis mit aufgeklaubten „Heftchen“ aus der Altpapiersammlung in der Nachbarschaft.
TikTok und andere Internetdienste schicken das heute bequem und innerhalb von Sekunden auf den Bildschirm und vor die Augen unserer Kindsköpfe. Es weckt kaum noch das Interesse von 14-jährigen und löst längst auch kein aufgeregtes Chaos mehr in Konfistunden aus. Das Lachen darüber ist im digitalen Zeitalter längst ausgewandert an die Grundschulen, wo Lehrerinnen dieses Phänomen allerdings in den dritten und vierten Klassen noch beobachten.
Warum nennt die Konfigruppe 2026 das sechste Gebot trotzdem noch das „Sex-Gebot“? Da steckt doch mehr drin als nur ein flaches Sprachspiel. Aber im Gemeinderaum bleibt es nach wie vor ruhig. Niemand geht weiter auf den Zwischenruf ein. Die Blicke zeigen kein besonderes Interesse, einige sind sogar gelangweilt, andere distanziert. Nicht ein Kind errötet.
Und weil der Zwischenruf nun auch noch auf die alarmierte Hellhörigkeit kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trifft, die auf dem dunklen Hintergrund jahrzehntelang verschwiegener und verdrängter Missbrauchsfälle das Thema Sexualität meiden wie brüchiges Eis unter den Füßen, ist das Schweigen im Gemeinderaum komplett.
Die Gruppe der Halbwüchsigen bezieht das „Sex-Gebot“ nicht mehr auf die Entdeckungsreise zur eigenen Körperlichkeit, sondern sieht es in einem ganz anderen Zusammenhang: in den erlebten Konsequenzen eines Ehebruchs, gelebter „Entdeckungsreisen“ anderer am Beispiel ihrer Eltern. Da können die Kinder mittlerweile mitreden. Oder mitschweigen. Mit der neuen Generation alpha tritt damit auch ein neuer Blick auf das Leben in die Kirchen und in die Beschäftigung mit Glaubensthemen ein. Ein Blick, der sehr viel eigene oder zumindest beobachtete Lebenserfahrung schon bei Kindern erahnen lässt. Immer mehr von denen, die da heranwachsen, haben schon einiges erlebt, was sie verarbeiten müssen:
Jedes zweite bis dritte Kind die Trennung der Eltern und damit auch das irrationale Schuldgefühl: „Ich bin schuld, dass Mama und Papa sich trennen. Ich konnte es nicht verhindern.“ Immer mehr dieser kleinen Kinderseelen in den Körpern von Erwachsenen kennen schon das Gefühl, zwischen Sorgerechtsstreit, wochenweise wechselnden Kinderzimmern und getrennten Elternteilen hin und her zu wandern und nirgends richtig hinzugehören. Sie kennen die entwürdigende Übergabe ihrer selbst an Autobahnraststätten auf halber Strecke zwischen Mamas und Papas Wohnort und die Überforderung, dabei immer „vernünftig“ wie ein Erwachsener denken und handeln zu sollen, obwohl sie noch Kind sind. Immer mehr von ihnen geraten viel zu früh in eine Entscheidungssituation, die man überhaupt keinem Menschen, aber auf gar keinem Fall einem Kind wünscht: Den einen Elternteil hassen zu müssen und den anderen Elternteil abgöttisch lieben zu müssen und zu verteidigen, koste es was es wolle, auch wenn es die eigene Seele zerreißt, auch wenn es gegen die eigene kindliche Überzeugung und Liebe anschreit.
Das Thema Ehebruch verstehen diese Kinder ganz persönlich und hautnah als Beziehungsabbruch. Und oft genug als Kriegsfeld, auf dem sie wie machtlose Bauern auf dem Schachbrett erwachsener Interessen und Verletzungen umhergeschoben werden.
Ein Mädchen, viel zu erfahren für ihr Alter, sagt jetzt: „Meine Mutter wünscht sich, dass ich meinen Vater nicht mehr sehe. Und auch nicht mehr meine Großeltern. Ich möchte sie aber so gerne sehen. Und ich kann meinen Vater verstehen, denn meine Mutter ist auch nicht sehr einfach. Da frage ich mich: Wer hat da eigentlich die Ehe gebrochen?“ Die anderen Konfis sitzen dabei, schweigen, hören aber zu, manche seufzen. Niemand lacht. Der kirchliche Mitarbeiter sagt: Es ist kompliziert.
Patchwork und alle damit verbundenen Freuden und Probleme, das nehmen eine stetig zunehmende Zahl von Kindern mit sich ins Leben hinein. Das Wort Ehebruch sagt ihnen dabei nicht mehr viel, wohl aber das Wort Beziehungsabbruch: Leben mit Konsequenzen, die andere verursacht haben und sie aber jeden Tag zu spüren bekommen.
Es ist eine bleibende Herausforderung für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an den nachwachsenden Generationen nicht mit längst überholten und vertrauten Konzepten und deren alten Beispielen z.B. aus „Idealfamilien“ vorbeizureden. Die gibt es für jedes zweite bis dritte Kind längst nicht mehr und gab es vielleicht noch nie. Was es dagegen braucht: die richtige Sprache, die notwendige Empathie, ein gutes Hintergrundwissen und die Kraft, die uns uns vom Himmel und aus der Schrift zuwächst, dass es uns gelingen mag, aktuelle Lebenssituationen in Fragen und Antworten des Glaubens immer neu in unser Reden und in Konfistunden wie diese einzubeziehen. Das ist mühsam und anstrengend. Aber allemal besser als zu schweigen, wenn der Status von Beziehungen nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in den Augen von Kindern anzeigt: Es ist kompliziert. Auf das Lachen folgt das Schweigen. Auf das Schweigen darf wieder das Reden folgen. Ein Reden auf Augenhöhe. Über das gottgegebene Recht, auch als Kind als Mensch wahrgenommen zu werden (Lasst die Kinder zu mir kommen Mk 10,14–15), über das gottgegebene Recht auf eine glückliche, geborgene Kindheit (denn: ihr seid Kinder Gottes, 1Joh 3,1), über den Segen, der auch einem Kind gilt (Der Herr segne dich und behüte dich, 4 Mose 6,24–26). Unser Reden mit Konfirmandinnen und Konfirmanden über das sechste Gebot wird ein Reden im Zuspruch, in der Ermutigung, im Segen für manch gebeutelte Kinderseele sein.
Die Pastoralblätter haben sich neben den vertrauten Predigten zu den Sonn- und Feiertagen im Juni als eines der Themen dieses Heftes die (Ohn)Macht des sechsten Gebotes vorgenommen.
Sie finden in dieser Ausgabe Worte, die sich mit „Ehebruch“ als Beziehungsabbruch beschäftigen. Worte, die schweigenden Ex-Paaren geliehen werden in Gottesdiensten zu Trennungen. Es fehlen aber noch die geeigneten Worte und Gottesdienste, ein wortmächtiger Segen für die Kinder dieser Paare, die die Konsequenzen von Ehebruch und Trennung mitzutragen haben. Mag die vorliegende Ausgabe uns dazu anregen.
Wir wünschen Ihnen in jedem „Beziehungsstatus“
von Herzen einen gesegneten Juni,
Ihre Redaktion der Pastoralblätter
und Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung)