Lauf nicht weg, sagt der Engel

Christnacht: Matthäus 1,18–25

Es ist zum Davonlaufen. Die Nacht ist angefüllt mit wirren Stimmen. Wie soll es bloß weitergehen? Während draußen alles seinen Gang geht, drehen sich drinnen in Herz und Seele die Räder. Wollen einfach nicht stillstehen. Josef, rechtschaffen und ehrlich, tapfer und mutig, hat seinen Entschluss gefasst. Wohl überlegt sein Plan, sich von Maria zu trennen. In aller Stille. Kein Ding. Keine Vorwürfe. Sie ist schwanger. Und das nicht von ihm. So geht es nicht. Und doch: Wie kann es weitergehen für Maria? So oft schon hat Josef sich in den letzten Tagen diese Fragen gestellt. In aller Stille weggehen. Einfach die Verlobung heimlich auflösen. Das war der Plan. Doch da ist es wieder, dieses Zögern. Diese Unklarheit. Einer seiner alten Lehrer hatte früher manchmal gesagt: „Zweifel soll man ernst nehmen. Sie können Wegweiser sein.“ Immer wieder drehen sich seine Gedanken darum: Ist es richtig? Im Halbschlaf windet sich Josef hin und her. Vor seinen Augen erscheinen Figuren, Gesichter. Das Antlitz eines Neugeborenen, dann wieder Maria, seine Noch-Verlobte, dann wieder sein alter Lehrer. Und auch die Großmutter, von der er so viel gelernt hat. Die Gesichter blicken ihn abwechselnd vorwurfsvoll und dann wieder ermutigend an.

Dazwischen eine Figur, die er nicht fassen kann, engelsgleich schemenhaft flüchtig. „Lauf nicht weg“, hört er eine eindringliche Stimme, „bleib da“. Immer wieder dieser Satz: „Lauf nicht weg.“ Um das Kind und seine Mutter ist es ein Geheimnis. Noch versteht er es nicht.

Von Ferne mischen sich Prophetenworte Jesajas wie Wellen in das nächtliche Traumgesicht: „Und siehe, eine junge Frau wird schwanger sein. Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dessen Name wird Immanuel sein. Das bedeutet: Gott ist bei uns.“ (Jesaja 7). Erinnerung an alte Verheißungen, alte Versprechen, die Josef auswendig kennt, seine Großmutter hat ihm diese Stelle immer wieder ans Herz gelegt.

Im Traum wirft sich Josef hin und her, kaum zu glauben, was er da sieht. Halb im Schlaf, halb wach, fallen ihm die alten Worte aus den Psalmen ein (Psalm 130): „Gott, ich sehne mich nach dir, mächtig über uns, / mehr noch als Wachende nach dem Morgen. / Streck dich aus zum Ewigen, / beim Ewigen ist Gnade, Erlösung in Fülle bei ihm. / Denn der Ewige wird Israel lösen und befreien.“

Und dann noch einmal eine eindringliche Stimme im Traum: Jesus! So soll das Kind heißen. Gott rettet. Kaum zu glauben.

Als Josef aufwacht in dieser Nacht, ist keineswegs alles klar. Völlig offen, wie es weitergehen wird. Fraglich, ob die Geschichte gut ausgeht. Da bleibt ein Rest, unbestimmt, ungewiss. Aber eines ist für Josef klar: ich laufe nicht weg. Ich bleibe. An der Seite dieser Frau, Maria. Und an der Seite dieses Kindes, Jesus. So soll das Kind heißen. Mitten in der Dynamik der unglaublichen Ereignisse entscheidet er sich zu bleiben. Sein Zweifeln und Zögern, sein Hören auf nächtliche Träume wird ihm auch in Zukunft den Weg weisen.

Vielleicht erzählen wir darum Josefs Geschichte, auch jetzt wieder in dieser Heiligen Nacht. Der Mystiker Angelus Silesius fasst das Geheimnis in seinem „Cherubinischen Wandersmann“ im 17. Jahrhundert in die berühmten Zeilen: „Halt an! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

Diese Sätze treffen auch Josefs Weihnachtserleben. Sein Innehalten, seine erkämpfte innere Freiheit, nicht weglaufen zu müssen, sein Dableiben und Aushalten ist so etwas wie ein ruhender Pol im Aktionismus der Weihnachtstage. Was ihn trotz größter innerer Anfechtung zu diesem ruhenden Pol in der Geschichte macht? Es ist seine Fähigkeit zu zögern. Es ist sein Mut, einmal getroffene Entscheidungen infrage zu stellen. Und es ist seine feinfühlige Offenheit, sich in nächtlicher Traumstunde an Stimmen und Worte zu erinnern, die ihm eine neue Interpretation seiner Situation ermöglichen. Wo immer das geschieht, geht es nicht ohne ein Einwirken und Mitwirken jener Kraft, die wir Geistesgegenwart nennen, Kraft Heiligen Geistes. In der Nacht der Anfechtung nicht weglaufen, dableiben, aushalten – so wird Josef zu einem Modell für das Bleiben im Wandel der Zeiten. Indem er sich an Gott hält, wird er gehalten. Indem er sich von Gott im Traum berühren lässt, wächst die Verbundenheit. Josef läuft nicht weg. Er bleibt. Und erlebt im Dableiben: Trost, Klarheit, Mut zur Hingabe, und den tiefen Frieden nach der dunklen Nacht der Anfechtung. Ganz viel von dem, was Weihnachten sein kann.

Anzeige: Fundamental Things. Über Vernunft, Moral und Empathie – Was es bedeutet, Mensch zu sein. Von Joachim Bauer
Pastoralblätter-Hefte

Die Pastoralblätter im Abo

Gottesdienste komplett und fundiert vorbereiten.

Zum Kennenlernen: 2 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen