Der liturgische Spannungsbogen des Wortgottesdienstes in der Feier der Heiligen Messe führt
- von der Verkündung des Wortes Gottes nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift (Zeitbezug: Vergangenheit)
- über die Predigt, in der das soeben verkündete und von der Gemeinde gehörte Wort Gottes auf das Leben der Gemeinde bezogen und aktualisiert werden soll (Zeitbezug: Gegenwart),
- zum Allgemeinen Gebet, in dem die Gemeinde auf das verkündete Wort Gottes antwortet, indem sie vor Gott die Anliegen der Gesamtkirche und der ganzen Welt fürbittend ausbreitet und seinem Heilswillen anvertraut (Zeitbezug: Zukunft).
Die Kommunikationssituation stellt sich dabei folgendermaßen dar: In der Wortverkündung wird Gottes Wort an die Gemeinde gerichtet, was in der Predigt ins Leben der Gemeinde hier und jetzt hinein aktualisiert wird. Zum Allgemeinen Gebet wechselt die Rederichtung – jetzt wendet sich die Gemeinde an Gott, dessen Wort sie gehört hat. Wortverkündung mit Predigt und Allgemeines Gebet bilden also zusammengenommen ein dialogisches Geschehen zwischen Gott und der Gemeinde.
An Sonntagen und Hochfesten wird zwischen der Predigt und dem Allgemeinem Gebet gemeinsam das Glaubensbekenntnis (Credo) gesprochen bzw. gesungen. Damit erhebt sich die Frage, wie dieses Element in den aufgezeigten liturgischen Spannungsbogen des Wortgottesdienstes passt.
Credo – was ist das eigentlich?
„Credo“ bzw. „Ich glaube“ ist das erste Wort eines Textes, der ein Bekenntnis zum christlichen Glauben darstellt. Da dieses Glaubensbekenntnis bei den Konzilien von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) seine endgültige Gestalt gewann, bezeichnet man es als „Nizäno-Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis“. Nachdem es nach und nach in vielen liturgischen Traditionen in die Messfeier aufgenommen worden war, wurde es 1014 auf Drängen Kaiser Heinrichs II. (973–1024) auch in die römisch(-fränkische) Messfeier – wenn auch widerstrebend – eingebunden (vgl. Rupert Berger: Pastoralliturgisches Handlexikon, Freiburg i. Br. 52013, S. 82). Dabei wurde seine Verwendung im Kontext der Messfeier dann auf Sonntage und besondere Feiertage beschränkt. Neben dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis wird in der römischen Messfeier auch das sogenannte „Apostolische Glaubensbekenntnis“ verwendet, das auf das altrömische Tauf-Glaubensbekenntnis zurückgeht.
Wie erwähnt, dient das Credo seiner textlichen Eigenart nach dazu, den christlichen Glauben zu bekennen. Dabei ergibt sich – formal gesprochen – folgende Kommunikationssituation: Der Christgläubige (1. Person) spricht zu einem näher zu bestimmenden Du (2. Person) über seinen Glauben an Gott (3. Person).
„Zum Credo“
Wie passt dies nun in die aufgezeigte dialogische Kommunikationssituation des Wortgottesdienstes? Oder formal gefragt: Wer ist das näher zu bestimmende Du? Beobachtungen aus der Praxis lassen hier Probleme vermuten:
Wenn die versammelten Christgläubigen in der Messfeier zum gemeinsamen Sprechen oder Singen des Credos eingeladen werden, hört man – durchaus nicht selten! – den Zelebranten mit folgenden oder ähnlichen Worten sprechen: „Wir beten das Glaubensbekenntnis.“ Das zeigt, dass der Zelebrant offensichtlich den dialogischen Spannungsbogen des Wortgottesdienstes gut verinnerlicht hat, nicht aber die Eigenart des Credos als eines Bekenntnisses, mit dem man seinen Glauben bekennt, aber nicht betet. Denn Beten ist Sprechen mit Gott. Da wird Gott angesprochen – und eben nicht über ihn erzählt, wie es beim Bekenntnis geschieht. Zeigt eine solche Einladung zum Credo möglicherweise sogar, dass man sich im liturgischen Spannungsbogen des Wortgottesdienstes ein Bekenntnis schlichtweg nicht sinnvoll vorstellen kann?
In Gottesdienstgestaltungen zu Tagen, an denen das Credo zur Messfeier gehört, findet man häufig bei der Überschrift „Credo“ den entlarvenden Zusatz „Zum“: „Zum Credo“. Das bedeutet dann: An der Stelle, wo eigentlich das Credo hingehört, ist etwas anderes vorgesehen. Hier wird es durch etwas ersetzt, das mehr oder weniger mit dem Credo zu tun hat. Im Glücksfall tritt an die Stelle des Credos ein Gebet(slied), in dem die (singende) Gemeinde Gott um Stärkung ihres Glaubens bittet – idealerweise in Weiterführung zentraler Motive der Wortverkündung.
In der Tat läuft das Credo dem aufgezeigten dialogischen Charakter des Wortgottesdienstes zuwider, der sich in gegenseitiger Anrede in der 1. und 2. Person vollzieht. Dazwischen wirkt das Credo, in dem über Gott gesprochen wird (3. Person), geradezu als Störelement.
Wo gehört das Credo hin?
Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt: Zum christlichen Gottesdienst versammeln sich Christgläubige, um Gottes Zuwendung in besonderer Weise zu erfahren, auch um durch sein Wort von ihm gestärkt zu werden, um ihn zu loben, ihm zu danken, ihn zu bitten, kurz: die Beziehung zu ihm zu vertiefen – ein dialogisches Geschehen. Im Credo hingegen geht es darum, dass ein Christgläubiger (1. Person) einem oder mehreren anderen Menschen (2. Person) über seinen Glauben an Gott (3. Person) erzählt – auch und gerade dann, wenn dies ungemütlich wird. Offensichtlich passen diese beiden Vollzüge nicht zusammen: Im dialogischen Zusammenspiel von Wortverkündung mit Predigt und Allgemeinem Gebet wirkt das Credo als Störelement. Aber wo gehört das Credo denn nun hin? Wo hat es seinen genuinen Platz, seinen Sitz im Leben, im Glaubens- und Gottesdienst-Leben?
Als christliches Glaubensbekenntnis – d. h. als Bekenntnis der Zugehörigkeit zum und des Glaubens an den einen, dreieinigen Gott – hat es vor allem außerhalb des Gottesdienstes seinen Sitz im (Glaubens-)Leben: zur Glaubensbewährung im Zeugnis- Geben für Gott, wenn man zu anderen, zu Andersdenkenden, zu Nichtchristen über den eigenen Glauben an Gott und damit über ihn in der 3. Person spricht.
Als Glaubensbekenntnis hat es darüber hinaus – und für diesen Kontext ist es ja ursprünglich auch entstanden – in der Tauffeier seinen Sitz im Gottesdienst-Leben, gewissermaßen am „Tor“ zur Kirche. Hier ist es integraler Bestandteil der Liturgie – als zeugnisgebende und performative, die Wirklichkeit des Christseins endgültig mitstiftende Sprechhandlung seitens der Taufbewerber/innen, die um die Aufnahme in die Kirche bitten. Denn nur, wer sich zum einen, dreieinigen Gott bekennt, kann durch die Taufe endgültig in die Gemeinschaft der Christgläubigen aufgenommen werden. Da das Glaubensbekenntnis bei der Taufe dialogisch gestaltet ist, ergibt sich eine klare und sinnvolle Kommunikationssituation.
Das Credo beten?
Wenn das Credo dem liturgischen Spannungsbogen des Wortgottesdienstes zuwiderläuft und somit nicht in die Messfeier passt, wie kann man dann sinngerecht mit dem Umstand umgehen, dass es an Sonntagen und Hochfesten nun einmal Teil der Messfeier ist?
Es empfiehlt sich, die Intentionen zu befragen, die mit der Verwendung des Credos in der Messfeier heute verbunden werden. Dazu liest man etwa in der Allgemeinen Einführung in das römische Messbuch: „Das Credo oder Glaubensbekenntnis dient als Element der Messfeier dazu, dass die Gemeinde dem Wort Gottes, wie sie es in den Lesungen und in der Homilie gehört hat, zustimmt, darauf antwortet und sich die wesentlichen Glaubenswahrheiten in Erinnerung ruft, bevor die Mahlfeier beginnt“ (AEM 43). Auf den Punkt gebracht: Es geht um Stärkung und Bestärkung der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde im christlichen Glauben. Suchen und Fragen nach Gott in immer neuen, herausfordernden Situationen des Lebens, in Zweifeln wieder einen Weg zu und mit Gott zu finden usw. – all das geht wohl bei jedem Christgläubigen immer mit, ein Leben lang. Und wenn es im Gottesdienst darum geht – auf Gottes Einladung hin – ihm mit seiner liebenden Nähe zu uns dialogisch zu begegnen, um unsere Beziehung zu ihm in unserem Leben zu vertiefen, dann ist doch kein anderer als Gott selbst der richtige Ansprechpartner für eine solche Stärkung und Bestärkung im Glauben.
Für die Kommunikationssituation bedeutet dies: Die Gattung „Bekenntnis“ mit Gott in der 3. Person ist da fehl am Platz. Hier gehört ein Gebet hin –, mit Gott in der 2. Person. Ein Gebet, das mit der Intention „Guter Gott, immer wieder empfinde ich, dass mein Glaube schwach ist, bitte hilf mir in meinen Zweifeln“ suchend, fragend, bittend usw. an den Inhalten des Credos entlang geht.
Ein anregendes Beispiel für eine mögliche Umsetzung
Das nachfolgende Gebet ist im Zusammenhang mit der Großen Ökumenischen Osternacht 2024 entstanden. Ausgangspunkt war die Überlegung, die Widersagens- und Glaubensfragen im Rahmen der Tauferinnerung durch ein gemeinsam gesprochenes Gebet zu ersetzen. Nachdem der evangelische Liturge, Pfarrer Martin Fröhlich, der diesen Teil der Feier leitete und verantwortete, diesem Anliegen zugestimmt hatte, entstand über einen längeren Zeitraum ein „Tauf-Glaubens-Gebet“, das die traditionellen Fragen und Antworten in eine zeitgemäße Gebetsform überführt.
An seiner Ausarbeitung waren neben dem Verfasser insbesondere Tabea Wagner beteiligt, die als Mitglied des Kreises jugendlicher Leiterinnen und Leiter die Große Ökumenische Osternacht seit Jahren mitgestaltet. Durch intensive gemeinsame Beratungen und wiederholte Überarbeitungen erhielt der Text seine heutige Gestalt.
Aus diesem ursprünglich für die Tauferinnerung in der Osternacht konzipierten „Tauf-Glaubens-Gebet“ wird hier jener Abschnitt veröffentlicht, der die Inhalte des Glaubensbekenntnisses entfaltet. Die Verfasser sind überzeugt, dass dieser Text auch außerhalb seines ursprünglichen Entstehungskontextes als Gebet „zum Credo“ Verwendung finden kann und insbesondere als meditative Aneignung des christlichen Glaubensbekenntnisses geeignet ist.
Du, mein Gott,
ich glaube an dich, den Vater, zugleich auch wie eine Mutter
– hilf meinem schwachen Glauben an deine Güte
angesichts der Lieblosigkeit in der Welt.
Der Allmächtige bist du für mich
– hilf meinem schwachen Glauben
angesichts der Gewalt, die in der Welt so oft übermächtig erscheint,
und der Krankheiten, des Leids, vor dem ich so oft hilflos dastehe.
Schöpfer des Himmels und der Erde bist du für mich,
– hilf mir und uns allen, nach Kräften dazu beizutragen,
deine wunderbare Schöpfung zu bewahren.
Bitte hilf mir, wenn Zweifel in mir aufsteigen, du, mein Gott,
und halte mich in deiner Liebe.
Du, mein Gott,
ich glaube an Jesus Christus, deinen eingeborenen Sohn.
Schenke mir Mut, ihm treu nachzufolgen als meinem Herrn,
der, empfangen von deinem Geist, geboren ist von der Jungfrau Maria
– berühre du mit diesem Geheimnis mein Leben,
damit ich ihn, Jesus Christus, immer als Freund an meiner Seite weiß,
denn dazu bist du in ihm Mensch geworden – einer von uns,
der gelitten hat, gekreuzigt wurde, gestorben ist und begraben wurde
– hilf du mir, mit ihm für die einzustehen,
die die Macht des Todes spüren,
der von den Toten auferstand, aufgefahren ist und zu deiner Rechten sitzt
– ziehe du durch ihn mein Herz zu dir,
damit uns deine Liebe mit neuem Leben gegen den Tod erfüllt.
Bitte hilf mir, wenn Zweifel in mir aufsteigen, du, mein Gott,
und halte mich in deiner Liebe.
Du, mein Gott,
ich glaube an deinen Heiligen Geist.
Durch ihn willst du deine Kirche als unsere Heimat im Glauben gestalten
– und doch ist das Antlitz der Kirche von uns Menschen verunstaltet.
Durch ihn gibst du uns Gemeinschaft am Heiligen, das du uns schenkst
– und doch erlebe ich mich immer wieder zerrissen
in einer zerrissenen Welt.
Durch ihn vergibst du die Sünden
– und doch verfalle ich immer wieder in sie.
Durch ihn erweckst du die Toten und schenkst ihnen ewiges Leben
– und doch befallen mich immer wieder Zweifel, wenn ich um Verstorbene trauere, die mir nahestanden,
ja, wenn ich an meinen eigenen Tod denke, auf den ich zugehe.
Bitte hilf mir, wenn Zweifel in mir aufsteigen, du, mein Gott,
und halte mich in deiner Liebe.
Du, mein Gott,
du kennst die Zweifel und das Unvermögen,
Egoismen, Nachlässigkeiten, ja auch Lieblosigkeiten,
die sich mehr oder weniger durch mein Leben ziehen.
Aber du weißt auch um meinen still tastenden Glauben,
der davon lebt, dass ich mich von dir gehalten, gekannt und geliebt weiß.
Erwecke meinen Glauben neu
und schenke mir festes Vertrauen auf dich,
wie das Vertrauen eines neugeborenen Kindes auf die Seinen,
auf deren Liebe und Güte es angewiesen ist.
So gerne möchte ich in deinem heiligen Geist,
deinem Sohn Jesus Christus nachfolgend
glaubend und vertrauend auf dich zugehen.
als dein Kind.
Amen.