Glaube als "Schwungrad der Demokratie"?Wider die Funktionalisierung des Glaubens – eine Antwort auf Kardinal Marx

Kardinal Reinhard Marx sieht den christlichen Glauben als "Schwungrad der Demokratie". Das ist ein starkes Bild – und doch stellt sich die Frage, ob es den Glauben nicht zu sehr von seiner gesellschaftlichen Funktion her denkt.

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© Lennart Preiss/EOM

Kardinal Reinhard Marx hat den christlichen Glauben soeben als "Schwungrad" für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft bezeichnet. Das ist ein starkes Bild: In Zeiten demokratischer Erosion und wachsender Polarisierung in der Gesellschaft soll der Glaube Beteiligung einüben, Gemeinsinn stärken und die Kultur des Dialogs fördern.

Das ist gewiss wichtig. Aber ein Schwungrad hat die Funktion, Maschinen am Laufen zu halten. Und genau hier hat die Metapher einen Haken. Ist der Glaube dazu da, gesellschaftliche Prozesse zu unterstützen?

Gott als der ganz Andere

Gewiss hat die katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit und die Grundlagen des modernen freiheitlichen Rechtsstaats anerkannt – und das ist gut so. Der an den rechten Rändern heute wieder aufflackernden Vorstellung eines katholischen Staates ist damit der Boden entzogen. Das Evangelium geht nicht in einer politischen Funktion auf – gerade das aber kann politische Konsequenzen haben. Der christliche Glaube kann Menschenwürde verteidigen, Macht begrenzen und demokratische Kultur fördern. Doch er tut dies nicht, weil Demokratie sein höchstes Gut wäre. Der Maßstab des Glaubens liegt anderswo: bei Gott, der sich in Jesus Christus offenbart.

Gott ist der ganz Andere. Seine Alterität bedeutet auch: Er darf nicht für etwas anderes verzweckt werden – nicht für konservative Ordnungsvorstellungen, nicht für progressive Gesellschaftsentwürfe, nicht einmal für die Stabilisierung der Demokratie. 

Und Gott ist der ganz Andere. Seine Alterität bedeutet auch: Er darf nicht für etwas anderes verzweckt werden – nicht für konservative Ordnungsvorstellungen, nicht für progressive Gesellschaftsentwürfe, nicht einmal für die Stabilisierung der Demokratie, zumal die Kirche in ihren kulturellen Großräumen mit unterschiedlichen Staatsformen koexistieren muss. Wer Gott zum Garanten des eigenen politischen Projekts macht - und sei es mit den besten Absichten -, verfügt über ihn, gerade, indem er sich auf ihn beruft.

Paradoxerweise liegt gerade in diesem Unverfügbarkeitsvorbehalt die politische Kraft des Evangeliums. Weil der Mensch Gottes Ebenbild ist, darf er nicht zum Mittel werden. Weil Gottes Reich nicht mit einer irdischen Ordnung identisch ist, kann keine politische Macht sich an die letzte Stelle setzen. Und weil Wahrheit nicht gemacht werden kann, entzieht sie sich auch der Herrschaft von Mehrheiten.

Anwalt des "Übernützlichen"

Der christliche Glaube kann der Demokratie dienen – gerade, weil er nicht für die Demokratie da ist. Er ist deshalb weniger ihr Schwungrad als Anwalt des "Übernützlichen", um Thomas Manns schöne Wendung aufzunehmen. Die Kunst aber, zwischen Letztem und Vorletztem zu unterscheiden, kann dann auch Widerstandspotential erzeugen, wo im politischen Raum vorletzte Größen absolut gesetzt werden.

Denn wo der Glaube nur noch gesellschaftlich nützlich sein soll, mag die Kirche ihre Funktionstüchtigkeit unter Beweis stellen. Aber sie hätte dann ihre eigentliche Sendung vergessen.

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