Der Ordensmann P. Edmund Waldstein gilt als Zentralfigur des Neo-Integralismus. Er wurde zuletzt auf unbestimmte Zeit von der Hochschule Heiligenkreuz beurlaubt. Hinter ihm steht ein ganzes Netzwerk integralistischer Denker und Ideologen. Sie zielen auf eine Abkehr von der liberalen Demokratie - und berufen sich dabei auf zweifelhafte theologische Argumente.

Todesstrafe für Häretiker, stark eingeschränkte politische Teilhabe für Frauen und Nichtgetaufte, Separierung von Christen und Nichtchristen – müssen wir darüber im 21. Jahrhundert ernsthaft wieder diskutieren? Ja, das müssen wir. Ausgehend von wenigen, aber einflussreichen Kräften in Österreich, Großbritannien und vor allem den USA, breitet sich seit mehreren Jahren die Ideologie eines neu entworfenen "Neo-Integralismus" aus. Gern versteckt er sich heute unter dem Begriff "Postliberalismus" - klingt unverfänglicher und selbstverständlich ist nicht jeder Postliberale Integralist.

COMMUNIO-Mitbegründer Hans-Urs von Balthasar wies den Integralismus immer wieder scharf als antichristliche Machtideologie zurück. Er nannte ihn eine "post-revolutionäre Denkart und Bewegung, welche die mehr als tausendjährige Liga zwischen geistlicher und weltlicher Macht im Gedächtnis und im Blut hat (…)".

Mit dem Konzil gegen das Konzil?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat in seinen Konstitutionen und den Erklärungen Dignitatis Humanae und Nostra Aetate das Fundament gelegt für die aktive Mitarbeit von Kirche, Theologie und Glaubenden an der Gestaltung pluralistischer, menschenrechtsbasierter Demokratien. Die Anerkennung der unveräußerlichen Würde der menschlichen Person, das Bekenntnis zu Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit sind dafür die entscheidenden dogmatischen Marken.

Mit der im Konzil entwickelten Haltung des Dialogs, der Hochachtung und des Respekts steht und fällt das Konzil – und mit ihm die Kirche als Dienerin an der Entfaltung des Lebens aller.

Nicht zufällig entzünden sich daran bereits auf dem Konzil die heftigsten Debatten, spalten sich später die Piusbrüder von Rom ab. Mit der im Konzil entwickelten Haltung des Dialogs, der Hochachtung und des Respekts steht und fällt das Konzil – und mit ihm die Kirche als Dienerin an der Entfaltung des Lebens aller.

Im Gegensatz zu den "Altintegralisten" lehnen "Neo-Integralisten" das Konzil nicht ab, sondern legen in Gefolgschaft des britischen Historikers Thomas Pink eine Deutung vor, die jeglicher theologischen Legitimität entbehrt und auch vor verfälschenden Übersetzungen theologischer Quellen nicht zurückschreckt, um ihr Ziel – die Legitimierung einer aus ihrer Sicht katholischen politischen Weltordnung – zu erreichen. Die Tradition wird sich gefügig gemacht unter der Behauptung, man stehe für die eine, ewig gültige Ordnung – in Abgrenzung zu den bösartigen Kräften, die im Liberalismus am Werk seien.

Von Österreich ins Weiße Haus

Lange haben Kirche, Gesellschaft und Theologie das Entstehen dieser radikalen Ideologie nicht ernst genommen, als Randphänomen abgetan, das, da es doch so offensichtlich dem Konzil und der menschenrechtsbasierten Ordnung widerspreche, keine Chance auf realpolitische Umsetzung habe. Doch das ist nicht der Fall: 2012 sprach Thomas Pink auf einer Tagung am ITI Trumau und begeisterte dort Alan Fimister, Thomas Crean und P. Edmund Waldstein für seine "Deutung" von Dignitatis Humanae: dass sich die Lehre der Kirche nie gewandelt habe, weiterhin ein katholischer Staat notwendig sei, Religionsfreiheit nicht in der Würde des Individuums verankert sei usw. Ausgehend von dieser Tagung verbreiten Fimister, Crean und Waldstein ihre neo-integralistischen Thesen, insbesondere über diverse Online-Kanäle in der englischsprachigen Welt. Heute sitzt mit James David Vance ein Katholik mit neo-integralistischem Netzwerk als Vizepräsident im Weißen Haus.

Österreich hat hier eine besondere Verantwortung, zeigt etwa die Arbeit von David Baer, der sich auch intensiv mit Thomas Pink befasst. Nicht nur sind hervorragende Akteure der neointegralistischen Kreise hier verankert, das Dollfuß-Regime dient vor allem US-Neointegralisten als realhistorisches Vorbild einer ständischen katholischen Ordnung mit einem autoritären Führer an der Spitze. Erst kürzlich haben dies James Patterson und Thomas Howe in ihrem Buch Why Postliberalism failed herausgearbeitet.

Der Neo-Integralismus steckt theologisch fest im Antimodernismus. Er ist eine Ideologie der Angst.

Ideologie der Angst

Der Neo-Integralismus ist in den USA bereits an zahlreichen Hochschulen verankert. Der Harvard-Jurist Adrian Vermeule, der seine Theologie von Edmund Waldstein bezieht, fordert einen "Common Good Constitutionalism". Der liberale Staat müsse von innen gestürzt werden, eine neue Elite die Herrschaft übernehmen – "integration from within" nennt er dies. Patrick Deneen, Politikwissenschaftler in Notre Dame, möchte einen "Aristopopulismus", ein Regime der fähigen Männer. An der Catholic University of America grenzt sich der Theologe Chad Pecknold ab von der universalen Würde des Menschen, an selbiger Universität bekämpft der Philosoph D. C. Schindler den Liberalismus als "politische Form des Bösen" und liebäugelt mit einem katholischen Regime, sieht das Germanische als eine Art viertes essenzielles Element des christlichen Glaubens.

Der Neo-Integralismus steckt theologisch fest im Antimodernismus. Er ist eine Ideologie der Angst, wie bereits Friedrich Heer in den 1950er Jahren zum vorkonziliaren Integralismus feststellte. Positiv muss man den Neointegralisten zu Gute halten, dass sie uns auf theologische und politische Problemstellen aufmerksam machen: Es braucht dringend eine aufmerksame, seriöse Auseinandersetzung mit der Autorität von Offenbarung in der Gestaltung irdischer Ordnung. Wie kann religiöses Wissen im politischen Diskurs mitwirken? Habermas und Böckenförde sind aktueller denn je. Aber wo sind die genuin theologischen Entwürfe? Annette Langner-Pitschmann formuliert es treffend: "Mit einer theologisch konnotierten Idee der Souveränität lässt sich nicht mehr leben, ohne sie allerdings auch nicht."

Reform statt Aufgabe des Liberalismus

Politisch haben uns extreme Formen des Liberalismus in Verbindung mit entgrenztem Kapitalismus in eine tiefe Krise gestürzt. Aber deswegen den Liberalismus aufgeben? Auf keinen Fall, mahnt Vittorio Hösle in seinem Büchlein Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben, direkt gerichtet gegen seinen Universitätskollegen Patrick Deneen. Freiheitsrechte, Teilhabe, Menschenwürde, Demokratie – diese liberalen Errungenschaften müssen wir verteidigen, auch theologisch.

Neu denken, neu handeln ist die Devise. Keine Anbetung einer starren Säule, sondern existenziell den Spuren des lebendigen Gottes folgen. Theologisch die Dynamik der Offenbarung und ihre tiefe Wahrheit ernstnehmen.

Neu denken, neu handeln ist die Devise. Keine Anbetung einer starren Säule, sondern existenziell den Spuren des lebendigen Gottes folgen. Theologisch die Dynamik der Offenbarung und ihre tiefe Wahrheit ernstnehmen. Politisch mutig den Liberalismus reformieren. Kirche, Theologie und Gesellschaft brauchen keine Machtprojekte selbsternannter Eliten, sondern ein gemeinschaftliches Handeln in Anerkennung der Autonomie der jeweiligen Sphären – für das Leben aller.

Erinnerung an Mariazeller Manifest und Balthasar

1952 grenzte sich die Österreichische Kirche im Mariazeller Manifest bahnbrechend vom politischen Katholizismus ab und setzte sich neu als Dienerin aller im gemeinsamen Diskurs. Heute ist Magnifica Humanitas eine grundlegende Orientierung. Mit klarer Ansage an die Neo-Integralisten – Gemeinwohl ist dynamisch und kein starrer Stein. Aber vielleicht am eindringlichsten bleibt die Mahnung von Hans-Urs von Balthasar:

"Der möglichen Kombinationen zwischen Traditionalismus, Monarchismus, Juridismus und Armeegeist, Geheimgesellschaft, Politik und Hochfinanz sind unendliche. Das Problem bleibt, ob und wie diese (sehr verschiedenartigen) Wertsphären in den Dienst Jesu Christi gestellt werden können, der als ‚Lamm‘ und nicht als Tiger die Sünde der Welt getragen hat, der am Schandpfahl des Kreuzes und nicht auf Hochschulkathedern die Lehre seines Vaters verkündet hat, der in Diengesinnung (De-mut) und Bodennähe (humilis = humusnah), schlicht und ohne ‚apostolische Taktik‘ den Nächsten geliebt hat, und zwar wesentlich ohne Rücksicht auf seine eigene Integrität, sondern als ‚Samariter‘ und über die feindliche Grenze hinweg."
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