Die Kirche ist in der Krise – die Demokratie auch. Beides hängt enger zusammen, als viele meinen. "Demokratie braucht Demokraten", hat Friedrich Ebert 1919 gesagt. Die Geschichte der Weimarer Republik zeigt, wie prekär es wird, wenn Menschen fehlen, die von Gewaltenteilung, von Wahlen, von repräsentativer Demokratie überzeugt sind.
Der Kirche gehen hierzulande die Christen aus. Aber die Kirche lebt von Gläubigen. Die ihre Gottesliebe durch Nächstenliebe bewahrheiten. Diese Nächstenliebe zielt immer zuerst auf Nahbeziehungen: Familie, Nachbarschaft, Arbeitskollegien, Dörfer, Stadtviertel. Aber sie dringt auch in die größeren Räume der Politik vor. Weil ihr die Verantwortung für das Gemeinwohl nahegeht – so wenig das Gebot der Nächstenliebe bereits ein hinreichendes Prinzip der Politik, geschweige denn ein staatliches Gesetz wäre.
Option für Demokratie und Menschenrechte
Ihre politische Verantwortung nimmt die Kirche dadurch wahr, dass sie nicht in der Politik aufgeht, sondern Gott die Ehre gibt und jeden Menschen als sein Ebenbild sieht, als Person. Die Kirche hat die Aufgabe, in einer Weise den Glauben zur Sprache zu bringen, die durch keinen Staat dieser Welt reglementiert, aber in der Öffentlichkeit verstanden werden kann. Sie feiert Gottesdienst nicht im staatlichen Auftrag, aber sowohl im persönlichen wie im öffentlichen Interesse. Sie leistet Caritas – nicht als staatliche Hilfsorganisation, aber zusammen mit dem persönlichen Einsatz auch in organisierter und kooperativer Form.
Deshalb haben die Kirchen ein starkes Interesse an freiheitlicher, rechtsstaatlicher Demokratie – oder sollten es haben. Nicht nur weil Religionsfreiheit garantiert, sondern auch weil soziale Verantwortung organisiert wird – nie ideal, aber immer prozessual, so dass Beteiligung möglich wird. Früher lehrte man in der katholischen Theologie die Äquidistanz zu allen politischen Systemen – seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Option für die Demokratie und für die Menschenrechte verbindliche Lehre. Die Piusbrüder haben das nicht begriffen, die Neo-Integralisten auch nicht.
Recht, Solidarität, Resilienz
Die Einsicht von Ernst-Wolfgang Böckenförde, dass der freiheitliche demokratische Rechtsstaat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, wird in der Krise brisanter denn je. Es braucht die Herrschaft des Rechts, es braucht gesellschaftliche Solidarität, es braucht kulturelle Resilienz.
Welche Rolle spielt die katholische Kirche? Früher hat sie aus dem Böckenförde-Diktum Ansprüche auf Gehör abgeleitet. Heute muss ihr klar werden, dass sie eine Bringschuld zu entrichten hat.