In einem bemerkenswerten Essay hat der in Münster lehrende Professor für islamische Philosophie Ahmad Milad Karimi Folgerungen aus der Debatte um die "Regensburger Rede" Benedikts XVI. gezogen, die für das islamisch-christliche Gespräch neue Perspektiven eröffnen. Sie verstehen sich als Plädoyer für eine theologische Streitkultur jenseits vorschneller Apologetik und Polemik, "in der Wahrheit beansprucht, Kritik zugelassen und die Freiheit des anderen gewahrt bleibt". Eine solche Kultur des theologischen Streits ist zweifellos hilfreicher als wohlmeinende Appelle an Dialogbereitschaft, die nicht selten theologisch an der Oberfläche bleiben.
Zu Recht rückt Karimi die Frage des Neuen in das Zentrum des theologischen Gesprächs zwischen Christentum und Islam, die auch Papst Benedikt alias Joseph Ratzinger in seiner Regensburger Rede auf unglückliche Weise mit Hilfe eines den Islam abwertenden Zitates des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos aufgeworfen hat. Karimis Befund lautet: "Wer sagt, Muhammad habe nichts Neues gebracht, verkennt die neue geschichtliche, sprachliche und religiöse Gestalt der Offenbarung. Wer ihm eine vollkommen neue, von Judentum und Christentum unabhängige Religion zuschreibt, verkennt die abrahamitische Verwobenheit, in der sich der Koran selbst versteht.
Die Frage nach dem Neuen führt deshalb in die Spannung von Erinnerung und Anfang, Kontinuität und Differenz." Statt die "Frage nach dem Neuen […] als gemeinsame Frage nach Kontinuität und Differenz" zu stellen, wurde die Möglichkeit eines substantiellen Dialogs verpasst. Während muslimische Stimmen Muhammads Verkündigung gegen die polemische Verkürzung des byzantinischen Kaisers und ihre Übernahme durch Benedikt XVI. verteidigten, stellte die christliche Seite, wie Karimi bemängelt, kaum die Frage, "was es theologisch bedeutet, dass es eine abrahamitische Religion überhaupt nach dem Christentum geben kann."
Für die Fortführung des theologischen christlich-islamischen Diskurses scheint es mir wichtig zu sein, die Kategorie des Neuen nicht nur unter historisch-genetischen Gesichtspunkten, sondern auch systematisch-theologisch zu reflektieren, zumal dieser Begriff in der christlichen Theologie eine eschatologische Qualität hat.
Keine Botschaft ohne Vorgeschichte
Karimis Einordnung der "Regensburger Rede" ist für den christlich-islamischen Dialog auch deshalb von Bedeutung, weil er nicht nur einmal mehr die bestehende Spannungen zwischen christlichem und muslimischem Wahrheitsanspruch anspricht, sondern darauf aufmerksam macht, dass "der koranische Offenbarungsanspruch in einer Spannung steht," indem sich der Koran "nicht als Botschaft ohne Vorgeschichte", sondern "als Bestätigung, Erinnerung und Reformulierung bereits ergangener Offenbarungen" versteht.
"Das Neue", so Karimi, "lässt sich daher weder als voraussetzungslose Stiftung noch als bloße Wiederholung bestimmen. Der Koran bestätigt frühere Offenbarungen, deutet sie neu, widerspricht einzelnen Überzeugungen und verschiebt ihre Akzente. Wer sagt, Muhammad habe nichts Neues gebracht, verkennt die neue geschichtliche, sprachliche und religiöse Gestalt der Offenbarung. Wer ihm eine vollkommen neue, von Judentum und Christentum unabhängige Religion zuschreibt, verkennt die abrahamitische Verwobenheit, in der sich der Koran selbst versteht. Die Frage nach dem Neuen führt deshalb in die Spannung von Erinnerung und Anfang, Kontinuität und Differenz."
Eschatologische Qualität des Neuen
Für die Fortführung des theologischen christlich-islamischen Diskurses scheint es mir wichtig zu sein, die Kategorie des Neuen nicht nur unter historisch-genetischen Gesichtspunkten, sondern auch systematisch-theologisch zu reflektieren, zumal dieser Begriff in der christlichen Theologie eine eschatologische Qualität hat.
Dazu scheint es mir aber erforderlich zu sein, zwischen den Begriffen Religion und Offenbarung zu unterscheiden. Muhammad, seine Anhänger und Nachfolger waren zweifellos religionsproduktiv. Sie haben also tatsächlich Neues gebracht. Jedoch besteht ein sachlicher Unterschied zwischen Religionsproduktivität und Offenbarung, sofern über eine solche auf der Geltungsebene religiöser oder theologischer Wahrheitsansprüche diskutiert wird.
Ein ernsthaftes theologisches Gespräch scheint mir nur möglich zu sein, wenn die erhobenen Offenbarungsansprüche wechselseitig respektiert werden, ohne die Geltungsansprüche und die Wahrheitsgewissheit des Anderen zu seinen eigenen zu machen. Auf dieser differenztheoretischen Basis gewinnt das theologische Gespräch im Sinne der von Karimi angestrebten Kultur des theologischen Streits an Tiefe. Problematisch ist allerdings der Begriff der "abrahamitischen Religionen", weil die Gestalt Abrahams in Judentum, Christentum und Islam derart unterschiedlich gedeutet wird, dass man wohl weder religionswissenschaftlich noch theologisch von einem gemeinsamen abrahamitischen Erbe sprechen kann.
Bleibende Differenz zwischen Offenbarung und Religion
Die Frage, ob aus christlicher Sicht die Möglichkeit einer neuen abrahamitischen Religion denkbar ist, wird in Geschichte und Gegenwart christlicher Theologie durchaus gestellt. Ein Antwortversuch findet sich in der sogenannten Lichterlehre, die der späte Karl Barth in seiner "Kirchlichen Dogmatik" (KD IV/3) formuliert hat. Demnach ist Christus als das unerschaffene fleischgewordene Wort Gottes das eine Licht der unüberbietbaren göttlichen Offenbarung, dass aber in der Welt auf vielfältige Weise reflektiert wird, und zwar nicht etwa nur in den verschiedenen Religionen, sondern auch im nachaufklärerischen Humanismus.
Barths Lichterlehre unterstellt allerdings, dass all diese Lichter keine eigenständigen Lichtquellen sind, sondern das Licht der einen Offenbarung so reflektieren, wie der Mond das Licht der Sonne. Dies ist selbstverständlich keine dem islamischen Selbstanspruch gerecht werdende Auskunft, sondern eine christliche Deutung, wie umgekehrt der Überbietungsanspruch, den Mohammad für die ihm nach seiner Überzeugung zuteil gewordene Offenbarung und seine Verkündigung christlicherseits nicht geteilt wird.
Die neutestamentlichen Schriften können als Kommentare zum Alten Testament gelesen werden. Das Christusgeschehen wird im Licht des Alten Testaments als letztgültige Offenbarung des Gottes Israels interpretiert. Zugleich wird vom Christusgeschehen aus das Alte Testament auf neue Weise interpretiert.
Wie hinzuzufügen ist, gilt das über das eine Licht und die vielen Lichter Gesagte bei Barth aufgrund der Unterscheidung zwischen Offenbarung und Religion letztlich auch für das Christentum. Keine der bestehenden Religionen ist mit der Offenbarung selbst gleichzusetzen, zudem gilt es zwischen Christentum und Christentümern oder zwischen Christentum und Christenheit in normativer Hinsicht zu unterscheiden. Wir können auch sagen: zwischen dem Christlichen im Sinne eines normativen und kriteriologischen Begriffs des Evangeliumsgemäßen und "christlich" als Selbst- oder Fremdzuschreibung, deren Anspruch am biblisch bezeugten Evangelium von Jesus als dem Christus Gottes immer wieder aufs Neue zu prüfen ist.
Was nun aber das Offenbarungsverständnis im Christentum und im Islam betrifft, besteht offenbar insofern ein grundlegender Unterschied, als Jesus von Nazareth, verstanden als der Christus Gottes, nach christlichem Verständnis nicht etwa wie Mohammad nach islamischem Verständnis Empfänger und Zeuge einer von Gott ergangenen Offenbarung ist, sondern die Offenbarung selbst. Gottes Wort manifestiert sich nicht als ein göttlich inspirierter Text oder als ein Buch, sondern in Gestalt einer Person und ihres Geschickes in Kreuz und Auferstehung. Und es ist die christliche Trinitätslehre, welche durch- und nachbuchstabiert, was genau es heißen soll, dass Jesus Christus Gottes Wort und Selbstoffenbarung in Person ist.
Christentum – Judentum – Islam: Bleibende Beziehungsunterschiede
Nun behauptet das Christentum, der eine und einzige Gott, der sich in Jesus von Nazareth letztgültig offenbart habe, sei der Gott Israels. Dies kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass das Christentum die heiligen Schriften Israels zu einem Teil seiner zweiteiligen Bibel gemacht hat. Die Septuaginta als griechische Version der jüdischen Bibel als auch die Hebräische Bibel (Tanach) stehen im Christentum als das Alte Testament in kanonischer Geltung. Zwar hat das Christentum nicht den Aufriss des Tanach übernommen; der Aufbau seines Alten Testaments folgt der Septuaginta. Das Christentum hat jedoch beide Versionen einer jüdischen Bibel in ihrem Wortlaut unverändert übernommen.
Die neutestamentlichen Schriften können als Kommentare zum Alten Testament gelesen werden, wobei alttestamentliche und neutestamentliche Schriften einen hermeneutischen Zirkel bilden. Das Christusgeschehen wird im Licht des Alten Testaments als letztgültige Offenbarung des Gottes Israels interpretiert. Zugleich wird vom Christusgeschehen aus das Alte Testament auf neue Weise interpretiert. Dass Jesus Christus Gottes letztgültige und heilschaffende Offenbarung ist, soll von den alttestamentlichen Schriften aus als wahr erwiesen werden. Zugleich lautet der Anspruch im Neuen Testament, dass sich die letzte Wahrheit der alttestamentlichen Schriften von Jesus Christus, seinem Tod uns seiner Auferstehung her erschließt.
Die Tatsache, dass es zwar christliche Kommentierungen der alttestamentlichen Schriften gibt – und solche findet man ja schon im Neuen Testament –, aber keine christliche Redaktion alttestamentlicher Texte, etwa in Gestalt von christlichen Interpolationen, ist theologisch von eminenter Bedeutung. Der Glaube an Jesus als den Messias trennt Christen und Juden. Der Glaube der Christen, das Heil der Welt sei in dem Juden Jesus beschlossen, verbindet die Christen zugleich mit dem Judentum. Nirgends aber wird im Neuen Testament oder sonst im Christentum behauptet, die Juden, welche nicht christusgläubig geworden sind, hätten einen falschen oder verfälschten Text, ein verfälschtes Offenbarungszeugnis.
Bedenkt man das Thema der Offenbarung und der Frage ihrer schriftlichen Bezeugung, zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Verhältnis von Judentum und Christentum auf der einen Seite und dem Verhältnis von Christentum und Islam wie auch von Islam und Judentum auf der anderen Seite.
Resonante Beziehungen zeichnen sich in Anknüpfung und Widerspruch durch Wechselwirkungen aus, die zwischen Christentum, Judentum und Islam zweifellos auf komplexe Weise gegeben sind. Diese aber können theologisch zum Thema gemacht werden, ohne den jeweiligen eigenen Offenbarungsanspruch und die je eigene Wahrheitsgewissheit aufzugeben.
Zwar sieht sich die von Mohammed verkündete Botschaft in der Tradition früherer Verkündigungen einer göttlichen Offenbarung. Allerdings greift er jüdische und christliche Glaubenstraditionen auf, nicht ohne sie zu korrigieren und umzuformen. Wer in den Schriften des Alten und des Neuen Testaments ein authentisches Zeugnis des einzigen Gottes und seiner Offenbarungsgeschichte sieht, wird einer Umdeutung und Dekanonisierung dieser Texte wohl kaum den Wert einer neuen Offenbarung beimessen können.
Resonanz- statt Reflexionsmodell
Im Sinne einer Kultur des theologischen Streites, für die Karimi plädiert, ist damit aber nicht schon das Ende der Gesprächsmöglichkeiten erreicht. Eine christlich-theologische Option zur Fortführung des Dialogs könnte meines Erachtens darin bestehen, an die Stelle des Reflexionsmodells, das der Lichterlehre Barths zugrunde liegt, ein Resonanzmodell zu setzen. Die aus der Optik stammende Vorstellung vom reflektierten Licht ist einigermaßen statisch. Im Bereich der Akustik entspricht ihr das Phänomen des Echos. Hingegen ist das Resonanzmodell dynamischer, weil es mit Wechselwirkungen rechnet.
Es spielt eine zentrale Rolle in der soziologischen Theorie Hartmut Rosas, taucht aber schon in der Religionstheorie des Heidelberger Neutestamentlers Gerd Theißen auf, und zwar in seinem 2012 erschienenen kritischen Katechismus mit dem Titel Glaubenssätze wie auch in seinen 2021 erschienen Beiträgen zu einer "Resonanztheologie". Nun muss man nicht der Auffassung Theißens folgen, der unter Religion die "Resonanz der Gesamtwirklichkeit im Menschen" versteht, die sich auf ihren göttlichen Ursprung bezieht. Sie lässt sich aber offenbarungstheologisch wenden und vor allem auf das Verhältnis von Religionen zueinander übertragen.
Resonante Beziehungen zeichnen sich in Anknüpfung und Widerspruch durch Wechselwirkungen aus, die zwischen Christentum, Judentum und Islam zweifellos auf komplexe Weise gegeben sind. Diese aber können theologisch zum Thema gemacht werden, ohne den jeweiligen eigenen Offenbarungsanspruch und die je eigene Wahrheitsgewissheit aufzugeben. In diesem Sinne ließen sich vielleicht die Verkündigung Muhamads und der Koran als produktive Resonanz des von den Christen geglaubten Offenbarungsgeschehen begreifen.
Gerade so können es die zwischen Christentum und Islam bestehenden Differenzen sein, die verbinden, so dass tatsächlich im Sinne Karimis Wahrheit beansprucht, Kritik zugelassen und die Freiheit des anderen geachtet wird.