"Unkraut jäten inbegriffen": Erinnerungen an Alex Stock (1937 - 2016)

Alex Stock suchte die Spuren des unsichtbaren Gottes in Liturgie, Kunst und Dichtung. In seiner "Poetischen Dogmatik" erschloss er mit Sorgfalt die Schätze christlicher Überlieferung – in stiller Arbeit am Rande der kirchlichen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit.

Das Bild zeigt Alex Stock im KULTUM in Graz bei seinem letzten Besuch 2015.
Alex Stock im KULTUM Graz bei seinem letzten Besuch 2015.© Elias Rauchenberger
"Jeder Morgen ist eine Geburt, und der Tag wie ein ganzes Leben. Der Mensch muß anfangen, will etwas anfangen, fängt etwas an (…) 'Kyrie eleison'. 'Herr, erbarme dich unser.' Der Tag wird ein gemeinsamer sein."
Alex Stock, Morgen. Theologie einer Tageszeit,
St. Ottilien 2016, 18f.

Von den elf Bänden der Poetischen Dogmatik war 2001 die Christologie in vier Bänden (Schöningh Paderborn 1995-2001) abgeschlossen. Ein Freund erinnerte mich kürzlich daran. Ich hatte damals in diesen Bänden gelesen und war verantwortlich für das Bildungsprogramm der Burg Rothenfels. Alex Stock wurde 2002 in Köln emeritiert, und ich lud zu einer Tagung auf die Burg Rothenfels ein. "Bilder als Quelle der Theologie. Zur poetischen Christologie von Alex Stock". An dieser Tagung haben damals Elmar Salmann teilgenommen, Michael Bongardt, Reinhard Hoeps, Hermann Pius Siller und viele andere mehr. Und eben Alex Stock, der damals schon eine Gottes- und Schöpfungslehre ankündigte, die 2004–2007 bzw. 2010–2013 erscheinen sollte. Dann folgte noch die Ekklesiologie (2014-2016). Wenige Tage, nachdem der letzte Band erschienen war, ist Alex Stock gestorben.

Alex Stock war einer, der vom Licht Gottes berührt wurde und um seine Magie und sein Geheimnis wusste.

Aus der Ferne eines Lesers war ich damals von seinen Büchern mächtig beeindruckt. Alex Stock, der so vorsichtig, so sorgsam und so genau schrieb und redete, hielt nichts von letzten Sätzen oder gar letzten Worten und war ihnen gegenüber so skeptisch wie gegenüber der Sprache überhaupt mit ihrer Neigung zur Verdrehung, zur falschen Kürze oder Wucherung und zur Lüge. Und daher schien ihm im Reden und Schreiben Vorsicht geboten und Diskretion. Hier durfte ich Entscheidendes lernen.

Später waren da die Vorträge in der Katholischen Akademie in Berlin: Das Angesicht Christi, Bilder der Vera icon, das Gebet Salve facies salvatoris, Clemens Brentano, Johannes Bobrowski und in der Basilika des Bodemuseums: "Der unbekannte Gott und die Ehre der Altäre". In seinen Vorträgen hob sich der Ton der Stimme kaum einmal und das Auditorium folgte gebannt den Ausführungen.

Die poetischen Quellen der Dogmatik

Das Feld seiner poetischen und theologischen Erkundungen schien immer weiter zu werden und der Bau der Poetischen Dogmatik geräumiger, prächtiger und faszinierender. Hauptwege und viele Nebenwege durchziehen eine poetisch-theologische Landschaft, von der man heute leider sagen muss, dass sich in ihr zu wenige Besucher finden. Die Funde, die Alex Stock auf seinen Erkundungen durch die Liturgie- und Theologiegeschichte gemacht hat, sind immens, und seine jahrzehntelange stille und unermüdliche Arbeit in Königsdorf bei Köln am Rande der kirchlichen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeiten ist kaum vorstellbar.

Alex Stock war einer, der vom Licht Gottes berührt wurde und um seine Magie und sein Geheimnis wusste. "Licht, letztes Wort von ihm, der lebt." – nicht nur dieser Satz verband ihn mit Huub Oosterhuis. In stillem Enthusiasmus, nüchtern und geduldig arbeitete Alex Stock daran, die Quellen des Lichtes freizuhalten von dem Gestrüpp der unbedachten Reden, dem Geschwätz der Unaufmerksamkeiten und Hartherzigkeit innerkirchlicher "Buschkriege". In rettender Absicht pflegte und sorgte er sich um die poetischen Quellen der Dogmatik und schrieb, las, kommentierte, schätzte die Wiederholungen des Lebens und des Ritus und hörte nicht auf zu staunen.

"Der Anfang dieser Poetischen Theologie liegt bei einer Vorliebe für Fundsachen, Bilder und Lieder, Gedichte und kurze Geschichten, Sachen, die man aufheben und zeigen kann, weil sie den Umfang der kleinen Einheiten des Evangeliums nicht allzusehr überschreiten. Erster Ort solcher Dinge in der Religion ist die Liturgie, die ja eine Collage aus kleinen Stücken ist, eine Antiphon, ein Psalm, eine Oration, eine Lesung, ein Hymnus, hierher und dorther. Und um die Liturgie herum die Frömmigkeit überhaupt mit ihren Ausfransungen im weiten Feld der weltlichen Kunst und Literatur." (Alex Stock, Poetische Dogmatik. Christologie Bd. 2. Schrift und Gesicht, Ferdinand Schöningh 1996, 7)

Die Freude an den Namen Jesu in der Schrift und die Sehnsucht, sein Gesicht zu schauen, konzentrierten seine theologische Arbeit, die lesende und sehende Einbildungskraft. Und es war kein Wunder, das diese Lektüre Konsequenzen für die Arbeit der Katholischen Akademie hatte.

Christus im Augenblick

Nach der Lektüre des zweiten Bandes der Christologie und hier vor allem der Passagen über das "Gesicht" (S.93-251) und des Vortrags "Von Angesicht zu Angesicht. Zur poetischen Theologie des Antlitzes Christi" (14.10.2013) realisierten wir in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bodemuseum das Projekt "Christus im Augenblick", in dem wir Theologen und Kunsthistoriker zusammenbrachten, ausgewählte Kunstwerke in Berliner Museen in Doppelinterpretationen für das interessierte Publikum zu erschließen.

Die Wortvermehrung dauernder Erklärungen in der Liturgie war ihm ebenso zuwider wie die Versuchung zu eindeutigen Verkürzungen und Verknappungen, die die Fülle des Katholischen am Wachstum und am Blühen hinderten. 

Zudem realisierte die Akademie mit dem Filmkünstler Thomas Henke das Filmprojekt "Porträts 1.13". So entstanden in den Jahren 2014 bis 2015 – so Thomas Macho – sechs "eschatologische Porträts" von Corona Bamberg, Wolfgang Büscher, Tomáš Halík, Felicitas Hoppe, Thomas Hürlimann und eben Thomas Macho.  Johannes Rauchenberger, der Leiter des KULTUM GRAZ stellte die "Porträts 1.13" im Rahmen von "reliqte, reloaded" vom 26. Mai 2015 bis zum 24. Januar 2016 in Graz aus. Auch in der späteren KULTUM-Retrospektive "CINEMA ALTERA" der Werke von Thomas Henke vom 7. Februar bis 8. April 2023 wurden ebenfalls die "Porträts 1.13" gezeigt. Alex Stock, der im Dezember 2015 diese Ausstellung besuchte, hatte unmittelbar davor erfahren, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde. Alex Stock hinterließ dem KULTUM und seinem Schüler Johannes Rauchenberger kurz vor seinem Tod seine Aufsatzsammlung zur Bildtheologie der Gegenwart und seine mehr als 3000 Dias umfassende Sammlung zur christlichen Ikonografie.

Auf den Spuren des unsichtbaren Gottes

Auch und vor allem in den Arbeiten und Kommentaren zur Liturgie mochte ich die lakonische Klarheit und gelassene Bestimmtheit, mit der Alex Stock vorging. Die Wortvermehrung dauernder Erklärungen in der Liturgie war ihm ebenso zuwider wie die Versuchung zu eindeutigen Verkürzungen und Verknappungen, die die Fülle des Katholischen am Wachstum und am Blühen hinderten.  Als Leser von Philippe Jaccottet achtete er auf die Lichtränder und Schattenflächen des Lebens und versuchte, das göttliche Licht und seinen Glanz zu ahnen, der das Angesicht Christi umstrahlt, wenn er einst wiederkommt. Und hier und jetzt in dieser gegenwärtigen Weltzeit brauchen wir einigermaßen feste Trittsteine, um durch jenen Weltinnenraum zu gehen, der uns zugeteilt ist.

Alex Stock übernahm in den Landschaften seiner Poetischen Dogmatik das Amt des Gärtners und des kundigen Begleiters, der den Interessierten beim Sehen und Verstehen mit erschließenden Kommentaren hilft.

Alex Stock ging es dabei immer wieder um den unsichtbaren Gott, das Licht, die Namen Christi und das Gesicht der Offenbarung. Auf ihr Verhältnis kommt es an, ihre Orte und Spuren im Leben. Die Linien seiner Interpretationen stellt er nebeneinander und ein selbstverständliches Zögern gibt den Rhythmus seines Denkens und Beschreibens vor, in dem sich die Reflexionen nicht weit von den Phänomenen entfernen. Die Funde und Kommentare dienen als Trittsteine einer feinen Dialektik, der sich die Auditorien und Leser seiner Bücher gerne anvertrauen. Auch das Selbstverständliche, das Klischee, das Abgegriffene führen einen Schritt weiter, bis der Gedankengang abbricht und an anderer Stelle neu einsetzt. Jede Interpretationslinie hat ihre Würde und Schönheit, aufeinander reduzierbar sind sie nicht. Getragen werden die Überlegungen von einem Bekenntnis: "Ich glaube daran, dass sich der unsichtbare Gott in einem Gesicht offenbart hat. Aber man muss daran nicht glauben."

Theologie des Morgens 

Alex Stock übernahm in den Landschaften seiner Poetischen Dogmatik das Amt des Gärtners und des kundigen Begleiters, der den Interessierten beim Sehen und Verstehen mit erschließenden Kommentaren hilft. Dabei legte er großen Wert darauf, dass die Poetische Dogmatik "sich unterhalb des Hauptspielfelds der magistralen Überlieferung [bewegt]. Sie stützt sich auf die poetische Kreativität der christlichen Religion, wie sie in Liturgie und Frömmigkeit, Kunst und Dichtung faßbar wird. Aber doch in systematischer Absicht." (Alex Stock, Poetische Dogmatik. Christologie Bd. 2. Schrift und Gesicht, Ferdinand Schöningh 1996, 8)

"Der Morgen ist eine Miniparzelle im unerschöpflichen Garten der christlichen Religion, den man mit Liebe bestellen kann, Unkraut jäten in begriffen."

In den Gängen durch die Landschaften der Poetischen Theologie erinnerte Alex Stock immer wieder an ihre Geschichte und Geschichten, wies auf die Zuständigkeiten hin in der Errichtung und Sorge für Wege und Wohnungen und vergegenwärtigte die Geschichte von Umbauten, Abrissen und Erweiterungen auch und vor allem im faszinierenden "Mehrzeitenraum der Liturgie".

Nach einer dramatischen Krebsoperation 2007 sollte er noch zwei Bände zur Schöpfungslehre und zwei zur Eschatologie verfassen. Als er mit dem letzten – mit dem bezeichnenden Titel "ZEIT" – fertig war, wurde er mit der endgültigen Diagnose konfrontiert. Der letzte, der der 11. Band seiner Poetischen Dogmatik sein würde, erschien dann zwei Wochen vor seinem Tod. In den Monaten vorher, als sich sein Sterben deutlicher ankündigte, widmete er sich der "Mini-Parzelle" der Theologie des Morgens. "Der Morgen ist eine Miniparzelle im unerschöpflichen Garten der christlichen Religion, den man mit Liebe bestellen kann, Unkraut jäten in begriffen." (Alex Stock, Morgen. Theologie einer Tageszeit, St. Ottilien 2016, 165) Zehn Jahre später nun findet sich diese Hochschätzung des Unkrautjätens an prominenter kirchlicher Stelle wieder. In der Enzyklika "Magnifica humanitas", die Alex Stock nicht nur als Übersetzer in vieler Hinsicht vielleicht gefallen hätte, erinnert Leo XIV. an Tolkien:

"Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden."

 

Die Katholische Akademie in Berlin und das KULTUM. Zentrum für Gegenwart, Kunst und Religion in Graz werden künftig einmal im Jahr zu einer Alex Stock-Vorlesung einladen, um den theologischen und poetischen Reichtum dieses Werkes zu erschließen. Die Vorlesung "Wo Theologie geschieht: Liturgie als Erkenntnisgestalt in Alex Stocks Poetischer Dogmatik" hält Prof. Dr. Gianluca De Candia (Köln) am 02. November 2026. Weitere Informationen finden Sie hier.

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