Die Künstlerin Claire Tabouret stellt Maria ins Zentrum des Pfingstgeschehens – mit erhobenen Armen und Tränen in den Augen. Zwischen Sammlung und Öffnung, Verletzlichkeit und Stärke wird sie zur Gestalt einer Kirche, die den Geist empfängt. Eine Betrachtung der theologischen Bildsprache der umstrittenen Entwürfe. (Teil II/III)

Im Streit um die neuen Glasfenster von Notre-Dame de Paris greifen Denkmalpflege, Kulturpolitik und kirchliche Deutungshoheit eng ineinander. Wie im ersten Beitrag gezeigt, entzündet er sich weniger an religiösen Themen als an der Entscheidung, die intakten Glasfenster des 19. Jahrhunderts zu entfernen und an ihrer Stelle das Pfingstereignis zeitgenössisch darzustellen.

Die denkmalpflegerische Kontroverse und die Frage nach der künstlerischen und theologischen Qualität der Entwürfe sind dabei auseinanderzuhalten. Unabhängig von der Frage, ob die historischen Fenster der Neugestaltung weichen dürfen oder nicht, verdient das künstlerische Projekt eine eigene Betrachtung. Die Künstlerin überschreibt den Sakralraum nicht mit einer politischen Agenda, sondern will ihn vom Pfingstgeschehen her liturgisch neu erschließen.

Claire Tabouret hat die sechs Fenster als Allée de la Pentecôte angelegt, als Pfingst-Allee durch das südliche Seitenschiff. Die einzelnen Entwürfe erschließen sich deshalb nicht für sich allein, sondern aus ihrer Abfolge im Raum. Im Gehen von einem Fenster zum nächsten wird die Dynamik des Heiligen Geistes erfahrbar. Auf die im Haus versammelte Gemeinschaft des ersten Fensters folgen zwei Darstellungen, in denen Wind und Brausen das Wirken des Geistes in der Schöpfung erfahrbar machen. Diese Bilder wurden bereits im letzten Beitrag vorgestellt. Mit dem Übergang zu den Kapellen Sainte-Geneviève und Saint-Denys vollzieht sich eine Wende. Die Rede vom Geist bekommt ein menschliches Antlitz: Maria. Gerade die beiden Marienfenster zeigen, wie eigenständig Tabouret die christliche Überlieferung fortschreibt.

Tabouret bricht mit der Tradition hieratisch entrückter oder süßlich verklärter Madonnenbilder. Ihre Maria ist eine gegenwärtige, verletzliche und zugleich starke Frau.

Kein statisches Andachtsbild

Für Claire Tabouret ist die Mutter Jesu die entscheidende Gestalt, um das Pfingstgeheimnis für die Gegenwart zu erschließen. Mit ihr richtet sich der Blick auf das konkrete Wirken des Geistes im Menschen. In einer Kathedrale, die den Namen der Muttergottes trägt, rückt Tabouret Maria nicht als statisches Andachtsbild ins Zentrum, sondern als Schlüsselfigur des ganzen Zyklus.

Dabei bricht Tabouret mit der Tradition hieratisch entrückter oder süßlich verklärter Madonnenbilder. Ihre Maria ist eine gegenwärtige, verletzliche und zugleich starke Frau. Sie empfängt den Geist Gottes nicht passiv, sondern öffnet sich ihm mit ihrem ganzen Körper. Die Fortschreibung der biblischen Tradition gelingt hier gerade dadurch, dass Pfingsten mit den Augen einer Frau erzählt wird. So entsteht das Bild einer leiblichen Epiklese, die sich in zwei gegenläufigen Bewegungen vollzieht: in der Öffnung nach außen und in der Sammlung nach innen.

Das vierte Fenster: eine leibliche Epiklese

In der Kapelle Sainte-Geneviève erreichen die Glasfenster ihren ersten Höhepunkt. Hier kehrt nach den abstrakten Fenstern die menschliche Figur mit großer Intensität zurück. Maria steht im Zentrum, fest am Boden verankert und doch mit ihrem gesamten Körper nach oben hin geöffnet. Ihre Arme sind weit emporgestreckt, beinahe flügelartig.

Tabouret macht sichtbar, dass das Wirken des Geistes nicht beim äußeren Zeichen stehen bleibt, sondern den Menschen in seiner ganzen Existenz erfasst.

Dies ist kein ruhendes Andachtsbild einer fernen Heiligen. Marias Gesicht ist von großer innerer Spannung gezeichnet. Tabouret malt sie mit Tränen in den Augen. In dieser Unmittelbarkeit wird deutlich, dass der Heilige Geist den Menschen nicht an seiner Geschichte und seinem Leid vorbei verwandelt, sondern ihn genau dort trifft. Die erhobenen Hände sind weit mehr als eine bloße Geste. Sie bilden eine körperliche Epiklese, den Vollzug der Bitte um die Ausgießung des Geistes. Liturgisch entspricht diese Geste dem defunde des Pfingstgebets. Der Geist wird ausgegossen und macht den Körper zum Ort der Gottesbegegnung. In Maria gehören Schmerz und Ergriffenheit zusammen.

Das fünfte Fenster: Verwundung des Herzens

In der Kapelle Saint-Denys wendet sich der Zyklus nach innen. Das Feuer weicht einer verdichteten Atmosphäre der Stille und Anbetung. Während Maria im vorangehenden Fenster mit erhobenen Armen nach oben geöffnet zu sehen war, wirkt sie nun vollkommen gesammelt und nach innen gekehrt. Der Bildraum verwandelt sich in einen Andachtsraum, in dem das Motiv der Taube an die Stelle der Feuerzungen tritt. Die versammelten Personen stehen nun unter dem Zeichen des Geistes.

Entwurf eines Glasfensters von Claire Tabouret. Die Jünger Jesu knien andächtig. Maria steht in ihrer Mitte und hält ihre Hände an ihre Herz
© IMAGO / IP3press

Die männlichen Apostel treten dabei in einer neuen Rolle hervor. Sie knien in Anbetung und tiefer Betroffenheit, während Maria als Einzige aufrecht steht, den Kopf demütig gesenkt und die Hände vor der Brust verschränkt. Das Pfingstereignis erscheint hier als Verwundung des Herzens. Darin liegt die bildliche Einlösung dessen, was die Liturgie im Tagesgebet zu Pfingsten mit der Bitte um die Durchströmung der Herzen, perfunde, erbittet.

Der Geist, der Maria im Herzen getroffen hat, drängt über die Grenzen der beiden Kapellen hinaus. Aus der Gemeinschaft der Wartenden soll eine Kirche der Sendung werden.

Tabouret macht sichtbar, dass das Wirken des Geistes nicht beim äußeren Zeichen stehen bleibt, sondern den Menschen in seiner ganzen Existenz erfasst. Maria wird zur Gestalt der Kirche, die das Ereignis nicht nur betrachtet, sondern es in sich aufnimmt und betend beantwortet. Die expressive Kraft des vorangehenden Fensters ist in eine stille, kontemplative Präsenz übergegangen, in der der Geist den Menschen von innen verwandelt und auf die Gemeinschaft mit Gott ausrichtet.

Vom inneren Geschehen zur Sendung der Kirche 

In der Zusammenschau beider Fenster wird die theologische Pointe des Mittelstücks sichtbar. Defunde und perfunde, die Ausgießung des Geistes und die Durchströmung des Herzens, gewinnen in Maria einen leiblichen Ausdruck. Der Geist Gottes verwandelt den Menschen nicht an seiner leiblichen Realität vorbei. Er begegnet Maria in ihrer Stärke und in ihren Tränen, in ihrer Öffnung nach oben und in ihrer stillen Sammlung.

Claire Tabouret gelingt es so, die "Geburtsstunde" der Kirche als ein menschliches und zugleich geistliches Ereignis darzustellen. In Maria wird eine Frau zur theologisch tragenden Gestalt. Sie erscheint als erste Glaubende, die sich dem Wirken des Geistes öffnet, ohne ihre eigene Verletzlichkeit zu verlieren. Ihr Körper steht dabei nicht im Gegensatz zum geistlichen Geschehen, sondern wird zum Ort, an dem es sich ereignet.

Doch die Pfingst-Allee endet nicht bei dieser Innerlichkeit. Der Geist, der Maria im Herzen getroffen hat, drängt über die Grenzen der beiden Kapellen hinaus. Aus der Gemeinschaft der Wartenden soll eine Kirche der Sendung werden. Wie aus dieser inneren Berührung eine Prozession wird und warum am Ende ein direkter Blick die Betrachtenden aus der Zuschauerrolle löst, entfaltet der dritte und letzte Beitrag über die neuen Glasfenster von Notre-Dame.

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