Jan-Heiner Tück: Wir leben in einer Gesellschaft, die von vielfältigen Umbrüchen geprägt ist. Soziologen konstatieren neuerdings eine zunehmende religiöse Indifferenz. Immer mehr Menschen leben so, als ob es Gott nicht gäbe, und sie vermissen offensichtlich nichts. Nun haben Sie Ihr Bild ‚Doxa‘ – Glanz, Ruhm, Herrlichkeit – genannt. Soll damit schon durch die Wahl des Titels ein Kontrapunkt gegen die durchschnittliche Transzendenz-Vergessenheit gesetzt werden?
Michael Triegel: Während jeder Eucharistiefeier hören wir die Worte: "Tut dies zu meinem Gedächtnis" (Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24). Erinnerung bedeutet Verlebendigung. Das erfahre ich in der Messe ganz konkret in der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. In der griechischen Mythologie war Mnemosyne, die Erinnerung, die Mutter der Musen. Diesem Gedanken, dass die Künste, die in der Religion eine so zentrale Rolle spielen, eine permanente Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen zu leisten haben, fühle ich mich in meiner gesamten Arbeit verpflichtet. Dabei geht es durchaus nicht um die Konservierung von Tradition und Erbe, sondern um deren Befragung dahingehend, ob sie uns Heutigen noch etwas zu sagen haben, ob nicht unter dem Aschehaufen des von Vergessen Bedrohtem oder schon Vergessenem ein Glutkern überlebt hat, den ich anfachen und mit neuem Brennmaterial versorgen kann. Das hilft mir ganz persönlich, ja entlastet mich, da ich mich so in größeren historischen, kulturellen oder religiösen Zusammenhängen eingebunden und nicht nur auf die unmittelbare Gegenwart und mein Sein als Individuum beschränkt weiß. Die Angst als Einzelner in jenen dunklen unendlichen Räumen, die schon Blaise Pascal im 17. Jahrhundert erschauern ließen, verloren zu gehen, könnte ich sonst nicht ertragen. Die Ahnung, dass es etwas Größeres gibt als mich selbst, mit dem ich verbunden, von dem ich gehalten bin, ist mir Vademecum gegen Angst und Einsamkeit – und somit tatsächlich ein Kontrapunkt gegen Transzendenz-Vergessenheit. Schon in seinem 1919 veröffentlichten Vortrag Wissenschaft als Beruf konstatierte Max Weber für die moderne Welt eine Entfremdung, in der der Mensch seinen Lebenssinn selbst konstruieren muss, "alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnung beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt." Ich bemühe mich um die – vielleicht aussichtslose und dennoch um meiner eigenen Stabilität willen zu versuchende – Wiederverzauberung der Welt.
Michael Triegel: "Doxa"
© Galerie Schwind, Leipzig
Jan-Heiner Tück: Schauen wir zurück in die griechische Philosophie. Dort hat der Begriff ‚Doxa‘ eine vielschichtige Bedeutung. Bei Platon bezeichnet er die bloße Meinung, die man hinter sich lassen muss, um zur Welt der Ideen vorzudringen. Bei Aristoteles wird noch genauer zwischen sinnlicher Wahrnehmung (aisthesis), der Meinung (doxa), die schon ein Urteil enthält, das wahr oder falsch sein kann, und dem sicheren Wissen (episteme) unterschieden. Philosophie ist demnach ein dynamischer Prozess, der von der sinnlichen Wahrnehmung über die Meinung zur übersinnlichen Welt der Ideen oder zur Sphäre des sicheren Wissens vordringen soll. Ist auch in Ihrem Bild eine solche Dynamik angezielt?
Michael Triegel: Ich verstehe die künstlerische Arbeit als einen offenen kreativen Prozess, an dessen Ende natürlich ein fertiges Bild stehen soll. Das dem Bild zugrunde liegende Thema, die Idee einer möglichen Interpretation, das Ziel also, wird mir meist erst – nicht immer – während der Arbeit, ja oft erst lange nach deren Beendigung klarer. Zuerst sind da Fragen, Erlebnisse, Gefühle, die gar nicht bis ins Letzte beantwortet oder geklärt werden müssen, denn so bleibt im Bild eine Offenheit für den Betrachter, Raum für dessen ganz eigene Fragen und Zugänge. Am Anfang eines Bildes steht bei mir nicht zuerst das Wort, keine Idee, die ich dann illustriere, sondern eine visuelle Vorstellung, ein sinnliches Erlebnis, eine Person oder ein Gegenstand, die mich faszinieren und so zur Darstellung drängen. Im Falle von ‚Doxa‘ war es ein Mantel auf dem Gemälde von Peter Paul Rubens Der heilige Ambrosius verwehrt dem Kaiser Theodosius den Zugang zur Kirche (1619/20) im Kunsthistorischen Museum Wien. Rubens’ Bild ist durchaus ein Propagandawerk, das die Vormachtstellung von Kirche gegenüber dem Staat thematisiert. Das interessierte mich eigentlich nicht, wohl aber die Fulminanz der Malerei, die psychologische Erfassung der Gesichter und Gebärden, die Sinnlichkeit des Dargestellten, der Glanz des Stofflichen. Gerade der Mantel des Ambrosius faszinierte mich so sehr, dass ich einen ähnlichen malen wollte. Nur mit diesem fing ich an, drapierte mir einen schweren Stoff im Atelier, um die Falten zu studieren, erfand und übernahm von Rubens das Brokatmuster und stellte fest, dass die vegetabilen Formen des Musters und die eingestickten Figuren von einer Lebendigkeit sprachen, die die gemalte Materialität des Brokats ja gar nicht hat und dass die Falten des Stoffes eine Person assoziieren lassen, obwohl wir weder die Hände noch den Kopf sehen. So hatte ich das Thema des Bildes gefunden, das ich dann mit sich auch wiederum Schritt für Schritt ergebenden Details auszubauen versuchte und das sich wohl mit den Worten Goethes fassen ließe: "Am farbigen Abglanz haben wir das Leben."
Jan-Heiner Tück: ‚Doxa‘ ist auch in biblischen Zeugnissen ein wichtiger Begriff. Im Buch Exodus begegnet die großartige Geschichte vom Vorübergang der ‚Herrlichkeit‘ des Herrn (Ex 33, 12-23: כָּבוֹד = kavod). Mose wird in eine Felsspalte gestellt und kann nicht das Antlitz, wohl aber den Rücken des Herrn sehen. Auch in Ihrem Bild sieht man einen prunkvollen Brokatmantel von hinten. Er zeigt etwas, aber verdeckt es zugleich auch wieder. Ja, es ist unklar, ob der Mantel überhaupt einen Träger hat. Hat die Geschichte vom Vorübergang der Herrlichkeit des Herrn für Sie eine Rolle gespielt?
Michael Triegel: Unbedingt! Und das ergab sich im Nachdenken über das eben genannte Goethe-Zitat. Faust erwacht zu Beginn des zweiten Teils der Tragödie, bewundert nach dem dunklen Drama um Gretchen den Aufgang der Sonne. Doch: "Sie tritt hervor! – und, leider schon geblendet, / Kehr‘ ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen." Faust wendet sich um und erblickt einen Wasserfall, Symbol von Leben, Bewegung, ein Gleiches in Verwandlung. Dessen Sprühnebel bricht und reflektiert die in ihrem Glanz nicht zu schauende Sonne als Regenbogen, jenem hochsymbolischen Zeichen des Bundes von Gott und Mensch, in dem sich das uns Übersteigende durch optische Brechung in der Materie spiegelt: "Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. / Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: / Am farbigen Abglanz haben wir das Leben." Das scheint mir der Geschichte von Mose beim Vorübergehen des Herrn doch sehr verwandt. Mose sieht Gottes Rücken. Doch selbst der gibt ihm, wie der Regenbogen als Abglanz der Sonne bei Goethe, eine Ahnung von dessen Herrlichkeit. Und vor allem erkennt er ihn, parallel zu Goethes Wasserfall, als einen Gott im Vorübergehen, eben in Bewegung, als einen Gott des Lebens.
Michael Triegel: "Deus absconditus"
© Galerie Schwind
Jan-Heiner Tück: In der Bewegung scheint die flüchtige Präsenz der Herrlichkeit des Herrn auf. Ihr Bild ‚Doxa‘ bietet der sinnlichen Wahrnehmung eine Fülle an Alteritätsmarkierungen, die sichtbar in die Welt des Unsichtbaren hinüberweisen. Zugleich ist der Hintergrund – wie auch in Ihrem Bild ‚Deus absconditus‘ – dunkel, ja finster, als würde die Abgründigkeit des Nichts die Sehnsucht nach Transzendenz, nach Schönheit und Herrlichkeit zugleich bedrohen...
Michael Triegel: In meinem Bild ‚Deus absconditus‘ habe ich versucht zu zeigen, wie aus einem horror vacui heraus die Angst vor dem schwarzen Nichts dazu führen kann, dieses mit symbolischen Gegenständen zuzustellen, die aber den Raum eng machen und nicht mehr lebendig sind. Und der Blick auf die blutenden Wunden an den Füßen des durch ein großes Tuch verborgenen Gekreuzigten ist durch ein Diagramm mit einer theologischen Spitzfindigkeit verdeckt. Vielleicht bedroht gar nicht so sehr die Dunkelheit oder die Abgründigkeit des Nichts unsere Sehnsucht nach Transzendenz, Schönheit und Herrlichkeit, sondern die Angst, dem Dunkel ausgeliefert zu sein und mehr noch unser verzweifelter Versuch, das Bedrohliche nicht wahrnehmen, es verdrängen zu wollen. Ich bringe den Schrecken nicht aus der Welt, indem ich die Augen schließe, denn dadurch werde ich auch das Schöne nicht wahrnehmen können. Dunkelheit bekämpfe ich nicht durch Dunkelheit. Da sind für mich der Glaube an Gott und die Aufklärung, die man im Englischen so schön enlightment nennt, gar nicht so weit voneinander entfernt. Vielleicht können ja auch Bilder etwas Apotropäisches haben. Ich muss mich dem Grauen, dem Bösen, dem Nichts stellen, um überhaupt eine Idee davon zu bekommen, dass und möglicherweise wie es zu überwinden wäre. Ein formaler Aspekt der Malerei kann uns da vielleicht eine Ahnung geben: vor schwarzem Grund wird das Dargestellte höchst plastisch, leuchten die Farben besonders hell.
Jan-Heiner Tück: In der Theologie haben wir mehr oder weniger ein Bewusstsein von der Unzulänglichkeit unserer Begriffe, die Unbegreiflichkeit Gottes, der sich begreiflich machen wollte, zum Ausdruck zu bringen. Wie geht es Ihnen beim Malen? Gibt es Momente, in denen Sie die Grenzen der Darstellbarkeit von Transzendenz empfinden – und dennoch nicht davon lassen können oder wollen, dem Mysterium, das durch den Begriff von Glanz und Herrlichkeit ja angezeigt wird, malerisch auf die Spur zu kommen, ja es zum Leuchten zu bringen?
Michael Triegel: Die Theologie interessiert mich auch deshalb so sehr, weil ihr doch zumeist bewusst ist, dass sich das, dass sich derjenige, mit dem sie sich beschäftigt, immer wieder entziehen wird, Antworten nur Näherungen, letztgültige hier nicht möglich sind. Auch in meiner Malerei – ich male ja gegenständlich, figurativ – kann ich trotz aller handwerklichen Kniffe, trotz malerischer Detailliertheit die Natur nicht erreichen, geschweige denn Transzendentes abbilden. Ich kann nur versuchen, indem ich in den Bildern einen farbigen Abglanz des Wahrgenommenen gebe, in der Schöpfung den Schöpfer ahnbar zu machen – ein Spiegel im Spiegel mit der sinnlichen Welt dazwischen. Als ich die langwierige Arbeit am Bild ‚Doxa‘ beendet hatte, wollte ich mich wieder aufladen mit Natur, ohne nachzudenken. Gegenstände, Früchte, Blumen einfach nur in ihrer unmittelbar vor mir liegenden Erscheinung malen – drei Quitten oder eine Blüte, ein totes Vögelchen. Als Malgrund wählte ich Pergament, da auf der glatten Oberfläche mit ihrem warmen halbtransparenten Ton die opake körnige Eitemperafarbe, mit der ich malte, die Gegenstände besonders plastisch erscheinen lassen würde. Ich hatte diese gegerbten Tierhäute 1990 bei der Auflösung einer insolventen Buchbinderei aus dem Müll gezogen. Die Wahrnehmung und Würdigung dessen, was weggeworfen, unbeachtet, vermeintlich tot ist, kann man ja vielleicht als Konstante meiner Arbeit sehen. So passten die Pergamente bei dem Projekt, ganz Unspektakuläres, das lebt und vergehen wird, darzustellen, besonders gut, nicht zuletzt, weil sie ja die Haut einst lebender Ziegen oder Kälber waren. Bis zur Erfindung des Papiers dienten teure Pergamente der Darstellung des Heiligsten in Stundenbüchern, Missalen, Codices. Und doch besteht da für mich kein Unterschied: auch das kleinste Blütenblatt hat Würde und Heiligkeit – in der Schöpfung wird der Schöpfer sichtbar.
Jan-Heiner Tück: Ein Motiv, das bei Thomas von Aquin einmal in die schöne Wendung per visibilia ad invisibilia gebracht wird… Auf dem Bild ‚Doxa‘ sind auch gebrochene Flügel zu sehen – vielleicht ein Verweis, dass unser Zugang zum Heiligen nicht ungebrochen ist, dass das, was Sloterdijk die "Vertikalspannung" genannt hat, immer wieder niedergehalten wird – und ein Fingerzeig, dass die Herrlichkeit Gottes selbst verwundbar sein könnte. Im Johannes-Evangelium wird der Begriff "verherrlichen" (δοξάζειν) ja mit der Erhöhung am Kreuz in Verbindung gebracht. Jesus verherrlicht den Vater, indem er seine Sendung "bis zum Ende" (Joh 13,1) erfüllt. Aber zugleich wird er in der Erhöhung auch durch den Vater verherrlicht. Erniedrigung und Erhöhung fallen am Kreuz zusammen. Hat Sie diese Paradoxie als Künstler beschäftigt?
Michael Triegel: Ich freue mich immer, wenn meine Bilder zu ganz verschiedenen, gern meiner eigenen Interpretation widersprechenden Fragestellungen einladen. Paradoxien (man mag das wörtlich als "gegen die Erwartung" verstehen), gerade Glaubensparadoxe interessieren mich besonders, da sie forciert auf Beantwortung drängen und dort, wo Antworten sich nicht einstellen mögen, zwingen, uns dem Widerspruch zu stellen und ihn auszuhalten. Im Kreuz, der Verbindung von Vertikaler und Horizontaler, wird das für mich besonders deutlich. Die unterschiedlichen Darstellungen Christi am Kreuz in der Kunst zeigen uns die Spannung zwischen Erhöhung und Erniedrigung. Da haben wir in den romanischen Triumphkreuzen den König mit seiner Krone auf dem Thron des Kreuzes und auf der anderen Seite das verwesende Fleisch beim Gekreuzigten Grünewalds auf dem Isenheimer Altar. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Jesus hatte ja seinen Jüngern an verschiedenen Stellen von seiner Auferstehung gesprochen. Und doch wird er in der Angst von Gethsemane und besonders in der Einsamkeit und Gottverlassenheit am Kreuz ganz uns Menschen gleich im Schmerz seiner letzten Stunden. In dieser Spannung sehe ich auch die Flügel auf meinem Bild. In der von Schubert vertonten "Schönen Müllerin" schreibt Wilhelm Müller: "Und die Engelein schneiden die Flügel sich ab / und geh’n alle Morgen zur Erde hinab." Was für ein paradoxes, brutales Bild! Ich hatte in meinem großen Gemälde "Tabula smaragdina" von 2023/24 diesen Moment, da sich die Boten zwischen oben und unten der Attribute ihrer himmlischen Zugehörigkeit, der Flügel, entledigen, um auf die Erde herabzusteigen, gemalt. Sie müssen dabei Schmerz empfinden, den sie aber in Kauf nehmen, um an unserer kostbaren menschlichen Lebenssphäre Anteil zu haben, ähnlich wie bei der kleinen Meerjungfrau von Andersen. Menschsein heißt verletzbar sein, heißt sterblich zu sein. Im Bild ‚Doxa‘ nun sehen wir diese abgetrennten, teils blutenden Schwingen (gleichsam als Materialisation verwundeter Seelen) vor dem schwarzen Hintergrund in einem Zug von rechts nach links aus dem Bild herausgeleitet, wohl von der nicht dargestellten, nicht darstellbaren Person im kostbaren Mantel.
Jan-Heiner Tück: Wie in anderen Bildern ist auch in ‚Doxa‘ in der Mitte des Bildes ein kleiner Vogel zu sehen, ein Motiv der griechischen Mythologie, aber auch ein biblisches Symbol. Allerdings ist es keine Taube, die für den heiligen Geist steht, auch kein Adler, der die Majestät und Erhabenheit des göttlichen Geheimnisses hätte zum Ausdruck bringen können. Warum haben Sie einen Sperling gemalt, der auf den ersten Blick eher unspektakulär scheint?
Michael Triegel: Wenn man meinem Vorschlag, dass ich einen Zug von Seelen "hinüber und hinaus" malen wollte, folgen will, so müsste es einen Psychopompos, einen Seelenführer geben (pompa bedeutet Geleit, Festzug). Tatsächlich wollte ich das Bild erst "Psychopompos" nennen. Der Titel erschien mir dann aber doch als zu pompös. Dann allerdings hätte man auch den Sperling schneller deuten können. Vielleicht hätte man zuerst in der Unperson im kostbaren Brokat, dem größten Element des Bildes, jenen Seelenführer erkannt, der sich allerdings der vollen Darstellung entzieht. Für die alten Griechen versah allerdings der Sperling in Vertretung des (Todes-)Boten Hermes die Funktion des Begleiters der Verstorbenen in die jenseitige Welt. Das kleinste (und lebendigste) Detail des Bildes, ein kleiner "Dreckspatz", wird so zum Angelpunkt der Komposition. Jeden Moment wird er die Dunkelheit und die Begrenzungen des Bildformat nach oben hin verlassen. Er ist der Stellvertreter für denjenigen, den ich nicht darstellen kann.
Jan-Heiner Tück: Auch Eulen sind auf dem Bild zu sehen. Sie haben einen scharfen Blick in Dämmerung und Finsternis, sind aber geblendet, wenn das Licht aufscheint – und fliehen den Tag.
Michael Triegel: Ja! Eine der Eulen scheint sich im Landeanflug zu befinden – wie der Sperling ebenfalls hinaus aus dem Bild... aber nach unten. Die andere Eule sitzt an der Kante, die den Bildraum vom Raum des vor dem Gemälde stehenden Betrachters trennt. Sie blinzelt nicht, sondern schaut uns mit großen Augen an. Dadurch können wir bei diesem lichtscheuen Vogel wohl schließen, dass die Welt, in die er blickt, nämlich die unsere, dunkel sei. Ist das zu pessimistisch, gar zu nihilistisch gefolgert in Bezug auf unsere Welt? Doch ist nicht die Eule der Athena heilig, der Göttin der Klugheit und der Weisheit? Gerade in finsteren Zeiten mag der Geist besonders gefordert sein. Der berühmte Satz von Georg Friedrich Wilhelm Hegel gibt mir doch Hoffnung: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." Und auch da, wo wir die Sonne gerade nicht sehen, dürfen wir gewiss sein, dass sie existiert. Ich bin als Jugendlicher oft den Weg durchs Webicht von Weimar nach Tiefurt gegangen. Am Abend des 2. Mai 1824 fuhr Goethe die Strecke im Wagen und äußerte sich gegenüber Eckermann über letzte Dinge: "Untergehend sogar ist’s immer dieselbige Sonne. – Wenn einer fünfundsiebzig Jahre alt ist, kann es nicht fehlen, daß er mitunter an den Tod denke. Mich läßt dieser Gedanke in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur; es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähnlich, die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet."
Jan-Heiner Tück: Die nie untergehende Sonne veranlasst mich, am Ende unseres Gesprächs die Aufmerksamkeit auf die leuchtende Scheibe in Ihrem Bild zu lenken, die über dem prunkvollen Brokatmantel zu sehen ist. Sie steht in auffälligem Kontrast zum dunklen Hintergrund – als solle sie das Nichts negieren und einen österlichen Vorschein andeuten?
Michael Triegel: Das möchte ich auch so sehen. Vielleicht bringt diese sonnenhafte Scheibe den Kerngedanken des Bildes noch einmal auf den Punkt, dass der Glanz des Lebens, der ein Abglanz Gottes ist, das dunkle Nichts überstrahlt. Dabei mag sie verdeutlichen, dass mir die Ahnung von Transzendenz immer wieder in der Materie der mich umgebenden Welt aufscheint. Ich hätte diesen Nimbus, die Augen mit gemalten Reflexionen täuschend, mit Farben (mit Ocker und Neapelgelb, grünen und orangenen Schattierungen) malen können, habe ihn aber mit purem Gold ausgelegt. Er ist also keine malerische Illusion, sondern reine Materie des kostbaren Edelmetalls. Und gerade diese Materie steht wie die vergoldeten Hintergründe und Heiligenscheine der mittelalterlichen Malerei für das Transzendente. Und da ist sie wieder, meine Liebe zum Paradox: Dass es aber doch nur Malerei ist, das mag durch die auf das Blattgold gemalten Perlen und Edelsteine deutlich werden. Sie täuschen unser Auge, scheinen greifbar zu sein, werfen gemalte Schatten auf das echte Gold, sind aber eben nur ein Kunststück, gemacht durch geschicktes Auftragen von Pigmenten, Eigelb, Dammarfirnis, Wasser und Öl. Und dennoch: "Am farbigen Abglanz haben wir das Leben."