An der Schwelle zur unsichtbaren Welt"Die Himmelfahrt Mariä" von Guido Reni

Zum heutigen Hochfest führt Guido Renis Barockgemälde mitten in das Geheimnis der Aufnahme Mariens in den Himmel. Heute im Museum, bleibt der ursprüngliche Zusammenhang des Altarbildes verborgen – und mit ihm die Bedeutung einer auffälligen Leerstelle.

Ein Gemälde von Guido Reni. Es zeigt, wie Maria von Engeln in den Himmel gehoben wird.
Guido Reni, Die Himmelfahrt Mariä, um 1638/39, Öl auf Seide, 295x208 cm, Alte Pinakothek München.© Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, CC BY-SA 4.0

Er gilt als einer der Meister des Barock: der bolognesische Maler Guido Reni (1575-1642). Vor fast 400 Jahren hat er gemalt, was wir am 15. August feiern: Mariä Himmelfahrt. Sein Bild lässt uns auch heute staunen.

Werfen wir einen Blick auf die Komposition: Wie eine Pretiose wird die Gottesmutter Maria präsentiert. Von vier Engeln getragen ist sie von einem mehrreihigen, in unterschiedlichen Lichtgraden schimmernden und durchfluteten Wolkenkranz umgeben, der gewissermaßen ein Ostensorium um sie bildet. Ihr zartrotes Untergewand wird von einem weißen Zingulum gegürtet und fällt in schweren Falten herab. Der lose über die Schultern drapierte Überwurf leuchtet in einem juwelenhaften Blau.

Maria wird von unten emporgehoben; gerade scheint sie im Begriff zu sein ihr Ziel zu erreichen, der Himmel öffnet sich, die Engel sind zugegen, der "himmelnde Blick" der Gottesmutter gewahrt bereits die Heiligste Dreifaltigkeit, die uns noch verborgen ist.

Ihr Haupt ist nach oben gewandt und von einem cremefarbenen Schleier umhüllt. Ihr Blick erhebt sich nach einem goldenen Licht, das aus einer anderen Sphäre auf sie hereinzubrechen scheint; kaum merklich deutet sich darin ein Heiligenschein um ihr Haupt an. Die in zugleich anbetender wie sich ergebender Geste weit ausgestreckten Arme mit den geöffneten Handflächen verweisen auf je drei Engelsköpfe zu beiden Seiten der Gottesmutter, die wie staunende Zeugen das wundersame Geschehen betrachten.

Ein Gemälde von Guido Reni. Es zeigt wie Maria von Engeln in den Himmel emporgehoben wird.
Guido Reni, Die Himmelfahrt Mariä, um 1638/39, Öl auf Seide, 295x208 cm, Alte Pinakothek München. © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, CC BY-SA 4.0

Am unteren Bildrand tritt schließlich eine weitere Gruppe von drei Puttenköpfen hervor. Während zwei von ihnen den Blick auf Maria richten, wendet der dritte seine Augen nach unten und setzt damit einen auffälligen Gegenakzent innerhalb der kelchförmigen Komposition. Dieses Detail weist auf ein Stadium zwischen Himmel und Erde hin, Maria wird von unten emporgehoben; gerade scheint sie im Begriff zu sein ihr Ziel zu erreichen, der Himmel öffnet sich, die Engel sind zugegen, der "himmelnde Blick" der Gottesmutter gewahrt bereits die Heiligste Dreifaltigkeit, die uns noch verborgen ist. Im nächsten Moment wird sie unseren Augen wieder entschwinden.

Durch die Kraft des Höchsten emporgehoben

Bemerkenswert ist zudem, wie die vier Engel im unteren Bildteil die Gottesmutter gleichsam tragen und stützen und zugleich die dynamische Aufwärtsbewegung der gesamten Bildanlage verstärken. Maria vermag der sich öffnenden Wolkengloriole nicht aus eigener Kraft entgegenzustreben, sie wird von den Engeln emporgehoben und gehalten. Sie fährt nicht selbst zum Himmel, sie wird durch die Kraft des Höchsten emporgehoben. Bei näherem Zusehen ergibt sich der die Bilddramatik erheblich steigernde Eindruck, als wäre die gesamte Stellung der Gottesmutter derart instabil, dass die Komposition im nächsten Moment in sich zusammenfallen könnte, wären da nicht die stützenden Engel. Die gewohnten Gesetze der Natur scheinen außer Kraft gesetzt.

Das Altarbild fungiert so nicht nur als Bildträger, sondern geradezu als Schwelle zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

Dieser Eindruck wird dadurch noch gesteigert, dass der Betrachter das Gemälde aus einer deutlichen Untersicht wahrnimmt. Ein solcher Blickwinkel unterstreicht die aufwärtsgerichtete Dynamik der Komposition und vermittelt, dass wir einer flüchtigen Momentaufnahme beiwohnen. Auf Augenhöhe des Betrachters befindet sich dabei eine auffällige Leerstelle: Hier öffnet sich der Blick auf den blauen Himmel mit wenigen, sich allmählich auflösenden Wolken. Dass gerade dieser scheinbar unbesetzte Bildbereich eine zentrale Bedeutung für das Verständnis des Gemäldes einnimmt, wird sich im Folgenden zeigen.

Ein Altarbild in einem Museum birgt die Gefahr, missverstanden zu werden

Der bolognesische Barockmaler Guido Reni schuf dieses monumentale, auf kostbare Seide gemalte Ölbild in den Jahren 1638/39 für den Hochaltar der Kirche Santa Maria degli Angeli in Spilamberto bei Modena. Heute befindet sich das Gemälde in der Alten Pinakothek zu München. Die Tatsache, dass uns das Bild seines ursprünglichen Kontextes innerhalb eines Altaraufbaus beraubt präsentiert wird, birgt die Gefahr, wesentliche Bildidiome misszuverstehen.

Barocke Hochaltäre sind in der Regel so gestaltet, dass das Altarbild von einer portikusartigen Architektur umrahmt wird (vgl. Guido Reni, Kreuzigung, San Lorenzo in Lucina, Rom). Dadurch entsteht der Eindruck, als öffne sich im Gemälde gleichsam ein Durchgang in die unsichtbare Wirklichkeit des Himmels. Das Altarbild fungiert so nicht nur als Bildträger, sondern geradezu als Schwelle zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Der Altar erweist sich damit als jener Ort, an dem sich Diesseits und Jenseits berühren und die himmlische Wirklichkeit im liturgischen Geschehen gegenwärtig wird. So kommen wir auch zur Leerstelle auf Augenhöhe des Betrachters. Denn genau hier ragte vermutlich das Altarkreuz in das Bild hinein und gerade hier wurden die gewandelten Gestalten von Brot und Wein in der Eucharistie erhoben.

Die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit ist nicht Ausdruck eigener Macht oder eines eigenen Verdienstes, sondern das vollkommene Gnadenhandeln Gottes an ihr.

Damit eröffnet sich der entscheidende Schlüssel zum Verständnis sowohl des Gemäldes als auch des von ihm dargestellten Glaubensgeheimnisses. Die Aufnahme Mariens in den Himmel bildet die Vollendung ihres einzigartigen Heilsweges. Als Mutter Gottes, die den menschgewordenen Logos in ihrem Schoß getragen hat, als die von der Erbsünde Bewahrte und als jene, die unter dem Kreuz ihres Sohnes bis zuletzt ausgeharrt hat, nimmt sie in einzigartiger Weise an der Auferstehung und Verherrlichung Christi teil. Ihre Aufnahme mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit ist daher nicht Ausdruck eigener Macht oder eines eigenen Verdienstes, sondern das vollkommene Gnadenhandeln Gottes an ihr.

Zugleich ist Maria Urbild und Vorausbild der Kirche. An ihr hat Gott bereits vollendet, was allen verheißen ist, die durch Christus erlöst werden: die endgültige Gemeinschaft mit ihm in der Herrlichkeit des Himmels. Der Weg zu dieser Vollendung führt jedoch über das Kreuz. Nicht zufällig bildet deshalb das Altarkreuz, das sich ursprünglich vor dem Gemälde erhob, gleichsam eine visuelle Brücke in die dargestellte Szenerie. Wer den Blick vom Kreuz aus erhebt, erkennt, dass Auferstehung und Verherrlichung untrennbar aus dem österlichen Geheimnis hervorgehen. Der Betrachter indes steht noch in der Welt und blickt seiner Vollendung entgegen, die bei Maria in Renis Bild schon im Gange, sich aber erst im nächsten Augenblick vollziehen wird. Er steht noch zwischen Verheißung und Erfüllung, zwischen Gnade und Herrlichkeit, zwischen Himmel und Erde.

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