Martin Heidegger zählt zu den prägenden und zugleich umstrittensten Denkern des 20. Jahrhunderts. Fünfzig Jahre nach seinem Tod bleibt sein Werk ein Bezugspunkt philosophischer, theologischer und gesellschaftlicher Debatten. Seine Fragen nach Sein, Zeit, Technik und menschlicher Existenz wirken bis in aktuelle Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit der Moderne hinein.

Vor 50 Jahren, am 26. Mai 1976, verstarb Martin Heidegger in Freiburg. Wenige Tage später wurde er in seiner Heimatstadt Meßkirch beerdigt. Bei seiner Beerdigung sprach auch der Theologe und Religionsphilosoph Bernhard Welte, der, wie Heidegger aus Meßkirch stammend, von seinem Denken stark beeinflusst wurde. Heidegger hatte ihn, den katholischen Priester, Anfang 1976 um Worte bei seiner Bestattung gebeten. "Er war immer ein Sucher und immer auf dem Weg", so charakterisierte Welte Heidegger. Der Meßkircher Denker sei "seinen eigenen Weg gegangen, und er hat ihn wohl gehen müssen, seinem Geheiß folgend, und man wird diesen Weg nicht ohne weiteres einen christlichen im üblichen Sinne des Wortes nennen können. Aber es war der Weg des vielleicht größten Suchenden dieses Jahrhunderts."

Worte des Respekts für seinen großen Landsmann, Worte, die auch heute noch gelten und die ein wichtiges Licht auf Heideggers Philosophie werfen. Als Suchender war Heidegger ein radikal Fragender, jemand, der das, was Philosophieren eigentlich ausmacht, wiederbelebte, der überlieferte Vorurteile und Gewissheiten in Frage stellte und der nicht bei einmal gefundenen Einsichten stehen blieb.

Diese Radikalität hat zeit seines Lebens Menschen, die Martin Heidegger begegnet sind, bewegt und begeistert. Sie ist auch der Grund, warum man heute noch Heidegger lesen kann – und sollte: nicht, um "Heideggerianer" zu werden, sondern um selbst suchen, fragen, denken zu lernen. Nur das wäre im Sinne Heideggers. Eine enge Heidegger-Schule wollte er nämlich gar nicht. Im Grunde kann es eine solche Schule auch gar nicht geben. Heideggers Anliegen bestand nämlich darin, zum eigenen Nachdenken zu befreien. Das wird deutlich, wenn man sieht, welche wichtigen Denker des 20. Jahrhunderts von Heidegger beeinflusst wurden. Sie alles sind eigene Wege des Denkens gegangen, die ohne Heidegger jedoch gar nicht möglich gewesen wären. Neben Bernhard Welte wären Karl Löwith, Hans Jonas, Hannah Arendt, Günther Anders, Hans-Georg Gadamer, Herbert Marcuse, Emmanuel Lévinas oder auch Eugen Fink, Jacques Derrida, Michel Foucault und Peter Sloterdijk zu nennen. Noch auf viele andere ließe sich verweisen. Katholischerseits kann man Max Müller, Karl Lehmann, Klaus Hemmerle und Bernhard Casper oder in Frankreich Jean-Luc Marion und Jean-Yves Lacoste erwähnen. Auch bei Joseph Ratzinger finden sich Spuren der Auseinandersetzung mit Heidegger, und Papst Franziskus erwähnt ihn in seiner letzten Enzyklika Dilexit Nos.

Lange Zeit war es in der Philosophie und vielen anderen Disziplinen kaum möglich, sich nicht mit Heidegger auseinanderzusetzen. Man kann daher heute auf eine beeindruckende internationale Rezeption seiner Philosophie blicken – nicht nur in Europa, sondern auch in Nord- und Südamerika und in Asien, nicht nur in akademischen Disziplinen, sondern auch in Kunst, Musik und Literatur.

Die Frage nach dem Verstehen des ursprünglich Christlichen hält ihn in Atem. Er fragt nach der "faktischen Existenz" des Menschen, nach der Zeit und nach den Grenzen der Weltanschauungs- und Wertphilosophie

Wege der Herkunft

"Herkunft bleibt stets Zukunft", so hatte Heidegger einmal formuliert und sich dabei auch auf seine eigene theologische Vergangenheit bezogen: "Ohne diese theologische Herkunft wäre ich nie auf den Weg des Denkens gelangt." Ursprünglich wollte Heidegger – nach einer kurzen Zeit im Noviziat der Jesuiten – Diözesanpriester werden. Heidegger studierte vier Semester Theologie, wechselte dann das Studienfach und studierte Mathematik, Philosophie und Naturwissenschaften. Auf eine Glaubenskrise ging dieser Wechsel des Studienfachs nicht zurück. Heideggers frühe Veröffentlichungen und seine ersten Vorträge in seiner Heimatstadt Meßkirch zeigen, dass er auch als Student der philosophischen Fakultät noch stark religiöse Interessen verfolgte. Er setzte sich im Horizont des Kulturkampfes kritisch u. a. mit dem Darwinismus, mit Nietzsche oder auch mit dem Sozialismus auseinander.

Zugleich entfremdet er sich schon früh von der katholischen Kirche und vom Glauben seiner Herkunft. Das enge neuscholastische Denken, das, wie er einmal schrieb, "System des Katholizismus" konnte einen schon früh sehr eigenständigen Denker wie Heidegger nicht überzeugen. Als junger Mann liest er, auch von den Kriegserfahrungen seiner Generation beeinflusst, neben Nietzsche auch Hölderlin, Trakl, Dostojewski oder Kierkegaard. Philosophisch wird mit Hegel die Frage nach der Geschichte für ihn bedeutsam. Intensiv setzt er sich mit der Lebensphilosophie, mit Paulus-Briefen, mit Augustinus, mit der mittelalterlichen Mystik und auch mit Luther und Schleiermacher, mit Troeltsch und Harnack auseinander. Zu Aristoteles gewinnt er einen ganz neuen Zugang. Noch 1921 hat er sich in einem Brief an Karl Löwith als "christlicher Theologe" bezeichnet. Die Frage nach dem Verstehen des ursprünglich Christlichen hält ihn in Atem. Er fragt nach der "faktischen Existenz" des Menschen, nach der Zeit und nach den Grenzen der Weltanschauungs- und Wertphilosophie und versucht, die Phänomenologie seines Lehrers Edmund Husserl kritisch weiterzuentwickeln.

Die grundsätzliche Differenz zwischen christlichem Glauben und philosophischem Denken, zwischen Theologie und Phänomenologie wird ihm zunehmend bewusst. Heidegger geht den Weg der Philosophie – radikal, mit beeindruckender Konsequenz, aber auch nicht ohne Ambivalenzen und Abgründe. Sein Verhältnis zum Nationalsozialismus wird bis heute kritisch diskutiert. In den 1930er Jahren sollte Heidegger in einem Brief an Karl Jaspers nicht nur die "Auseinandersetzung mit dem Glauben seiner Herkunft", sondern auch das "Misslingen des Rektorats" mit Paulus als "zwei Pfähle" bezeichnen, die sein Leben bestimmten.

Wege von Sein und Zeit

Heidegger hat nach der Veröffentlichung seiner Habilitation und Probevorlesung lange nichts publiziert. Es gab Gerüchte über den "heimlichen König" der Philosophie in Freiburg, so im Rückblick Hannah Arendt. Aber diese Gerüchte beruhten auf dem Hörensagen. Dann erfolgte ein Paukenschlag: Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit erscheint 1926 in dem von seinem Lehrer Edmund Husserl herausgegebenen Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, dann 1927 als Einzelband. Dieses Buch hat innerhalb kürzester Zeit den internationalen Ruf Heideggers als eines Meisterdenkers begründet. Es wird verglichen mit den anderen großen Werken der Philosophiegeschichte – mit Kants Kritik der reinen Vernunft oder Hegels Phänomenologie des Geistes. In Anspruch, Bedeutung und Wirkung kann es diesen Klassikern tatsächlich an die Seite gestellt werden. Mittlerweile liegen nicht nur viele Auflagen der deutschen Ausgabe, sondern auch zahlreiche Übersetzungen vor.

Ein neuer, revolutionärer Geist durchwehte die Philosophie. Manche Interpreten vergleichen Sein und Zeit mit dem Expressionismus der 1920er Jahre. Und es ist in der Tat auch ein Buch dieses wilden, aufregenden und auch verunsicherten Jahrzehnts. 

Neben begeisterten Lesern standen radikale Kritiker. Heideggers Sprache war neu. Das war für einige aufregend, für andere manieriert. Ein neuer, revolutionärer Geist durchwehte die Philosophie. Manche Interpreten vergleichen Sein und Zeit mit dem Expressionismus der 1920er Jahre. Und es ist in der Tat auch ein Buch dieses wilden, aufregenden und auch verunsicherten Jahrzehnts. Äußerlich hält sich Heidegger an gängige wissenschaftliche Konventionen, innerlich sprengt er viele Erwartungen, die man an ein Buch aus dem Umfeld Husserls gehabt haben mag. Es gibt Passagen von luzider Klarheit und andere, die bis heute dunkel wirken. Es ist durchaus ein schwer verständliches, missverständliches und auch zutiefst mehrdeutiges Werk.

Man kann dieses Buch vielleicht mit einem Teppich vergleichen: Aus verschiedenen Fäden – die Fragen, die ihn seit Studienzeiten bewegten, die Ideen, die er bereits entwickelt hatte und die weiter aus ihm sprudelten, die verschiedenen geistigen Einflüsse, die er begierig aufgriff – webte er etwas ganz Neues. Daher gibt es verschiedene Aspekte, unter denen dieses Buch gelesen werden kann. Da Heidegger die Frage nach dem Sinn von Sein klären wollte, steht im Vordergrund eine fundamentalontologische Fragestellung. Daneben finden sich transzendentalphilosophische, phänomenologische, existenzphilosophische, anthropologische, zeit- und geschichtsphilosophische und auch hermeneutische, sprach- oder sozialphilosophische oder sogar theologische Dimensionen dieses unerschöpflichen Buches.

Um sich mit der Frage nach dem Sinn von Sein zu beschäftigen, wendet sich Heidegger dem Seienden zu, das immer schon über ein Seinsverständnis verfügt: das Dasein. Dieses analysiert Heidegger als "In-der-Welt-sein". Das Sein des Dasein, so Heidegger weiter, sei die "Sorge". Damit bezieht er sich nicht auf einen alltäglichen Begriff von Sorge. Er betrachtet nämlich die Art und Weise, wie Dasein ist. Dasein ist kein Ding, keine Sache, die sich verobjektivieren ließe. Dem Dasein, so erkennt Heidegger, geht es in seinem Sein um etwas, nämlich um sein eigenes Seinkönnen. Es ist sich vorweg, es lebt auf Zukunft hin; es ist immer schon in der Welt, es lebt von einer Vergangenheit her; und es ist bei dem, was ihm in der Welt begegnet, es lebt in einer Gegenwart. Heidegger zeigt im weiteren Verlauf seiner Untersuchung auf, dass der ontologische Sinn der Sorge die Zeitlichkeit ist. Sein, so das Ergebnis seiner Analyse des Daseins, zeigt sich als Zeit. Das ist die Kernbotschaft dieses Buches, das in seinem komplexen Gedankengang beeindruckende Ausführungen zur Angst, zum "Sein zum Tode", zum Gewissen und seinem Ruf und zur Eigentlichkeit oder zum Mitsein, zum Man als "Wer" des alltäglichen Daseins und zur Geschichte und Geschichtlichkeit des Daseins enthält.

Wege des Spätwerks

Sein und Zeit blieb ein Fragment. Heidegger selbst setzte sich lebenslang kritisch mit diesem Meilenstein der philosophischen Diskussion des letzten Jahrhunderts auseinander. Ihm waren die Bedeutung und Größe seines Denkens bewusst – aber auch seine Grenzen. Mit beeindruckender Konsequenz bleibt Heidegger niemals irgendwo stehen und formuliert eine feste "Position". Wege, nicht Werke, so lautete das von ihm gewählte Motto der Gesamtausgabe. Nicht wenige seiner "Werke" tragen auch den Bezug auf das Weghafte seines Denkens im Titel: Neben Holzwege und Wegmarken stehen Unterwegs zur Sprache und die berühmte kleine Schrift Der Feldweg.

Heidegger bleibt der Seinsfrage treu. Doch nun fragt er nicht mehr nach dessen "Sinn", sondern nach der Wahrheit oder "Ortschaft" des Seins. Mensch und Sein zeigen sich ihm weiterhin in ihrer Zusammengehörigkeit. Doch anders als in Sein und Zeit geht Heidegger nun nicht vom seinsverstehenden Dasein aus, sondern vom "Ereignis" des Seins oder vom "Seinsgeschick". "Das Denken", so Heidegger im Humanismusbrief aus dem Jahr 1946, "lässt sich vom Sein in den Anspruch nehmen, um die Wahrheit des Seins zu sagen." Der Mensch sei "Hirte des Seins", und die Sprache das "Haus des Seins".

Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg tritt er mit Vorträgen und Veröffentlichungen zur modernen Wissenschaft und zur Frage nach dem Wesen der Technik, zu einem ursprünglichen Verständnis von Natur und Sein und zur Geschichte der Philosophie an die Öffentlichkeit. 

In seinen Vorlesungen ab Mitte der 1930er Jahre wendet er sich intensiv den Vorsokratikern, Schelling, Nietzsche und der Dichtung Hölderlins zu und versucht, die Geschichte der Metaphysik zu verstehen. Diese erscheint ihm als Geschichte des Seins – und der Seinsvergessenheit. Im Nihilismus Nietzsches und in der modernen Technik, so führt Heidegger aus, vollende sich diese Geschichte. Für eine kurze Zeit schien es ihm notwendig, die Metaphysik zu überwinden. Doch wird ihm schnell deutlich, dass das nicht möglich ist. Er spricht nun von einer "Verwindung" der Metaphysik.

Heidegger bemüht sich um radikale Neuansätze des Denkens. Zahlreiche Texte aus dieser Zeit, die ein unentwegtes Ringen und auch Abwege und Verirrungen des Denkens zeigen, schreibt er nur für sich selbst oder einen kleinen Kreis von Lesern. Dazu gehören die bedeutenden Nachlassmanuskripte oder die in den letzten zehn Jahren viel diskutierten "Schwarzen Heften" ("schwarz", weil es sich ganz wörtlich um "schwarze" Hefte handelt). An eine unmittelbare Veröffentlichung dieser seit einiger Zeit publizierten Texte denkt Heidegger nicht. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg tritt er mit Vorträgen und Veröffentlichungen zur modernen Wissenschaft und zur Frage nach dem Wesen der Technik, zu einem ursprünglichen Verständnis von Natur und Sein und zur Geschichte der Philosophie an die Öffentlichkeit. Er äußert sich zum Verlust der Heimat in der Neuzeit, zur Herausforderung eines nur noch rechnenden Welt- und Selbstverhältnisses und zu einer Verarmung des Sprechens und der Sprache im technischen Zeitalter. So wird er ein gefeierter "Stardenker" – ein Wort, das er für sich (und überhaupt) abgelehnt hätte. Zugleich fällt bereits in den frühen 1950er Jahren auch ein Schatten auf sein Wirken.

Irrwege des Denkers

1953 veröffentlichte Heidegger seine Vorlesung Einführung in die Metaphysik aus dem Jahr 1935, in der er mit Bezug auf den Nationalsozialismus von der "der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung" sprach. Jürgen Habermas nahm die Empörung vieler späterer Leser vorweg und besprach diese Vorlesung äußerst kritisch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er warf – bei aller Hochachtung für Heideggers frühes Hauptwerk Sein und Zeit – Heidegger mit Blick auf seine Rektoratsrede "Primitivismus" vor:

"Bedenkenswert ist doch vielmehr dies – wie der Autor von 'Sein und Zeit', das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels 'Phänomenologie', wie also ein Denker dieses Ranges in einen so offenbaren Primitivismus verfallen konnte, als der sich die hektische Stillosigkeit jenes Aufrufs zur Selbstbehauptung der deutschen Universität bei nüchternem Zusehen unbestritten erweist."

Damit wurde der "Fall Heidegger" - die kontrovers erörterten Fragen nach seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus und nach der Deutung (insgesamt recht weniger) antisemitischer Aussagen - zum Gegenstand des öffentlichen Interesses und einer breiten internationalen Diskussion, die bis heute anhält.

Heidegger war Anfang 1933 zum Rektor der Freiburger Universität gewählt worden. Die Kollegen, die ihn wählten, hatten vermutlich die Hoffnung, der weltweit bekannte Heidegger könne die Universität vor Übergriffen seitens der neuen Machthabe schützen. Heidegger selbst war kein politischer Mensch. Aber er hatte sich schon in den 1920er Jahren mit der Frage nach der Universität beschäftigt. Ihm war klar, dass es notwendig sei, die Universität zu reformieren. Im Frühjahr 1933 sah er die Stunde dafür gekommen. In seiner Rektoratsrede Die Selbstbehauptung der deutschen Universität entfaltet er sein Rektoratsprogramm. Doch ist das, was Heidegger vorschwebte, alles andere als klar. Die Rede ist höchst ambivalent und offen für unterschiedlichste Interpretationen. Das zeigt sich schon am Titel, der nicht so eindeutig ist, wie Habermas nahelegt: Verweist die "Selbstbehauptung" darauf, dass Heidegger die Autonomie der Universität angesichts ihrer Gefährdungen retten wollte? Oder geht es ihm eher um die Selbstbehauptung der "deutschen" Universität – im Einklang mit der nationalsozialistischen Machtergreifung?

Es ist nicht unplausibel, dass Heidegger unterschiedliche Hörergruppen ansprechen wollte und bewusst vieldeutig formulierte. So forderte Heidegger, es solle drei Dienste für die Studenten geben: Einen Wissens-, einen Arbeits- und einen Wehrdienst. Die einen fühlten sich an Platons Politeia, an die Idee, es solle im Staat drei verschiedene Stände geben, erinnert und die anderen erblickten in dieser Idee eine Anpassung der Universität an den neuen gesellschaftlichen und politischen Zeitgeist, der die Arbeit und das Wehrhaft-Militärische mit einer zentralen ideologischen Bedeutung versah. Noch andere konnten darin eine Referenz auf Ernst Jüngers Der Arbeiter sehen. Ausdrücklich nimmt Heidegger in seiner Rede auf Hitler oder den Nationalsozialismus nicht Bezug. Ist das eine Distanzierung? Oder hat er das einfach nicht für notwendig erachtet, weil ihm die Bezüge so klar schienen?

Hatte er anfänglich gedacht, der Nationalsozialismus könne eine Antwort auf den Nihilismus der Neuzeit darstellen, so wird ihm nun klar, dass der Nationalsozialismus den Nihilismus noch vertieft und radikalisiert.

Eine deutlichere Annäherung an den Nationalsozialismus vollzieht Heidegger in den ersten Monaten des Rektorats. Zugleich wird ihm deutlich, dass dem Nationalsozialismus für die Universitäten ganz andere Ideen vorschweben als ihm. An seinen Ideen zur Universitätsreform, so muss er erkennen, scheint man kein Interesse zu haben. Frustriert zieht sich Heidegger aus den "Niederungen" der (Universitäts-)Politik zurück und tritt vorzeitig von seinem Amt zurück. In den nächsten Jahren wird sich Heidegger auch mit seinem Rektorat und mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Zunächst bleibt sein Verhältnis ambivalent. Die Rede von der "der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung" in der Vorlesung des Jahres 1935 verdeutlicht das. Doch immer mehr, so zeigen viele Texte Heideggers aus den späten 1930er und frühen 1940er Jahren, wird sein Verhältnis zum Nationalsozialismus kritischer. Hatte er anfänglich gedacht, der Nationalsozialismus könne eine Antwort auf den Nihilismus der Neuzeit darstellen, so wird ihm nun klar, dass der Nationalsozialismus den Nihilismus noch vertieft und radikalisiert.

Allerdings hat sich Heidegger nach dem Zweiten Weltkrieg kaum oder nur recht verschlüsselt zu seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus geäußert. Man muss dieses Schweigen in den Kontext der damaligen Zeit stellen. Denn diese war in dieser Hinsicht im Allgemeinen sehr schweigsam. Gerade von einem Denker vom Format Heideggers hätte man jedoch anderes – vielleicht eine in der Öffentlichkeit deutlich vernehmbare positive Einschätzung des Endes der nationalsozialistischen Diktatur 1945 oder der Gründung einer liberalen Demokratie in Westdeutschland 1949 – erwarten können.

Sein spätes Denken führt ihn auf andere Wege, die jedoch nicht frei von Bezugnahmen auf die damalige Gegenwart sind. Wer genau liest, stößt auf eine Auseinandersetzung nicht nur mit aktuellen Gefährdungen wie der Atomenergie, sondern auch mit dem nihilistischen und technischen Geist der totalitären Diktaturen. Heideggers "seinsgeschichtliche" Perspektive macht die Lektüre nicht einfach – und führt ohne Frage auch zu interpretatorischen Herausforderungen. Doch ist es wichtig, diese Dimensionen seines späten Denkens anzuerkennen. Trotzdem stellt sich die Frage, die Habermas in seiner Besprechung gestellt hat, auch heute noch. Sie nicht zu stellen, würde bedeuten, der denkerischen Größe Heideggers nicht gerecht zu werden. Denn Heidegger war sich selbst durchaus auch der Irrwege seines Denken bewusst und nahm sie als Denkerfahrungen auf seinen weiteren Denkwegen ernst.

Wege der Zukunft

Was bleibt von Heidegger? Zum einen ein gewaltiges Werk: Die Gesamtausgabe umfasst mehr als 100 Bände. In der Martin-Heidegger-Briefausgabe werden sukzessive die Briefwechsel Heideggers erschlossen. Heidegger gehörte zu den letzten großen Briefschreibern. Mehr als 500 Briefpartner sind bekannt, und nicht wenige Briefwechsel sind auch philosophisch relevant. Manche Briefwechsel zeigen einen bis heute unbekannten Heidegger. In Kürze wird der umfangreiche Briefwechsel mit seinem Bruder Fritz erscheinen. Die Forschung hat auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hin noch viel zu tun.

Wer die geistige Welt des 20. und auch noch des 21. Jahrhunderts verstehen möchte, kommt an einer Auseinandersetzung mit Heidegger nicht vorbei. Vieles jedoch weist auch in die Zukunft und ist von bleibender Relevanz.

Einiges aus Heideggers Feder ist vor allem philosophie- und geistesgeschichtlich von Interesse. Wer die geistige Welt des 20. und auch noch des 21. Jahrhunderts verstehen möchte, kommt an einer Auseinandersetzung mit Heidegger nicht vorbei. Vieles jedoch weist auch in die Zukunft und ist von bleibender Relevanz. Heidegger hat fast prophetisch viele Herausforderungen wahrgenommen, die sich heute auch noch und in oft verschärfter Form stellen. Was eigentlich Technik ist, was in der technischen Welt geschieht – hat man das heute schon verstanden? Gerade in Debatten über Künstliche Intelligenz, die ökologische Krise oder auch die Zukunft der Demokratie in Zeiten digitaler Medien kann Heidegger Blick heute noch weiterhelfen.

Auch sein Frühwerk, die Radikalität eines Fragens, das die "Sache selbst" des Menschen in den Blick nimmt und fest gefahrene Weltanschauungen und Gottesbilder in Frage stellt, bietet Anstöße für gegenwärtiges Denken. Heidegger denkt radikal über die Endlichkeit des Daseins nach. Ist dies in Zeiten trans- und posthumanistischer Fantasien, die den Tod besiegen wollen, nicht weiterhin von Bedeutung? Er geht von einem Primat der Zukunft aus. Bleibt dies nicht ein Stachel in einer Zeit, die zunehmend Hoffnung und Zuversicht verliert? Ist seine Weltanschauungskritik nicht gerade heute – in Zeiten neuer ideologischer Versuchungen – von erneuter Bedeutung? Und lässt sich nicht mit Heideggers Kritik an Theologien, die eng und steril sind und das Eigentliche christlicher Existenz verkennen, ganz neu nach dem "göttlichen Gott" fragen?

Dass Menschen weiterhin Heimat finden und auf der Erde wohnen können, dass sie weiterhin denken, nach dem Sinn von allem, was ist, fragen und menschlich bleiben, war ihm angesichts der Gefährdungen der Zukunft wichtig. 

Der Philosoph aus Freiburg, der in der Weite des Denkens zuhause war und in die große Welt hinein wirkte, der viel Zeit auf seiner Hütte in Todtnauberg im Schwarzwald verbrachte und in seiner Heimatstadt Meßkirch bestattet wurde, wusste, dass in einer Zeit, die zunehmend von Wissenschaft und Technik beeinflusst ist, der Menschen seine Heimat verlieren kann. Mit "Heimat" ist nicht in bestimmter Ort gemeint, sondern eine Haltung, eine menschliche Weise, auf der Erde zu wohnen. Er wusste, dass es die Gefahr gibt, dass dieser Verlust gar nicht mehr wahrgenommen wird und dass gar nicht mehr gedacht wird. Dass Menschen weiterhin Heimat finden und auf der Erde wohnen können, dass sie weiterhin denken, nach dem Sinn von allem, was ist, fragen und menschlich bleiben, war ihm angesichts der Gefährdungen der Zukunft wichtig. Immer fragte er – mit Hölderlin an seiner Seite – nach dem Wachsen des "Rettenden", "wo aber Gefahr ist".

Wenn er selbst zeitweise den Versuchungen politischer Macht erlegen ist, so ist das kein Widerspruch zu diesem Anliegen. Es zeigt im Gegenteil, wie wichtig es ist, weiter zu denken – mit und, wo notwendig, auch gegen Heidegger. Oder noch einmal Bernhard Welte: "Wir sehen nach Heidegger anders auf unsere Geschichte zurück als vorher. Und sehen wir nicht auch anders in die Zukunft?"

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