Hilfen bei der HundearbeitNoch ist die Predigt nicht verloren

Wer predigt, sollte sich dem Anspruch einer Kunstform stellen. Die Besinnung darauf könnte der vielfach beklagten Verflachung entgegenwirken. Aufmerksamkeit verdienen deshalb Schriftsteller, von denen nicht wenige keine Scheu vor eigener Kanzelrede haben. Besonders luzide: ein Beispiel der Büchner-Preisträgerin von 2012, Felicitas Hoppe.

Antonius von Padua. Holzskulptur in der St. Antonius-Kirche, Mannheim-Rheinau
Antonius von Padua, ein Prediger, dem sogar Fische unterschiedlichster Art zuhörten. Holzskulptur in der St. Antonius-Kirche, Mannheim-Rheinau© privat / Hans-Rüdiger Schwab

I.

Welche sprachliche Kunstform mag im Arbeitsprozess die größten Schwierigkeiten mit sich bringen? Dicke Romane etwa? Stücke mit großer Besetzung? Das Versemachen? "Eine Hundearbeit", stöhnte Clemens Brentano, der es wissen musste, darüber: "Es will sich's nur keiner eingestehen, wie er sich dabei abrackert." Subjektiv dürfte allemal jener Text am mühseligsten sein, der dem Autor gerade zur Aufgabe wird. Indes gehen bestimmte Genres vielleicht doch mit ganz speziellen Vertracktheiten einher.

"Die Predigt je nachdem", murmle ich vor mich hin. "Wie bitte?" – "Im Ernst!"

II.

Altehrwürdiger Theorie zufolge zählt das Predigen (als Zweig der Rhetorik samt ihrem Musterkoffer näherhin) tatsächlich zur Literatur, und so sollte es heute noch sein. Als Teil des gottesdienstlichen Gesamtgeschehens, einer öffentlichen Situation, mit dem Ziel, auf Menschen einzuwirken. Hierfür werden bestimmte Gestaltungsmittel herangezogen. Zweckorientiert also – und gleichwohl ästhetisch. Da Reaktionen auszubleiben haben, nicht ohne autoritäres Potenzial (von den Fürbitten darin übrigens noch getoppt, die den Gläubigen zur Akklamation vorgetragen werden).

Etliche Predigten kennt die neuere und neueste Weltliteratur. Melville, Dostojewski, Joyce, Faulkner mögen fürs name-dropping genügen. Erweiterungen der religiösen Gattung unter Vorzeichen von Engagement auch.

III.

Wie müsste eine Predigt beschaffen sein? Hier eröffnet sich die Aussicht auf ein schier unaufhebbares Dilemma. Bei dem Zielpublikum beginnend, zumal wenn es (wie unter den zur Messe Versammelten mehr und mehr die Regel), keineswegs ein homogenes Milieu abbildet. Anlass-spezifische Einbindungen in die Liturgie sind zu berücksichtigen. Zu Hauf sodann das weite Feld der Machart: Gestus, Struktur und Stil.

Wäre – nur beispielsweise – der Präzision wegen, ein schriftlicher Entwurf vorzuziehen oder kommt (inszenierte) Spontaneität besser an? Bleibt der Vortrag ganz dem Wort verhaftet oder bezieht er performative Elemente mit ein (was ansatzweise allein schon durch Mimik, Gestik und Stimmführung geschieht)? Gibt sich ein beteiligtes Ich zu erkennen geben, das die Versammelten direkt anspricht oder sollte eher Allgemeinheit vorherrschen?

Bewusst herzerweckend des weiteren oder das Hirn mobilisierend? Abwägend oder aufrüttelnd? Eingängig bleibend oder Schwieriges auch in der Syntax anbringend? Erzählend phasenweise? Nachdrücklich oder schwungvoll, mit eingestreuten Spitzzüngigkeiten? Und wäre eine abwechslungsreiche Mischung aus solchen wie sonstigen Alternativen realisierbar?

Was den Inhalt betrifft schließlich: auf die Auslegung des biblischen Texts konzentriert, der als Vorlage dient? Oder ihn bloß antippend, um dann aktuelle Wellen zu reiten, agitatorisch im Dienst eines für richtig Gehaltenen? Ach ja noch: Lustvoll ausschweifend dies alles oder auf das Zielführende apodiktischer Kürze vertrauend?

"So viele Fragen." Eine optional aufeinander abzustimmende, fluide Gattung tut sich hier auf, deren Ansprüche leicht zu verfehlen sind.

IV.

Tatsächlich steht das Predigen nicht eben im glänzendsten Ruf. Wiederholt jedenfalls schrillt Kritik an einem als vorherrschend beargwöhnten "Geschwätz" und Gelaber auf, favorisierten Themen inklusive. "Verkommen" sei die Sprache, "lendenlahm" geworden, kraftlos und banal, floskelhaft moraltriefend, existenziell religiöser Eindringlichkeit hingegen ausweichend. Einmal vorausgesetzt, die Schelte sei nicht völlig aus der Luft gegriffen: Was wäre geeignet, Läuterung zu befördern?

V.

Als eine Art Frischekur für den homiletischen Kirchenjargon hoch im Kurs stehen scheinbar Einladungen an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf die Kanzel. Mehr als nur eine Eventisierung des Predigens, um Aufmerksamkeit zu erlangen? In der Fastenzeit geschieht dies besonders gern. Als sollte die Verpflichtung auf politische Tugend aktuell gebotene Umkehr und Buße konkretisieren.

VI.

Das kann man machen, ist aber nicht ohne Risiken. Weniger mit Blick auf die Polarisierung von Gläubigen. Würden Kontroversen diskursiv geführt, vermöchten sie grundsätzlich fruchtbar zu sein. Einen heikleren Aspekt brachte Luisa Neubauer, die "als Christin und als Klimaaktivistin", 2021 im Berliner Dom über Matthäus 6, 25-33 sprach, auf den Punkt: "dann auch noch zu dem Titel 'Von der Sorge', als ob wir Ökos nicht schon genug von unseren Sorgen berichtet hätten". Allseits Bekanntes wird angerichtet. Die Erwartung bestätigt, dass solche Prediger sich nicht auf Horizonte der biblischen Verse jenseits ihrer eigenen Agenda einlassen mögen, für welche sie die Gelegenheit als Bühne nutzen.

Selbst daran muss nichts Tadelnswertes sein, wenn es (wie im gegebenen Falle) selbstreflexiv und durchaus wohlgesetzt geschieht, mag auch das in der Perikope vorgegebene Zentrum beiseite rücken, vom Gottvertrauen ganz auf den Kampf gegen die "Zerstörung" unserer Lebensgrundlagen.

Zwei Jahre später verleiht die Bonner Evangelisch-theologischen Fakultät der Mittzwanzigerin den Ökumenischen Predigtpreis "für ihr Lebenswerk", Reden im Kontext der Klimaschutz-Bewegung eingeschlossen. Hätte "Gottesgelahrtheit" (wie es im Zeitalter der Aufklärung hieß) also einen homiletischen Leitstern geortet?

VII.

Aus Maria Laach wurde für Anfang März diesen Jahres Angela Merkel um eine Kanzelrede unter dem Motto Römer 12,1-2 gebeten. Der Apostel ermahnt dort die Gemeinde, "kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!"

Nach Informationen über das historische Umfeld von Paulus und generellen Bemerkungen zum Christsein wie der Fastenzeit an sich, langt die Predigerin breit bei der geo- und gesellschaftspolitischen Situation an – Aufgaben, "vor denen wir heute stehen und auf die wir Antworten finden müssen" –, mit einer auf das Ende zulaufenden Klimax: "Um diesen Staat zu erhalten, bedarf es auch des Mittuns seiner Bürgerinnen und Bürger. Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als darum, unsere demokratische Ordnung zu verteidigen, weil nur sie uns ein Leben in Freiheit ermöglicht. Ich lese Paulus' Schreiben an die römischen Christen genau in diesem Sinne."

(Der alte Ansorge "krault sich verlegen den Kopf: 'Nu jaja – nu nee nee.'" [Aus Gerhart Hauptmanns sozialem Drama Die Weber. 1892].)

VIII.

Gewichtigere Inspirationen gegen den kriselnden Predigtsprech könnten womöglich jene bieten, deren Metier die wechselseitige Beziehung zwischen Ausdruck, Form und Gehalt verlangt. Neu ist das keineswegs. Seit den späten 1980er Jahren lassen sich Autorinnen und Autoren in bemerkenswerter Zahl und Regelmäßigkeit auf das Genre ein. Unterschiedliche Vorgehensweisen treten hier zutage, natürlich. Ihr gemeinsamer Nenner: Sinn für Niveau.

IX.

"ICH KOMME". Als Leitmotiv durchzieht diese Aussage eine "Kanzelrede" vom 23. August 2020 im Grossmünster Zürich. Ohne Ansehen der Person lautet der Titel. Die Verfasserin, Felicitas Hoppe, zählt zu den belangvollsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Wer kündigt da sein Kommen an? Eingangs das erinnerte Kind, bevor es im Versteckspiel die Hände von den Augen nimmt. Dann Paulus, nach dem Damaskus-Erlebnis auf der Suche nach "einer Gemeinde, der er seine Frohe Botschaft verkünden wollte". Dann jeder von uns, um sein Ansehen offensiv zu behaupten. Abschließend der Höchste selbst, "wenn die Liebe endlich von zehn bis zehn gezählt hat" (die Wartezeit des frühen Spiels), um so "von Angesicht zu Angesicht laut zu rufen". Durchgehend mit Bezug auf den Vers Galater 2, 6: "Gott sieht nicht auf die Person".

Eindimensional geht es bei dieser Predigerin offensichtlich nicht zu. Vielmehr entfaltet sie ihren Vortrag so, dass sich der Horizont des Themas, bei dem sie bleibt, Schritt für Schritt anreichert. Unangestrengt erhellen neue Perspektiven darauf es wechselseitig.

Vom Verborgensein führt der Weg über das menschliche Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, zum Begriff der Person als Befindlichkeit hinter einer Maske, und von da aus in Assoziationsräume semantischer Polyvalenzen hinein. Die Sensibilisierung zugleich, dass An-Sehen stets auch Einordnen und Bewerten bedeutet.

X.

So vorbereitet, erfolgt der Übergang zu Paulus. Wie verschafft(e) er selbst sich Ansehen? Und wäre dies tragfähig genug, dass wir ihm die Kühnheit seiner Behauptung abzunehmen bereit sind? Nachgeschoben gleich eine weitere offene Frage, naheliegend und doch überraschend: Wenn Gott nicht auf das Ansehen der Person achtet, worauf dann?

Das "Schwerverdauliche" der Briefstelle, es wirkt jeder Beruhigung entgegen, Gott nehme uns so an, wie wir sind. Ein theologischer Gassenhauer kommt auf den Prüfstand. Wer sind wir denn eigentlich?

Nun wird die Brücke von der Theorie zur Praxis geschlagen: Könnte es sein, dass bei eigenem An-Sehen anderer die Gerechtigkeit zu kurz kommt? (Eine der dringlichsten Tugenden überhaupt, mag man rechtens hinzufügen, mit Bremswirkung vor der [gegenwartschristlich nicht zuletzt!] so beliebten Feindbildkleckserei.) Was wir von Gott erwarten, gibt Felicitas Hoppe zu bedenken, sollten wir mit Blick auf andere selbst leisten: auch wenn sie total von dem verschieden sind, wofür wir uns selbst halten. À propos: Richter schwören, ohne Ansehen der Person zu urteilen. Justitia ist blind, wie das Kind zeitweise am Eingang der Predigt. (Und Gott, der Gerechte, beim Jüngsten Gericht – wenn es dies gäbe?) 

Nächste Kehre: In einem imaginierten Brief an Paulus über ihren gegenwärtigen Vortrag bezichtigt die Rednerin sich selbst als defizitär, da sie "das Wichtigste, wie immer, vergessen" habe. Als letzte Erweiterung schließt das kern-christliche Hoffnungsbild einer "großen Verwandlung" an. Gott, der uns bisher Verborgene, in endzeitlicher Tischgemeinschaft unter den fehlerhaften Menschen: da er unseren "so kleinen wie ungesättigten Rest" ansehe, eine Sehnsucht, die immer "von vorn danach verlangt, endlich gefunden, gesehen und gefüttert zu werden".

XI.

Die intelligente Spannungskurve dieser (in der Buchveröffentlichung knappe fünf Seiten umfassenden) Predigt treibt eine Komplexität hervor, bei welcher Anschaulichkeit und Reflexion sich durchdringen. Rückbezüge und Spiegelungen im Detail sind der Aufmerksamkeit förderlich. Wie entlastend wirkt manche Ironie. Diese Predigerin beherrscht das Prinzip Mehr-Sprachigkeit.

Ganz wichtig nicht zuletzt: Ihre Kanzelrede ist von Respekt den Adressaten gegenüber grundiert. Statt mit der Pose eigenen Durchblicks einzuhämmern, was sie zu meinen und wie zu handeln hätten, werden ihnen, die kreisenden Anregungen betreffend, eigene Unter- und Entscheidungen zutraut. Zuhörer als nach-bohrende Vollender des Vorgetragenen: das ist Teil des Konzepts. Predigen ein (wenn man so will) auf Inter-Aktivität angelegter Vollzug.

XII.

Ja, von Schriftstellern auf der Kanzel ließe sich für jene Hundearbeit lernen, die (auch) das Predigen ist. Selbst dort, wo (bei Lukas Bärfuss etwa) ihre Vorträge mit Aufrufen enden, geschieht dies in Sprache und intellektueller Durchdringung meist auf besondere Weise. Wie plural die Gewandung sich jeweils darbieten mag, bleibt jenem Fluchtpunkt gegenüber, in dem Ethos, Logos und Ästhetik der Predigt sich treffen, ohnehin nachrangig: der Sorgfalt und Disziplin im Umgang mit der Vorgabe wie erst recht den Möglichkeiten des eigenen Texts.

Ist das gewährleistet, allsonntäglicher Verrichtung ungeachtet, dann wäre schon viel gewonnen.

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