I.
Ich war erstaunt, wie klein er war. Erstmals erlebte ich ihn 1985 als Jugendlicher bei einem Klavierabend in Nimwegen, als ich nach dem Konzert um ein Autogramm bat. Er musste zu mir hinaufschauen, dabei war doch ich es, der ihn bewunderte. Verrückte Verkehrung! Dann sah ich ihn 1999 völlig unerwartet in einem Supermarkt in Luzern. Er stand vor mir an der Kasse. Ich konnte es kaum glauben, der große Pianist und Dirigent kaufte Käse, Brot und Milch. Er erkannte, dass ich ihn erkannt hatte, lächelte mir freundlich zu und verschwand. Später erfuhr ich, dass er seinen Wohnsitz – wie Sergej Rachmaninow – am Vierwaldstättersee gewählt hatte.
II.
In der "Vereeniging" in Nimwegen habe ich Ashkenazy als 17-Jähriger live gehört. Beethoven, Chopin und Schumann standen auf dem Programm. Vor dem Konzert war der Andrang so groß, dass die Veranstalter kurzfristig Stühle auf die Bühne stellen ließen. Ich zögerte nicht lange, sprang auf die Bühne und ergatterte einen Platz direkt vor dem Steinway. Mit den ersten Klängen zog mich Ashkenazy in seinen Bann. Der markante Einsatz der 2. Sonate von Chopin, die kraftvollen Akkorde, die ausdrucksvolle Linienführung der Melodie. Als sei das Schwierigste das Allerleichteste, bewältigte er auch die technisch anspruchsvollsten Partien in den Symphonischen Etüden von Schumann – dazu die Sammlung, die mimischen Bewegungen, das Mitgehen der unteren Mundpartie, der Atem. Hier spielte ein Mensch, der mit jeder Faser seiner Existenz Musik war. Unter der Formung seiner Hände wurde aus dem stummen Material der Noten die Evokation einer Präsenz, die körperliche Resonanzen erzeugte und mich mitriss.
III.
Beinahe wäre er nicht geboren worden. Sein 21-jähriger Vater war dagegen. Erst die entschiedene Intervention des Arztes gegen eine Abtreibung konnte ihn umstimmen. So wurde Vladimir Ashkenazy 1937 in Gorky als Sohn eines jüdisch-orthodoxen Musikers und einer Schauspielerin geboren. 1941 musste die Familie aufgrund der Umsiedlungspolitik Stalins die Heimat verlassen, der Start in Moskau war ärmlich, eine Wohnung für drei Familien! Aber schon mit sechs Jahren erhielt Ashkenazy Klavierunterricht. Machte Fortschritte, studierte am Moskauer Konservatorium. 1955 errang er beim internationalen Chopin-Wettbewerb den zweiten Preis, ein Jahr später beim Brüsseler "Concours Reine Elisabeth" den ersten. Nachdem 1958 der legendäre Amerikaner Harvey van Cliburn den ersten Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewonnen hatte, suchten die Sowjets nach einem jungen Virtuosen, der dem "Kennedy des Klaviers" Paroli bieten und den Preis für Russland zurückerobern würde. Die Wahl fiel auf Ashkenazy. Sein Einwand, dass seine Hände "zu klein", seine Finger "zu kurz" seien, um das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky zu spielen, wurde nicht akzeptiert. Ob er seine Karriere gefährden wolle? Also übte er, spielte und gewann – zusammen mit dem britischen Pianisten John Ogdon.
IV.
Die Apparatschiks in Moskau waren zufrieden und gaben Ashkenazy eine eigene Wohnung. Er erhielt die Lizenz, im Westen Konzerte zu geben – und stopfte seinen Koffer jeweils mit Platten und Partituren voll, die es in der Sowjetunion nicht gab. Doch der KGB setzte dem Pianisten zu, er solle als Informant tätig werden. Er lieferte nicht und machte sich verdächtig, auch weil er eine "kapitalistisch" infiltrierte Mitstudentin aus Island geheiratet hatte. Nach einer Konzertreise in den Westen kam Ashkenazy nicht mehr zurück. In London schlug er seine Zelte auf und veranstaltete Konzerte mit Daniel Barenboim. Unvergesslich, wie die beiden jungen Draufgänger Strawinskys Sacre du printemps an zwei Flügeln spielen – eine Szene, die der BBC filmisch festgehalten hat. Auch die Kooperation mit dem Geiger Itzhak Perlman trägt viel beachtete Früchte. Das Label Decca bietet dem jungen Russen einen Exklusiv-Vertrag an und trägt so zu seinem internationalen Durchbruch bei. Durch Einspielungen von Rachmaninow, Prokofjew, Skrijabin, aber auch Debussy, Chopin, Beethoven und Bach macht er sich einen Namen.
V.
Verrückt die Story, wie Ashkenazy zum Dirigieren kam. In einem Essay für die ZEIT schreibt er 2006:
"Anfang der siebziger Jahre besuchte uns Daniel Barenboim in Island. Ich hatte ihn gebeten, zwei Klavierkonzerte zu dirigieren, eins mit mir und ein zweites mit Pinchas Zukerman. Als Zukerman absagen musste, sagte Daniel spontan: Ich übernehme den Klavierpart, und du dirigierst! Weil ich das Konzert in- und auswendig kannte, schlug ich ein."
Dieser verwegene Rollentausch bildete den Auftakt einer Dirigentenkarriere, die Ashkenazy ans Pult bedeutender europäischer Symphonie-Orchester führte.
VI.
Am 6. Juli 1971 erscheint ein Aufruf in der englischen Zeitung The Times. Schriftsteller, Künstler und Musiker forderten in einem Appeal to preserve Mass sent to Vatican den Papst dazu auf, das Verbot der alten Messe zurückzunehmen:
"Wenn ein unsinniges Dekret die vollständige oder teilweise Zerstörung von Basiliken oder Kathedralen anordnen würde, dann wären es natürlich die Gebildeten – welchen persönlichen Glauben auch immer sie hätten –, die sich mit Schrecken erheben würden, um sich einer solchen Möglichkeit zu widersetzen. Nun ist es so, dass Basiliken und Kathedralen gebaut wurden, um einen Ritus zu feiern, der bis vor wenigen Monaten eine lebendige Tradition darstellte. Wir beziehen uns auf die römisch-katholische Messe. […] Der fragliche Ritus hat mit seinem prächtigen lateinischen Text auch eine Vielzahl von unschätzbaren Leistungen in der Kunst inspiriert – nicht nur Werke der Mystik, sondern auch Werke von Dichtern, Philosophen, Musikern, Architekten, Malern und Bildhauern in allen Ländern und Zeiten. Somit gehört er zur universalen Kultur […]. Es erscheint besonders unmenschlich, die Menschheit um Wortformen in einer ihrer großartigsten Erscheinungsformen zu berauben."
Diesen Aufruf unterzeichneten nicht nur Agatha Christie, Graham Greene und Iris Murdoch, sondern auch der Geiger Yehudi Menuhin und der Pianist Vladimir Ashkenazy. Papst Paul VI. blieb nicht unbeeindruckt. Bereits am 5. November 1971 erließ er ein Indult, das die Feier der alten Messe (in der Form von 1965) für England und Wales wieder zugestand. Das Dokument ist als "Agatha-Christie-Indult" in die Geschichte eingegangen.
VII.
Unvergesslich, wie Ashkenazy die Études tableaux von Rachmaninow spielt. Bei der fünften Etüde nimmt er kurz vor Erreichen des konvulsivischen Höhepunkts die Dynamik ganz plötzlich zurück, als gebe es mehr als das Maximum, und beim Hören Erfahrungen hervorruft, als habe einen flüchtig der Flügelschlag der Transzendenz gestreift.
VIII.
Einfühlsam auch die Bemerkung über die Corelli-Variationen von Rachmaninow. 16 Jahre hatte der russische Komponist, der selbst zu bedeutendsten Pianisten seiner Zeit zählte, nichts mehr für Klavier geschrieben, dann brachte er 1931 diesen Variationszyklus zu Papier, ein Stück voller Melancholie, das auf eine Legende zurückgeht, die von einem Hirten erzählt, der verliebt war, aber keine Gegenliege fand und sich aus Traurigkeit und Verzweiflung von einem Felsen stürzte. Ashkenazy erzählt, Rachmaninow sei von dieser Legende tief ergriffen gewesen, sie habe ihn schmerzlich daran erinnert, dass er von seinen russischen Wurzeln abgeschnitten sei. Die Heimatlosigkeit des Exilanten, die metaphysische Obdachlosigkeit des russisch-orthodoxen Komponisten im Westen sei in diese Musik eingegangen. Aber eine lyrische Passage in den Corelli-Variationen sei wie eine Insel der Wärme in einem Meer von kalter Dunkelheit. Wer Ohren hat, der höre.