I.
Am Morgen des dritten Tages wache ich schweißgebadet auf. Ich habe geträumt, dass mir Bischof Bätzing das Du angeboten hat.
II.
Der Katholikentag ist das Hochamt der diffusen Transformationsrhetorik. Die heutige Pressekonferenz widmet sich dem Thema: "Katholikentag macht Zukunft. Gemeinsam 'out of the box'". ZdK-Sprecherin Britta Baas erklärt: "Wir sind ein Projekt in Transformation". Die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer ist auch da und sagt, Katholikentage seien für sie "Erinnerung an das, was geht". Ich blättere durch das Programm und finde Überschriften wie: "Gemeinsam Zukunft gestalten", "Es muss sich was ändern", "Wir müssen reden", "Auf zu neuen Ufern", "Fit for Future – Methoden für den Wandel". Panta rhei.
III.
Lisa Quarch ist die Geistliche Leiterin des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Sie mache sich Gedanken, wie man "junge Menschen aktivieren kann", erzählt sie bei der Pressekonferenz. Es gebe "Themen aus der Popkultur, die junge Katholik*innen beschäftigen" würden. Warum seinen Ikkimel und Nina Chuba nicht hier? "Die haben beide Songs im letzten Jahr herausgebracht, wo christliche Motive drin waren", so Quarch. Na klar. Ikkimels vulgärer Sex- und Drogenrap gilt aus irgendwelchen Gründen als feministisch. Nina Chubas Pop ist etwas gefälliger. Hier können Sie sich ihren Song "Fahr zur Hölle" anhören. Der Vorschlag der BDKJ-Vertreterin reicht jedenfalls für eine DPA-Meldung. Dass Quarch ausgerechnet die beiden Sängerinnen nennt, dürfte damit zu tun haben, dass Ikkimel und Nina Chuba in der Vergangenheit von christlichen Influencern kritisiert wurden. Und diese wiederum gelten in betont progressiven Kreisen als fundamentalistisch.
IV.
Was die Jugendlichen, die beim charismatischen Event "The Tabernacle" waren, wohl von Ikkimel und Nina Chuba halten? Dort erklingt Praise and Worship-Musik, die sich stilistisch an zeitgenössischer Pop-Rock-Musik orientiert: Charakteristisch sind einfache Akkordfolgen, eingängige Melodien, emotionale Dynamik und viele Wiederholungen. Man singt über Hingabe, Gnade und Erlösung, über Hoffnung und Vertrauen. Die persönliche Jesus-Beziehung spielt eine wichtige Rolle.
V.
Praise and Worship-Musik steht, anders als andere populäre Genres, innerkirchlich oft in der Kritik. Auf katholisch.de äußert sich ein Professor für Kirchenmusik abschätzig über den Stil: Die Lieder seien musikalisch wenig komplex und ließen inhaltlich viel zu wünschen übrig.
VI.
Parallel zur "Tabernacle"-Veranstaltung findet im Würzburger Dom ein Abendgebet mit Taizé-Gesängen statt. Auch diese Musik zeichnet sich übrigens durch Wiederholungen, Eingängigkeit und einfache Harmonik aus. Ein Kollege erzählt später mir von der ergreifenden Stimmung, die an dem Abend in dem überfüllten Dom geherrscht habe.
VII.
Bei der Pressekonferenz fragt Louis Berger von "Kirche + Leben", warum es auf der "Kirchenmeile" einen Stand der Jugendorganisation der Piusbruderschaft gibt. Um die Präsenz dieser Gruppe hat es bislang keine Diskussionen gegeben; anders verhält es sich mit dem Stand der Gruppe "BDSM und Christsein", der in den letzten Tagen für Aufregung in den sozialen Medien gesorgt hat. Ich radle noch mal zur Kirchenmeile und besuche beide Stände. Am Stand der "Katholischen Jugendbewegung" werden Rosenkränze gebastelt. Außerdem kann man an einem Glücksrad drehen und Kugelschreiber gewinnen. Am BDSM-Stand erklären mir zwei freundliche Herren, dass sie auch beim Katholikentag in Erfurt dabei gewesen seien; damals sei es bloß niemandem aufgefallen.
VIII.
Ich nehme an einer Diskussion zum Thema "Antifeminismus" teil. In dem Gespräch geht es um Gewalt gegen Frauen, physisch, aber auch digitalen Raum. Ein bedrückendes Thema. Die SPD-Europaabgeordnete Katarina Barley berichtet über den Hass, der sich im Netz über Politikerinnen ergießt. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sagt, die Arbeit der Einrichtungen für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, würde in seinem Bistum nicht weniger. Zu Beginn hält Lisi Maier einen Kurzvortrag. Sie ist Direktorin der 2021 gegründeten "Bundesstiftung Gleichstellung". Von 2012 bis 2021 war sie Vorsitzende des BDKJ. In ihrem Impuls präsentiert Maier unter anderem einen "Narrativ-Cluster": Stichworte wie "politische Korrektheit", "Sprachpolizei", "Väterrechte" oder "Indoktrination von Kindern" – all das seien Einfallstore zu Ideologien der extremen Rechten, sagt Maier. Das irritiert mich. Sind Menschen, die die Besserstellung von Vätern im Unterhalts- und Sorgerecht befürworten oder bestimmte neuere Sprachkonventionen ablehnen, damit im Grunde schon auf dem Weg in den Rechtsextremismus?
Ich muss daran denken, was ich vor ein paar Tagen hier geschrieben habe:
"In der öffentlichen Debatte gibt es eine Tendenz, bei politischen Positionen, die nicht 'links' sind, nicht mehr zu differenzieren. Ob konservativ, rechtspopulistisch oder rechtsextrem, alles ist am Ende einfach 'rechts' – und gilt damit tendenziell als illegitim."
IX.
Die Veranstaltung des Katholikentags sind gut besucht. Leere Säle wie 2022 in Stuttgart gibt es nicht. Mehr als einmal stehe ich vor dem Schild "Halle überfüllt". Das gilt nicht nur für die Diskussionsveranstaltungen, sondern auch für die spirituellen und kulturellen Angebote. Auch beim "Nightfever"-Gebetsabend in der Karmelitenkirche auf der Sanderstraße, der Würzburger Kneipenmeile, platzt die Kirche aus allen Nähten.
X.
Ich habe nicht von Bätzing geträumt. In Wirklichkeit war es so, dass ein Freund, der überhaupt nicht beim Katholikentag ist, den Traum hatte und mir davon berichtet hat.